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Die Frauen der Perlenkette

von Pia Meiser

Die Unterwasserwelt ist wie die Vergangenheit –
man braucht nur zu tauchen, um sie zu finden.

Teil 1 – Eintauchen

Pelly – Waren Müritz, Deutschland, 2019
Die Sonne scheint durch das kleine staubige Fenster in mein Gesicht. Ich öffne die Augen und kneife sie sofort zusammen. Ich spüre wie etwas flauschiges meine Füße streift. „Millie“, denke ich, meine getigerte Katze. Ich gehe die schmale, knarrende Dachbodentreppe runter. In der Spüle sehe ich, wie das Geschirr sich zum schiefen Turm von Pisa entwickelt hat. Es ist doch nicht so einfach, alleine zu leben. Vor kurzem erst, habe ich mein Studium angefangen und lebe seitdem in dem ehemaligen Bootshaus meiner Großmutter. Ich tausche mein T-shirt gegen meinen Badeanzug und öffne die Terrassentür. Das Schilf wiegt sachte im Wind und der See kräuselt sich leicht. Es ist ein richtig schöner Augustmorgen, der einem verrät, dass es warm wird. Ich nehme Anlauf und tauche ins Wasser ein. Ich fühle mich schwerelos und das Ende von meinem Zopf sieht aus wie ein Pinsel, den man ins Wasser taucht. Als ich wieder an die Wasseroberfläche komme, spüre ich wie einzelne Haarsträhnen im Gesicht kleben. Ich schwimme zurück zum Steg und trockne mich ab. Ich ziehe mir etwas an und fülle Cornflakes und Milch in eine Schüssel. – Zu viel Milch. Ich schütte Cornflakes nach. – Zu viel Cornflakes. Ich schütte Milch nach. – Zu viel Milch. – Egal. Der Blick auf die Uhr sagt, dass ich schon ziemlich spät dran bin. Also schaufle ich mir das Müsli rein und ziehe mir gleichzeitig die Schuhe an. Ich greife nach meinem Rucksack und hoffe, dass dieses eine Mal noch der Geschirrberg standhält. Ich springe auf mein Fahrrad und verschwinde hinter den Bäumen.

Renate – Waren Müritz, Deutschland, 1967
Aus dem Radio, das ich zu meinem sechzehnten Geburtstag bekam, kommt das Lied „Yesterday“. Der Füller kratzt über das Papier. Ich schaue aus dem Fenster unserer Mietwohnung. Auf der Betonstraße stehen drei Trabbis. Eine Gruppe Jugendlicher überquert die Straße. Alle haben lange Haare und Schlaghosen. Ein Mädchen trägt eine Jeansjacke mit aufgemalten Blumen. „Der Bus kommt gleich“, ruft meine Mutter aus der Küche. Ich schlage das Heft zu und hole meine Schwimmtasche. Wenige Minuten später sitze ich im Bus, die Schwimmtasche liegt auf dem Sitz neben mir. Die Tür vom Bus öffnet sich und die schwüle Luft des Sommers kommt mir entgegen. Eine halbe Stunde später stehe ich auf dem Startblock. Unser Trainer pfeift und ich springe wie ein Fisch ins Wasser. Ich gebe alles und kann danach jeden Muskel spüren. Meine Hand greift nach dem Beckenrand. Die Stoppuhr wird mir gezeigt. Eine Minute und achtzehn Sekunden. Wenn ich auf diesem Weg bleibe, spricht nichts dagegen, dass ich bei den Olympischen Spielen in fünf Jahren mitmachen kann.

Teil 2 – Luft anhalten

Ise-shima, Japan, 1927
Haruki gluckst fröhlich auf dem Schoß der Frau. Das Baby zupft an dem Ende ihres Rockzipfels. Die Ama-Taucherinnen bereiten sich auf ihren Tauchgang vor. Die Mutter von Haruki holt ein wunderschönes, handgefertigtes Tegane hervor. Ein Werkzeug, mit dem man Schalentiere von Felsen trennen kann. Oftmals sammeln sie Seeigel, Algen und Abalonen. Nur ganz selten findet man eine Perle. Man muss Tonnen von Muscheln sammeln, um nur eine einzige zu finden und dann sind sie meist klein oder unförmig oder haben eine schleckte Färbung. Deshalb sind Perlen wahnsinnig kostbar. Harukis Mutter hebt deshalb die besten Perlen in einem Seidenbeutel auf, den sie Haruki später geben wird, wenn sie alt genug ist.

