shadow

Der Wettbewerb

Stellas Sicht:
„Ring, Ring, Ring“ – ein nervtötendes Rasseln riss mich aus dem Schlaf. Ich drückte ihn mit einer Hand aus. Mein Blick blieb an der Uhrzeit hängen. Es war 7:30 Uhr. „Wieso stand ich an einem Samstag um 7:30Uhr auf?“ Als ich auf meinen Kalender starrte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Heute war die erste Vorrunde vom Literaturwettbewerb für Jugendliche aus Deutschland. Mit einem Satz war ich aus dem Bett und ging ins Bad. Dort duschte ich den Körper mit warmen Wasser, putzte mir die Zähne, zog mir das pinke Rüschen-T-Shirt mit meinem weißen Rock an und schminkte mir noch das Gesicht. Kurz noch einen Checkblick in den Spiegel. Fertig. Alles perfekt. Leise schlich ich mich mit der Tasche über der Schulter aus dem Haus, bedacht dabei nicht ein lautes Geräusch zu machen, damit meine Eltern nicht aufwachten. Mein Herz klopfte wie wild, als ich an ihrer leicht angelehnten Schlafzimmertür vorbeischlich. Ich war erleichtert, endlich draußen zu sein.

Als ich mein Fahrrad vor der Elbphilharmonie anschloss, war es bereits 8:30 Uhr. In einer halben Stunde würde es losgehen. Schon jetzt standen extrem viele Autos hier. Eins fiel mir besonders auf. Es war eine schwarze lange Limousine. Zu meiner Überraschung stieg daraus ein junges Mädchen, dicht gefolgt von einer ebenso elegant gekleideten Frau. „Oh Gott, war das etwa die Familie eines Präsidenten oder was?“ Im dem Moment trat ein dunkelhäutiger Mann im Anzug mit einer Truppe von anderen Jugendlichen auf uns zu: „Seid ihr auch Teilnehmer des Wettbewerbs?“, fragte er. Wir bejahten. Vor allen Dingen die Mutter des anderen Mädchens. Wir folgten ihm in die Elbphilharmonie. „Also, ihr werdet jetzt gleich im Probenraum vor dem Orchestergraben warten. Jede von euch bekommt eine Nummer zugeteilt. Die einzelnen Nummern werden am Fernseher angezeigt“, erklärte ihnen Samuel (Typ im Anzug). „Diejenige Nummer, die angezeigt wird, muss in den Orchestergraben und den Anfang ihrer Geschichte vorlesen. Noch weitere Fragen? Gut. Dann viel Erfolg!“ Das Warten im Probenraum war eine quälende Zeit für mich. Erst recht, da ich die vorletzte Nummer 14 war. Vor diesem Mädchen, was aus der Limousine ausgestiegen war. Zu meinem großen Entsetzten sah sie auch noch mega-gut aus. Sie trug einen eng anliegenden, schwarzen Rock, dazu passend eine durchsichtige Strumpfhose, schwarze Stöckelschuhe und ein dunkel rotes, mit Perlen besetztes, trägerloses Oberteil.

Cynthias Sicht:
Ich merkte, dass mich jemand sehr intensiv anstarrte. So was merkt man einfach, wenn man aus einer hoch angesehenen Familie kommt. Diese eifersüchtigen, leicht bewundernden Blicke. Dieses Mädchen, was mich da anstarrte, hatte wirklich einen Grund eifersüchtig zu sein. In den einfachen Fummel-Kleidern. „Lass dich nicht von diesem glotzenden Mädel aus der Ruhe bringen. Jetzt starr sie nicht so an! Konzentrier dich auf den Bildschirm!“, zischte meine Mutter mir ins Ohr. In diesem Augenblick fiel meine Nummer. Plötzlich hatte ich das Gefühl von einer herannahenden Panikattacke. Zum Glück konnte ich mich noch davor bewahren. Alles lief wie am Schnürchen. So, wie es meine Mutter mit mir geübt hatte. Nach meinem Auftritt wartete ich gespannt hinter der Bühne, um zu sehen, wie sich Miss Fummel–Glotz schlug.

