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Die Außenwelt

von Marie Blume

Lucy war eine ganz normale Katze. Sie stand morgens auf, fraß etwas aus ihrem Futternapf, oder auch nicht, wenn ihr Frauchen mal wieder auf die Idee gekommen war eine dieser superteuren neuen Futtermarken auszuprobieren, die das Fell schön glänzend machen sollte, aber um ehrlich zu sein einfach nur nach Kaninchenkötteln schmeckten. Danach suchte sie sich ein sonniges Plätzchen auf dem flauschigen Teppich im Wohnzimmer. Manchmal kam der Neffe ihres Frauchens vorbei und spielte mit ihr. Sie wusste genau, dass der rote Punkt, dem sie hinterherrannte nur Licht war und unmöglich zu fangen, aber sie mochte wie sehr der kleine Junge vor Freude kicherte, wenn er das kleine Lämpchen ausschaltete und sie anfing so zu tun, als würde sie sich wundern wo der verdammte Punkt hin verschwunden war. Wenn sie dann abends leise schnurrend in der Kniekehle ihres Frauchens einschlief, begann der Kreislauf ihres Lebens von vorne.

Lucy liebte ihr Frauchen und das Leben, welches sie ihr schenkte mit jedem einzelnen Haar ihres Fells; aber sie hatte einen Traum, den Traum von der Außenwelt. Manchmal verbrachte sie Stunden damit, ihren Schwanz fest um die Vorderpfoten gewickelt, auf der harten Fensterbank zu sitzen und die Vögel, die draußen vorbei flatterten zu beobachten. Manchmal presste sie ihre Pfoten gegen die Scheibe in der Hoffnung, dass sie eines Tages nicht nur hindurchschauen würde, sondern auch hindurchgehen. Doch das Glas war kalt und unüberwindbar. Manchmal versuchte Lucy durch das große Loch in der Wand zu schlüpfen, das durch eine Holzplatte versperrt wurde und sich nur öffnete, wenn ihr Frauchen nach Hause kam, oder Lucy für einige Stunden verließ, doch bevor sie es schaffte an den Beinen ihres Frauchen vorbeizukommen, war es schon wieder verschlossen.

Dann würde ihr Frauchen sie immer hochheben, süße Sachen in ihr Ohr flüstern, die Lucy nicht ganz verstand, aber bestimmt nur Gutes bedeuteten. Sie würde Lucy hinter dem Ohr kraulen an der Stelle, an der sie es schon als kleines Kätzchen so geliebt hatte und jeder Gedanke an die Außenwelt war verloren. „Vermutlich ist es auch besser so“, dachte Lucy dann immer bei sich. So wunderschön und interessant die Außenwelt doch war, war sie auch groß und gefährlich und Lucy nur eine kleine Katze in einer furchtbar großen Welt. Doch dann, Lucy fiel es erst gar nicht auf, denn es verlief langsam und schleichend, schenkte ihr Frauchen ihr immer weniger Liebe. Natürlich gab sie ihr immer genug zu Essen und tätschelt ihr auch gelegentlich mal das Köpfchen, doch bevor Lucy sich dann schnurrend in die Berührung lehnen konnte, war ihr Frauchen schon wieder in ihrem Bett verschwunden, wo sie in letzter Zeit ganze Tage verbrachte.

Eines Tages, dann doch ganz plötzlich, verschwand Lucys Frauchen und kam nicht wieder. Die Schwester ihres Frauchens, die Mutter von dem kleinen Jungen, kam jeden Morgen vorbei und füllte trockene Bröckchen in den Napf, in dem normalerweise saftiges Fleisch lag. Die Schwester war sehr achtlos und ließ das Loch in der Wand häufiger offenstehen. Jedesmal hatte Lucy dann auf dem Regal gehockt, unter das ihr Frauchen immer ihre Felle hängte, und hatte auf die grüne Fläche draußen gestarrt. Sie wusste nicht was sie tun sollte. Sie hatte Angst, große Angst. Was wäre, wenn ihr Frauchen wiederkommen würde, und sie vermissen würde? Doch Wut zog sich durch ihren Pelz wie ein Blitz. Ihr Frauchen hatte sie verlassen und nichts schien darauf hinzuweisen, dass sie wiederkommen würde.

