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Auf ewig vereint

Von Michelle Weber

Auf ewig vereint

Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Das, was damals als schlimm empfunden
wurde, ist heute Gang und Gebe. Leid, Macht, Hunger, Hass und Schmerz regieren jetzt die
gesamte Welt. Ein Wunder, dass dieser Plantet noch steht.
Sagen wir mal so, damals hat man Tiere in Massen produziert und heute gibt es kein reines
Fleisch mehr. Es sind überzüchtete, kranke Tiere. Wenn man nur ein bissen von dem
unerträglichen zähen Fleisch nimmt, hat man sehr schwere Beschwerden, Übelkeit und so
weiter. Doch keiner würde freiwillig so ein Fleisch essen. Tiere werden nur noch für Fell und
Leder verwendet, immer noch von den selben Nutztieren. Andere Tierarten sind längst
ausgerottet oder vom Aussterben bedroht. Denn es gibt keinen Platz mehr für sie, kaum mehr
Wälder oder reine Flüsse. Alles wird künstlich hergestellt. Wir ernähren uns von bunten,
saftigen Pflanzen, die im Labor hergestellt und gezüchtet werden. Die Straßen sind übersät
mit Hochhäusern, kaum Parkplätze zu finden.
Industrien, Firmen, Labore, Chemie, Internet, Technologie – es ist alles nicht echt.
Und nur allein wir, die Menschen, sind Schuld. Die Welt ist grau. Die Luft ist unrein.
Trotzdem überleben wir das. Vielleicht liegt es an dem Essen, doch die Bevölkerung ist größer
denn je, Menschen über Menschen. Man traut sich kaum mehr raus.
Auf dem neuem Schwarzmarkt wird mit lebensechten Dingen gehandelt. Dingen, die es heute
so kaum mehr gibt – Pflanzensamen, Baumwollkleidung, Tierfell für die kalten Tage. Denn der
Himmel ist nur eine Smogwolke, so dass die Sonne kaum durchdringt.
Dadurch, dass es so viele Menschen gibt, gibt es auch mehr Konflikte, mehr Hass und mehr
Kriege. Wovon wir mehr als genug haben sind Waffen, Bomben und Panzer.
Es kracht oftmals am Tag. Wir beten jeden Tag, nicht um unsere Existenz, nein. Dass die Welt
wieder einmal so sein kann wie damals, die Schönheit der Natur. Also wie genau das ist, weiß
ich auch nicht ganz. Ich wurde in dieses Leben hinein geboren und komme so schnell nicht
hier heraus. Doch bin ich nicht das einzige Kind, das dieses Leid ertragen muss.
Ich heiße Kira, ich bin 17 Jahre alt und gehe auf die Schule Markuswalz.de. Ich muss jeden
Tag um 7 Uhr einschalten. Dort wird mir alles Nötige für die Zukunft gelehrt. Meine Fächer
sind IT, Mathe, Chemie, Physik, Politik/Wirtschaft, Deutsch & Geschichte. Heute ging es
hauptsächlich um die Gons. Dies ist eine Gruppe, die für die Zerstörung der Industrien und
gegen die Produktionen von Falschfleisch und Pflanzen ist. Sie demonstrieren nicht, nein, sie
handeln. Sie versuchen sich gegen das System zu richten und versuchen in
Hochsicherheitsgebäuden einzudringen, um einflussreiche Menschen zu vernichten. Mir wird
gelehrt, nichts mit diesen Menschen zu tun zu haben. Sie versuchen alles zu vernichten, was
wir mühselig aufgebaut haben. Es ist zwar nicht so schön, das alles künstlich hergestellt wird,
doch es ist eine schnelle und effektive Weise, so viele Menschen durchzufüttern. Gäbe es die
TP Mächte nicht, die Macht die unser gesamtes System steuert und die Gons würden
stattdessen regieren, müssten wir Hunger leiden.
Meine Eltern haben ihre eigene Firma. Sie sind spezialisiert für den Bau von weiteren Tunneln
und Durchgängen unter der Erde. Wir müssen jeden Platz der Erde ausnutzen, um Platz für uns
zu schaffen.
