shadow

Chloes Leuchtturm

von Carlotta Pansch

Seufzend wendete ich meinen Blick zum Fenster. Von hier oben konnte man den ganzen Campus überblicken. Ein paar Kieswege, die durch eine große grüne Fläche führten, und viele Bäume, die zu dieser Jahreszeit ihre bunten Blätter verloren. Weiter links ein weiteres Gebäude, das der Mädchen, schräg gegenüber: unsere Schule. Alle Wände der Gebäude waren grau und nicht sehr einladend, bis auf eine kleine Ecke am rechten Flügel des Schulgebäudes, die mit Graffiti besprüht war. Auf die Entfernung konnte man nicht viel erkennen. Es sah aus wie ein Wirrwarr aus Farben und Strichen, die sich teilweise überlappten. Würde ich mich ein wenig nach rechts lehnen, könnte ich den Leuchtturm sehen. Überall in dieser kleinen Stadt an der Küste konnte man ihn sehen. Er war etwas vertrautes, ein ständiger Begleiter, ein Wegweiser wie der Mond oder die Sterne. Einfach eine Gewissheit, wie sie mir sonst im Leben fehlte.

Ich lehnte mich auf meiner Fensterbank ein wenig nach rechts, um mir den Leuchtturm noch einmal anzusehen. Wirklich dort gewesen war ich erst einmal. Vorher hatte ich mich immer auf meine Kurse konzentriert, um als Neuer gut abzuschneiden. Damals hatte mich eine Freundin – Chloe – mitgenommen. Wir saßen auf einer Bank, der Leuchtturm in unserem Rücken, schauten auf das Meer und den Sonnenuntergang und sie erzählte mir Geschichten. Sie tat nie etwas Anderes. Chloe erzählte großartige Geschichten von Helden, die sich ihren Ängsten stellten und die Drachen besiegten. Sie entfloh mit mir in eine andere Welt. Jetzt, fast drei Monate später wünschte ich mich an diesen Abend zurück. Ich wünschte, wir hätten nicht diesen Streit gehabt. Ich wünschte, ich hätte auf ihre Anrufe reagiert. Ich wünschte – ich wünschte, sie wäre noch am Leben. Erneut, wie schon tausend Mal in den letzten Tagen, griff ich nach meinem Handy, wollte immer noch nicht glauben, was ich schon längst wusste. Ich sah mir die SMS ihrer Mutter noch einmal an. „Chloe ist tot. Sie ist erschossen worden. Weißt du etwas Sam?“ Natürlich wusste ich nichts. Ich, Sam, war mal wieder unwissend. Nicht mehr in der Lage diese SMS noch einmal zu lesen warf ich mein Handy auf mein Bett. Gleich war Unterricht. Ich sollte losgehen.

Mein Blick wandte sich vom Leuchtturm auf mein kleines Zimmer. Es war nichts Besonderes. Das Fenster gegenüber der Tür, rechts mein kleines Bett. Links mein Schreibtisch und ein großer Spiegel. Die Wände bedeckt mit Fotos und Postern, Lichterketten über die Decke gespannt. Eher ein Zimmer, das Mädchen haben würden, doch Chloe hatte es für mich eingerichtet. Als ich hier im Internat ankam, stand mein Zimmer zwei Wochen lang voll mit Kartons, bevor sie hereinstürmte, ungefragt, wie sie es auch mit meinem Leben getan hatte, sich meine Sachen griff und dieses Zimmer zauberte. Bis vor ein paar Tagen hatte ich mich hier auch wohlgefühlt, doch nun hatte es einen bitteren Beigeschmack. Der Weg von der Fensterbank zur Tür, für den ich normalerweise nur ein paar Schritte benötigte, fühlte sich nun an wie eine Reise durch die Sahara. Ermüdend, aAnstrengend. Als ich am Spiegel vorbeikam, blieb ich stehen. Meine grün – grauen Augen, meine kurzen weißen Haare, die ich nie gebändigt bekam. Ich war kleiner und schmächtiger als die anderen Jungs in meinem Alter. Die meisten Jungs hier spielten Baseball oder ähnliche Sportarten, die sie alle muskulös werden ließen. Ich dagegen war nur für Kunst hier. Egal ob Fotographie, Zeichnen oder Schauspielern. Jeden einzelnen dieser Kurse hatte ich beleg, selbst wenn ich fast immer der einzige Junge war. Ich schüttelte mich aus meinen Gedanken und verließ mit meinem Rucksack mein Zimmer.   

