shadow

Der Weg in die Freiheit

Der Weg in die Freiheit / El camino hacia la libertadMaria Lourdes Kirchmann

 

Fünf Tote und Noah war einer von ihnen. Ich hatte versucht ihn davon abzuhalten. Das hatten wir alle, aber er wollte nicht hören. Als er von den Aufruhren in Selma, nur einen Tagesmarsch von unserer kleinen Stadt entfernt, hörte, zog es ihn und vier weitere dahin. Sie wollten Jimmy gedenken, einem jungen schwarzen Landarbeiter, der auf den Feldern nahe Spring Hill gearbeitet hatte. Ein anständiger Junge, der uns immer freundlich grüßte und sich vor allem mit Noah gut verstand. Eine Freundschaft dieser Art war selten und wurde nur ungern gesehen in Alabama. Vor allem hier im Spring Hill County. Jimmy Lee Jackson wurde von einem Polizeibeamten erschossen, als er versuchte diesen davon abzuhalten einen älteren Schwarzen zu verprügeln. Zu Noahs Tod war jedoch nicht viel bekannt. Die örtliche Zeitung The Spring Hill Observer berichtete nur in einem Zweizeiler darüber.

  1. Februar 1965, Selma – Zwei weiße Jugendliche (Noah A. (20) und Billy B. (16)) starben bei einer Auseinandersetzung. Mit ihnen drei Negroes. 

Kurz darauf vereinbarten wir ein Treffen in der verlassenen Henderson-Farm am Stadtrand, welche seit dem Tod des alten Bernie Henderson im Januar unter den anderen Anwohnern in Vergessenheit geraten war. Wie immer im Schutz der Dunkelheit, um keinen Verdacht zu erregen. Denn Spring Hill war eine kleine Stadt und neuer Klatsch verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Auch wenn die Stadt sonst eine recht harmonische Gemeinschaft bildete, trafen bei dem Thema Gleichberechtigung die Fronten aufeinander. Wie in den restlichen Nachbarstädten war auch hier die Anzahl der Befürworter des 1964 beschlossenen Civil Rights Act, indem unter anderem die Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen für gesetzeswidrig erklärt wurde, verschwindend gering. Aus diesem Grund hielt Spring Hill an seinen konservativen Werten fest, sodass kaum eine Veränderung zu spüren war. Vor allem Mabel Cropper, die Frau des Sheriffs, setzte sich nahezu fanatisch für die Ausgrenzung der Negroes ein und beobachtete jeden, der sich nur im Mindesten für die Rechte der Schwarzen einsetzte, mit Argusaugen. So auch Miles, Sarah, Clayton, mich und früher auch Noah. Er war der Einzige von uns gewesen, der sich etwas traute, für seine Überzeugung kämpfte und deswegen starb er. Die Trauer darüber drohte mir die Kehle zuzuschnüren, meine Lider kamen mir unbegreiflich schwer vor und mein Bauch zog sich bereits beim Gedanken an das bevorstehende Treffen zusammen.
„Ich habe nicht vor für die Rechte anderer zu sterben, Miles.“, meldete sich Clayton zu Wort. Er war als letzter dazugekommen.

„Bei allem Respekt, mein Leben ist mir mehr wert als das eines dahergelaufenen Niggers, denn ich kann etwas erreichen. Genügt es nicht, dass Noah schon gestorben ist? Das alles wird sich doch sowieso nicht ändern!“ Seine blonden Haare wippten mit, als er energisch gestikulierte. Die Kerze in der Mitte des Tisches an welchem wir saßen tauchte den ganzen Raum in ein schwaches, warmes, gelbes Licht. Gelegentlich verschaffte eine Windböe sich den Weg in das, was früher ein Esszimmer gewesen sein musste, indem sie durch die maroden Fensterrahmen zog und die Kerze gefährlich flackern ließ. Ich saß Miles gegenüber, der Clayton wie gelähmt anblickte. Nur seine Unterlippe zitterte kaum merklich und seine blauen Augen hatten jeglichen Ausdruck verloren. Von uns allen war er am besten mit Noah befreundet gewesen. Claytons Worte mussten ihn tief getroffen haben, denn sonst bekam man ihn nie zum Schweigen. Miles hatte zu Noah aufgesehen, wie wir anderen auch und dennoch wandte Clayton unserer Sache jetzt einfach den Rücken zu.