Haruki – Tokio, Japan, 1946
Meine Füße schmerzen nach dem wochenlangen Laufen über zerbombte Straßen. Immer wieder greift meine Hand in die Jackentasche, um zu schauen, ob der Seidenbeutel noch da ist. Ständig kommen mir Bilder in den Kopf von dem Dorf, das ich zurückgelassen habe und meiner Familie, in der einer nach dem anderen an Unterernährung gestorben ist. Ich steige auf eine Anhöhe und sehe vor mir die zerbombte Stadt und die verbrannten Häuser. Alles ist eine riesige Grau-Braune Masse. Am Horizont kann ich das Meer nur erahnen. Es ähnelt dem grünem Ozean in Ise-shima nicht im Geringsten. Vor allem aber kann ich es nicht riechen. Ich mache mich auf dem Weg ins Stadtinnere. Erschöpft setze ich mich in einen Hauseingang von einem der wenigen übrig gebliebenen Häuser. Plötzlich wird die Tür aufgerissen und ein Mann steht im Türrahmen. Ich entschuldige mich und will aufstehen, aber ich bin zu schwach. „Ich bin Herr Oshiro“, stellt er sich vor, während er mir auf die wackeligen Beine hilft. „Ich bin Haruki“, sage ich. Er lässt mich zu sich rein. Er bietet mir Reis und Wasser an. „Ich besitze ein Teehaus“, fängt er an zu erzählen. „Wenn du willst, stelle ich dich als Geisha an. Es ist bald Winter und ich bezweifle, dass du ihn da draußen überstehen wirst. Eine Menge bedeutender Gäste kommen zu mir, vor allem Amerikaner. Du hättest nichts anderes zu tun als dich mit meinen Gästen zu unterhalten und Shamise zu spielen. Die anderen Mädchen werden dir das Spielen auf diesem Musikinstrument beibringen. Im Gegenzug biete ich dir ein Dach über dem Kopf und drei Mahlzeiten am Tag.“ „Ich nehme das Angebot an“, sage ich. „Das freut mich sehr“, erwidert er. Abends sitze ich auf dem Bett und hole den Seidenbeutel hervor. Ich hole sie nacheinander heraus. Sechs makellose Perlen, in einer Größe, wie man sie nur selten sieht, liegen auf meiner Handfläche. Ich hatte eigentlich vor, die Perlen zu Geld zu machen, aber nach dem Glück, welches ich habe, ist es wohl besser, sie als Glücksbringer aufzubewahren. Ich gebe sie zurück in den Beutel und lege ihn zu meiner Kleidung.

Haruki – Tokio, Japan, 1948
Ich trage die weiße Schminke auf und schminke mir die Augen und den Mund rot. Ich trage einen hellgrünen Wickelrock und einen Kimono, ebenfalls in hellgrün. Ich stecke mir meine schwarzen Haare mit einem Kamm hoch. Ich stecke einen rosafarbenen Fächer in die Tasche meines Kimonos. Den Seidenbeutel mit den Perlen stecke ich ebenfalls dazu. Ich verlasse mein Zimmer und gehe die Treppe hinunter, die zur Gaststätte führt. Schon von draußen höre ich Gelächter und Stimmen, die sich angeregt unterhalten. Ich gehe hinein und nicke bekannten Gesichtern zu. Nach zwei Jahren hier im Teehaus kennt man so einige. Ich schenke gerade Tee an einem Tisch aus, da sehe ich einen blonden Mann in Uniform hereinkommen. Er setzt sich zu zwei Offizieren an einen Tisch und ich gehe zu ihnen, um zu bedienen. Die blauen Augen von dem blonden Mann strahlen. Ich spüre wie mein Herz einen Sprung macht. Die beiden anderen Männer kenne ich. Sie gehören zu den Stammgästen hier. „Hallo Haruki“, sagt einer von Ihnen. „Darf ich vorstellen, dass hier ist Charles. Er wurde zum dritten Mal in diesem Jahr befördert. Er ist unser bester Mann.“ Er errötet bei diesen Worten. Ich auch, wenn auch aus ganz anderen Gründen. „Bring uns doch bitte eine Flasche Champagner zum Anstoßen.“ Als ich mit dem Champagner wiederkomme, frage ich ihn woher er kommt. „Aus Kalifornien“, antwortete er. „Und ich vermisse es.“ „Ja, ich vermisse meine Heimat auch“, sage ich. „Woher kommst du denn?“, fragt er mich. „Aus einem kleinen Fischerdorf auf der Shima-Halbinsel.“ Unsere Blicke treffen sich und ich spüre wie die Schmetterlinge in meinem Bauch anfangen zu flattern. „Wirst du eines Tages dahin zurückkehren?“, fragt er. Ich halte einen Moment inne. „Ich habe noch nie wirklich darüber nachgedacht“, sage ich. Ich gieße den Champagner in die Gläser. Sprudelblasen steigen nach oben.