Jeden Morgen nehmen sie die Bahn, die vor unserem Ausgang anhält. Unser Haustürausgang
ist auch unter der Erde. Es klingelt, wenn die Bahn vor der Tür ist. Doch sie kommt eigentlich
immer pünktlich. Damit fahren sie zum Büro. Sie halten es für Quatsch mit dem Auto zu
fahren, weil man immer Stunden lang einen Parkplatz sucht. Wenn man aber zur Garage
möchte, muss man die Leiter hoch steigen und die Luke für den Ausgang öffnen. Neben der
Luke ist ein Bildschirm, der in einem Radar von rund 200 Metern das Umfeld zeigt. Da wir
relativ wohlständig sind, haben wir eine Bunkerwohnung unter der Erde. Sonst müsste man in
kleinen Zimmern in Bunkerhochhäusern wohnen, die laut Internetwerbung sehr technisch sind
– eigentlich gar nicht so schlimm. Alles, was man braucht nur sehr kompakt verpackt, etwas
für die Mittelschicht und auch nicht gerade das Günstigste. Für die Ärmeren stehen einfache
Lagerräume zur Verfügung mit Matratzen und Gemeinschaftstoiletten. Dort leben oft mehrere
Menschen zusammen, damit sie die Miete Zahlen können. Es gibt noch alte Wohnungen und
Häuser ohne Schutz. Dort leben auch Menschen. Sie fliehen aber immer von Haus zu Haus,
denn ständig wird umgebaut und alte Gebäude werden abgerissen. Nicht lange und ein neues
hochmodernes Haus steht. Also, wer in dieser Welt nicht arbeitet oder für sein Überleben
kämpft, der stirbt, denn es herrscht Krieg. Es gibt nicht mehr so viele handwerkliche Berufe.
Vieles wurde durch Maschinen ersetzt. Zuhause haben wir eine Nanny. Sie passt auf mich und
meine Geschwister auf. Dass wir auch fleißig online zur Schule kommen, dass wir Spaß in
unserer Freizeit haben und sie bestellt uns Essen. Sie heißt Susan, sie ist eine virtuelle
Hausfrau. Fast alle von meinen älteren Geschwistern leben schon in ihren eigenen Wohnungen
und haben auch schon ihre Kinder. Wir sehen uns oft über’s Internet und versammeln uns alle
einmal im Jahr zu Weihnachten bei meinen Großeltern. Es ist schön, sie in echt zu sehen und
die Freude ist immer umso größer, wenn wir uns treffen. Ich bin froh, dass ich alles zu Hause
habe. Wisst ihr wie anstrengend es ist, sich für die Außenwelt vorzubereiten? Man muss ein
ganz „Körperkondom“ überziehen und eine Atemmaske. Das sieht echt bescheuert aus, aber es
schützt immerhin – sogar vor Kugeln. Und ja, draußen ist alles sehr hässlich und düster. Doch
Gott sei dank haben wir das Internet, somit bin ich auch immer mit Freunden verbunden. Ich
kann mich sogar als Hologramm zu jemanden beamen. Das sieht 1 zu 1 echt aus. Auf Dauer
ist das hier schon öde, immer dasselbe. Ich habe diese kaputte, scheiß langweilige Welt so satt.
Immer wieder ist in den Medien zu hören, was Neues an Leid passiert, immer wieder diese
scheiß Gons, die versuchen das System zu zerstören, die doofe gleiche Wohnung, dieselbe
Nanny, Stehen, ein paar Meter gehen, viel auf dem Arsch sitzen. Häufig habe ich ein Stechen
in der Brust, vielleicht liegt es daran das ich mich nicht so häufig bewege oder auch wegen der
unreinen Luft, wobei ich selten das Haus verlasse, eigentlich so gut wie nie. Doch ich habe
auch das große Glück die Firma meiner Eltern später weiter zu leiten. Mein Schicksal wurde
für mich auserwählt, wie von uns allen. Ich denke oft darüber nach, mal was Spannendes zu
tun, etwas Echtes, etwas, was meinem Leben Fülle gibt.
Meine Freundin Sama und ich reden oft darüber, wie es wohl sein würde auf eine Feier zu
gehen, zu tanzen, zu lachen, lange draußen zu sitzen, die Sterne beobachten, einen Jungen zu
küssen, ohne Angst, ohne Schutzanzug, einfach ohne – so wie die Leute vor 50 Jahren.

Einmal im Monat checkt Susan uns auf Krankheiten ab, naja weil es heutzutage nötig ist zwei
mal hin zu schauen. Doch diesmal hat es länger gedauert als sonst. Während meine
Geschwister längst fertig waren, hat Susan meine Werte und Blutproben durchsucht. Langsam
machte ich mir echt Sorgen. ,,Susan?’’,fragte ich. ‚,Geduld Kira’’,antwortete sie mir. ‚,Stimmt
etwas nicht mit mir?“ ,fragte ich sehr neugierig und betrübt. ,,Nein‘‘, sagte Susan ganz einfach
und ohne Emotionen. Sie ist ja auch nur ein Programm. Ich legte mich hin und schloß die
Augen.
