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Das einsame Texas

von Sidar Dersim

Die  Vogelscheuche war von dem Schatten des Kornfelds umgeben, und es war, als ob sie uns beim Arbeiten beobachtete. Unsere Farm lag abgelegen, fernab von jeglicher Zivilisation. Als mein Vater Rainer rund ich den Stall ausmisteten, unterhielten wir uns über den Vorfall, der gestern im Radio die Runden machte.

„William, denkst du sie finden den Täter?“

Ich sah zu meinem Vater auf. ,,Dad, du weißt wie schwer es ist, ihn zu fassen, er ist nirgendwo, aber irgendwie doch überall.“  „Ich weiß, dass es schwer ist. Ich habe nur Angst. Wir haben Marian schon vor zehn Jahren durch dieses Elend verloren. Ich weiß ja nicht mal, wie es aussieht. Ich sagte zu meinem Vater, dass das Opfer letzten Freitag in einer Scheune gefunden wurde. Das Gesicht der jungen Frau wurde übel zugerichtet. Die Augäpfel lagen neben ihr und die Finger wurden abgetrennt. Wer diese Tat ausgeübt hat ist ein mordender Psychopath. Mein Vater sah mich verstört an „Da hast du recht, William. Ich gehe mir kurz Wasser holen“. Als mein Vater beim Kühlschrank ankam, war kein Wasser mehr im Kanister, er kam zurück zum Stall und bat mich, welches holen zu gehen. Besorgt sagte mir mein Vater „Sei vor Sonnenuntergang wieder hier mein Sohn“. Ich stieg in den heruntergekommenen Van ein, die Karosserie war von Rost zerfressen und er sprang nur an, wenn man Glück hatte. Ich steckte den Schlüssel in die Zündung und schmiss das Wrack an. Kein Lebenszeichen vom Van, nach dutzenden Versuchen klappte es endlich. Ich warf einen kurzen Blick auf unsere Farm und winkte meinem Dad zu, dann fuhr ich los. Der Corner Store in dem es die nächste Gelegenheit gab, Wasser zu kaufen, war 100 Meilen entfernt. Mit den Wolken zog auch Langeweile über mich. Ich schaltete das Radio an. Es war schwer, einen Sender zu finden, der ohne Störfrequenzen lief. Nachdem ich fünf Minuten suchte, fand ich endlich einen Sender. Es war sogar einer meiner Lieblingssender. Nach einer Wettervorhersage hörte ich, dass jemand den Mord an der jungen Frau mitbekommen haben soll, aber den Täter im Dunkeln nicht richtig erkennen konnte. Sie sagte, dass der Täter das Opfer in die Scheune zog und dabei hysterisch gelacht haben soll. Das Radio verlor das Signal und ich hatte die ersten 40 Meilen hinter mich gebracht. Ich dachte über meine Mutter nach. Vor allem über die Zeiten, in denen wir zusammen lachten. Sie war immer für mich da und pflegte mich, als es mir schlecht ging. Es tut weh zu wissen, dass sie mir genommen wurde. Meine Lippen waren trocken und auf der Suche nach Wasser, wie der Motor nach Treibstoff. Es war keine Tankstelle weit und breit zu sehen und von Menschen, war sowieso keine Spur. Das einzige, was ich auf dem Weg sah waren einige Kadaver, die ihr Leben schon hinter sich hatten. Als ich beim Corner Store ankam, parkte ich den Truck direkt vor der Tür und betrat in einem hohen Tempo den Corner Store. Ich traute meinen Augen nicht! So etwas sah ich zum ersten Mal. Auf dem Boden bemerkte ich eine Blutspur, die hinter die Theke führte. Mein Herz pochte und ich schwitzte wie in Strömen. Ich ging tief in mich, ich hatte Angst, dennoch musste ich der Sache auf den Grund gehen. Also tat ich es. Langsam näherte ich mich dem Tresen und riskierte einen Blick. Was ich dort sah, habe ich bis jetzt nur in Horror Filmen gesehen. Der Verkäufer lag regungslos und enthäutet auf dem Boden. Was mir sofort auffiel war, dass Innereien auf dem Boden lagen. Ich nahm mir ein paar Kanister, schmiss sie in den Wagen und betätigte die Zündung, aber der Van sprang nicht an. Schweißperlen tropften aufs Lenkrad und zu meinem Glück klappte es beim vierten Versuch. Ich fuhr mit hoher Drehzahl auf die Straße zu und hinterließ Reifenspuren auf dem Asphalt. Mein Vater wollte, dass ich vor Sonnenuntergang Heim kehre, doch vergebens. Die Sonne verschwand langsam hinter den Bergen und die Finsternis umgab Texas. Als wäre das noch nicht genug, war die Reserve an Benzin auch verbraucht. Ich war außer mir und dachte über den Verkäufer nach. Was ist ihm nur widerfahren? Wer war es? Ich schaltete das Radio ein, es lief „Highway to Hell“. Als ich den Sender wechseln wollte, ging es nicht. Das Radio spann. Die Erdmännchen pfiffen, der Wind tobte und ich schaltete das Radio aus. Ein Auto näherte sich, ich gab ein Zeichen, doch er fuhr weiter. Meine Wut stieg. Ich fluchte ohne Pause, aber was ich dann sah, ließ mich schweigen. Der schwarze Jeep blieb stehen und fuhr rückwärts auf mich zu. Der Fahrer gab Gas und ich sprang zur Seite. Meine Atmung  war ungewöhnlich schnell und ich hörte meinen Herzschlag. Ein Mann stieg aus dem Wagen und sah mich an „musst du nicht schon schlafen, was suchst du in dieser Finsternis in meinem Territorium?“