Bevor sie sich anders entscheiden konnte, machte Lucy einen weiten Sprung von dem Regal und sauste durch das Loch. Hinter ihr waren Schreie zu hören, doch sie rannte einfach immer weiter. Der Rasen war nass und rutschig unter ihren Pfoten und sie fuhr ihre Krallen aus, um einen besseren Halt zu haben. Sie rannte bis ihre Pfoten sie nicht länger tragen konnten und sie unter einem niedrigen Busch zusammenbrach. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Einige Zeit verbrachte sie damit ihre Pfoten zu putzen. Es half ihr ein wenig dabei sich zu beruhigen, außerdem schmerzten ihre Ballen. Der Weg, auf dem die Menschen gingen und mit ihren Autos fuhren, war aus einem seltsamen schwarzem Material, viel zu hart für Lucys weiche Ballen. Sie hatte zwar versucht möglichst auf Wiesen und unter Büschen entlang zu laufen, doch konnte man sich, auf einer solch hektischen Flucht, nicht immer aussuchen wohin der Weg einen führte. Zufrieden streckte Lucy sich aus. Hier zwischen den Wurzeln des Busches war es zwar nicht sonderlich gemütlich, doch für ein kurzes Mittagsschläfchen sollte es genügen.

Lucys Dämmerzustand wurde jäh unterbrochen, als spitze Krallen sich in ihren Schwanz bohrten. Wie ein Wirbelwind drehte sie sich um und fuhr mit ihren Pfoten über die Nase der anderen Katze, zu aufgeregt, um daran zu denken ihre Krallen auszufahren. „Verschwinde hier du blöder… Oh!“, fauchte der Kater aus tiefer Kehle, hielt dann jedoch inne. Diesen kurzen Moment erkannte Lucy als ihre Chance zur Flucht. Der Weg, auf dem sie gekommen war, wurde von dem breitschultrigen Kater versperrt, also versuchte sie es auf der gegenüberliegenden dicht verwachsenen Seite. Die Zweige rissen an ihrem gold-gelb getigertem Fell, als sie versuchte sich durch eine schmale Öffnung zu quetschen. „Halt warte!“, knurrte der Kater, „Ich hab’ dich verwechselt. Ich dachte du wärst jemand anderes!“ Einen Moment lang versuchte Lucy gegen das Gestrüpp anzukämpfen, doch sie kam keine Pfotenlänge weiter, die Äste gruben sich nur immer weiter in ihr Fell, so dass sie sich dann doch zu ihm umdrehte. Er hatte flauschiges weißes Fell mit roten Flecken. Sein Fauchen hatte gefährlich geklungen, doch jetzt funkelte nichts als Ehrlichkeit in seinen Augen. „Du bist neu hier, oder?“, fragte er aufgeregt. „Ich bin Leo und du?“ „Lucy“, antwortete sie knapp, immer noch ein bisschen misstrauisch. „Ich glaube ich habe dich schon mal in einem Fenster sitzen sehen. Hast wohl das erste mal Freigang was?“ „Kann sein.“ So ganz vertraute Lucy diesem Leo immer noch nicht, doch sie begann langsam aufzutauen. Es schien ihm wirklich leid zu tun, dass er sie angegriffen hatte. „Und schon was gefangen?“, fragte er. „Nein, warum?“, erwiderte Lucy verwirrt. „Naja“, Leo massierte mit seinen großen Tatzen die klumpige Erde unter ihm, „was die Menschen uns da zu Essen geben, schmeckt ja schon nicht schlecht, aber nichts geht doch über eine selbst gefangene Maus, nicht wahr?“ Freudig willigte Lucy ein. Das war doch was sie immer gewollt hatte: Frei sein und auf eigenen Pfoten stehen.

