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Eine Geschichte

Ich wache noch leicht müde auf. Es ist der 23. Tag der Corona-Quarantäne. Noch leicht verschlafen, tappe ich ins Bad, mache mich fertig und gehe ein bisschen wacher in mein Zimmer und ziehe mich an. Vollständig wach gehe ich in die Küche, wo schon meine Brüder und meine Mutter warten. Wie jeden Morgen, setze ich mich zu ihnen und esse. Als ich aufgegessen habe, schiebe ich die Krümel in die Kompost-Schale und den Teller in den – zu meiner Freude – ausgeräumten Geschirrspüler. Ich gehe wieder die Treppen zu meinem Zimmer hoch und starte den Computer.
Wie jeden Morgen hoffe ich, dass ich keine Tonnen an Aufgaben bearbeiten soll. Wie jeden Morgen werde ich enttäuscht, als ich den Posteingang checke. Ironisch lächelnd denke ich: „Wunderbar, nur 3000 Aufgaben zu bearbeiten, das ist ein neuer Rekord! Diesmal hat Herr Göte sich selbst übertroffen, wenn das so weiter geht, brauche ich eine zusätzliche 5 Terabyte Festplatte und die 10 Druckerpatrone, nebst Industriedrucker.“ Leicht frustriert schicke ich den Druckauftrag der Arbeitsblätter los. Als ob der Drucker nicht täglich benutzt wird, spuckt er fröhlich fiepend die acht Papiere aus. Genervt vom surren des Lüfters schiebe ich die Tastatur von mir weg und lege die Arbeitsblätter vor mich hin. Ich inspiziere sie genauer und bemerke, dass der Großteil Lesetexte sind und wenige Fragen. Mit gehobener Laune hoffe ich, dass Mr Google die passenden Antworten auf die Fragen ausspuckt, ohne das ich selber lesen muss. Ich mache mich ans Werk. Ich tippe die Fragen nach und nach ins Browser-Fenster und nach gefühlten fünf Stunden Arbeit sind die Aufgaben abgearbeitet. Erleichtert scanne ich die Ergebnisse ein und lade sie in Iserv hoch. Glücklich raune ich mir selber zu: „Geht doch.“ Zu früh gefreut, denn ich habe noch einen Arbeitsauftrag übersehen. Ich soll über mein Leben in der Quarantäne schreiben. Als ob mir am 23. Tag noch irgendetwas erzählenswertes einfallen sollte, denke ich und beginne lustlos zu tippen: Eine Geschichte. Gedankenverloren blicke ich aus meinem Zimmerfenster. Ich stutze – es ist gar nicht mehr mein Fenster. Es ist ein rundes, mit dicken Schrauben fixiertes Glas. Ich blicke auf die Galaxie. Mit Mühe erkenne ich den kleinen Punkt, der die Erde sein soll. Verwirrt schaue ich mich um, und registriere, dass ich nicht mehr in meinem Zimmer am Schreibtisch sitze, sondern in einem klinisch reinen Raum, mit nur einem Bett und meinem Tisch ohne Computer. Plötzlich reißt ein Mann eine Tür auf. Er sieht so aus, als ob er aus einem Star Trek Film entstiegen ist. Keuchend ruft er mir zu: „Folge mir!“. Leicht ängstlich, aber auch irgendwie interessiert gehe ich ihm hinterher. Gemeinsam laufen wir durch lange, Raumschiff-artige Gänge bis zu einer aus gebürsteten Stahl bestehenden Tür. Sie schwingt geräuschlos auf. Der Raum, auf den ich blicke, hat ein großes Fenster. Überall entdecke ich blinkende Armaturen und Knöpfe. Beeindruckt sehe ich aus dem Fenster, das den Blick auf ein riesiges Asteroidenfeld frei gibt. Erst jetzt fällt mir auf: obwohl eine große Menge an Leuten in diesem Raum ist, herrscht eine beängstigende Stille. Alle scheinen etwas extrem Wichtiges zu tun, sie drücken Schalter, drehen Knöpfe und kippen Hebel. Plötzlich höre ich einen Aufprall. Wie aus einer Starre erwacht stürzten alle panisch durcheinander. Intuitiv weiß ich, wir wurden getroffen.
Ich schrecke von meiner Tastatur hoch. Verwundert blicke ich mich um. Ich atme auf – puh, alles nur ein Traum. Auf dem Bildschirm erkenne ich meine Geschichte. Sie umfasst 450 Seiten! 450 Seiten k, stelle ich fest. Als meine Finger über mein Gesicht reiben bemerke ich, dass die Tasten an meiner rechten Wange einen Abdruck hinterlassen haben. „Na, dann viel Spaß beim löschen,“ sage ich mir und fange erneut an zu tippen. Aber jetzt richtig…

– Erik Schüßel