shadow

Der Meisterspion

Der Meisterspion

von Clemens Poon

Paul war wieder komplett im Geschehen. Gerade kämpfte der Sechstklässler zwischen den Hochhäusern mit seinem eisernen Schwert und seiner goldglänzenden Rüstung gegen hunderte von Drachen und rettete die Welt. Dort steht der Held der Stund, auf der Kinderrutsche neben den kaputten Schaukeln. Doch eine Sache, dachte er, eine Sache ist hier faul. Genau! Er spürt die Blicke seinen Körper hinaufkrabbeln, die Blicke, die versuchen, seine unermessliche Kraft zu ermessen. Ein Spion! Ein Spion beobachtet ihn. Hat der Staat ihn endlich gefunden und seine Kraft erkannt? „Hey du! Spion!“, schrie er zu dem blonden Jungen, der auf einer Parkbank neben dem Spielplatz saß. „Nenne mir deine Mission und deinen Auftraggeber“, befahl Paul mit dramatisch betonter und extra tiefer Stimme. Der Junge mit dem zahnstocherartigen Körper starrte Paul nur mit einem verwirrten Blick an. „Hallo? Jemand da? Du musst einer dieser Meisterspione sein. Hat man dir im Laufe deiner Spion-Ausbildung die Zunge zum Beweis des Vertrauens abgeschnitten?“, fragte Paul. „Wie auch immer! Ohne Zunge kannst du natürlich nicht reden, ist ja selbstverständlich! Dennoch würde mich, von deinem Auftraggeber mal abgesehen, dein  Name interessieren“, sagte Paul, wieder mit normaler Stimme. Der Junge zeigte auf seinen Ranzen, der neben ihm mit auf der Bank lag. Paul blickte auf den Ranzen „Chris-ti-an Müll-er“, las Paul langsam und jede Silbe extra betonend, „Interessant, ziemlich normal für einen Meisterspion. Bist du überhaupt einer?“, fragte Paul enttäuscht. Christian schüttelte lustlos den Kopf. „Bist du ein Verbündeter?“ rief Paul energisch, Christian zuckte mit den Schultern. „Naja, zumindest bist du nicht feindlich, und damit bekommst du schon mal ein paar Pluspunkte bei mir. Sei stolz drauf!“, gab Paul voller Selbstbewusstsein von sich. Dann verabschiedete er sich: „Ich muss los! Die Welt retten! Bis morgen dann!“

