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Heimat aus zwei Perspektiven

Mit 18 musste die Mutter fliehen. Jetzt, 25 Jahre später,  sprechen Mutter und Tochter zum ersten Mal  über ihre Heimat.

Ameti- so heißt die albanische Familie, die seit 18 Jahren in Lurup lebt. Herr Ameti arbeitet bei der Polizei, seine Frau ist selbständige Krankenpflegerin. Das Ehepaar hat vier Kinder, die alle noch zur Schule gehen.

Wir besuchen die Familie in ihrer Dreizimmer-Eigentumswohnung in einem hellblau gestrichenen achtstöckigen Haus an einer lauten Straße.

Nora Ameti sitzt in der weißgekalkten Küche. Auch die Wände sind weiß gestrichen. An den Wänden hängen viele Bilderrahmen mit Kindheitsfotos der Familie. Der lange Esstisch  ist voll gedeckt. Es gibt ein typisches albanisches Abendbrot. Es duftet nach gebratenen Zwiebeln, Tomaten und gekochtem Weißkohl. Zum Kohl gibt es Bratkartoffeln, frisches Fladenbrot und eine traditionelle goldgelbe Sauce mit weißen Bohnen und Hähnchenfleisch.

Frau Ameti hat eine weiße Tischdecke über den Tisch gezogen, für die Reporterin und Frau Ametis Tochter Laura stehen weißes Geschirr, Besteck und Gläser bereit.

Frau Ameti spricht gebrochenes Deutsch mit Akzent. Sie erzählt von ihrer Zeit, bevor sie und ihr Mann als Flüchtlinge nach Hamburg kamen. Die 39-Jährige hat kurzes, blondes Haar und grüne Augen. Wenn sie spricht, redet sie mit den Händen. Ihre Stimme ist laut, sie wirkt selbstbewusst. „Ich kann das wunderschöne, weite Land, in dem ich aufgewachsen bin, heute kaum noch sehen“, sagt sie. Jetzt wirkt Nora Ameti sehr nachdenklich und senkt ihren Blick. Sie schiebt die Füße unter den Tisch, streckt die schweren Hände weit vor sich, holt einmal tief Luft und sagt:  „Auch wenn ich mich kaum noch an mein Heimatdorf erinnern kann, spüre ich die Heimat in jeder Zelle meines Körpers. Ich fühle die Wärme der Sonne und rieche den herrlichen Duft der Natur. Nur im Kosovo bin ich wirklich zuhause. Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle.“

Vor 17 Jahren herrschte im ehemaligen Jugoslawien Krieg. Der Kosovokrieg war ein bewaffneter Konflikt um die Kontrolle des Kosovo. Er dauerte  vom 28. Februar 1998, dem Angriff serbischer Soldaten,  bis zum 10. Juni 1999, den Beginn des serbischen Rückzugs. Mehr als 13. 000 Menschen wurden getötet. Konfliktparteien waren die Befreiungsarmee des Kosovo (UCK), die jugoslawische Armee und serbische Ordnungskräfte sowie NATO-Streitkräfte unter Führung der USA.

Der Familie Ameti blieb keine andere Möglichkeit als zu fliehen. „Ich war 18 Jahre alt, hochschwanger und hatte Angst um mein Leben und das meines Kindes.“

Nora erzählt, wie sie und ihr Mann Patrick damals geflohen sind. Sie haben ihre Eltern und Geschwister zurückgelassen, haben nur das Nötigste mitgenommen, zwei Handtaschen, und sind in einen Bus gestiegen. „Wir wollten nach Deutschland. Mein Mann hatte in Hamburg einen Freund, der es auch aus dem Kosovo geschafft hat.“

Zu Beginn wurden die beiden jungen Leute in einem „Auffanglager“ untergebracht. „Es war eng und laut. Aber zum Glück wurden wir nach wenigen Wochen als Asylanten anerkannt. Kurz danach darauf unsere Tochter Laura, unser erstes Kind, geboren.“

Laura hat ihrer Mutter gespannt zugehört. „Mama, das hast du ja noch nie erzählt. Warum hast du uns gegenüber denn noch nie von deiner Vergangenheit im Kosovo gesprochen und von deiner Flucht?“ Frau Ameti lächelt ihre Tochter etwas verunsichert an. „Ich habe nicht gedacht, dass es euch interessiert. Ihr lebt doch in einer ganz anderen Welt. Ich denke nicht, dass du dich in meine damalige Lage hineinversetzen kannst.“ Man merkt ihr an, dass sie ungern über ihre Gefühle spricht. Offenbar hat sie die Zeit ihrer Flucht lieber verdrängt.

Laura hat langes dunkles Haar. Ihr Gesicht ähnelt dem ihrer Mutter. Sie hat ebenfalls grüne Augen und eine helle Haut.
Auf die Frage, was Heimat für sie bedeutet, sagt sie, dass sie sich noch nie Gedanken darüber gemacht hat. „Wenn man sich an einem Ort nicht wohl fühlt, kann man davon ausgehen, dass dies nicht die Heimat ist. Das sehe ich genauso wie meine Mutter.“ Sie nickt noch einmal und beginnt das Besteck weg zu räumen.

„Für mich ist meine Heimat in Hamburg, weil ich hier geboren wurde und im Kindergarten fast nur von deutschen Kindern umgeben war. Es ist mir nicht schwer gefallen, mich mit denen anzufreunden. Mittlerweile fühle ich mich hier zuhause und denke, dass ich mich überhaupt nicht wohl fühlen würde, wenn ich in Kosovo oder wo anders leben würde. Das wäre mir einfach viel zu schade, da ich sehr viel mit Hamburg verbinde wie z.B. meine Freunde, die Schule etc. Ich denke, dass meine Mutter Hamburg aus diesem Grund nicht als ihre Heimat sieht, weil sie hier nicht aufgewachsen ist sondern in Kosovo, somit hat sie nicht viel mit Hamburg zu verbinden .“

Dennoch findet es Laura gut, dass die Mutter den Bezug zu ihrer eigenen Heimat nicht verliert und den Kindern ihre Heimat nahebringt. Dies tut sie, indem sie traditionelles albanisches Essen kocht und die Kinder mit auf albanische Feste nimmt wie z.B die traditionellen Hochzeiten. Die Familie feiert auch jedes Jahr gemeinsam das traditionelle Bayram, das muslimische Zuckerfest.

Wie es scheint, ist die Familie Ameti voll in Deutschland integriert. Alle sechs haben einen deutschen Pass. Laura hat eine albanischstämmige Freundin, der Rest ihres Freundeskreises in Lurup kommt ursprünglich aus allen möglichen Teilen der Welt.

Und auch Frau Ameti plant ihre weitere Zukunft in Hamburg. „Ich möchte gern einen eigenen Kindergarten gründen. Ich liebe Kinde“, sagt. Einen Geldgeber hat sie bereits gefunden.