Einige Monate später treffe ich Charles im Teehaus wieder. Diesmal steckt er mir einen Zettel zu. Ich falte ihn hinter dem Tresen auseinander. 18 Uhr, im Hinterhof, steht da geschrieben. Ich falte ihn wieder zusammen und hole tief Luft, um die Schmetterlinge in meinem Bauch zu kontrollieren. Als ich nach meiner Arbeitsschicht den Hinterhof betrete, ist es schon dunkel. Die Luft ist kühl und einige Grillen zirpen. Er ist schon da und begrüßt mich. „Ich habe gestern meinen Abmarschbefehl erhalten“, sagt er. Die Nachricht trifft mich wie ein Schlag. Die Sterne verschwimmen. „Komm mit nach Amerika“, sagt Charles. Ich kann mir nicht vorstellen, alles hinter mir zu lassen und in das Land zu ziehen, das mir alles kaputt gemacht hat. Ich schüttele den Kopf. „Nein, das kann ich nicht“, sage ich. Er kämpft mit den Tränen. „Ich habe noch etwas für dich, damit du mich nicht vergisst“, sagt er. Er holt eine Schachtel hervor. Ich öffne die Schachtel – ein silbernes Medaillon. Er legt es mir um den Hals. Ich öffne das Medaillon und sehe ein Bild von ihm. „Ich geh dann mal…“, sagt er. Er gibt mir einen Kuss auf die Wange und verschwindet in der Dunkelheit. Ich umklammere das Medaillon und schließe meine Augen. Tränen kullern meine Wangen runter. Ich liege in meinem Bett und schaue mir noch einmal das Bild an. Mir wird klar, dass ich ihn nicht verlieren möchte.

Es ist noch früh am Morgen, als ich in einen kleinen Koffer meine Kleidung lege. Ich schließe ihn und binde meine Haare zu einem Zopf. Ich hatte mich schon gestern Abend von Herrn Oshiro verabschiedet. Ich nehme den Mantel vom Haken und zieh ihn mir über. Ich verlasse das Teehaus und vor mir steht Charles. „Was machst du denn hier?“, frage ich. „Ich wollte fragen ob du nicht doch mitkommen willst. Und du? Was ist mit dem Koffer in deiner Hand?“ „Ich möchte doch mit nach Amerika“, sage ich. „Ehrlich?“ „Ja, ich kann es auch noch nicht wirklich glauben…“, sage ich.

Ich bin mit Charles auf dem Weg nach Kalifornien und hole den Seidenbeutel raus. Ich fädele die Perlen auf das Medaillon auf. Drei rechts und drei links von dem Anhänger.

Renate – München, Deutschland, 1972
Ich bin tatsächlich bei den Olympischen Spielen in München. Ich bin im Westen. Ich kann es gar nicht glauben. Einfach unbeschreiblich. Wir sind in Wohnungen untergebracht. Meine Wohnung ist klein aber akzeptabel. Meine Hand streicht über den Badeanzug. So viele Jahre habe ich dafür gekämpft hier zu sein. Jetzt will ich auch Gold gewinnen. Es ist zwar schon spät am Nachmittag aber ich will noch einmal trainieren. Ich ziehe mich um und gehe mit dem Bademantel und Badelatschen zum Trainingsbecken. Ich mache mich unter der Dusche nass und steige auf den Startblock. Ich hole tief Luft und atme tief wieder aus. Dann springe ich. Ich spüre wie ganz viele kleine Luftbläschen nach oben steigen. Am Ende der Bahn stoße ich mich ab. Ich stütze mich am Beckenrand hoch und steige aus dem Wasser. Ich schlüpfe in meinen Bademantel und gehe wieder in meine Wohnung. Auf dem Flur treffe ich einen jungen Mann. Ich glaube er ist so alt wie ich. Er spricht mich an und wir reden eine ganze Weile miteinander. „Wie heißt du?“, frage ich. „William, und du?“ „Renate“, antworte ich. Ich frage ihn woher er kommt und er antwortet mir, dass er aus Kalifornien kommt. Ich hatte schon von Palmen und weißen Sandstränden gehört. Er erzählt mir vom Woodstock Festival und Demos gegen den Vietnamkrieg. Ich bin fasziniert von der anderen Welt, aber vor allem bin ich fasziniert von ihm.