Susan weckte mich. Ich schreckte auf. ,,Kira, mein Schatz. Susan hat uns erzählt, was sie
gefunden hat. Setz dich hin Schatz. Du hast Lungenkrebs. Aber wir schaffen das. Du weißt,
dass Krebs kein großes Problem mehr ist’’, sagte meine Mutter verängstigt und gleichzeitig
voller Hoffnung. Das erklärt dann auch die Schmerzen nachts in meiner Brust. Ich tat so als
hätte ich keine Angst. Die Heilchance steht bei 70%. Doch trotzdem klopft mein Herz wie
verrückt. Morgen geht es für genauere Untersuchungen in die Praxis für Krebspatienten.
Ich komme mit dem Schuttle genau vor die Praxis, trete herein, grelles Licht, weiße Wände
und Böden und ein unangenehmer Geruch von Desinfektionmittel. Ich hoffe, meine Augen
und meine Nase müssen sich nicht an diese Umgebung gewöhnen. Nach 30 Minuten Wartezeit
kam ich dran.,,Kira Gadu bitte ins Zimmer 34’’, hörte ich von einer Krankenschwestern-
Projektion an der Wand. Meine Mutter hat sich extra freigenommen und begleitet mich. Ich
bin so froh, dass sie hier ist.,,Guten Tag Frau Gadu. Für weitere Untersuchungen müssen sie
für ca. 3 Tage Übernacht bleiben. Ihnen stehen diverse Geräte zur Verfügung. Ich werde ihnen
nun Blut abnehmen. Um 14.00 Uhr müssen wir Sie röntgen und um 15.00 Uhr gibt es eine
Mahlzeit, weitere Termine folgen.’’
Nun ist es 20.00 Uhr und ich kann ausruhen. Der Tag war zwar anstrengend. Trotzdem
bekomme ich Lust, etwas durch das Krankenhaus zu spazieren, ich war schon lange nicht
mehr außer Haus und erst das zweite mal im Leben im Krankenhaus. Ich zog meine Schuhe an
und verließ mein Zimmer. Niemand zu sehen – außer dieser unfassbar große helle Flur.
Ich gehe und gehe. Es scheint so, als gäbe es kein Ende. Alle Türen schauten gleich aus. Doch
hinter einer kommen seltsame Piepsgeräusche hervor. Ich habe das Verlangen herauszufinden,
was dahinter steckt. Ich öffne die Tür, meine Augen weiten sich, meine Kinnlade fällt herunter.
Wow, ein Riesenzimmer, das farbenfroh leuchtet, überall irgendwelche Geräte und Kabel. Ich
wäre nicht ich, wenn ich keinen genaueren Blick darauf werfen würde. Auf der Schulseite
wurde mir gelehrt wie man in Systeme kommt, doch so etwas ist beeindruckend und wohl eine
Herausforderung. Ich setze mich an den PC und fahre das System hoch, einfacher als gedacht,
ohne ID und Passwörter. Es war schon jemand eingeloggt. Ich muss mich beeilen. Die Person,
die eingeloggt ist, kommt sicherlich gleich wieder. Es ist kein Kontrollraum, keine
Videoaufzeichnungen, nur Ordner – jede Menge, Ordner in Ordnern. Es scheint so, als wären
es die Personalakten der Patienten. Wenn das so ist, bin ich auch drin. Ich gab in der Suche
‚,Kira Gadu“ ein, tatsächlich meine Akte. Ich weiß ja eh schon, was ich habe aber die Mühe
soll nicht umsonst gewesen sein. Ich öffne meine Akte. Wieso sagt mir keiner was davon. Hat
meine Mutter mich angelogen oder wusste sie selber nichts davon? Ich renne aus dem Zimmer
mit Tränen in den Augen, ich komme in mein Zimmer und setze mich in die Ecke. Ich kann
nicht aufhören zu weinen. Ich rufe Sama an, sie ging sofort ran. ‚,Hey Kira, lange nichts mehr
gehört‘‘, sagt sie, während ihr Hologramm auf dem Bett sitzt. Ich sage nichts, ich schluchze
nur. ,,Was ist los und wo sind wir hier überhaupt? Du bist im Krankenhaus, was ist denn mit
dir?’’, fragt Sama mich. ,,Die Ärzte sagten es sei Krebs, der heilbar ist, ich hab aber eben
herausgefunden, dass es nicht so ist. Der Krebs ist bösartig und hat schon überall gestreut. Die
können nichts mehr für mich tun’’. Sama schweigt und schaut auf den Boden. ,,Lass uns
abhauen, einfach weg, unsere Träume verwirklichen, wie wärs?’’,fragt mich Sama mit einem
Lächeln. Ich fühle ein Kribbeln im meinem Bauch bis zu den Fingern, leicht verängstigt und
im Konflikt mit mir selbst. Soll ich meine letzte Zeit mit einer Freundin verbringen, die ich nie
im Leben zuvor gesehen habe oder sollte ich hier in einer Praxis bleiben, wo mir die ganze
Zeit etwas vorgespielt wird. Ich packe meine Sachen, ziehe einen Schutzanzug an und
sage, ,,Sama wir treffen uns da, wo uns niemand suchen würde. Dort, womit keiner rechnet.