„Clayton hat Recht“, murmelte Sarah und spielte nervös an ihrem Rocksaum. Dann hob sie den Blick, den sie zuvor stur auf den Tisch gerichtet hatte, „es muss doch einen Grund geben. Für …„, sie stockte, „… für ihre Andersartigkeit. Ich meine letztendlich tut der Herr doch alles, um uns etwas zu vermitteln. Vielleicht ist es Zeit zu erkennen, dass es verschiedene Menschen gibt. Einige die mehr und einige die weniger wert sind. Letztendlich funktioniert es doch in …“

„Funktionieren?!“, unterbrach Miles sie mit bebender Stimme. „Wir behandeln Menschen wie Tiere und fühlen uns im Recht. Das kann so doch nicht gewollt sein! Was ist denn jetzt auf einmal mit der Nächstenliebe, die dein Vater jeden Sonntag in der Kirche anpreist? Oder gilt die nur unter bestimmten Auflagen? Zwei Jahre lang geht das schon so. Wir reden und reden und trauen uns doch nichts! „ –

“¿Funcionar?”, Miles dijo con voz temblorosa,

“tratamos a personas como animales e incluso pensamos estar en lo cierto. Eso no puede estar bien. ¿Ahora, en dónde se queda el amor al prójimo del cual tu Padre nos habla cada domingo en la iglesia? ¿O solo vale bajo algunas circunstancias determinadas? Desde dos años está así: ¡Hablamos y hablamos pero nunca nos atrevemos a hacer algo!”

 

– „Es ist mir egal ob die Cropper es mitbekommt aber wir müssen endlich aktiv werden. Sonst bringen unsere Treffen doch gar nichts.“

Clayton war vor Scham knallrot angelaufen und fummelte nervös an seinem Brillengestell, welches ihn um viele Jahre älter wirken ließ. Sarah schluchzte leise vor sich hin. Sie sah so zerbrechlich aus, dass ich aufspringen und sie in den Arm nehmen wollte. Ich mochte keinen Streit. Hatte ihn nie gemocht, weil ich immer zwischen die Fronten geriet. Konflikten auszuweichen – es machte alles so viel einfacher. Jeder setzte sich anders mit Noahs Tod auseinander und ich konnte sowohl Miles Enttäuschung verstehen, als auch Sarahs und Claytons Angst. Miles war inzwischen vom Tisch aufgestanden und lief angespannt von einem zum anderen Ende des Raumes. Seine Wut war verflogen.

„Wir können ihn doch nicht einfach so verraten.“

„Miles, wir befinden uns in einer schwierigen Situation. In einer aufgewühlten Zeit, denn nicht jeder denkt so, wie wir“, wandte ich ein und war überrascht wie sicher meine Stimme klang.

„Wir dürfen nicht aufgeben aber ebenso wenig ist es nützlich wenn wir uns jetzt zerstreiten. Wer gehen will, soll gehen. Wer bleib,t der bleibt. Kein böses Blut.“

Er nickte zögerlich und eine unangenehme Stille entstand, die von einem Stuhlrücken unterbrochen wurde. Es war Clayton.

„Ich will nicht sterben, Jasmine“, sagte er und blickte mir in die Augen.

„Es sind so viele dagegen. Die werden doch einen Grund haben. Und selbst wenn solche Leute Rechte zugesprochen bekommen, was bringt es uns?“  Auch Sarah stand auf und die beiden gingen wortlos zur Tür. Miles lehnte an der Wand und lächelte mir traurig zu. Als wir das Haus verließen, murmelte er „Kein böses Blut“. Immer wieder. Wie ein Mantra.

*

Ich wusste nicht, wie spät es war, schätzte jedoch es müsste ungefähr Mitternacht sein, da die Straßenbeleuchtung aus war. Die Hauptstraße, an welcher Miles und ich entlang gingen, blickte uns wie ein pechschwarzer Abgrund entgegen und die Häuser wirken wie Krähen entlang einer grauen Schnur, die sich in Form des Bordsteins durchgängig entlang zog.

„Danke Jasmine“, sagte er.

„Gerne“, flüsterte ich. „Es kostet Überwindung und Mut das Richtige zu tun. Noah hatte ihn und ich hoffe wir auch.“

Wir gingen schweigend weiter bis ein Licht am Straßenrand auftauchte, das sich stark von dem Rest der Umgebung absetzte.

„Das sieht aus wie eine Lampe“, wies ich Miles darauf hin. Langsam, zögernd gingen wir darauf zu.

„Ich glaube da ist jemand.“ Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, als wir uns der Silhouette näherten und ich meinte, ein leises Wimmern zu hören.