Am nächsten Tag kam die Millionen-Mann-Armee mit dem Namen Paul wieder zum Spielplatz und versuchte wieder, Christian mit seinen Abenteuern zu beeindrucken. Aber egal welche seiner großartigen Geschichten Paul erzählte – ob vom Unterwasserkampf mit einem riesigen Leviathan oder von der Schatzsuche in Südafrika – Christian reagierte immer gleich, er blickte ihn nur verwirrt an. Da kam Paul die Idee, dass vielleicht die Erzählungen zu langweilig sind und er Christian etwas zeigen müsste. Daher holte er einen seiner Schätze hervor. „Die Flammen des Hendricks“, sagte er stolz und zeigte auf zwei Stöcke, die in Schwertform mit schwarzem Panzertape zusammengeklebt waren. „Ganz recht. Ein Schwert, von mir selbst geschmiedet, Paul Hendricks dem Großen.“ Paul hat es geschafft, Christian war erstaunt und blickte nicht Paul, sondern mit funkelnden Augen auf „Die Flammen des Hendricks“. Paul freute sich gewaltig. „Ich hab noch mehr, weißt du?“, kommentierte Paul. „Willst du mit in mein Geheimversteck?“ Christian nickte energisch und beruhigte sich dann wieder, als würde er sich zurückhalten. „Dann lass uns mal los.“ Christian nickte zögerlich und stand von der Parkbank auf. Sie wanderten zwischen den fast endlosen Hochhausreihen hindurch und kamen zu einem abgelegenen Waldstück. „Hier durch die Brennnesseln“, sagte Paul. „Tolles Abwehrsystem, oder?“ meinte er, als sie sich durch das Dickicht kämpften. Nach einer zehnminütigen Wanderung durch den Wald kamen sie bei Pauls Geheimversteck an. In einem Meer von Gebüsch lag eine freie kreisrunde Stelle mit kaputten und heruntergekommenen Möbeln. Von einer Mauer aus Stöcken, Laub und kaputten Möbelteilen wird die Geheimbasis vor der tödlichen Armee der Mutter Natur geschützt. In dem Geheimversteck steht eine Bank mit Windschutz und Dach. „Sieht aus wie eine Bushaltestelle, oder?“ „Guck mal hier, Christian!“ sagte Paul und zeigte auf ein ferngesteuertes Auto mit einem Stock, der oben auf das Dach geklebt war. „Das ist der legendäre Ritter von Hendricks, er kämpfte mit mir in vielen Schlachten, auf seinem eisengepanzerten Ross und mit seiner unzerstörbaren Lanze.“ Und wieder hatte Paul einen Treffer gelandet, Christian war fasziniert. Paul zeigte noch viele andere seiner Gefährten und legendären Waffen, und dann zeigte er seinem neuen Gefährten etwas ganz Besonderes: „Die Schatzkammer des Großen Hendricks!“ schrie Paul voller Stolz während er mit rausgedrückter Brust auf einem wackeligen Plastikstuhl stand. Paul öffnete eine Kommode, die zur Hälfte mit Moos bedeckt war. In der Schublade waren so viele Plastikgolddublonen, dass man den Boden nicht mehr sah. Oben drauf lagen Chips, Cola, Schokolade und Kaugummi. „Das sind die Beutezüge meiner letzten Abenteuer, ich musste in das uralte Verließ des Großen Aldis, dort wurde ich der Prüfung der Gier unterzogen. Um meinen Schatz zu erlangen, musste ich all mein erspartes Hab und Gut hergeben.“ Während Paul von seinem Einkaufsabenteuer erzählte, sah Christian sich im Geheimversteck um. Er erblickte ein gerahmtes Bild einer etwa dreißigjährigen Frau und nahm es in die Hand, um es genauer zu betrachten. „Gib das her!“, schrie Paul panisch, als hätte Christian seine Schatzkammer leergeräumt. Christian guckte Paul erschrocken an. Paul sagte beschämt: „Tut mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken. Es ist nur so, dass das hier das einzige Foto meiner Mutter ist, das ich habe.“ Christian sah Paul immer noch sehr verwirrt an. „Meine Mutter ist zwei Jahre nach meiner Geburt bei einem Autounfall gestorben“, sagte Paul mit immer leiser werdender Stimme. Christian verbeugte sich vor Paul in einem fast schon rechten Winkel, um sich zu entschuldigen. „Alles gut, ich kann mich eh nicht an sie erinnern. Äh, hast du vielleicht Hunger?“ Christian richtete sich wieder auf und nickte. „Dann komm mal mit!“ Paul und Christian gingen wieder zurück zu den endlos hohen Hochhäusern. Sie landeten vor einem Hauseingang, einem Saga-Hochhaus. „Hier wohne ich mit meinem Vater. Er ist nicht der beste Koch, aber man kann es essen.“ Sie gehen hinein und stellen sich in einen Fahrstuhl. „Den ganz oberen Knopf musst du drücken, neunter Stock.“ Oben angekommen hielt Christian auf dem Weg zur Wohnungstür an einem Fenster an und staunte. „Ja, ich weiß, mein Königreich sieht von oben noch schöner aus, oder?“ Christian nickte, während er immer noch staunend auf die Welt hinabblickte. „Kommst du rein?“ Paul stand schon in der Wohnung und wartete auf ihn. „Paul?“, hörte man einen Mann rufen. „Ja, ich bin es, Papa. Ich habe einen Freund zum Essen mitgebracht.“ „Einen Freund!?“, fragte der Mann erstaunt. Christian kam in die Wohnung, zog seine Schuhe aus und sah die größere Version von Paul in der Küche stehen. Sie sahen aus wie Brüder. Der Mann hatte wie Paul dunkelbraune unordentliche Haare und ein breites Grinsen im Gesicht. „Ach du hast ja wirklich jemanden mitgebracht!“ er stellte den Topf Nudeln beiseite und beugte sich zu Christian. „Hat er dich bezahlt? Entführt!?“ Christian schüttelte den Kopf. „Papa! Du bist peinlich. Warum sollte er denn nicht aus freien Stücken mit mir befreundet sein?“ „Ich weiß ja nicht, ich hab mich nur gewundert, dass du so plötzlich einen Freund hast. Naja, ich bin Pauls Papa. Nett dich kennenzulernen.“ „Christian!“, rief Paul aus seinem Zimmer, „Christian heißt er, er redet nicht viel, er ist ein Meisterspion ohne Zunge.“ Pauls Vater zog eine Augenbraue hoch und fragte: „Ein Meisterspion? Hat der Meisterspion vielleicht Hunger?“ Christian nickte. Pauls Vater, Paul und Christian aßen zusammen am Esstisch leicht angebrannte Spaghetti Bolognese und Paul erzählte von seinem Tag. Nach dem Essen sprang Christian mit einem Blick auf die Uhr auf und rannte zur Tür. Er zog seine Schuhe hektisch an, verbeugte sich vor Paul und seinem Vater und rannte zur Treppe. Paul blickte seinen Vater fragend an, worauf der nur mit einem Schulterzucken antwortete. Paul machte sich Sorgen und versuchte Christian zu verfolgen. Er drückte auf den Knopf des Fahrstuhls und wartete. „Was braucht der so lange?“ fragte Paul sich. „Na, dann halt die Treppen“, maulte Paul genervt und sprang die ersten paar Stufen runter. Als er unten ankam, war keine Spur mehr von Christian zu sehen, woraufhin Paul niedergeschlagen in die Wohnung zurückging. Am nächsten Tag fragte Paul Christian, ob er am Wochenende schwimmen gehen wolle. Christian zögerte und gab keine Antwort, nach einem Moment des Schweigens seufzte Christian und nickte. „Cool, wir sehen uns dann Samstag um 12 beim Freibad. Ich muss wieder los, bis dann!“ sagte er und verschwand.