Leo kauerte sich auf dem Boden zusammen und wies Lucy an, es ihm gleich zu tun. Mit einem leichten Schwanzschnippen machte er sie auf einen Vogel aufmerksam, der in nicht allzu weiter Entfernung ahnungslos an einem Samenkorn herumpickte. Vorsichtig hob Leo eine Pranke vor die andere.
„Natürlich kann man es so machen“, tönte eine langgezogene Stimme von der Mauer hinter dem Vogel. „Aber natürlich könntest du es dem Babykätzchen auch einfach gleich richtig beibringen!“ Der Vogel hörte die Stimme und flatterte davon. Erst wollte Lucy der Katze etwas Wütendes zufauchen, doch als sie sie dort oben kauern sah, fuhr Angst durch sie wie ein eiserner Nagel. Die Katze war sogar noch größer als Leo. Ihr Fell war schlammbraun und zerfetzt, ihre Augen waren stechend gelb und ihre Ohren von mehreren Krallenhieben rissig. Ein Schauer lief über Lucys Rücken, als sie daran dachte, was diese Krallen, die mehr wie riesige Dornen aussahen mit ihrem Fell anstellen könnten. Für einen kurzen Moment stand Lucy einfach nur wie erstarrt da, dann rannte sie wie vom Blitz getroffen los. Lucy wusste nicht viel von der Außenwelt, doch eines wusste sie: dass sie unter keinen Umständen in der Nähe dieser Katze sein wollte. Leo lief ihr „Hey, warte!“-rufend hinterher, doch sie konnte ihn nicht hören und selbst, wenn sie gewollt hätte, hatte sie nicht anhalten können. Panik hatte sie übernommen und hielt sie in einem eisernen Griff. Es dauerte eine Weile bis sie schließlich keuchend stehen blieb. Leo schien aufgegeben zu haben ihr hinterher zu laufen und Lucy wusste nicht, wo sie war. Vor lauter Angst begann sie leise zu schnurren, um sie selbst zu beruhigen. Die Sonne ging langsam unter und malte die Wolken in feuriges Rot. Es würde nichts bringen jetzt nach Leo zu suchen, dachte Lucy und machte sich auf die Suche nach einem Unterschlupf für die Nacht. An einem Auto fand sie einen kleinen Freiraum über einem dieser Runden Dinger, in den sich hinein quetschen konnte. Es stank furchtbar, doch durch die Sonne, die den ganzen Tag auf das Auto gestrahlt hatte, war es hier jetzt mollig warm und Lucy fühlte sich dort sicher.

Als Lucy früh am nächsten Morgen von einem Miauen geweckt wurde, zitterte sie erbärmlich. Die Kälte der Nacht hatte alle Wärme aus dem runden Ding gezogen und ihre Gelenke waren steif von der ungewohnten Position, in der sie geschlafen hatte. Es war jetzt ein ganzer Tag vergangen, seitdem Lucy das letzte mal etwas gegessen hatte, mehr als je zuvor und ihr Magen knurrte. Vorsichtig streckte Lucy ihren Kopf heraus, um zu gucken, wer da miaut hatte und zog sich sofort wieder zurück. Direkt unter ihrem Versteck stand die riesige Katze vom Tag zuvor. Es gab keinen Weg zur Flucht.
„Hey Babykätzchen! Ich hab dich genau gesehen!“
„Woher weißt du das ich hier bin?“, fragte Lucy ängstlich.
„Ich hab deine Pfote auf dem Weg nach Hause aus dem Auto hängen sehen. Ach, und kleiner Tipp: Das ist ungefähr das schlechteste Versteck, das du hättest finden können!“
„Warum das denn?“ Jetzt streckte Lucy ihren Kopf doch heraus. Sie war eigentlich ziemlich stolz auf ihr Versteck gewesen.
„Wenn das Ding losfährt“, sagte die andere Katze und schnippte mit dem Schwanz gegen die Seite des Autos, „bist du Matsch. Denn die meisten Menschen sind nicht freundlich genug zu überprüfen, ob es sich eine Katze auf einem der Reifen gemütlich gemacht hat.“
„Reifen?“
„Das Runde Ding auf dem du da sitzt.“
„Oh…“
Die Katze nickte. Jetzt wo Lucy eine Chance hatte, die Katze genauer zu betrachten, wirkte sie gar nicht mehr so gefährlich. Ihr Fell war schmutzig und es hingen kleine Ästchen drin, doch Lucy musste sich eingestehen, dass ihres momentan auch nicht viel besser aussah. Das einzige wirklich Angsteinflößende waren die Narben, die sich quer über ihr Gesicht und Flanken zogen.
„Okay, danke für den Tipp“, sagt Lucy. Sie fühlte sich noch nicht ganz sicher genug, um aus ihrem Versteck zu kommen, und es war eh kein Mensch in der Nähe. „Aber was möchtest du von mir?“
„Ich dachte“, erwiderte die andere Katze, „ich schulde dir einen Vogel.“
Und tatsächlich lag vor ihren Füßen eine brauner Vogel, der Lucy zuvor nicht aufgefallen war. Mit einem Schlag wurde sie an ihren leeren Magen erinnert. Alle Angst vergessend stürzte sich Lucy auf das Tier und verschlang es mit wenigen gierigen Bissen.