*

Zusammengekauert saß sie vor uns auf dem kalten Asphalt und sah aus wie ein Kind, das von seinen Eltern getrennt wurde. Ihr Schluchzen hallte überlaut in der nächtlichen Stille und ihr Körper bebte jedes Mal mit.

„Ebony beruhige dich“, redete Miles leise auf sie ein und strich ihr sanft die Tränen von den ebenholzfarbenen Wangen. Ich kannte Ebony weil sie oft in dem Laden meines Vaters die Einkäufe erledigte. Sie war das Dienstmädchen des Sheriffs und ich schätzte sie auf etwa 16 Jahre. Ihre Haare waren vollkommen zerzaust und ihr sonst so adrettes Dienstkleid zerknittert und beschmutzt. Ich hatte eine böse Vorahnung und war heilfroh, dass Miles bei mir war. Wir wechselten einen Blick. Er dachte also genauso wie ich.

„Schau mich an Ebony. Wir müssen wissen was passiert ist, sonst können wir dir nicht helfen“, erklärte ich ihr, während ich mich zu ihr auf die Straße setzte. Sie hielt Miles Hand fest umklammert und rang sichtlich um Fassung.

„Ma’am der Sheriff er …“, ihre Stimme brach und sie kämpfte mit den Tränen, „er hat Dinge getan“

„Was für Dinge?“

„Unchristliche Dinge Ma’am. Er band meine Arme zusammen. Hier Miss Jasmine.“ Sie zeigte auf die aufgeriebenen Stellen an ihren Handgelenken.

„Nenn mich bitte nur Jasmine“, wandte ich ein. Mit einem Nicken gab Miles ihr zu verstehen, dass sie weitererzählen sollte.

„Dann nannte er mich etwas, etwas, dass ich nicht wiederholen möchte. Es gehört sich nicht für einen Negro, Ma… Jasmine. Er küsste mich, fasste mich an und zerriss mein Kleid.“ Erst jetzt fiel mir auf, dass ihr Kleid nicht nur schmutzig war sondern auch Risse hatte, die jedoch von der Schürze bedeckt wurden. Verlegen zupfte sie daran rum.

„Als ich versuchte mich zu wehren, schlug er zu und so, der Herrgott verzeih‘ mir, gab ich schließlich nach. Immer wieder sagte er, ich sei sein Besitz und bloß ein Tier. Er dürfe mit seinem Besitz machen was er wolle. Ein Nigger ohne Rechte, so nannte er mich. Sagte, ich hätte es so gewollt. Wieso müsste so ein verkommenes Stück wie ich auch so begehrenswert sein. Seine Hände waren rau und … sie müssen mir glauben …„, sagte sie mit einem flehenden Blick „… ich wollte nur, dass es vorbei geht. Aber dann kam Mistress Cropper nachhause und sah uns. Sie fing an wie vom Teufel besessen zu schreien, warf Sachen nach mir und spuckte mir ins Gesicht. So rappelte ich mich auf, griff nach der Öllampe an der Tür und rannte durch halb Spring Hill County, so wahr mir Gott helfe, bis ich das Bewusstsein verlor.“ Dann brach sie in Tränen aus. „Was soll ich denn nur tun Mr. Miles und Miss Jasmine?“, presste sie hervor und krallte sich an meinem Arm fest.

„Den Sheriff und seine Leute könne wir wohl kaum um Hilfe bitten“, fügte ich bitter hinzu und konnte nicht glauben, wie ein Mensch zu so etwas fähig sein konnte. Er hatte eine Frau und Kinder, jeder in der Stadt vertraute ihm. Aber was, wenn es nicht das erste Mal war, das er so etwas tat? Was wenn Ebony nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und somit auf uns traf. Meine Gedanken überschlugen sich. Niemand würde Ebony glauben. Wenn das Wort eines Weißen gegen das eines Negros stand, war klar wer den Kürzeren ziehen würde. Sie würde einfach verurteilt werden, ohne eine Chance auf Gerechtigkeit.

„Ebony, du kannst nicht glauben wie leid es mir tut, dass du so etwas erfahren musstest“, erklärte Miles ihr mit seiner ruhigen sonoren Stimme. Er strahlte eine Wärme und Zuversicht aus, die den Sturm meiner Gedanken stoppte.

„Aber eins verspreche ich dir: Du wirst nie wieder für diesen widerwärtigen Menschen arbeiten müssen.“, fügte er hinzu. „Mein Cousin Aiden Jekyll hat außerhalb der Stadt eine große Farm. Dort wird sich bestimmt ein Platz für dich finden lassen, nicht wahr Jasmine?“ Ich nickte nur.