Es ist ein Donnerstag als ich mich mit William treffe. Seine Wohnung ist genauso eingerichtet, wie meine. Ich setze mich auf den Stuhl, der an dem Tisch steht. Er setzt sich dazu. „Wie kommst du eigentlich zum Schwimmen?“, frage ich. „Das Wasser liegt eigentlich in der Familie. Meine Mutter war eine Ama-Taucherin. Mein Vater war Soldat und hat so meine Mutter in Japan kennengelernt. Wir leben in Kalifornien. Wir sind viel im Wasser.“ Er kramt in einer Tasche und holt Fotos hervor. Er zeigt sie mir. Das erste Foto zeigt ein Haus mit überdachter Veranda. „Das ist das Haus meiner Eltern“, sagt er. Das zweite Bild zeigt einen jungen Mann beim Surfen. Das Wasser ist türkis-blau. „Schau!“, sage ich. Das dritte Bild zeigt ihn auf einer Bank. Im Hintergrund eine Bergkulisse. „Ich würde nur zu gerne einmal dort sein“, sage ich. Seine bernsteinfarbenen Augen leuchten. Ich fühle mich wie im siebten Himmel. Mir kommt der Gedanke, wie Albert sich fühlen würde, wenn er erfährt, dass ich mich mit einem anderen Mann treffe. Mit Albert bin ich seit zwei Jahren zusammen und erst vor kurzem hat er mir den Heiratsantrag gemacht. William streicht eine Strähne aus meinem Gesicht. Er ist so nah, dass ich seinen Atem spüren kann. Er mustert mein Gesicht. „Was schaust du?“, frage ich. „Ich zähle deine Sommersprossen.“ „Dann sitzt du ja noch bis morgen oder übermorgen und zählst“, sage ich lachend. Wir küssen uns. Mir ist alles egal was zu Hause ist oder was gestern war. Jetzt bin ich hier bei ihm.

Es ist der elfte September. Die Olympischen Spiele sind zu Ende. Heute wird die Abschlussfeier stattfinden. Die DDR hat zwar nicht gewonnen und ich gehe ohne Medaille nach Hause, aber das ist nicht so schlimm, denn ich bin schwanger von William. Natürlich kann ich nicht mit ihm in die USA gehen. Natürlich kann ich es Albert nicht sagen, aber ich bin trotzdem glücklich. Ich bin sofort zu Williams Wohnung gerannt und habe es ihm erzählt. Er hat sich gefreut, war aber auch geschockt und er wusste genauso wie ich, dass ein Wiedersehen unmöglich ist. Er nahm mich in den Arm und sagte, dass uns eine schwere Zeit bevorsteht. Er schenkte mir ein Medaillon mit drei Perlen jeweils rechts und links von einem silbernen Anhänger. In dem Anhänger befand sich ein Bild von ihm und mir.

Pelly – Müritz, Deutschland, 2019
Es ist Samstag, als ich meine Flossen anziehe und meine Taucherbrille aufsetze. Ich lasse mich ins Wasser fallen und folge meiner Neugierde. Ich sammele ein paar Muscheln und genieße die Stille. Sonnenstrahlen brechen durch die Wasseroberfläche und lassen etwas im Wasser aufblitzen. Ich greife danach und halte eine Kette in der Hand. Um genauer zu sein, ein Medaillon mit sechs wunderschönen Perlen. Ich tauche auf und schau mir die Kette auf dem Steg genauer an. In dem Anhänger ist ein junger Mann mit meiner Oma Renate zu sehen. Der Mann hat braunes Haar und braune Augen. Ich bin mir sicher, dass der Mann auf dem Foto nicht mein Opa Albert ist, denn Albert ist blond, groß und schlaksig. Der Gedanke an die Kette ließ mich nicht mehr los. Ich schaute in den Kartons nach, mit den Erinnerungen meiner Oma, die sie noch immer hier stehen hat. Ich finde weitere Fotos, von dem braunhaarigen Mann und meiner Oma und Bilder, von einem Mann, der surft und jemandem, der auf einer Bank vor einer Bergkulisse sitzt.

Renate – Müritz, Deutschland, 1972
Es ist Herbst, als ich auf der kleinen Bank auf dem Steg vor dem Bootshaus sitze. Ich schließe die Knöpfe von meinem Mantel und wickele mir einen Schal um den Hals. Blätter fallen auf die Wasseroberfläche des Sees. Der Schwangerschaftsbauch zeichnet sich leicht ab. Ich nehme das Medaillon in die Hand und betrachte es. Ein Kloß entsteht in meinem Hals. Tränen fließen meine Wangen hinunter. Ich wische sie schnell weg. Ich stehe auf und werfe die Kette so weit ich kann in den See. Kringel bilden sich um die Eintrittsstelle.

