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Auf der Suche nach einer sicheren Heimat

Nigeria – Alleine auf der Flucht vor dem Terror, ohne nichts und niemanden. Eine gefährliche Reise, mit dem Ziel, eine bessere Zukunft zu erlangen.
Der 17-jährige aus Nigeria stammende Asamoah (Name von der Redaktion geändert), der aufgrund von Unruhen im Februar 2013 aus seinem Heimatland flüchtete, wünscht sich Sicherheit sowie Frieden und ist nach Deutschland geflohen, „weil ich eine bessere Zukunft will“.

Wir treffen Asamoah für ein Interview in der Stadtteilschule Neustadt, an der er zurzeit die 10 Klasse besucht. Trotz seiner Vergangenheit wirkt er fröhlich und aufgeschlossen. Die Strapazen der Flucht sind im nicht mehr anzusehen, er trägt eine rote Strickjacke und eine helle Jeans.

„Mein Volk wurde angegriffen“

Im Februar 2013 begann Asamoahs Flucht, mit dem Ziel „Freiheit, Sicherheit und eine bessere Zukunft“. Durch die anhaltende Krise 2013 in Nigeria waren allein in diesem Jahr rund 6000 Menschen dazu gezwungen, sich in Sicherheit zu bringen, darunter auch Asamoah. Vermutlich liegt die Gesamtzahl der bis heute geflohenen Menschen aber deutlich höher. Die seit 1999 in Nigeria ihr Unwesen treibende Terrormiliz Boko Haram vertreibt seit Jahren Andersgläubige und Menschen, die nicht nach ihrer Ideologie leben. Dank Schlepper-Organisationen gelang es Asamoah zu fliehen. Bis zu 20.000 Euro zahlen Flüchtlinge an ihre Schlepper. Diese Kriminellen arbeiten mit durchdachten Systemen und sind daher für die Fahnder kaum zu fassen. Asamoahs Ticket wurde durch seine Eltern finanziert, die dafür ihre letzten Ersparnisse anzapften. Sie beide waren Ärzte, doch verloren sie wegen der Korruption im Land ihre guten Arbeitsplätze. Glückerlicherweise reagierten sie jedoch schnell genug und schickten Asamoah samt Ticket in eine ungewisse Zukunft.

,,Ich bin mit dem Schiff nach Italien geflohen“, erzählt er uns traurig. Seine Familie, Freunde und guten Lebensverhältnisse muss er zurücklassen. Flüchtlinge wie Asamoah riskieren alles, um in Sicherheit leben zu können. Deshalb geben sie den Schleppern oft alles, was sie haben, um wenigstens die Chance zu haben, die Flucht anzutreten. Dabei stoßen sie häufig an ihre Grenzen. Nicht immer ist die Flucht erfolgreich. Viele Versuche enden leider oft in Unfällen oder sogar Todesfällen. Doch Asamoah überlebt die erste Etappe seiner Flucht.

„Ich bin in Italien in einen Zug gestiegen, ohne das Ziel zu kennen“

Angekommen in Italien. Für Asamoah zu diesem Zeitpunkt ein riesen Erfolg. Er war sehr stolz darauf, aber Italien sollte noch nicht das Ende seiner Reise sein. Nach der Ankunft in Italien, wurden Asamoah und die anderen Flüchtlinge auf unterschiedliche Züge aufgeteilt. Der Nigerianer berichtet uns, dass man auch ihn willkürlich einem Zug zuteilte. Das Ziel des Zuges kannte er in diesem Augenblick jedoch noch nicht. Dennoch war er froh, fürs Erste in Sicherheit zu sein. Nach einer langen Zugfahrt endete seine Flucht schließlich in Hamburg. Hier sollte ein neuer Lebensabschnitt für Asamoah beginnen.
Wenn der junge Erwachsene heute zurückblickt, ist er immer noch sehr stolz darauf, diesen riskanten Schritt gewagt zu haben.

„Ich wurde in eine Wohngruppe zugewiesen, In der ich mich schnell einleben konnte“

Seit nun 3 Jahren lebt der gebürtige Nigerianer in Hamburg, in einer Wohngruppe, die vom Staat finanziert wird. Dort hat er viele Freunde, die ihm das Leben in Hamburg um einiges leichter machen und ihm helfen, wo sie nur können. Wohngruppen bestehen aus freiwilligen Betreuern, die mit den Kindern bzw. Jugendlichen, deren Eltern nicht mehr in der Lage sind, für ihre Kinder zu sorgen, zusammen wohnen. Asamoah ist froh darüber und schätzt es sehr, in einer Wohngruppe wohnen zu dürfen, denn wenn er heute sieht, wie viele Flüchtlinge meist in beengten Unterkünften in schlechten Verhältnissen untergebracht werden, ist er sehr traurig, weil es auch ihn hätte treffen können. In der Wohngruppe, in der er lebt, hat er nach und nach die deutsche Sprache gelernt und sich langsam in die Wohngruppe integrieren können. Heute spricht er sehr gut Deutsch, was ihm die alltägliche Kommunikation erleichtert. Doch nicht nur seine Wohngruppe hat ihm geholfen, die deutsche Sprache zu lernen und sich in Hamburg einzuleben, auch der Fußball leistete einen großen Beitrag.