Nachdenklich antwortete ich „Mein Sprit ist alle. Was meinst du  mit deinem Territorium?“

Er lachte und kam näher. „Steig in den Wagen, wir fahren kurz zu meiner Hütte, um dir Sprit zu besorgen“

Ich schwieg für einen Moment… Das ist sehr nett von ihnen, Sir, aber mein Vater ist schon auf dem Weg, trotzdem danke. Verständnislos sah er mich an und sprach zu mir ,,Das war keine Frage, sondern ein Befehl!“

Ich sah eine Machete an seinem Hosenbund und sagte aus Angst, dass ich mitkommen würde. Ich stieg in den Wagen. Es war kalt. Auf dem Fahrersitz waren ein paar rote Flecken. Ich konnte nicht genau identifizieren, worum es sich hierbei handelt. Er stieg ein und startete den Motor. Nachdem er mich anblickte, gab er kräftig Gas. Der schwarze Jeep rollte über Schlaglöcher und ein Erdmännchen-Kadaver. War es mein Ende? Ist es wirklich vorbei oder fängt es gerade erst an? Ich weiß es nicht! Vielleicht war es nur ein Traum, doch es fühlte sich zu echt an. Was könnte ich tun? Ein Plan wäre ideal, wenn ich wegrenne bin ich möglicherweise tot und wenn ich ihn bitte, mich gehen zu lassen, wird er es ablehnen. Er fing an zu reden „Wie ist dein Name?“

Ich antwortete mit zittriger Stimme „W … W … William. Ich heiße William“

Er packte mich an der Schulter und guckte mir in die Augen „Hast du Angst?“

Meine Lippen bekamen kein Wort zustande. Wir fuhren schon knapp eine Stunde und ich war müde. Ich fragte ihn, ob er etwas zu trinken habe. Er gab mir eine Wasserflasche, das Wasser war nicht gerade sauber, doch ich trank es. Nach einiger Zeit öffnete ich meine Augen und sprang auf. Wo war ich? Ich lag auf einem kleinen Bett wie bin ich hier gelandet? Ich stand auf und ging durch das Zimmer. Was ich sah, waren Tierköpfe. Sie wurden wie Bilder an die Wände gehängt. Mir war mulmig zumute und Schauer liefen meinen Rücken hinunter. Ich ging durch einen schmalen Eingang und eine tiefe Stimme ertönte „William, gut geschlafen?“