Jetzt, wo Lucy direkt neben der anderen Kätzin stand, bemerkte Lucy, dass diese einen seltsamen süßlichen Geruch ausströmte, der sie an irgendetwas erinnerte, doch sie konnte ihre Pfote nicht darauf legen, was es war, nur das es etwas Schönes war.
„Man sieht sich bestimmt mal wieder!“
„Halt warte!“ Lucy riss all ihren Mut zusammen. „Kannst du mir vielleicht beibringen wie man jagt?“
Die andere Katz legte den Kopf schief. „Weißt du, eigentlich habe ich alle Pfoten voll zu tun, aber wir könnten einen Deal machen, Babykätzchen.“
„Du kannst mich auch Lucy nennen, das wäre meine richtiger Name!“
„Na gut Babykätzchen, Lucy soll es sein.“ Aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd lief Lucy der anderen Katze hinterher.
„Du hast mir deinen Namen noch nicht verraten.“
„Das liegt daran, dass ich nicht genug Zeit mit anderen Katzen verbringe, als dass es sich lohnen würde mir einen Namen zu geben.“

„Und wie rufen dich deine Menschen?“
„Ich habe viele Menschen die mich vieles rufen.“ Das verwirrte Lucy.
„Aber wenn du auf einen Namen bestehst: Meine Mutter hat mich immer Splitter genannt.“

„Du kanntest deine Mutter?“, rief Lucy erstaunt aus, so laut, dass einige Vögel aus einem Baum in der Nähe davonflogen.
Splitter schnurrte amüsiert. „Du etwa nicht?“
„Nein. Solange ich denken kann war ich bei meinem Frauchen.“
„Das ist ganz schön traurig!“
Nachdenklich starrte Lucy auf ihre Pfoten. Sie hatte immer gedachte, dass es normal wäre sich nicht an seine Eltern zu erinnern.

Der Weg der beiden Katzen führte sie an Häusern vorbei, deren Abstände immer größer wurden, bis sie nur noch gelegentlich am Rand der großen Kornfelder standen. Die Sonne schaffte es schließlich, ihre ersten Strahlen durch die Nebeldecke zu schicken und den Morgentau von Lucys Fell zu trocknen. Sie gingen immer weiter, bis Lucy anfing sich zu wundern wie lange es wohl noch dauern würde, als Splitter bei einer Scheune stehenblieb. Von drinnen war leises Quieken und Quietschen zu hören und ein winziges Kätzchen, das genauso aussah wie Splitter, nur in klein, kam aus einer Öffnung gehoppelt.
„Mama du bist zurück!“
Wie er das rief kamen zwei weitere Kitten hinterher gesprungen.
„Schusch, Schusch. Ihr wisst doch, dass ihr ohne mich noch nicht raus dürft!“
„Aber Mama wir haben dich doch kommen gehört!“, sagte die einzige Kätzin unter den dreien.
„Und was wenn es nicht ich gewesen wäre, sondern ein Dachs, oder Waschbär?“
„Ach, Mama! Die kommen doch nur nachts raus“, meldete sich die Gestreifte wieder zu Wort. Wozu der Kleinste nur sagte: „Ich hab versucht sie aufzuhalten, aber sie wollten nicht hören Mama.“
„Natürlich Pünktchen. Es ist alles gut“, beruhigt Splitter das kleine etwas kränklich wirkende Kätzchen und leckte ihm über die Nase.