„Mit dem Kontakt mit meinen Mitspielern, konnte ich schneller Deutsch lernen“

Durch gemeinsames Sporttreiben von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund soll die gegenseitige Toleranz sowie die gesellschaftliche Integration der Zugewanderten gefördert werden. Deshalb gibt es auch viele Sportvereine, die dies unterstützen und befürworten. Denn diese Chance haben die meisten Menschen, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, nie gehabt.
In Nigeria trieb Asamoah sehr viel Sport, nun spielt er zurzeit Fußball beim SV Lurup – Hamburg von 1923. Dort ist er Stürmer und aufgrund seiner guten fußballerischen Fähigkeiten sehr beliebt. Seine Teamkollegen halfen ihm, ein vollwertiges Mitglied der Mannschaft zu werden. Asamoah erzählt uns, dass er es anfangs nicht so leicht hatte, da er dachte, dass alle viel besser seien als er. Ihm fiel auf, dass dies nicht der Fall war und er etablierte sich schnell als wichtiger Stammspieler im Sturm. Fußballprofi möchte der gebürtige Nigerianer aber nicht werden, weil er glaubt, dass seine derzeitigen fußballerischen Fähigkeiten dazu nicht reichen würden. Trotzdem hat er großen Spaß daran, beim SV Lurup mit seinen Mitspielern zu spielen.
Die Erste Fußballliga Nigerias hat fußballerisch denselben Stellenwert wie die Regionalliga bzw. 5 Liga Deutschlands. Anders als in Deutschland wird die Jugendabteilung des nigerianischen Fußballs nicht so stark gefördert, so dass die nigerianischen Fußballstars, wie John Obi Mikel oder Emanuel Emenike, deren Talente bereits in jungen Jahren entdeckt wurden, nach Europa auswanderten, um bessere Chancen auf eine gelungene Fußballkarriere zu haben.

„In Deutschland kann jeder Fußball im Verein spielen, auch wenn er nicht gut ist“

Asamoah ist begeistert darüber, dass jeder in Deutschland in einen Fußballverein gehen kann, auch wenn er nicht so gut kicken kann. In Nigeria aber ist es leider nicht der Fall, schildert uns der junge Mann. Dort „können nur diejenigen im Fußballverein spielen, die gut genug sind“. Der Rest spielt auf der Straße.

„Ich durfte Jay Jay Okochas Schuhe putzen“

Asamoah ist seit Jahren ein großer Fan vom englischen Rekordmeister Manchester United. Sein Lieblingsspieler ist Jay Jay Okocha, der in seiner aktiven Zeit als Fußballprofi genauso wie Asamoah im Sturm spielte. Asamoah berichtet uns erfreut, dass er vor ein paar Jahren die große Ehre hatte, die Fußballschuhe von einem der bekanntesten und populärsten Fußballer Afrikas Jay Jay Okocha geputzt haben zu dürfen. Es war ein seltener Besuch Okochas in Nigeria, da er sein Geld in England verdiente und es dort keine Winterpause gab, sondern die ganze Saison durchgespielt wurde. Okocha besuchte mit der nigerianischen Nationalmannschaft Nigeria. Asamoah erzählt uns, dass er ganz zufällig beim Vorbeigehen eine Fußballmannschaft gesehen hatte und sofort hin eilte. Er konnte nicht glauben, wer plötzlich vor ihm stand. Es war sein Vorbild und Idol Jay Jay Okocha. Daraufhin hatte Asamoah dem Fußballstar als Gag angeboten, dessen Schuhe zu säubern, was Okocha lächelnd annahm, da seine Pumas zu diesem Zeitpunkt nicht die saubersten waren. Asamoah fühlte sich geehrt und bekam anschließend sogar noch etwas Kleingeld von seinem Idol geschenkt. Damit kaufte sich der 17-Jährige sofort eine kleine Menge Süßigkeiten.
Obwohl er sich in Deutschland sicher fühlt und sich insbesondere mithilfe des Fußballs gut integriert hat, sehnt er sich gelegentlich nach seiner Heimat Nigeria.

„Ich habe meine Heimat leider verlassen müssen“

Auf die Frage, was Heimat für Asamoah bedeutet, antwortet er uns bedrückt, dass er seine Heimat verlassen musste. Leider hat er seit seiner Flucht aus Nigeria nichts mehr von seinen Eltern oder Freunden gehört oder Kontakt aufnehmen können, was ihn überaus traurig macht. In Nigeria hatte er einen besten Freund, den er bis heute sehr vermisst. Für Asamoah bedeutet Heimat der Ort, an dem er aufgewachsen ist und seine ersten Erfahrungen, wie beispielsweise die ersten Schritte gehen oder das erste Wort sprechen, sammelte. Deshalb sieht er Nigeria ganz klar als seine Heimat. Deutschland ist bzw. war die Rettung in Not. Dennoch fühlt er sich hier sehr geborgen und würde Deutschland sogar aufgrund dessen auch als ein Stück Heimat bezeichnen.
Es ist zu erkennen, dass Menschen, die aus ihren Heimatländern fliehen müssen, oft einen sehr steinigen Weg vor sich haben. Sei es nun die Flucht an sich oder gar das Integrieren und Finden einer sicheren Heimat. Aber man muss zuversichtlich sein und daran glauben, dass man alles im Leben erreichen kann, wenn man es möchte und möglicherweise alles, letztlich sogar sein Leben, dafür aufs Spiel setzt. Ein gutes Beispiel hierfür: Asamoah (17) aus Nigeria.

Eine Reportage von: Emran, Ilyas, Nabil und Omar