Ich ging rückwärts Richtung Zimmer zurück und stolperte. Die Person, dessen Namen ich noch nicht kannte, kam auf mich zu. Ich stand auf und stand regungslos vor ihm „Wer bist du? Verdammt! Und wieso hast du mich gezwungen, mitzukommen? Lass mich gehen“. Sein grausamer Blick traf mich und er fing an zu summen. Die Melodie kam mir bekannt vor. Welcher Song war es? Dann fiel es mir ein: „Highway to Hell“. Es kam mir vor wie ein Déjà-vu´ und eine Botschaft zu gleich. Er sagte, dass ich schlafen solle. Ich ging ins Zimmer und schloss die Tür. Irgendwann würde Rettung kommen, doch bis dahin muss ich überleben. Entkräftet fielen mir die Augen zu.  Dann ich wurde von Geräuschen aus meinem Traum gerissen. Ich spähte durch das Schlüsselloch und was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Der Mann, der mich hierhin gebracht hat, hielt eine Machete in der Hand und schnitt die Hand seines Opfers ab. Das Schlimme war, dass es keine Leiche war. Der Mann lebte und schrie! Er schrie so laut, dass man es nicht überhören konnte. Mein Instinkt sagte mir: Flüchte! Diesem folgte ich. Ich öffnete leise das Fenster und kletterte hinaus. Als ich draußen war, rannte ich. Ich rannte wie nie zuvor. Komischerweise hörte ich keinen Schrei mehr, es war still. War er tot? Oder hat er sein Bewusstsein verloren? Ein Schuss traf mein Bein, ich schrie. Meine Flucht ist gescheitert und eine Kugel hat sich durch mein Fleisch gefressen. Die Schmerzen waren unerträglich und ich drehte mich um. Der Mann rannte mit einem Baseballschläger auf mich zu und schlug zu. Als ich wieder bei Bewusstsein war, sah ich Fesseln. Ich versuchte mich zu befreien, doch es war unmöglich. Der Unbekannte sah, dass ich wach bin und zog mich in einen Raum. Er ging zu dem leblosen Opfer und sah mich an. Parallel dazu stach er seine Augen mit einer Gabel aus, es war schrecklich. Er schrie „William, willst du, dass ich das selbe auch mit dir anstelle? Willst du das?“

Ich schüttelte den Kopf ,,Bitte lass mich gehen!“

Er lächelte mich an mit seinen verfaulten Zähnen „Nein, das wäre viel zu einfach. William, du hast die Wahl! Soll ich erst mal deine Zunge abschneiden oder lieber dein Bein? Das brauchst du sowieso nicht mehr, denn du wirst hier enden“

Er summte die Melodie des Todes und lachte.

Es war für mich, als wäre ich schon im Jenseits. Eine Stimme sprach aus meinem Unterbewusstsein zu mir. Sie sagte mir, dass ich flüchten solle. Ich kenne die Stimme. Es war die meiner Mutter. Sie gab mir Kraft zum Nachdenken und der Mann mit der Machte am Hosenbund rannte in ein anderes Zimmer. Der Schlüssel für die Fesseln muss doch irgendwo sein, dachte ich mir. Ich blickte auf die Leiche, dann auf den Tisch neben mir. Kein Schlüssel weit und breit. Was jetzt? Als ich Schritte hörte, schreckte ich zurück und legte mich wieder hin. Ich hörte ein Rascheln, als der Mörder zurückkam. Er wendete sich der Leiche zu und kümmerte sich um das Gesicht. Ich sah nicht genau was er machte, aber plötzlich sah ich den Schlüssel. Der Schlüssel war in seiner hinteren Hosentasche, also brauchte ich den perfekten Masterplan. Ich musste alles auf eine Karte setzen in der Hoffnung weiterzuleben.