„Heute bleibst du erstmal bei mir. Ich bin mir sicher, unsere Amme findet noch einen Platz für dich, wo du dich ausruhen kannst.“ Dankbar fiel Ebony Miles um den Hals und vergaß ihre Schüchternheit. Als sie sich von ihm löste, schaute sie uns beide an mit einem Blick der Dankbarkeit und Zuneigung zugleich ausstrahlte. In diesem Moment drohten die Wut und Enttäuschung mich zu übermannen. Erst jetzt glaubte ich Noah und Miles verstehen zu können. Dieses junge Mädchen hatte so viel durchstehen müssen. Vor drei Jahren hätte ich das sein können. Es war alles so falsch. So falsch, wie sie behandelt wurde. Wie alle Negroes behandelt wurden. Mein Kopf dröhnte. Ich wollte nicht darüber nachdenken, aber ich musste es. Es war Zeit für eine Veränderung. Miles hatte Recht, es war Zeit etwas zu tun und ich wusste auch was.

No quería pensar en eso, pero tenía que hacerlo. Era tiempo de que algo cambiara. Miles tenía razón ya era tiempo de hacer algo y yo también sabía que era.

*

An Häusern mit großen Vorgärten und schattenspendenden Akazien vorbei ging ich in Richtung Stadtzentrum um Miles einen Besuch abzustatten und ihm von meiner Idee zu berichten. Den ganzen Morgen hatte ich damit verbracht im Stadtarchiv über diesen Martin Luther King und seine Bewegung nachzuforschen. Sie hatten schon viel erreicht indem er und viele andere Negroes für die Rechte dieser demonstrierten. Überall im Land. Ich fragte mich, wie nichts von den Neuigkeiten in Spring Hill angekommen war. Sie waren zu Tausenden und obwohl die Bewegung pazifistischer Natur war, hatten sie viel erreicht. Wie eine Welle verbreiteten sie sich und ihre Forderungen über das ganze Land. Selbst der Präsident sympathisierte mit der Bewegung. Weswegen 1964 auch der Civil Rights Act beschlossen werden konnte. Nur dadurch war der Anspruch auf weitere Rechte möglich.

Wir waren also doch nicht allein. Ganz im Gegenteil. Das Land befand sich im Wandel und wir, mittendrin, verpassten ihn. Nur mit Mühe konnte ich einen kleinen Freudenschrei unterdrücken und erntete einen strengen Blick der Bibliothekarin dafür, die mit ihrer Hornbrille und den streng zurückgekämmten Haaren wie eine alte Jungfer aus dem Buche aussah.

Der Spring Hill Observer hatte nie ein Wort über all das verloren, doch ich erinnerte mich in einer der landesweiten Zeitungen, die mein Vater so gerne las, etwas über diesen King gelesen zu haben. Ganz unbewusst und doch fiel es mir gestern Abend wieder ein.

Mit großen und beschwingten Schritten, meine Notizen im Arm, näherte ich mich der Gerberei, die seit Jahren im Besitz von Miles Familie war, als sich mir eine wütende Mabel Cropper in den Weg stellte. Die Hände in die Seiten ihres gelben Sommerkleides gestemmt schaute sich mich hasserfüllt an und eine kleine Falte bildete sich zwischen ihren Augenbrauen. Ihre hochtoupierten roten Haare wirkten unter der heißen Mittagssonne als würden sie in Flammen stehen und in diesem Moment wünschte ich, sie täten es wirklich.

„Jasmine Marie Asher. Ich hätte nie gedacht dass du dich mit diesem elenden Nigger-Pack zusammen tust!“ Sie schrie es beinahe durch die halbe Straße und mich wunderte, dass noch keiner aus den Nachbarhäusern verstohlen durch die Fenster lugte.

„Weißt du denn nicht, was dieses Biest getan hat? Wenn ihr so weiter macht, geraten die noch alle außer Kontrolle!“

„Ich sag‘ ihn etwas Ma’am“, erwiderte ich mit gespielter Höflichkeit, „Ich tu‘ mich viel lieber mit den ganzen Niggern des Landes zusammen, als auch nur eine Minute länger mit ihnen zu plaudern. Und wenn Sie noch einmal so despektierlich über Ebony reden, kann ich ihnen nicht versprechen, dass ich meine Fassung bewahre. Guten Tag.“ Mit der spöttischen Andeutung eines Knicks ließ ich eine völlig perplexe Mabel Cropper am Straßenrand stehen und ich hätte mich nicht besser fühlen können.