Wir treffen uns in San Lucy’’.Sama fragt mich, ob ich mir ganz sicher sei, ob es nicht zu
gefährlich ist. ,,Wir dürfen einfach nicht auffallen und so tun als wären wir einer von ihnen.’’
Ich gehe aus dem Krankenhaus, nehme die Bahn in Richtung San Lucy. Aber keine fährt
genau dorthin, denn niemand von dort will etwas mit uns zu tun haben. Hier ist der Hauptsitz
der Gons.
Ich gehe und gehe, bis ein Schild San Lucy zeigte. Endlich bin ich angekommen, ich schreibe
nebenbei mit Sama, sie ist auch fast da. Wir wollen uns in einem Park treffen, wo eine große
unübersehbare Statur steht.
Ich bin vor ihr, ich sehe, wie jemand auf mich zu kommt. Der Schatten wird immer größer in
der Dunkelheit. Ich hab Angst. Was wenn es nicht Sama ist, sondern ein Gon. Man sagt ja,
dass sie gefährlich sind und keine Gnade kennen. Schritt für Schritt, langsam sehe ich die
Schuhe, dann die Beine, den Oberkörper, die Maske. Die Gons tragen keine Schutzanzüge. Ich
stehe aber sehr auffällig mit einem gelben da. Die Person kommt auf mich zu, ich schließe
meine Augen. ,,Kira? Wieso trägst du einen Anzug? Ich dachte, wir wollten nicht auffallen.’’
Ein Stein fällt mir vom Herzen, Sama. Ihre Stimme klingt durch die Maske etwas rauer, aber
es kann nur sie sein. Ich umarme sie. Wir halten uns für 2 ganze Minuten, wir wollen uns nicht
mehr los lassen. Ich zieh meinen Anzug aus, während Sama Ausschau auf Gons hält. Wir
gehen weiter, der Anzug liegt dort und wird immer kleiner. Wir entfernen uns immer
weiter. ,,Wohin geht’s?’’,fragte ich Sama. ,,Lass dich überraschen’’,antwortet sie siegessicher.
Sie hat ein Plan für unser Abenteuer und ich vertraue ihr. Nach einigen merkwürdigen Tunneln
und Wegen stehen wir vor einem Gebäude. ,,Wir sind da’’, sagt Sama. Sie legt ihre Hände auf
meine Maske und zieht sie langsam über meine Haare ab, ich atme ein, die dreckige Luft füllt
meine kranke Lunge, ich huste. Sama zieht ihre Maske ab. Ich sehe sie das erste mal real. Sie
ist so schön. Ihre Haut ist gebräunt, ihre Haare braun und gelockt, ihre Augen haben ein helles
Grün und eine besondere Ausstrahlung, Sommersproßen verlaufen über ihre Nase bis zu den
Wangen, volle Lippen und sie strahlt mich an mit ihren weißen Zähnen. Ich höre auf zu
husten, als ich sie sehe. ,,Komm mit’’,sagt sie, während sie die Tür von dem altem Gebäude
öffnet, ihre Stimme klang sehr sanft, anders als mit der Maske. Sie klingt wie ein Engel,
vielleicht bin ich schon im Himmel. Sama geht eine Treppe runter, ich ihr hinterher.