Stellas Sicht:
Meine Hände zitterten wie verrückt. Ebenso wie mein ganzer Körper. Beinahe wäre ich vor Aufregung über meinen Rock gestolpert. Jetzt drohte mir bei dem Anblick der Jury fast ein Zusammenbruch. „Dann lies mal vor, Stella“, sagte einer der Jurymitglieder freundlich. Ich holte tief Luft. Ab da purzelten mir meine Worte über „die illegale Liebe“ nur so hervor. Als ich geendet hatte, klatschte die Jury laut: „Sehr schön, du beschäftigst dich also mit homosexueller Liebe. Danke, Stella.“ Nachdem die anderen auch noch dran gewesen waren, wurden alle Mitglieder vorgelesen, die weiterkamen. Am Ende schieden vier aus. Ich blieb. Leider aber auch Cynthia. „Beachtlich, dass du es geschafft hast. Hätte ich dir in dem Fummel nicht zugetraut. Erst recht nicht mit diesem diskutablen Thema ‚Homosexuelle Liebe‘.“ „Das muss ich mir von dir nicht sagen lassen, denn du blöde Ziege bist kein Jurymitglied.“ „Hast du gerade blöde Ziege zu mir gesagt?“ Wir wären sicher aufeinander losgegangen, hätte Samuel uns nicht mit den Worten: „Jeder kämpft hier für sich. Dabei werden dem anderen keine Steine in den Weg gelegt“ getrennt. Ich hoffte mit dieser Zicke keinen weiteren Stress zu haben.

Halbfinale

Cynthias Sicht:
Die Lampe brannte mir ins Gesicht. Meine Augen fielen mir gleich garantiert zu. „Noch den letzten Satz für das perfekte Ende. Los jetzt schreib doch mal schneller“, fauchte Mum. Meine Hand begann mühsam zu Ende zu schreiben. Seit den letzten zwei Tagen verdonnerte Mum mich schon früh morgens dazu, die Geschichte zu Ende zu schreiben, bis sie perfekt war. Dabei hatte ich kaum Zeit, etwas zu essen, nur etwas zu trinken, aber höchstens pro Stunde ein Glas Wasser. Endlich entließ mich Mum, nachdem sie die Geschichte gründlich zu Ende gelesen hatte, ins Bett. Sofort war ich weg vom Fenster. Am nächsten Morgen wachte ich mit einem merkwürdigen Gefühl von Nervosität auf. In der Dusche drehten sich die Gedanken wie wild. „Was, wenn meine Geschichte ihnen nicht gefällt? Was, wenn ich über Sätze stolperte? Auch die Vorstellung, wie Mum, wenn ich nicht ins Finale kam, ausrastete oder mir mein Klavier zur Strafe verbat. Auch, wie diese Stella statt ich……Nein, bloß nicht!“ Als ich und Mum die Elbphilharmonie mit der Limousine erreichten, wurde mir schon bei ihrem Anblick schlecht. Aber auch, weil der Druck wuchs, es zu beweisen. Mum dirigierte mich sofort hinein in Richtung Probenraum. Je mehr wir uns näherten, desto stärker wuchs der Druck, wie die Angst in mir. Während der Wartezeit immer mehr. Der Burner kam, als Stella dran war, denn nach ihr war ich dran. „Ich muss mal kurz auf Toilette“, sagte ich zu Mum. „Beeil dich!“ Dort angelangt kam alles über mich: die Angst, Stella würde besser sein, die Angst vor meinem Auftritt, diese ganzen Gedanken und Vorstellungen durchströmten mich stärker denn je. Tränen flossen mir übers Gesicht. Schluchzen…

