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Ich will! Will ich?

Von Vanessa Hermann

Ich will! Will ich?

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich,
Ein Blümchen stehen,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein,
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Ich grub ́s mit allen
Den Würzlein aus.
Zum Garten trug ich ́s
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort,
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort. ́ ́

,,Johann Wolfgang von Goethe für seine Frau Christiane zum 25. Jahrestag ihrer ersten Begegnung, es ist wunderschön“, seufzte ich, so schwelgerisch, dass man hätte
vermuten können, ich wäre damals dabei gewesen. „So wie du“, sagte er und schaute mich an, mit diesem Glänzen in seinen brauen, mandelförmigen Augen und mein Seufzen
verwandelte sich direkt in ein sanftes Lächeln. Wir saßen auf dem eisblauen Vintage Sofa von Wilmowsky in unserem Apartment in New York, Manhattan, Upper East Side und
waren dabei, die Wörter zu finden, die wir auf Karten schreiben und zu den Gastge- schenken „zu unserer Hochzeit“ legen wollten. Etwas Kurzes, aber Herzliches, aber nichts klischeehaft Unpersönliches. ,,Ich könnte es bei unserer Hochzeitsfeier erwähnen, wenn der Bräutigam das Wort bekommt, es erinnert mich an unsere Geschichte, es schafft eine per-
sönliche Atmosphäre.“ Nick blickte wieder konzentriert auf das bräunliche Buch mit der Aufschrift ,Liebesgedichte Großer Dichter’, das in seinen, für einen Mann sehr zart ge-
ratenden, aber herrlich sanften Händen lag. Ich wusste schon immer, dass er dieses Gedicht mit uns verband. Obwohl wir uns nicht in einem Park in der Nähe seines abgelegten Garten-
hauses,  sondern bei der Vernissage von Manets bekanntesten Kunstwerken im Louvre von Paris getroffen hatten. Aber auf der Suche waren wir durchaus nicht. ,,Eine noch persönlichere Atmosphäre würde es schaffen, wenn du dein eigenes Gedicht verlesen würdest, das wäre romantisch“, ich lächelte ihn provozierend an. Er biss sich auf die Lippe, so wie er es immer tat, wenn ich mein provozierendes Lächeln aufsetzte, stand auf und strich mir im Vorbeigehen durch meine blonden Haare.,,Genug Zeit um es mir nochmal zu überlegen habe ich ja“, sagte er, zog dabei eine Augenbraue hoch und lachte. Eine Anspielung darauf, dass ich mit den Hochzeitsplanungen im Detail bereits knapp ein Jahr vorher begonnen hatte. Perfektion braucht eben Zeit.

Beim Hinabsteigen glitt ich mit der Hand über das Geländer der Treppe, welche vom oberen Abteil zum unteren in unserem Apartment führt. Ich blieb abrupt vor der letzten Stufe
stehen. Nick stand perplex vor dem Fahrstuhl, der die Eingangstür bildete. Er hatte seine Cambridgejacke aus mittelgrauem Flanell von Gucci noch nicht ausgezogen und auch seine
Louis Cartier Aktentasche aus braunem Krokodilleder hatte er noch mit festem Griff in seiner sonst so sanften Hand. Er starrte auf die Keramikfliesen, ohne Bewegung, nicht einmal ein Blinzeln, kein Wimpernzucken. Seine tiefbraunen Augen waren glasig. In diesem Moment wurde mein Magen schwer und ein Kloß, der mir das Schlucken erschwerte, bildete sich in
meinem Hals. Ich ging nicht weiter auf Nick zu, ich stand immer noch vor der letzen Stufe und starrte ihn an, merkte, wie sich mein Mund leicht fragend öffnete, aber es kam nichts heraus.

Meine Gedanken suchten nach einer Lösung für meine Frage, was geschehen war, aber sie fanden keine Antwort. Es gab keine Antwort. Heute morgen um kurz nach neun Uhr, nach unserem gemeinsamen Frühstück, war Nick in aller Frische und voller Elan wie auch sonst zur Arbeit gegangen. Der Mann, welchen ich nun vor mir sah, war ein anderer. Plötzlich schaute Nick zu mir hoch, sein Mund öffnete sich, er zögerte, dachte nach.
,,Der Präsident, er hat ALS …“