Gedämpfte Musik ist auf der Treppe zu hören und bunte Farben scheinen durch den Spalt
einer Tür. Jemand öffnet die Tür, die Musik wird laut und die Farben heller. ,,Wo sind
wir?’’ ,schreie ich Sama an. In einer Disco, hier tanzt man, schreit sie zurück. Überall
Menschen ohne Masken und Anzüge, alles sehr altmodisch, kaum Technik. Viele Blicke
wandern auf Sama, sie geht an die Bar und bestellt uns zwei alkoholische Getränke. Das erste
mal trinke ich Alkohol, ein eklig intensiver Geschmack und Geruch. Doch ich trinke, weil
Sama es auch tut. Sie trinkt, ohne ihr Gesicht zu verziehen. ,,Komm Tanzen’’,sagt Sama mir
ins Ohr. Sie nimmt mich an der Hand und führt mich auf die Tanzfläche. Sie bewegt ihre Hüfte
in Kreisbewegungen, geht einen Schritt vor und wieder zurück. Ich versuche es ihr nach zu
machen. Doch ich kann es nicht so wie sie. ,,Sama, ich gehe zurück an die Bar, ok?’’. ,,Nein,
ich zeig dir, wie es geht, hab keine Angst, du brauchst dich nicht schämen.’’ Sie stellt sich
hinter mich und legt ihre Hände auf meine Hüfte, geht vor und zurück. Ich habe den Dreh
raus, ich kann es doch. Ich freue mich und lache. Wir tanzen und trinken. Nach einer Weile
sind wir erschöpft, vor allem ich, da ich krank bin. Wir setzten uns in eine ruhige Ecke und
unterhalten uns. ,,Kannst du dich noch daran erinnern, als wir davon gesprochen haben mal
Tanzen zu gehen und einen Jungen zu Küssen?’’. ,,Ja, antwortet mir Sama, ich weiß es noch
ganz genau. Was denkst du denn, wieso ich dich hierher geschleppt habe’’. ,,Danke, Sama,
danke für alles. Du bist die einzige, die für mich da war, als es mir nicht gut ging und die
einzige, die mir nicht ins Gesicht gelogen hat’’,sage ich zu ihr und umarme sie. ,,Kira, wir
kennen uns schon so lange, zwar nur durch das Web, aber auch du warst die einzige, die für
mich da war, als es mir schlecht ging. Als mein Vater starb, warst du die einzige, die online
kam und sich für mich interessiert hat. Ich bin dir das schuldig, vor allem, weil du nicht mehr
so lange hast. Wie lange eigentlich genau, Kira?’’. ,,Laut der Akte 72 Stunden, also 3 Tage und
ein Tag ist eigentlich so gut wie um, also…’’ Sie packt ihren Finger auf meinen Mund und
sagt, es ist egal wie lange. ,,Wir machen das Beste daraus, hab keine Angst, ich bin bei dir.’’
Ich greife Sama an der Hand und ziehe sie auf die Tanzfläche, wir tanzen und tanzen. Ich lasse
mich von dem regelmäßigem Husten nicht aufhalten. Eine Stimme flüstert mir ins Ohr, ,,hey
Hübsche, Lust mit mir zu tanzen?’’ Ich drehe mich um. Ein großer, breiter, gut aussehender
Mann steht vor mir. Ich schaue Sama an. Sie schreit, ,,geh schon’’.Er tut dasselbe wie Sama.
Er geht hinter mich und führt mich. Er flüstert mir Komplimente ins Ohr, dreht meinen Kopf
in seine Richtung und küsst mich. Ich dreht meinen Körper in seine Richtung, so dass ich ihm
gegenüberstehe. Wir küssen uns und tanzen nicht mehr. Die Welt hört sich auf zu drehen und
husten muss ich auch nicht. Es ist schön. Mein erster Kuss. ,,Ich gehe kurz zur Toilette’’ ,sage
ich zu dem gut aussehenden Jungen, dessen Namen ich nicht einmal kenne. Mein Bauch
kribbelt und ich kann nicht aufhören zu grinsen. Sama folgt mir, ,,alles gut?’’,fragt sie mich.
Ich beuge mich über die Toilette und muss husten, ich huste so sehr, dass Blut raus kommt.
