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Der Tod lächelt

Der Tod lächelt – Nastasja Dubinin

 

Ich war noch nie gut darin über den Sinn des Lebens nachzudenken, oder warum wir Menschen so sind, wie wir sind. Doch wenn man schon länger als ein Jahr in einem Krankenbett liegt und seinen Tod mittlerweile willkommen heißt, wird man plötzlich zum einem geistigen Denker seiner Zeit, der alles und jeden hinterfragt. Ich hatte vieles in meinem Leben erlebt, sowohl gute als auch schlechte Erinnerungen. Das, was ich im Moment erlebe ist aber eine absolute Frechheit. Merkt euch eins: Man denkt sich, es kann nicht mehr schlimmer kommen, doch das kann es; viel schlimmer sogar. Dieses freche Lächeln des Todes, der nur darauf wartet mich zu besuchen.

Mein Leben ist voll mit Enttäuschungen, aus einigen lerne ich und an einigen zerbreche ich. Jedes Mal, wenn ich wieder Hoffnung spüre und mir sage:

“ Sam dieses Mal wird die Chemo dir helfen, es wird dir bald besser gehen“, gibt mir das Leben einen weiteren Schlag in die Fresse.

Die Ärzte meinen, dass ich nur Hoffnung spüren muss und dann wird es bei der nächsten Chemo besser. Was ist wenn ich aber kein nächstes Mal mehr will. Der einzige Ort, wo die Schmerzen ein wenig weniger werden ist der Schlaf. Oftmals verirre ich mich in den Träumen und wenn ich dann wieder aufwache: eine weitere Enttäuschung. Mein ganzes Leben eine einzige Enttäuschung.

In Laufe der Zeit, die ich hier verbrachte lernte ich Kate kennen. Sie ist das absolute Gegenteil von mir. Jedes Mal kam sie in mein Zimmer mit einem breiten Lächeln und einem Schokoladenpudding, mindestens früher hatte sie einen Pudding vorbei gebracht, heutzutage kann ich nichts mehr essen. Sie war nicht nur eine Krankenschwester, die kurz reinkam um die Apparaturen zu überprüfen. Sie war eine der wenigen, die sich wirklich für mein Wohlbefinden interessiert haben. Wir haben oft stundenlang über verschiedene Themen geredet. Und genau deshalb bat ich sie um Hilfe.

An diesem Tag fing alles an. Kate kam wie gewohnt vorbei und begann die Apparaturen zu untersuchen.

  • Geht es dir schon ein wenig besser? fragte sie
  • Nicht wirklich. Die Schmerzen sind nicht weniger geworden
  • Das wird schon. Ist halt kein einfaches Fieber… leider
  • Trotzallem hätte ich ein wenig Gerechtigkeit verdient
  • Die Gerechtigkeit wird kommen
  • Ich kann nicht mehr Kate
  • Ich weiß, dass alles gerade nicht so einfach ist aber,…
  • Woran soll ich mich denn noch halten? Das Leben hat mich viel zu viele Schicksalsschläge durchleben lassen. Ich will nicht mehr. Ich will einfach nur noch sterben und wenn ich dir wirklich etwas bedeute, tu mir diesen Gefallen und…
  • Sowas kannst du nicht von mir erwarten
  • Du musst einfach nur die Tabletten besorgen und alles andere das … tue ich selber.

Es herrschte auf einmal eine Totenstille. Nach einer Weile stand Kate langsam auf und verließ den Raum. Nach dem Gespräch besuchte mich Kate eine Weile nicht mehr, nein ich verurteile sie nicht, im Gegenteil ich verstehe sie, womöglich würde ich genau so reagieren. Ich frag mich, was ihr durch den Kopf geht, teilweise fühl ich mich schlecht damit, eine solche Entscheidung einem Menschen zuzumuten. Die Ärzte haben mir bereits den Termin für die nächste Chemo genannt. An diesem Tag kam Kate völlig unerwartet vorbei

  • Bist du dir sicher dass du es dir nicht nochmal überlegen willst? Fragte sie.
  • Ich denke bereits seit Jahren darüber nach.
  • Ich will aber keine Mörderin sein
  • Versuch mich doch zu verstehen. Es ist ein Unterschied zwischen leben dürfen und leben müssen und du wirst keine Mörderin sein, sondern das Gegenteil.

Kate ging weg. Einige Stunden später kam ein älterer Herr herein, er war ein Therapeut, der mir helfen sollte meine Vergangenheit zu akzeptieren und zu vergessen. Meine schlimmste Erinnerung stammt aus der Zeit bevor ich herausfand dass ich Krebs habe. Der Tod hatte mir das Allerwichtigste weggenommen. Ich war auf dem Weg nach Hause mit dem Auto, als plötzlich ein Lastwagen auf mich zu raste , es war der Moment wo sich alles in Zeitlupe bewegte und man wusste aus dieser Situation gibt es keinen Ausweg. Später wurde ich in die Klinik gebracht, das einzige, woran ich mich erinnern konnte, war der Kaiserschnitt. Kurze Zeit später meinte die Krankenschwester leise zu mir, dass es ihr Leid täte.

Ja, ich hatte meinen Sohn verloren. Mein Noch-damals-Ehemann kam erst in diesem Moment an. Das war der Moment, in dem ich einen unendlichen Hass gegen den Tod hatte. Es blieb mir nur eine einzige Erinnerung von ihm: ein Foto auf dem ich unser verstorbenes Kind auf den Armen halte. Auch wenn mich das immer traurig macht: das war die einzige Erinnerung von meinem einzigen Sohn. Ich hatte dem Therapeuten aber nichts davon erzählt, das war mir viel zu persönlich. Einige Tage später verabschiedete sich der Therapeut von mir, da er nach London umziehen würde. Die Rolle des Therapeuten spielte Kate weiter. Ihr allein hatte ich meine Vergangenheit erzählt. Wenn ich ehrlich sein muss: mit der Absicht, dass sie ihre Meinung ändert. Draußen hatte es in Strömen geregnet, dieser Regen spiegelte mein Leben wider. Ich hatte gerade meine Chemo hinter mir, lief nicht gut, um ehrlich zu sein: es ging mir noch schlechter. Ein paar Stunden später kam Kate rein.

Ohne irgendetwas zu sagen, drückte sie mir die Tabletten in die Hand. Ich habe sie umarmt und die Tabletten geschluckt.

Ich sitze in einem Auto, die Straße hat den Anschein dass sie unendlich ist, wohin ich aber fahre … das weiß ich nicht. Ich fahre am unserem alten Haus vorbei. Man sieht mich mit meinem Ehemann und unserem Sohn spielen. Er ist um die fünf Jahre alt – ein schöner Anblick. Rechts von mir kann ich den Sonnenuntergang beobachten, zum ersten seit langem fühle ich mich gut. Plötzlich höre ich ein lautes Hupen und ein Lastwagen rast auf mich zu und dann, dann wache ich auf.

Ich wachte in dem Bett auf, in dem ich schon seit Jahren liege und rechts von mir liegt Kate. Sie hat geweint und hielt meine Hand ganz fest.

  • Das waren nicht die richtigen Tabletten oder?

Bevor Kate antworten konnte, kam ein unbekannter Herr im Arztkittel rein.

-Guten Tag ich bin ihr neuer Therapeut Dr. Strange

– Schön, Sie kennen zu lernen, Dr. Strange, sind sie hier um mir zu helfen meine Vergangenheit zu vergessen?

– Nein, um ehrlich zu sein wurde mir berichtet, dass sie oft Selbstgespräche führen.

Mit einer gewissen Person Namens Kate