Und in einem Atemzug wurde aus der Modedesignerin Rose Richter aus einer Kleinstadt in Deutschland  „The First Lady of America“. In einem Atemzug stand vor mir der mächtigste Mann der Welt. Für den Moment war ich erstarrt, ich fühlte mich hohl, ich fühlte gar nichts. Meine Gedanken waren leer, da war nichts. Weder Angst, Trauer, noch Freude oder Aufregung. Nur das Gefühl der Leere. Im nächsten Moment lösten wir uns aus unserer Schockstarre, wir schauten uns an und die Leere war weg. Ein lautes, erschrockenes Seufzen entwich mir und ich brach unbeabsichtigt in Tränen aus. Nick ließ seinen Aktenkoffer zu Boden fallen und schon lagen wir uns in den Armen.  Trotz all dieser verwirrten Gefühle, dieser Angst vor den kommenden Tagen, Wochen, verspürte ich in Nicks Armen diese Sicherheit. Doch ich spürte, dass ich ihm diese Sicherheit nicht zurückgeben konnte. Wir redeten an diesem Abend nicht besonders intensiv oder viel miteinander. Wir nahmen unser Essen gemeinsam ein, und ich denke, wir waren noch nie zuvor so still zu einander bei Tisch. Nick verschwand nach dem Essen schnell nach oben, ich fühlte mich noch nicht so weit ihm zu folgen und nutzte die Zeit, um noch ein wenig innezuhalten. Nicht lange, denn das Hausmädchen war dabei ihre Arbeit zu tun und sie und ich, wir beide fühlten uns fehl am Platze, wenn ich so erstarrt dort saß und nachdachte. Also folgte ich Nick nach oben, dieser war zu meinem Erstaunen bereits eingeschlafen. Ich seufzte lächelnd, auch wenn ich nicht nachvollziehen konnte, wie er so beruhigt schlafen konnte, war ich froh, dass er es tat. Froh für ihn, der sich nicht mit Schlaf-problemen plagen musste und froh für mich, dass ich, für heute jedenfalls, keine Unterhaltung über die Ereignisse dieses Tages führen musste.
Ich tauschte mein hellgrünes Seidenchiffonkleid mit den kleinen schwarzen und rotbraunen Tupfen von Chanel gegen meinen apfelgrünen Sommerpyjama mit creme-weißer Spitzenbrust von Luna di Seta und legte meinen Schmuck ab, auch meinen Verlobungsring. Ich hielt ihn noch eine Weile in der Hand, bevor ich ihn ablegte. Dieser Schliff, diese Karatzahl, diese Reinheit. Perfektion in seiner höchsten Klasse. Ich legte mich zu Nick ins Bett. Das Einschlafen fiel mir tatsächlich leichter als ich erwartet hatte, meine Gedanken waren plötzlich ganz leer, als hätte ich bereits zu viel gedacht. Aber einen letzten Gedanken konnte ich noch fassen, bevor ich einschlief, ich nahm mir vor, sobald ich am folgenden Tag die Zeit dafür finden würde, würde ich mir ein Tagebuch zulegen. Ein Tagebuch, in dem ich in den folgenden Wochen meine tiefsten Gedanken und Veränderungen in meinem Leben verewigen würde.

Du bist in der Bibliothek, auf der Suche nach dem Buch ,,Biologie, Anatomie,Physiologe“ für deine Facharbeit im Fach Biologie zu der Krankheit ALS. Im Regal M6, gefüllt mit Biologiebüchern, findest du ein Din A5 großes Buch, unbeschriftet. Es ist türkis und nicht mehr in bester Verfassung, es sieht alt und verbraucht aus. Du wunderst dich, was dieses Buch zwischen all den anderen verloren hat und du bist neugierig. Du öffnest das Buch, die Handschrift gefällt dir, sie ist schön wie von einer schönen Frau. Deine Neugier ist größer geworden und du beschließt die erste Seite zu lesen.

