shadow

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte

Erster Vierter Zwanzigzwanzig
Gerade sieben Mal ums Haus spaziert.
Danach: sieben Mal die Auffahrt auf und ab gerannt.
Jetzt: Schweißstirn, Hechelatem, Schreibfinger.
20 Tage ist es her, dass die Schulschließung verkündet wurde. Jubelschreie aus den
benachbarten Klassenzimmern. Der Nachhauseweg fühlt sich apokalyptisch an. Am
Abend: Papas Geburtstag feiern im BeLaMi.
12 Tage, dass ich zu Theo gefahren bin. Sachen für drei Tage gepackt. (Möglichst wenig
Hin und Her) Aber:
11: „Komm nicht mehr nach Hause“
10: Kontaktverbot. Treffen nur auf zwei Meter Abstand. Marie: „Soll ich dir dann im Wald
die Haare schneiden?“ Vielleicht mit einer sehr langen Schere.
9: Einkaufen: Begegnungen auf einem neuen Level. Außerdem: Kein Klopapier. Und: Die
Verkäuferin drückt drei Augen zu beim Kauf von fünf Milchtüten.
8: Am Abend ein bisschen weinen, nur so. Es bahnt sich an:
7: Halsschmerzen, Kopfschmerzen, Schnupfen. Meine Haare bleiben lang.
5: Meine Eltern: negativ. Quarantäne: nicht aufgehoben.
3: Es schneit.
2: Wir fahren durch eine Winterlandschaft. In einem kleinen weißen Zelt wird mir ein
langes Stäbchen in den Rachen geschoben. „Sie sind jetzt in Quarantäne“
Danach: Und wie lange?
Jetzt: Ungewissheit. (Nichts Neues)
Jetzt: Meine Mutter erreicht der Quarantänebescheid nach zehn Tagen, die meine Eltern
bereits eingesperrt verbracht haben. Meinen Vater: nichts.
Jetzt: Niemand hat einen Aprilscherz gemacht. Das Einzige, das mir einfiel: Unser Abi
wird auf nächstes Jahr verschoben. Kam mir witzlos vor.
Meine Eltern: Im totalen Bürokratiestress.
Meine Eltern: Im totalen Bürokratiestress.
Meine Eltern: Im totalen Bürokratiestress.
Jetzt: Wunsch nach Normalität. Wunsch nach Klarheit. Wunsch nach Wiedersehen.
Wunsch nach Aktion.
Als ich gestern in Theos Zimmer getanzt habe (für einen kurzen Wimpernschlag war ich
allein im Haus), traf mich plötzlich die Gewissheit eines abgeschlossenen Zeitabschnitts.
Wehmütig dachte ich an meine Schulfreundinnen zurück. (Der Schnitt war sauber und
hart, weil unerwartet.)
Ps: Sieben ist meine Glückszahl.
Sechster Vierter Zwanzigzwanzig
Als ich heute nach Hause kam, war mein Zimmer staubdurchflutet.
Die kleine gelbe Blume auf der Fensterbank: vertrocknet.
Noch bin ich auf der Suche nach dem Alltag, der sich irgendwo in unserem Haus
verstecken muss.
Die Strecke von Theo zu mir – eine Viertelstunde Fahrrad – war so etwas wie Freiheit mit
Mundschutz.
Neunter Vierter Zwanzigzwanzig:
Schönster Sonnenschein (draußen)
1 Aus: „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke (2.Strophe, 1.Vers)
Vierzehnter Vierter Zwanzigzwanzig
Es passiert: nichts
Mein Testergebnis: -“-
Achtzehnter Vierter Zwanzigzwanzig
Ich weiß, Weihnachten ist noch ein paar Monate hin. Ich schreibe trotzdem einen
Wunschzettel:
Ich möchte: Party machen, herumziehen, feiern – rausgehen
Ich möchte: jetzt jugendlich sein
Ich sehne mich nach: Umarmungen und kürzeren Haaren
Ich wünsche mir: meinen Abiball und Island
Ich hoffe: auf den Impfstoff es wäre nur ein Traum
Ich will: wissen
Und fühle: mich wichtigtuerisch, weil ich gesund bin, alle, die ich kenne, gesund sind, aber
ich trotzdem einen Wunschzettel schreibe.
Ich weiß, Weihnachten ist noch ein paar Monate hin, 250 Tage, um genau zu sein, aber
dieses Jahr wünsche ich mir keinen Schnee.
Zwanzigster Vierter Zwanzigzwanzig
Ein kleiner Trost: Vielleicht lerne ich gerade mehr als nur Funktionsscharen oder den
Aufbau einer Gedichtinterpretation: Nähe, Freiheit, Freundschaft schätzen.
Es bleibt ein wundersames Gefühl: Noch nie habe ich derart bewusst Geschichte erlebt.

*später *
Juhu, Mehl!