Lucy ging das Herz auf, als sie sah wie liebevoll diese große gefährliche Katze mit ihren Jungen umging.
„Wie schade“, sagte Splitter und Lucy konnte sofort hören, dass ihr strenger Ton nur gespielt war. „Denn eigentlich wollte ich euch überraschen.“
Die Kätzchen begannen sofort wieder zu quietschen und aufgeregt auf und ab zu hüpfen, als sie sahen wie ihre Mama eine Maus, die sie auf halben Weg unter dem Laub einer alten Eiche hervorgescharrt hatte, vor ihnen ablegte.
„Eine ganze Maus nur für uns drei?“

„Nur für euch drei!“, schnurrte Splitter. Die Drei begannen sofort sich auf die Maus zu stürzen, nicht unähnlich wie Lucy es am Morgen noch bei dem Vogel getan hatte. Wasser lief in Lucys Maul zusammen, als ihr der Geruch der frischen Maus in die Nase stieg, doch sie begann auch sich ein wenig schuldig zu fühlen beim Anblick der hungrigen Kitten. Als die Kleinen fertig waren, begannen sie sofort sich schläfrig mit ihren kleinen Pfoten über die Augen zu fahren und sich artig die Mäulchen zu putzen.
„Bevor ihr euren Mittagsschlaf macht habe ich noch eine Überraschung für euch.“ Sie zuckte mit ihren Schnurrhaaren in die Richtung von Lucy. „Das ist Lucy und sie wird ab sofort auf euch aufpassen, während ich jagen bin. Lucy das sind Streifchen, Fleckchen und Pünktchen.“ Sofort waren die drei Kleinen wieder putzmunter und begannen um, ihr tausend Fragen stellend, um sie herum zu hüpfe. Streifchen, die Kätzin, war sogar mutig genug Lucy in die Flanke zu springen, woraufhin diese sich spielerisch fallen ließ. Die anderen beiden schienen dies als Einladung zu sehen, denn Fleckchen sprang seiner Schwester gleich hinterher und Pünktchen begann zaghaft mit Lucys Schwanz zu spielen. Bereitwillig beantwortete Lucy all ihre Fragen. Das warme Gefühl in Lucys Bauch wurde noch stärker, als sie das stolze Funkeln in Splitters Augen sah. So schön der Tag auch gewesen war und so sehr Lucy die Kleinen jetzt schon in ihr Herz geschlossen hatte, konnte Lucy nicht anders, als ihr Frauchen zu vermissen, doch bevor sie richtig ins Grübeln kommen konnte, dass ihr Frauchen vermutlich froh war sie los zu sein, wurde sie von kleinen Pfoten, die in ihre Seite stachen, abgelenkt. Es war Pünktchen, der schlaftrunken über sie geklettert war und sich nun in ihr warmes Bauchfell kuschelte. Eine nach der anderen kamen auch die anderen beiden zu ihr, bis sie und Splitter eng umschlungen die drei zwischen sich wärmten.

Das Leben auf dem Bauernhof mit Splitter und ihren Kindern war schön. Jeden Tag entdeckte Lucy etwas neues. Jeder Tag war ein Abenteuer. Während Splitter auf ihr Streifzüge ging, um zu jagen, passte Lucy auf die Kitten auf. War Splitter zu Hause brachte sie Lucy und ihren Kindern so gut sie konnte Jagen, und auch den ein, oder anderen Kampfzug bei. Lucy war eine gute Schülerin und besonders das Jagen in den Feldern, wo sie sich dank ihres Fells gut tarnen konnte, gefiel ihr gut. Eins nach dem anderen wurden die Kinder erwachsen und machten sich auf um eigenständig zu leben. Überraschenderweise ging Pünktchen, der immer so krank und ängstlich gewesen war, als erster und Streifchen, die schon immer so mutig war und von Anfang an die stärkste, als letzte und auch nur, als eine andere Katze vom nahe gelegenem Hof mit ihr ging.