Teil 3 – Auftauchen

Kathleen – Müritz, Deutschland, 1998
Das Mehl staubt, als ich den Teig auf die Arbeitsfläche fallen lasse. Ich knete den Teig und forme daraus Brötchen. Ich schiebe das Blech in den Ofen und betrachte mich eine Weile in der Scheibe des Ofens – lange braune, fast schwarze Haare, provisorisch nach oben gebunden. Bernsteinfarbene Augen und unendlich viele Sommersprossen. Die Sommersprossen habe ich eindeutig von meiner Mutter. Doch die Haare und Augen sind nicht nur mir schon immer ein Rätsel gewesen. Viele haben mich schon gefragt, ob Albert wirklich mein leiblicher Vater ist und natürlich habe ich schon unendlich viele Male darüber nachgedacht. Ich habe oft das Gefühl, dass ich mit meiner Mutter ein Geheimnis teile. Ich habe nur keinen Anhaltspunkt, dass das stimmen könnte.

Pelly – Müritz, Deutschland, 2019
Der Tee fließt aus der Kanne in die Tasse. „Möchtest du auch Tee?“, fragt mich meine Oma. „Nein, danke“, lehne ich ab. Sie trinkt einen Schluck und stellt die Tasse auf dem Porzellanteller ab. Der Regen prasselt an die Scheibe. Ich hole die Kette aus meiner Hosentasche und lege sie auf den Tisch. Sie schaut mich verwundert an. “Du hast sie gefunden?“, fragt sie erstaunt. „Jaha, im Wasser“, flöte ich. Ich nehme mir ein Keks von der Etagere. Ich beiße in den Keks und lege ihn auf den Teller, vor mir. Irgendwie trocken und alt, denke ich. „Wer ist denn das, also der Mann auf dem Bild?“, frage ich nach. Meine Oma seufzt und schaut aus dem Fenster. Ich denke sie sucht nach Worten. „Der Mann ist der Vater deiner Mutter“, sagt sie schließlich. „Hab ich mir schon gedacht“, sage ich. “Er heißt William und lebt in Kalifornien. Ich habe ihn in München bei den Olympischen Spielen kennengelernt.“ „Und jetzt?“, frage ich. „Was ist mit Mama, wollen wir es ihr sagen?“ „Ja, Kathleen wartet glaube ich nur darauf. Ich habe ja auch mitbekommen, wie sie in der Schule geärgert wurde, damit, dass Albert nicht ihr richtiger Vater sei. Sie selbst hat auch Zweifel gehabt, aber man traut sich ja auch nicht einfach zu fragen.“ Sie nippt am Tee. “Mama hatte ja auch nie ein gutes Verhältnis zu Albert“, ergänzte ich. “Nee, das hatte sie und hat sie wirklich nicht.“ „Und wie wollen wir es ihr sagen?“, frage ich. „Ich habe da schon so eine Idee“, antwortet meine Oma. „Ich habe da noch irgendwo eine Adresse von ihm.“

Es ist Oktober und die Bäume im Park leuchten in Rot und Gelb. Ich spaziere mit meiner Oma und meiner Mutter unter den Bäumen entlang. „Ich habe etwas für dich, Kathleen“, sagt meine Oma und wir bleiben stehen. Sie nimmt etwas aus der Innentasche ihres Mantels und gibt es Kathleen. „Ein Flugticket nach Kalifornien?“, fragt sie und schaut meine Oma dabei verwirrt an. „Was soll ich denn da alleine?“ „Nicht alleine, sondern wir drei“, erzählt Renate feierlich. “Und warum?“, fragt meine Mutter. Ich sehe die Fragezeichen auf ihrer Stirn geschrieben. “Du wirst deinen leiblichen Vater kennenlernen. Vorausgesetzt du möchtest das.“ Dann wird sie weiß im Gesicht. Weiß, wie Kreide. “Das heißt es stimmt, dass Albert nicht mein Vater ist?“ Meine Oma schaut zu Boden und murmelt: „Ja, es stimmt.“ Ihr ist es offensichtlich unangenehm ihre Tochter über so viele Jahre angelogen zu haben. Vielleicht hat sie es aber auch nicht gemerkt, weil sie sich selber belogen hat. „Also kommst du mit?“, frage ich meine Mutter. Sie stimmt zu und fängt an zu weinen, aber nicht
aus
Traurigkeit
sondern, weil so eine große Last von ihr abfällt. Renate nimmt sie in den Arm. Dann wendet sie sich an mich. „Das Medaillon gehört nun dir“, sagt sie. Sie legt es mir um den Hals.