Den Tag im Schwimmbad konnte Paul gar nicht genießen. Er machte sich durchgehend Sorgen um Christian. Diese Sorgen entstanden durch Christians mit blauen Flecken übersäten Körper. ‚Wer würde Christian so etwas antun?’, dachte sich Paul. Ihm fiel auch auf, dass alle blauen Flecken an Stellen waren, die man mit Kleidung nicht sehen kann, als würde jemand sie verstecken wollen. Paul kam ein scheußlicher Gedanke, er wolle ihn nicht wahr haben. Paul überlegte, dass vielleicht, aber auch nur vielleicht, Christians Eltern für die blauen Flecken verantwortlich waren. Er hat sich den ganzen Tag den Kopf darüber zerbrochen. Ihm war klar, dass er dieses Problem nicht ohne Hilfe bewältigen könnte, also fragte er seinen Vater. „Papa? Wenn du weißt, dass es einem Freund sehr schlecht geht und du weißt nicht warum, was würdest du tun?“ „Wenn du mutig genug bist, dann versuchst du deinem Freund zu helfen. Aber vergiss nicht, dass es noch mehr Mut kostet, die Last deines Freundes mitzutragen.“ Paul nickte mit einem Lächeln und sagte „Danke Papa. Du weißt ja nicht, wie viel mir das gerade geholfen hat.“