Lucy und Splitter brauchten einander schon längst nicht mehr, und doch blieben sie zusammen und kümmerten sich umeinander. Alles war gut, doch hing etwas über Lucys Gemüt wie eine schwere Regenwolke, und es dauerte nicht lange bis es anfing Splitter aufzufallen.
„Was bedrückt dich?“, fragte sie eines Tages, als die beiden sich gemütlich auf einem Stapel Heuballen räkelten.
„Es ist nichts“, erwiderte Lucy verlegen und begann mit ausgefahrenen Krallen durchs Heu zu klauben. Leicht schnurrend stupste Splitter mit der Nase gegen die ihre, als wolle sie sagen ‚alles wird wieder gut’. Da wallte es wieder auf, dieses warme Gefühl, das Lucy nicht mehr verlassen hatte seit jenem Tag, an dem sie die Kitten kennengelernt hatte und das in solchen Momenten immer besonders stark aufflackerte. Inzwischen hatte sich unter Lucys Pfoten ein regelrechtes Loch im Heu gebildet. Sie konnte einfach nicht mehr anders, als ihrer Vertrauten alles zu erzählen. Wie sehr sie ihr Frauchen vermisste und wie überwältigend das Gefühl der Angst war, dass ihr Frauchen sie nie wirklich geliebt hatte. Splitter legte ihren Kopf schräg, auf diese Art, wie sie es immer tat, wenn sie etwas nicht verstand, aber es unbedingt verstehen wollte.
„Es tut mir leid, aber ich könnte nicht verstehen, wie jemand dich nicht lieben könnte.“
Lucy schnurrte belustigt, aber es war deutlich, dass sie es nur tat, um den Kloß aus Trauer in ihrem Hals zu überspielen.
„Versteh mich jetzt nicht falsch, aber warum bist du nie zurückgegangen?“
Ein langer schmerzerfüllter Seufzer kam von Lucy. „Wie hätte ich. Du brauchtest mich und jetzt will ich dich nicht mehr verlieren.“
„Und wenn ich mit die komme?“
„Das könnte ich nie von die verlangen!“
Splitter schloss die Augen, öffnete sie wieder und blickte über den Hof, die Felder und die Wiesen.
„Dieser Ort war nie als endgültiges Heim gedacht. Ich blieb nur solange, um meinen Kindern einen sicheren Ort zum Aufwachsen zu geben, doch sie sind jetzt fort. Mein zu Hause ist jetzt da wo du bist!“
Aufgeregt wedelte Lucy mit dem Schwanz. Was Splitter gesagt hatte bedeutete ihr viel.
„Das ist wirklich lieb von dir, aber das alles bringt nichts. Als ich davongelaufen bin, bin ich einfach gerannt. Erst vor der Schwester meines Frauchens und dann… Und dann vor dir.“ Es war fast unmöglich daran zu denken wie viel Angst sie damals vor der Katze hatte, die jetzt entspannt neben ihr lag. „Ich würde den Weg eh nie zurückfinden.“
„Bringt es nichts, weil du den Weg nicht finden würdest, oder weil du solche Angst hast?“, fragte Splitter und legte ihren Kopf an Lucys Schulter.
„Ich…“
Bevor Lucy ihren Satz beenden konnte, war Splitter von dem Haufen gesprungen und sagte: „Komm wir finden dein Frauchen und wenn wir scheitern, können wir immer noch zurückkehren.“