Stellas Sicht:
Ich war fertig mit Lesen. Es war gut gewesen. Erleichtert, dass es gut war, und dass ich endlich aufs Klo gehen konnte, verließ ich den Raum. Als ich mich dem Klo näherte, vernahm ich lautes Wimmern. Die Überraschung dort war krass! Cynthia kniete wimmernd vor dem Wachbecken, die Tränen flossen wie Bäche über ihr Gesicht. Irgendwie tat sie mir leid, weswegen ich ihr half. Ich reichte ihr ein Glas Wasser mit einer Beruhigungstablette und drückte sie zur Beruhigung (nur kurz). Meine Mutter hatte das früher bei mir auch immer so gemacht. „Hey, du brauchst doch keine Angst zu haben. Deine Geschichte ist doch super, du siehst super aus, du bist doch richtig gut. Ich bin sogar ehrlich gesagt neidisch.“ Cynthia funkelte mich an: „Wehe ein Wort zu irgendwem.“ „Nein, wieso denn, dann müsste ich doch gleich über mich selbst reden. Weißt du, ich kenne diese Angstattacken. Hatte ich schon mehrmals, dass ich so gezittert, geheult habe, weil ich Angst hatte, dass ich etwas nicht schaffe oder dass ich nicht gut genug bin.“ Ich erzählte ihr von meiner gestrigen Attacke wegen meiner Eltern, da ich Angst hatte, sie hätten mich ertappt, dass ich mich beworben habe. In dem Moment, wo ich mich öffnete, öffnete sich Cynthia auch. Sie erzählte mir von ihrer Angst vor ihrer Mum. Dem Druck, perfekt zu sein, dem ihre Mutter sie aussetzte. Noch nie hatte ich so etwas Krasses gehört, dass Mütter so Druck machen können. „Am besten schlägst du der Jury jetzt erst mal einen anderen Termin vor wegen dem Halbfinale. Dann sehen wir weiter, okay? Und glaub an dich, Du hast eine tolle Geschichte geschrieben.“ Cynthia lächelte: „Danke for your help.“ Du hast ebenso eine so coole, interessante Story geschrieben.“ Nach diesen Worten setzte sie Punkt 1 in die Tat um.

Cynthias Sicht:
Mutter war bereits schon bei der Jury, als ich den Orchestersaal betrat. „Wo bist du gewessen, Cynthia?“, fauchte sie. „Das Halbfinale geht nicht bis in alle Ewigkeiten. Was fällt dir ein?“ Ich hatte sie noch nie so brüllen hören. „Jetzt beruhige dich doch, Mum. Dein Geschrei hat doch gar keinen Sinn.“ Meine Mutter starrte mich mit großen Augen an.
Ich war jetzt bei Stella untergebracht. Bis zum Finale würde ich hier bleiben. An meiner Geschichte schreiben. Meine Mutter hatte in den letzten Stunden schon xmal versucht, mich zu erreichen. Doch ich hatte sie ignoriert. Dafür hatte ich wenigstens eine E-Mail an die Jury geschrieben. Stella war derweil im Zimmer, um an ihrer Geschichte zu schreiben. Ich war oben im Dachboden. Stattdessen hörte ich sie unten mit ihrer Mutter streiten. Ihre Stimmen aus der Küche drangen bis zu mir nach oben. „Jetzt hör mal gut zu, Madam. So geht das nicht. Du kannst nicht die ganze Zeit in deinem Zimmer sitzen. Du sollst auch mal in unserem Café helfen. Es ist immerhin unser Familienbetrieb“, polterte Stellas Mutter. „Mama bitte, ich muss noch diese Sache für die Schule weitermachen.“ „Das kannst du auch noch ein andermal machen. Außerdem, was ist das überhaupt für eine wichtige Sache, an der du arbeitest? Das sieht mir nicht nach Schule aus.“

