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Der Traum

Der Traum – Marilena Ivy Postoy

 

Wie jedes zweite Wochenende verbringt der sechzehnjährige Luis mit seiner jüngeren Schwester Alena die Tage bei ihrem Vater.

Als die beiden am Sonntagabend nach Hause kommen, geht Luis die Treppen hoch in sein Zimmer, in dem Bilder an einer Wand hängen. Er starrt, wie so oft auf das Bild, das eine glückliche Familie zeigt und schmeißt seine Tasche in die Ecke. Doch diese schöne und harmonische Zeit ist vergangen und existiert nicht mehr, denn seine Eltern haben sich vor einem Jahr getrennt und seitdem ist nichts mehr wie vorher.

Ihm läuft eine Träne das Gesicht herunter, als er dieses Bild fassungslos anschaut. Auf dem Bild hält sich die vierköpfige Familie mit einem strahlenden Lächeln in den Armen. Und jetzt leben die Eltern getrennt und sprechen nicht einmal mehr ein Wort miteinander.

Doch links neben diesem Foto hängt ein Bild von ihm selbst. Darauf sieht man Luis als vierjährigen kleinen Jungen. Er trägt ein Fußballtrikot, das ihm viel zu groß ist. In den Armen hält er einen Ball und grinst in die Kamera. Luis wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Sein Blick wandert herüber zu seinem Regal, auf dem viele Pokale, Urkunden und Medaillen zu finden sind.

Seitdem er vier Jahre alt ist, spielt er für seinen Heimatverein. Er wusste schon früh, dass er Fußballprofi werden will, da er ein sehr ehrgeiziger Junge ist. Seine Mutter unterstützt ihn und ist immer für ihn da. Doch sein Vater hält nicht viel davon und interessiert sich eher wenig für das, was seine Kinder machen und vorhaben. Oft streitet sich Luis mit seiner kleinen Schwester. Es sind immer nur Kleinigkeiten, doch das nervt ihn und bei seinem Vater fühlt er sich auch nicht wohl.

Nebenbei schauspielert er sehr gerne und ist deshalb in der Theater-AG seiner Schule. Ihm macht das viel Spaß und er tritt regelmäßig bei Aufführungen der Theatergruppe auf.

In der Schule hat er viele gute Freunde, mit denen er viel Zeit verbringt. Doch es gibt auch einige, die sich lustig über ihn machen, weil er Fußballprofi werden will. Eines Tages, als er aus der Schule kommt, entdeckt er einen Brief, der auf seinem Schreibtisch liegt. Seine Mutter hat ihn dort hingelegt, da sie zur Arbeit musste. Nichtsahnend öffnet er den Brief und fängt an zu lesen. Er wirft sich auf sein Bett und kann es kaum glauben.

Der Fußballclub Borussia Dortmund hat Interesse an ihm und lädt ihn zu einem Probetraining in der nächsten Woche ein. Überglücklich geht er an diesem Abend zu seinem Training. Sein Trainer gratuliert und erzählt ihm, dass bei den letzten zwei Ligaspielen Talentscouts aus Berlin und Dortmund da waren, die auf ihn aufmerksam wurden und beeindruckt von seiner Leistung sind.

Doch bevor er nach Dortmund fährt, steht das Spiel um die Meisterschaft am Wochenende an, wo volle Konzentration gefragt ist. Da seine Eltern getrennt leben, fahren sie ihn abwechselnd zu den Spielen. Das Meisterschaftsspiel ist natürlich sehr wichtig für ihn, deshalb möchte er, dass seine Eltern beide zuschauen.

Also muss er sich etwas einfallen lassen. Mit seiner kleinen Schwester zusammen überredet er seinen Vater zum Spiel zu kommen. Sie erfinden eine Ausrede, indem sie sagen, dass die Mutter an diesem Tag nicht kann.

Drei Tage später ist es soweit. Die Mutter fährt die beiden Geschwister zum Spiel. Kurz vor dem Anpfiff taucht der Vater auf. Er scheint nicht sehr begeistert zu sein, dass seine Kinder ihn angelogen haben. Trotzdem stehen die Eltern zusammen am Geländer, auch wenn sie nur starr nach vorne blicken.

Kurze Zeit später geht es los. Das körperlich betonte Spiel ist sehr ausgeglichen und es gibt einige Torchancen, die aber nicht verwandelt werden. Nach zwanzig Minuten plötzlich eine Schocksekunde, als Luis versucht den Ball vor das Tor zu flanken und dabei schwer gefoult wird. Er bleibt verletzt liegen, wird behandelt und muss hinaus auf die Bank. Der anschließende Freistoß führt zu keinem Tor und so bleibt es beim 0:0.

Auch in der zweiten Halbzeit des Spiels geht es spannend weiter. In der fünfundsiebzigsten Minute lässt sich Luis wieder einwechseln, trotz Schmerzen in seinem Fuß. Der Trainer sagt ihm noch, dass er es nicht übertreiben und sofort Bescheid geben soll, wenn es nicht mehr geht. Luis stimmt zu, klatscht seinen Mitspieler ab und läuft auf das Spielfeld auf seine Position ins rechte Mittelfeld zurück. Ein paar Minuten vor Schluss läuft die Gegenmannschaft auf das Tor zu, doch der Schuss geht glücklicherweise an den Pfosten und prallt ab. Der Ball springt weit ab und die Nummer 10 des Heimteams erobert sich den Ball und kontert in die andere Richtung. Der Spieler dribbelt zwei Gegner aus und spielt anschließend einen flachen, weiten Pass zu Luis herüber auf die rechte Seite. Er nimmt die Kugel an, legt sie sich links an den mitgelaufenen Abwehrspieler vorbei und jagt sie in den linken Winkel des Tores.

Die Zuschauer springen auf und jubeln, das gesamte Team läuft zu Luis und feiert sein Tor. Er schaut herüber zu seinen Eltern, die sich vor Freude in die Arme fallen.

Das Spiel hat doch noch ein gutes Ende genommen! Einer der Gründe: Trotz Verletzung hat Luis sich durchgekämpft.

Am nächsten Tag geht er zum Arzt, der seine Verletzung behandelt und ihm die Erlaubnis gibt zu seinem Probetraining zu fahren. Für Donnerstag und Freitag ist er von der Schule freigestellt worden und fährt mit seinen Eltern nach Dortmund. Zwei Tage hat er Zeit seine starke Leistung zu beweisen. Luis ist zwar aufgeregt, aber durch sein großes Selbstbewusstsein meistert er die Aufgaben.

Der Verein möchte ihn unter Vertrag nehmen und in die Jugendmannschaft aufnehmen. Auf dem Weg nach Hause denkt er viel nach.

Ist es wirklich das Beste und das Richtige nach Dortmund zu gehen? Die Familie und Freunde zurück zu lassen? Gerade jetzt, wo sich seine Eltern wieder vertragen? Den Berufswunsch als Schauspieler aufzugeben und ein neues Leben mit gerade mal 16 Jahren anzufangen?

Zuhause angekommen, trifft er die Entscheidung. Er nimmt das Angebot aus Dortmund an. Seine Eltern nehmen ihn traurig in den Arm, sind aber sehr stolz auf ihren Sohn. Eine Woche später packt er seine Sachen in den Koffer ein, verabschiedet sich noch von seinen Freunden und dem Team, dem er alles zu verdanken hat.

Mit seiner Familie fährt er in seine neue Heimat, wo er seinen ersten Profivertrag unterschreibt. Zwar wird er die Menschen zuhause vermissen, aber umso mehr freut er sich auf die neue ungewisse Zeit, die auf ihn zukommt.