Ein paar Tage später war der Himmel bewölkt, graue Wolken zogen vorbei und ließen es regnen. Es fühlte sich an wie in einem schlechten Film, der dem Helden mit trauriger Musik im Hintergrund ein Motiv zu geben versucht nicht aufzugeben. Schnell unterbrach ich den Gedankengang. Ich wollte nicht an Helden denken, wie stark sie immer waren. Der Wald, der den kleinen Friedhof umgab war dicht, so dicht, dass man keine hundert Meter schauen konnte. Etwas anderes als Bäume zu sehen war fast unmöglich. Und trotzdem sah man in der Ferne den Leuchtturm hindurchschimmern. Als ich dem schmalen Trampelpfad zu Chloes Grab folgte, hörte ich nur vereinzelt Vögel zwitschern. Es war ungewöhnlich still heute. Die Blätter, die noch an den Bäumen hingen, rauschten leise im Wind und der Geruch von nasser Erde und Blättern stieg mir in die Nase. Als ich bei Chloes Mutter und Stiefvater ankam, war mein Haar so durchnässt, dass es auf meinem Kopf und am Nacken klebte. Chloes Mutter schloss mich in ihre Arme, eine mütterliche Umarmung, wie sie es schon oft getan hatte. Ihre Wärme und ihr vertrauter Geruch, nach Apfelkuchen, ließen mich ein wenig an Körperspannung verlieren, doch gleichzeitig zog sich mein Magen krampfhaft zusammen. Dieser Geruch erinnerte mich daran, wie es das erste Mal bei Chloe zu Hause war. Anders als meine Familie hatte ihre Mutter hier ein Haus in dem Chloe auch lebte, da es nicht weit vom Internat entfernt lag. Ihre Mutter hatte einen Apfelkuchen mitgebracht, denn sie hatte ihre eigene Bäckerei. Ich weiß noch, dass ich schüchtern gewesen war. Wie warm mich alle aufgenommen hatten. Wie ich hineingepasst hatte.

Chloes Mutter Mary ließ von mir ab und ihr Stiefvater Daniel legte mir eine Hand auf die Schulter, drückte leicht und nickte mir zu. Er hatte schon immer Probleme damit Gefühle zu zeigen, doch ich konnte tiefe Trauer in seinen Augen sehen. Ich legte meine zitternde Hand auf seine und nickte ihm ebenfalls leicht zu. Als er seine Hand wegzog, drehte er sich von mir weg und ich dachte für einen kurzen Moment Tränen in seinen Augen glitzern zu sehen. Ich senkte meinen Blick auf den Sarg vor uns. Er war schlicht schwarz, Chloes Lieblingsfarbe. Ich wollte nicht näher herangehen. Ich konnte nicht. Also beobachtete ich nur still und taub, wie Chloes Sarg in ihr Grab hinuntergelassen wurde. Wie Regentropfen auf die schwarze Oberfläche trafen und ein leichtes prasselndes Geräusch verursachten. Ich fühlte mich als würde ich schwanken. Gleich würde ich umkippen, hinfallen und nie wieder aufstehen. In diesem Moment wollte ich nichts mehr, als meine Augen schließen, einschlafen und nie wieder aufwachen. Meine Sicht verschwamm und ich merkte von weit weg, dass ich zurück über den Trampelpfad, an der winzigen Kapelle vorbei, zur Straße geführt wurde.