Stellas Sicht:
Ich erstarrte. Meine Mutter hielt mir meine Geschichte vor die Nase. Zumindest die Geschichte, die ich beim Halbfinale gelesen hatte. „Willst du mich eigentlich veräppeln? Du schreibst die ganze Zeit an einer Geschichte. Für was eigentlich? Für den Literaturwettbewerb, wo dein Vater und ich dir verboten haben hinzugehen?“ Stumm nickte ich. Die Tränen flossen mir übers Gesicht. Es hatte keinen Sinn zu lügen. Mum wusste es eh schon: an der Geschichte und dem weggeworfenem Kalenderblatt, wo ganz klein ‚Halbfinale‘ stand. „So meine Liebe, als Strafe erhältst du zwei Wochen Hausarrest, in der du hauptsächlich im Café mithelfen wirst. Dabei wirst du auch nur im Haus sein dürfen. Dein Vater und ich werden dich wecken und sogar zur Arbeit hinfahren. Verstanden, meine Liebe?!“ Mum drohte mir fast eine zu knallen. Doch das beängstigte mich nicht im Geringsten. Ich war sauer. Wütend rannte ich auf mein Zimmer. Anschließend drehte ich den Schlüssel im Schloss um und machte die Musik laut an.

Cynthias Sicht:
Ich musste was unternehmen. Stella hatte mir immerhin auch geholfen. „Hey, du darfst jetzt nicht aufhören zu schreiben. Sonst würdest du verlieren“, sagte ich zu der schluchzenden Stella, nachdem ich ihr Zimmer betreten hatte. „Es hat doch eh keinen Sinn. Du hast doch Mutter gehört.“ „Na und? Dann rede doch mit ihr. Versuch sie doch zu überreden mit einem Deal.“ „Das hilft nicht, Mutter ist hartnäckig. Egal, was man ihr vorschlägt, sie will ihr Ziel, dass ich das Café übernehme, ohne Hindernis durchziehen.“ Kurz schwiegen wir. Dann sagte ich plötzlich: „Wie wäre es, wenn du ganz rebellisch deine Geschichte in deinen Arbeitspausen auf deinem Handy schreibst. Auch könntest du einfach an dem Tag des Finales ausbrechen, indem wir….“
Es war soweit: der große Tag des Finales war gekommen. Ich stand im Hinterhof und wartete auf Stella mit meinem Smart. Endlich kam Stella aus der Hintertür des Cafés in den Smart gesprungen. Mit Vollgas sausten wir zur Elphi. Im Probenraum drückten wir uns gegenseitig: „Toi, toi vielen Dank für alles.“ Mit diesen Worten verabschiedeten wir uns voneinander. Denn ab jetzt mussten die Kandidaten in getrennte Räume, um nochmal alles durchzugehen. Nochmal eine Beruhigungstablette von Stella ließ Gedanken sein, bis meine Nummer angezeigt wurde. Ohne Panik, mit Power ging ich auf die Bühne.

Stellas Sicht:
„Stella, du bist jetzt dran.“ Tief luftholend ging ich auf die Bühne mit Cynthias Worten im Ohr: „Deine Geschichte ist prima, du wirst es schaffen auf Platz 1, wenn ich es nicht schaffe. Hab keine Angst vor deiner Mum. Es ist dein Leben.“ Ich glaube, ohne diese Worte wäre mir die Geschichte nicht über die Lippen gekommen. Als ich fertig war, klatschten alle. Anschließend wurden die anderen Kandidaten auf die Bühne gerufen. Die Plätze wurden vergeben. Cynthia und ich hielten uns an den Händen fest. Dann rief der Moderator: „Auf Platz 7 ist Cynthia, auf Platz 6 Stella.“ „Was?“ Begründung: „Cynthia durch Punktabzug wegen keiner Teilnahme im Halbfinale. Stella ohne Teilnahmebestätigung ihrer Eltern. Beide Abzug durch gegenseitige Hilfe.“ Wir starrten uns an: „Woher wusste der Typ das?“ Die Lösung dazu war, dass ein anderer Teilnehmer es gepetzt hatte. Auch standen unsere Mütter nah beieinander. „Sorry, aber….“ „Kein Problem, Cynthi, das Wichtigste ist doch, dass wir uns gefunden haben. Auch aber, dass unsere Eltern stolz sind auf uns“. Ich deutete auf unsere Eltern, die uns zujubelten.