Am nächsten Nachmittag auf dem Spielplatz nahm Paul all sein Mut zusammen und sprach mit Christian. „Woher kommen deine blauen Flecken?“, fragt er gerade heraus. Christian wirkte überrascht und sah ihn beschämend an. „Wirst du gemobbt?“ Christian schüttelte den Kopf. „Schlagen dich deine Eltern?“, fragte Paul mit versteckt geballter Faust. Christian blickte auf den Boden, er nickte. Paul entspannte seine Hand wieder und ging still neben Christian entlang. „Soll ich dich nach Hause begleiten?“ Christian antwortete mit einem Kopfschütteln. Paul räusperte sich und murmelte: „Na gut, ich geh dann mal“, und ging mit schnellen Schritten in Richtung seiner Wohnung. Sobald er aus der Sichtweite von Christian war, hielt Paul an und drehte um. Bis zu einem Reihenhaus verfolgte er Christian, und dort blieb er vor einer Haustür stehen. Christian blickte zum Himmel, Paul spürte seine Hilferufe. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, ohne dass Christian geklingelt hätte, eine blonde Frau mit wilder Frisur in dreckiger Yoga-Kleidung stand vor Christian. Wild fuchtelnd und schreiend zog sie ihn in die Wohnung und schlug die Tür zu. Paul hörte Geschirr zerbrechen, ihm strömte das Adrenalin in die Beine, er musste etwas tun können, also lief er zur Tür und klingelte um sein Leben. Die Frau öffnete die Tür und fragte mit genervter Stimme „Wat willste, Kleener!?“ Paul versuchte an ihr vorbei zu sehen. Er sah Christian auf dem Boden sitzen, neben ihm zerbrochene Teller und Tassen. Paul schubste die Frau mit voller Kraft zur Seite und rannte zu seinem Freund. „Christian!“, rief Paul. Christian sah ihn mit leerem Blick an, als wäre er nicht hier. Christians Mutter schrie: „Wie kannst du Balg es wagen mich hier zu stören?“ Paul stellte sich schützend vor Christian und schrie „Du alte… du alte Hexe! Niemand darf Christian schlagen! Ich lasse das nicht zu!“ „Er ist schuld! Er ist schuld daran, dass mein Mann mich verlassen hat und ich keine Arbeit finde! Da ist es selbstverständlich ihn zu bestrafen!“, schrie sie zornig. „Hören Sie sich eigentlich zu? Sie sind eine Blöde Kuh, eine… eine… dumme Hexe! Nur weil Sie nicht damit klarkommen, dass Sie Fehler gemacht haben, muss Christian nicht leiden!“ „Meine Mutter ist vor 10 Jahren gestorben und trotzdem“, schrie Paul aus seiner Seele heraus „trotzdem ist sie eine bessere Mutter für mich als sie für Christian.“ „Du lügst!“, schrie Christians Mutter „Ich kann nichts dafür! Christian ist schuld! Da-dass kann nicht sein!“, stotterte sie vor sich hin und fiel auf die Knie mit Tränen im Gesicht. Paul blickte zu Christian, der wieder auf unserer Welt gelandet ist. Paul griff nach Christians Hand und sagte: „Christian! Wir gehen!“ Christian nickte. Draußen hörten sie Christians Mutter schluchzend „Christian!“ rufen. Paul und Christian gingen in die Wohnung von Paul und erklärten Pauls Vater, was geschehen war. Pauls Vater rief beim Jugendamt an und versprach Christian, dass er sich keine Sorgen um seine Mutter machen soll, Christian könne zu jeder Zeit seine Mutter besuchen.

Monate später hat sich alles einigermaßen beruhigt, Christians Mutter lebt in einer Klinik, wo sie behandelt wird. Sie hatte eingesehen, dass sie falsch lag und war bereit sich zu bessern. Und Christian ist bereit sich seiner Mutter wieder zu nähern, jedoch nur in kleinen Schritten. Es sind ein paar Monate vergangen, und die Beziehung von Christian und seiner Mutter hat kleine Fortschritte gemacht, aber es geht in die richtige Richtung und nur das zählt.

Paul ist wieder komplett im Geschehen. Gerade kämpft der Sechstklässler zwischen den Hochhäusern mit seinem eisernen Schwert und seiner goldglänzenden Rüstung gegen hunderte von Drachen und rettet die Welt. Dort steht der Held der Stund, auf der Kinderrutsche neben den kaputten Schaukeln, doch ‚eine Sache’, denkt er ‚eine Sache ist hier faul.’ Genau! Warum rettet er denn alleine die Welt? Doch dann sieht er am Horizont seinen Kumpanen, den Meisterspion zu ihm laufen. „Keine Sorge, hier bin ich, Christian der Meisterspion mit nachgewachsener Zunge!“.

Ende