Zwei Tage später lief ich, immer noch leicht betäubt von der Beerdigung, durch das Schulgebäude auf den Campus. Ich schaute mich kurz um bevor ich mir meine Kopfhörer in die Ohren steckte. Ich musste nicht lange nach einem Lied suchen, Chloes Lieblingslied war ganz oben in der Liste. „Somewhere I belong“ von Linkin Park hörte sie wirklich rauf und runter. Ich mochte das Lied nie und trotzdem hörten wir es immer. Jetzt wo Chloe weg war, wirklich weg war, war das die einzige Musik, die ich noch hörte. Ich versank in der Melodie, in den gesungenen Worten und in alten Erinnerungen an Chloe. Als ich spürte wie mir die Tränen kamen, schüttelte ich leicht den Kopf und drehte mich in Richtung Jungsgebäude. Auf einer der Rasenflächen neben dem Kiesweg saßen zwei mir gut bekannte Jungs auf einer Bank. Dean und Seamus waren die sympathischsten Menschen die man an der ganzen Schule finden konnte. Dean mit seinen rotblonden Haaren, braunen Augen und nur schwach zu sehenden Sommersprossen, seiner muskulösen Statur und immer diesem verwegenen Grinsen auf den schmalen Lippen. Und Seamus mit seinen dunkelbrauen, fast schwarzen Haaren, seinen grünen Augen und der leicht gebräunten Haut, der uns alle überragte und trotzdem immer auf Augenhöhe mit allen war. Ich wollte mich schon umdrehen, da winkten die beiden mich zu sich. Selbst wenn ich es wirklich gewollt hätte, hätte ich ihnen jetzt nicht entkommen können, hatte ich doch unsere wöchentliche Lerngruppe schon versetzt und auch nicht wie sonst mit den beiden zu Mittag gegessen. Geschlagen von meinen eigenen Gedanken ging ich also auf die beiden zu. Ich stellte mich vor sie und konnte ihnen nicht in die Augen sehen. Erst nachdem Dean eine Handbewegung in Richtung meines Ohrs machte, fiel mir auf, dass ich meine Kopfhörer noch in diesen hatte und dass die Musik immer noch lief und jedes andere Geräusch, das an meine Ohren dringen wollte auslöschte. Schnell nahm ich die Kopfhörer raus und nutzte die Gelegenheit um auf meine Hände zu schauen. „Was wollt ihr?“, fragte ich und versuchte vergeblich giftig anstatt müde zu klingen. „Wir haben das von Chloe gehört. Ist alles gut bei dir?“, fragte Seamus. Seine tiefe, melodische Stimme voll Ruhe und Mitgefühl. „Alles in Ordnung“, sagte ich schon fast automatisch. „Hab die letzten Wochen doch gar nicht mehr mit ihr geredet.“, brachte ich noch heraus. Diesmal antwortete Dean. Seine Stimme besaß immer einen fröhlichen Unterton, selbst wenn er über ernste Dinge redete. „Wir machen uns Sorgen. Du redest mit niemandem mehr, im Unterricht sitzt du nur da wie ein Zombie und du gehst uns aus dem Weg. Wir wissen doch wie nah Chloe und du euch standet. Dann der Streit und jetzt ist sie weg. Du kannst mit uns reden. Wir lachen dich nicht aus, nur weil du in der Lage bist zu fühlen. Oder ruf deine Mutter mal wieder an. Ich wette du hast es die letzte Woche wieder vergessen.“ Ich sah zur Seite. Natürlich hatte ich es vergessen. Ich tippte leicht mit dem Fuß um den beiden zu zeigen, dass ich gerne gehen würde und weigerte mich, die beiden noch einmal anzusehen. „Seamus und ich wollten heute Abend Filme schauen. Wir sind in meinem Zimmer. Also: falls du dazukommen willst…“, sagte Dean noch einmal nachdrücklich. Filme schauen? Ohne Chloe? Ich wollte Dean anschreien, ihn schütteln, ihm sagen, dass jetzt nicht die Zeit war irgendwelche miesen Filme zu schauen, jetzt wo gerade jemand gestorben war. Wo Chloe gestorben war. Doch ich konnte es nicht. Es würde nichts bringen. Und ich hatte nicht die Kraft zu schreien. Allein der Gedanke daran, Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, widerstrebte mir. Also zuckte ich nur mit den Schultern und ging dann so schnell wie möglich, um nicht doch etwas zu sagen den Blick gesenkt auf mein Zimmer.    

Als ich endlich in meinem Zimmer ankam schloss ich die Tür hinter mir ab. Ich wollte alleine sein. Einen Moment hielt ich die Luft an und sah mich in diesem mir so vertrauten Raum um. Meine Gardinen hatte ich gestern Morgen zugezogen und dann nicht wieder geöffnet. So war der sonst so helle und freundliche Raum dunkel und ein wenig bedrückend. Die Lichterketten, die sonst fast immer eingeschaltet waren und eine gemütliche Atmosphäre verbreiteten, hatte ich einen Tag nachdem Chloe gestorben war ausgeschaltet. Der große Spiegel, der rechts an der Wand hing, war mit einem schwarzen Tuch abgedeckt. Ich atmete aus und ging langsam zu meinem Bett. Ich konnte an nichts anderes denken als an Chloes Tod. Alles erinnerte mich an sie. Sie war überall in meinem Leben gewesen und jetzt fehlte überall etwas. Langsam ließ ich mich auf mein Bett sinken und holte mit zitternden Fingern mein Handy hervor. Wenn ich jetzt zuhause anrufen würde, würde ich zuerst wieder zu hören bekommen, dass ich mich zu wenig meldete. Dann würde meine Mutter sagen, dass sie doch wissen wolle wie es ihrem Sohn ginge und würde anschließend von ihrem Tag und ihren Problemen erzählen und ich würde nicht mehr dazu kommen ihr irgendetwas zu erzählen, bevor sie etwas ablenkte und sie einfach auflegen würde. Ob ich sie unterbrechen könnte? Würde sie mich zu Wort kommen lassen? Vielleicht, wenn ich sofort anfangen würde zu reden sobald sie abnahm. Mein Finger schwebte über dem Anrufsymbol und doch konnte ich mich nicht dazu bringen zu drücken. Ich war noch nie gut darin gewesen Leute zu unterbrechen oder ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Meine Stimme war zu leise und es schlummerte immer ein Funke Angst in mir, der aufzuflammen drohte sobald ich in eine Situation kam, in der ich die Aufmerksamkeit anderer Leute auf mich ziehen würde. Was wenn ich gerade störte? Ich wollte niemanden nerven. Mit tränenverschleierter Sicht schaltete ich das Display aus und rollte mich zu einer Kugel auf meinem Bett zusammen.