Sama hält meine Haare. Ich setzt mich neben das Klo, wische mir das Blut aus dem Gesicht,
schaue Sama an. ,,Ich kann nicht mehr, mir geht es nicht gut, sage ich zu ihr’’. ,,Komm lass
uns gehen, ich hab uns ein Schlafplatz organisiert’’,antwortet sie. Wir verlassen den Club,
Sama steigt auf ein Motorrad. ,,Komm, steig auf’’,sagt sie. ,,Woher hast du das?’’,frage ich sie
mit einem Lächeln und schaue das beeindruckende Motorrad an. ,,Ach, ist doch egal, steig
einfach auf’’ ,sagt sie mit einem frechen Lächeln und hält mir einen Helm vor die Nase. Sie
startet das Motorrad, ,,BRUUMM’’. Ich setze mich und sie fährt los. Ihr sind die
Verkehrszeichen egal, rot oder grün, scheiß drauf, die Straße gehört uns. Mein Bauch kribbelt,
so viel Spaß hatte ich noch nie in meinem Leben. Sie fährt zwischen den Autos einfach
hindurch, wie praktisch. Wir halten vor einem modernem Hochhaus. Wir sind nicht mehr in
San Lucy. Sama macht den Motor aus und steigt ab, ich hinterher. Wir behalten beide den
Helm an, gehen durch die Haustür und fahren in den 40sten Stock. Wir steigen aus und gehen
an die Tür des Flurendes. Sama hält eine Karte an die Tür und sie öffnet sich. Ein
Riesenapartment. Draußen ist es zwar Tag – doch trotzdem düster. ,,Willkommen im Hotel Bo.
Schick nicht wahr?! Bevor du fragst, ja es ist unsere Wohnung und unwichtig, wie ich dieses
schöne Apartment bekommen habe.’’ Mein Mund seht offen, ich gehe an die riesigen Fenster,
aus denen man die ganze Stadt beobachten kann. Ein nicht grade sehr schöner Ausblick, doch
trotzdem beeindruckend. ,,Wow Sama, du faszinierst mich immer wieder auf’s Neue’’,sage
ich. ,,Hast du Hunger, Süße?’’,fragt Sama mich. Oh ja, einen Riesenhunger. ‚,Ping‘’ und ein
Essen steht in der Luke.

Wir setzten uns hin, aßen, redeten und lachten. Nachdem wir alles aufgefuttert hatten, lagen
wir Arm in Arm auf der riesigen Couch. Sama streichelt mir durchs Haar und sagt, ,,als dich
vorhin dieser Typ geküsst hat, hat es mir nicht gefallen, es löste ein komisches Gefühl in mir
aus. Ich glaube, man nennt es Eifersucht.’’ Ich schaue Sama an und frage, wieso sie so
empfindet. ,,Kira, diese Welt ist so kaputt und du bist der einzige Mensch außer meinem Vater,
der mir je etwas bedeutet hat. Du weißt, was damals passiert ist und dass ich keinen mehr
habe, um ehrlich zu sein. Ich möchte nicht in dieser Welt ohne dich sein. Ich will es nicht
wahrhaben, dass du bald von mir gehst’’,sagt Sama mit Tränen in den Augen. Ich wische ihre
kullernde Träne vom Gesicht und küsse sie, es war ganz anders als bei dem Jungen im Club,
es war echt. Wir verbrachten einer meiner letzten Stunden in dem Apartment, nur wir, zu zweit
ganz alleine, Sama hat mir die schönste Zeit meines Lebens geschenkt. Sie war der Mensch,
mit dem ich auf ewig vereint sein wollte. Gäbe es nicht den Tod. Ich wachte morgens neben
ihr auf. Sie schlief wie ein Engel. Wie das weiße Bettlaken ihren bräunlichen Körper
umschlung. Ich weckte sie mit zärtlichen Küssen. Sie öffnete ihre grünen Augen und schaute
mich mit einem so fesselndem Blick an, so einem Blick, der mehr als 1000 Worte sagte.

,,Ich liebe dich’’,sagt sie. So einfach und so knapp. Doch sie ist die einzige, ausgenommen
meiner Eltern, der ich das glaube. Ich vertraute ihr alles an, wie sie auch mir. ,,Ich will nie
wieder aufstehen, ich möchte auf ewig hier mit dir in diesem Bett verbringen’’,sage ich zu
ihr. ,,Es gibt einen Weg, wie wir für immer zusammen bleiben können.’’ Sie nimmt mich an
der Hand, das Bettlaken schleift über dem Boden hinter uns her. Sie öffnet das Fenster und wir
stehe da und sehen uns an. Wir wissen, dass es der einzige Weg ist, zusammen zu bleiben. Ich
spüre keine Angst mehr, denn ich bin bei ihr. Unsere Hände sind so verschlungen, dass uns nur
ein Messer trennen kann. Wir umarmen uns und der Wind weht das Laken ab. Wir fallen, Arm
in Arm gemeinsam in den Tod, denn wir wissen, das Leben alleine ist schlimmer als der Tod
zusammen.