Es war noch früher Nachmittag, als die beiden an der Mauer, vor der Leo versucht hatte Lucy jagen beizubringen, ankamen. Mit einem schnellen Sprung tötete Lucy einen Vogel, der gerade in der Erde nach Würmern gesucht hatte. Wie aus dem Nichts krallte sich plötzlich jemand in ihre Schultern. Sie erinnerte sich noch gut, wie sie vor einiger Zeit noch versucht hatte aus einer, nicht sehr unähnlichen, Situation zu fliehen. So schnell sie konnte wirbelte sie unter dem Kater herum und trat so fest sie konnte in seinen weichen Bauch.
„Wie oft soll ich euch Streunern noch…“ Seine letzten Worte verschluckte er, als die Luft aus seiner Lunge gepresst wurde und er von Lucy runter rollte, die wie wild auf ihn sprang und mit aller Kraft an den Boden fast nagelte.
„Lucy bist du das?“, fragte Leo erstaunt.
Einen Moment lang war Lucy verwirrt, bis sie erkannte, dass es sich bei dem Kater um Leo handelte. Sofort ließ sie ihn los.
„Wow du hast dich echt verändert!“
„Hey Leo! Du weißt nicht zufällig wo Lucys alter Mensch wohnt, oder?“
„Das ist schon ganz schon lange her…“
„Dann fängst du wohl besser an, dich zu erinnern!“, zischte Splitter ihn mit gesträubtem Nackenfell an.
„Ist ja schon gut. Fahr deine Krallen wieder ein Liebchen. Ich werde mein Bestes geben.“
Den ganzen Nachmittag verbrachten die drei damit durch die Straßen zu irren. Die Sonne warf schon ihre letzten Strahlen über den bewölkten Himmel, als Lucy durch die Äste eines Busches spähte und leise flüsterte: „Hier ist es!“
„Großartig! Meine Pfoten hätten mich auch nicht sehr viel länger getragen“, miaute Leo dramatisch.
„Sehr schön, dann kannst du ja jetzt verschwinden“, fauchte Splitter ihn an.
„Damit möchte sie dir sagen, dass wir dir sehr dankbar sind.
Leo neigte den Kopf. „Ich wünsche euch viel Glück!“ Mit diesen Worten verschwand Leo in die Richtung aus der sie gekommen waren.

Regen begann auf die beiden niederzuprasseln, trotzdem traute Lucy sich nicht zu dem Haus zu gehen. Splitter beschwerte sich kein einziges mal. Sie saß einfach nur leise schnurrend da und leckte ihr gelegentlich aufmunternd über die Schulter. Früher wäre Lucy bei diesem Wetter noch erfroren. Jetzt zitterte sie nur leicht und das mehr wegen der Aufregung, als wegen der Kälte. Von einem Moment auf den nächsten schaffte es Lucys, all ihre Ängste beiseite zu schieben und zu dem Haus zu sprinten. Vielleicht lag es daran, dass die Wolkendecke aufgerissen war und sie nun die Sterne über ihr leuchten sehen konnte. Vielleicht lag es auch daran, dass Splitter ihr dieses mal über die Stelle hinter dem Ohr leckte, an der sie es als kleines Kätzchen schon so geliebt hatte. Vielleicht auch beides zusammen. Sie wusste nicht warum, aber es war ihr auch egal, denn sie rannte einfach los, dicht gefolgt von Splitter. Das Brett war verschlossen, was Lucy dazu brachte daran herumzukratzen und laut zu jaulen. Splitter hielt einen zögerlichen Abstand, stimmte jedoch in ihr Jaulen mit ein. Nach einer Weile öffnete das Frauchen die Tür. Sie sah sehr müde aus und hatte ihre Schlaffelle schon angelegt, doch dann sah sie Lucy und all die Müdigkeit schien vergessen. Sie hob Lucy hoch, so wie sie es früher getan hatte, und flüsterte ihr süße Sachen ins Ohr die Lucy nicht ganz verstand, jedoch bestimmt nur gute Sachen waren. Tränen traten in ihres Frauchens Augen und Lucy begann freudig weg zu lecken. Aus dem Augenwinkel sah Lucy wie Splitter verunsichert, als wüsste sie nicht so genau, was sie mit sich anstellen sollte.
„Komm mit rauf!“, rief sie ihr zu.
„Wirklich?“, fragte Splitter. All das angeborene Misstrauen gegenüber Menschen klang in ihrer Stimme mit. „Was ist, wenn sie mich nicht mag?“
„Wie könnte man dich nicht lieben?“

Als Splitter in ihre Arme sprang, war das Frauchen erst ein bisschen verwundert, doch als sie sah wie Lucy sich schnurrend an sie schmiegte, schloss sie beide Katzen fest in ihre Arme und hielt sie ganz doll fest.