Ich musste eingeschlafen sein, denn als ich meine Augen mühsam wieder öffnete war es noch dunkler als vorher, als sich noch einige Sonnenstrahlen durch die Vorhänge kämpften. Erschöpft, obwohl ich gerade erst geschlafen hatte, setzte ich mich langsam auf. Dann wischte ich mir über mein Gesicht. Ich spürte getrocknete Tränen. Seufzend tastete ich im Dunkeln nach meinem Handy. Ich nahm es an mich und öffnete meine Galerie. Ganz oben meine mit Herz markierten Fotos, fast alle davon mit oder von Chloe und vereinzelte mit Dean und Seamus. Ich legte mich zurück auf mein Bett und sah mir alle Fotos durch. Bei einem Bild blieb ich hängen. Es war von Chloe, Seamus, Dean und mir. Chloes Mutter hatte es aufgenommen. Wir alle standen nebeneinander. Dean und Seamus links, dann Chloe und dann ich. Unsere Hände waren verschränkt und wir hatten sie in die Luft geworfen. Es war kurz nach unserem ersten Fallschirmsprung aufgenommen worden. Damals war ich erst drei Wochen hier gewesen und Chloe hatte mich einfach mitgeschleift. An dem Tag hatte ich Seamus und Dean kennengelernt. Ich lächelte bei der Erinnerung daran, wie Dean einfach auf mich zu gegangen war. Wie mutig und selbstbewusst er rüberkam. Ich fragte mich, ob ich manchmal so auf Menschen wirkte. Sicherlich nicht, dachte ich. Ich konnte es ja nicht mal über mich bringen mit einem anderen Menschen über meine Gefühle zu sprechen. Vielleicht sollte ich das erst mal versuchen. Wie hatte Chloe immer gesagt? Kleine Schritte machen und nicht gleich über eine Klippe springen. Ich sah auf die Uhr. Es war nach Mitternacht. Die beiden waren also schon in Deans Zimmer. Dean meinte ich könne immer vorbeikommen. Das war doch eindeutig eine Einladung gewesen oder nicht? Ich stand vor meinem Bett und ging zu meinem Fenster. Ich öffnete meine Vorhänge. Der Vollmond schien und so konnte ich den Leuchtturm klar sehen wie er dort stand und unsere kleine Stadt überragte. Der Leuchtturm war immer da. Man konnte ihn von der ganzen Stadt aus sehen. Genau wie Chloe würde er immer in meinen Gedanken sein. Ich warf noch einen letzten Blick auf meinen Anker und wendete dann den Blick ab. Ich würde in den nächsten Tagen noch einmal zum Leuchtturm gehen. Die Vorhänge ließ ich offen. Ich dachte an Chloes Heldengeschichten, an die mutigen Ritter, die sich den Drachen entgegenstellten und sie in einem kräfteraubenden Kampf besiegten. Es wurde Zeit, sich meinem Drachen zu stellen, schoss mir in den Kopf. Auf dem Weg zu meiner Tür riss ich das schwarze Tuch vom Spiegel und schaute mir kurz in die Augen. Mich meinem Drachen stellen. Ihn besiegen. Gewinnen. Glücklich weiterleben. Ich verließ mein Zimmer und ging den Gang entlang nach rechts. Vor der letzten Tür blieb ich stehen und nahm mir einen Moment. Ich dachte an Chloe, an den Leuchtturm, an den Geruch nach Apfelkuchen, daran wie mutig Dean war und an mein altes Leben. Daran den Drachen zu besiegen. Dann klopfte ich an die Tür vor mir. Nach einem kurzen Moment öffnete Dean die Tür. „Oh Hey Sam. Alles gut?“, fragte er mich. Nach einem kurzen Moment schüttelte ich den Kopf und fing an zu sprechen.