*

„Bist du aufgeregt?“, fragte Miles mich während wir mit seinem marineblauen Truck entlang der alten Landstraße in Richtung Selma fuhren. Ich verneinte es, aber irgendwie war ich es doch. Mein Vater hatte kaum mit der Wimper gezuckt, als ich ihn um Erlaubnis fragte mit Miles die Stadt verlassen zu dürfen. Er hatte nicht einmal gefragt wozu, aber das wusste er wahrscheinlich ohnehin bereits. Es schien, als würde ganz Spring Hill wissen, was wir vorhatten und ich fragte mich woher.

„Jasmine“, hatte er gesagt, „ich weiß du tust das Richtige, aber pass auf dich auf.“

Ein Arbeiter in Miles Gerberei hatte das bestätigt, was ich vermutet hatte. Dieser Martin Luther King und tausende Weitere hatten am 7. März einen Demonstrationsmarsch von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama in Andenken an Jimmy geplant. Außerdem setzten sie sich für die landesweite Stärkung der Wahlrechte der Negroes ein, sodass es zu keinen weiteren Vorfällen wie in Selma käme. Dort waren Versammlungen von mehr als drei oder vier Leuten verboten worden und an einem Tag kam es sogar dazu, dass Polizeibeamte Negro-Mitglieder der dortigen Studentenvereinigung mit Elektroschockern folterten, weil diese schwarze Wähler mit Plakaten ermutigt hatten sich registrieren zu lassen. Doch dieser Marsch wurde auf der Edmund-Pettus Brücke vor Selma von den gleichen Polizeibeamten gewaltsam zerschlagen.

„Sind gerannt wie aufgescheuchte Schweine, diese Nigger. Nichts anderes sind sie doch.“ So hatte der Arbeiter die Situation beschrieben und aus dem Augenwinkel hatte ich gesehen, wie Miles seine Hände zu Fäusten ballte.

„Sie hätten die Jim Crow Gesetze nie abschaffen sollen“, meldete sich der Arbeiter wieder zu Wort und spuckte auf die Straße. Diese Gesetze waren bis 1964 gültig gewesen und ein Sinnbild für die menschenverachtende Einstellung, die so viele leiden ließ und zum ersten Mal meinte ich jemanden aus tiefsten Herzen zu hassen, ohne ihn überhaupt zu kennen.

Der zweite Marsch, so schrieb die New York Times, ging aus Deeskalationsgründen nicht über die Brücke hinaus. Als ich aus dem Fenster blickte, war die Sonne dabei unterzugehen und der Himmel versank in Rosa- und Rottönen.

„Die Wolken wirken wie aus Zuckerwatte“, murmelte ich. Es konnte alles doch so einfach sein.

*

Fünf Tage und vier Nächte dauerte der dritte und letzte Marsch. Wir waren umgeben von einem Meer aus Menschen.

„Es sind so viele!“, rief Miles erstaunt aus, der durch seine Größe über einen besseren Überblick des Szenarios verfügte. Als wir an einem Schild mit der großen, einladenden Aufschrift „Willkommen in MONTGOMERY“ vorbeigingen flammte ein ohrenbetäubender Jubel auf. Menschen weinten, fielen sich in die Arme und ein Lied, das ich noch nie gehört hatte wurde angestimmt und doch wirkte es so vertraut. Über uns schwebte ein Helikopter, der Teil der Schutzgarde war, die Präsident Johnson angeordnet hatte, um Übergriffe zu verhindern.

„Wenn das die Cropper sehen wurde“, flüsterte Miles mir ins Ohr und zum ersten Mal seit langem lachten wir ausgelassen. In diesem Moment war alles vergessen. Sarah und Clayton; ganz Spring Hill. Ich hoffte inständig, dass irgendwann Alle gleich sein würden und die Welt ihren blinden Hass überwinden könnte. Für Noah, für Miles und mich, für Ebony und alle anderen, die darunter leiden mussten. Hätte ich diesen Moment einfangen können, täte ich es, aber die Erinnerung würde mir für immer bleiben.

Im August 1965 erließ Präsident Johnson in Zusammenarbeit mit Martin L. King ein neues Wahlrechtsgesetz, dass die Diskriminierung der schwarzen Minderheit verhindern sollte. Die Selma-Märsche gelten als ein Höhepunkt des Kampfes gegen den Rassismus in Amerika. 25.000 Menschen versammelten sich am 24. März 1965 beim dritten Marsch von Selma nach Montgomery, Alabama.