11. Mai
Es ist heute drei Tage her, dass ich von der Diagnose des Präsidenten erfahren habe. Und erst heute am Abend finde ich die Zeit in mein neues Tagebuch zu schreiben, welches mir unser Hausmädchen Louisa in den letzten Tagen besorgt hat.
Ich habe für solche Besorgungen keine Zeit mehr, ich habe das Gefühl, ich bekomme nicht einmal mehr Zeit zum Atmen. Wir hetzen von Gespräch zu Gespräch, planen alles für unsere bevor-stehende Amtszeit und entwickeln Pläne, wie ich das amerikanische Volk für mich gewinnen kann. Ich vertraue keinem dieser Pläne, ich bin keine geborene Amerikanerin und ich werde es schwer haben, aber daran können auch keine Pläne etwas ändern, nur Sympathie, Authentizität und Taten.
Unsere Hochzeit wird nun am Freitag, dem 2. Juni ausgerichtet, acht Monate früher und öffentlicher als geplant. Ich habe das Gefühl als wäre dies keine Hochzeit mehr, sondern eher ein Teil einer Werbekampagne. Alles so ausgerichtet, dass es der Welt gefallen dürfte. Aber das ist in Ordnung, wenn es Amerika so leichter fällt, ihren neuen Präsidenten zu akzeptieren. In 28 Tagen werde ich The First Lady of America sein, auch wenn es so unerwartet und unpassend wie nur möglich kam, freue ich mich. Es ist wie eine ungewollte Schwangerschaft und Amerika ist mein Baby, welches ich mehr als alles lieben und dem ich die beste Mutter sein werde, obwohl es am Anfang so wie eine Überforderung aussieht.
Du liest die erste Seite und weißt genau, wessen Tagebuch du gerade in deiner Hand hältst. Das Tagebuch der First Lady Rose Brewster.

Mein Hochzeitskleid war selbstverständlich Couture, ein Haute Couture Hochzeitskleid von Vera Wang, der Traum jeder Frau. Es ist einfach perfekt. Von der weißen Spitze an den Ärmeln bis hin zur Stickerei in Elfenbeinfarbe unter der Brust und weiter bis zum Saum, der auf Knöchelhöhe endet. Wie für mich gemacht. Klassisch elegant, aber mit einer extravaganten Note. Heute war das Kleid fertig gestellt geworden, bislang war ich vier Mal bei Vera Wang gewesen, um den Feinschliff bis ins Detail zu besprechen. Eine Hochzeit, bei der die Presse präsent sein würde und da vom Königshaus bis zu den höchsten politischen Ämtern Besuch zu erwarten war, hatte das Kleid der Braut in purer Perfektion zu glänzen.
Das war einer der wunderbaren Vorteile als zukünftige Frau des Vizepräsidenten und zukünftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Vera Wang persönlich entwarf mein Kleid und dies tat sie mit voller Liebe, Hingabe und Verständnis wie kaum ein anderer Mensch. Vera Wang wusste, wie man einer Frau ein Kleid an den Leib schneidert. Und nichtsdestotrotz hatte irgendetwas nicht seine Richtigkeit. Wenn ich mich in dem Kleid sah, fühlte ich mich wunderschön, sobald ich aber mir vorstellte,  in diesem Kleid mit Nick vor dem Priester in der Saint James Church zu stehen, da passte irgendetwas nicht und mir wurde so unwohl, dass ich am liebsten aus dem Kleid springen wollte. Ich verbannte diesen Gedanken und beschloss für mich selbst, dass der Grund dafür nur meine Aufregung vor dem weltweiten Publikum war. Ich tauschte mein Hochzeitskleid gegen mein oranges Tageskleid von LouisVuitton und verließ den Laden, nach einem letzten, klärenden Worten.
Ich ging über die Straße, mir war danach durch den Central Park den Heimweg zu nehmen, anstatt mit der Limousine durch New Yorks Berufsverkehr zu fahren.
Ich wollte gerade den Central Park betreten, da sah ich ihn. Ihn, den wahren Grund meiner Zweifel. Mein erster Kuss im Sommerplatzregen, auf unserer Lieblingsschaukel am Spielplatz an der Ecke der Straße, welche zu meinem Haus führte. Mein erstes Bauchkribbeln, als er, am Anfang der sechsten Klasse als neuer Schüler in unserer kleinen Dorfschule, die Klasse betrat und unsere Augen sich trafen. Genau wie sie sich in diesem Moment trafen und genau dieses Kribbeln, das meinen ganzen Körper überzog, jedes Mal. Wir sahen uns an und ich erlebte vor meinen Augen eine Rückkehr in meine Jugend. Ich sah uns, wie wir mit 16 im Schnee spielten und mit 17 zwischen Laubblättern auf seiner Jacke uns leidenschaftlich küssten, er mich berührte, wo es mir gefiel, ohne, dass ich es vorher sagen musste. Und ich spürte seine sanften Lippen, wie sie perfekt auf meine passten.
Ich versuchte meine Gedanken zu verdrängen, sah in seine blau-grünen Augen und wusste genau, in seinem Kopf spielte derselbe Film wie in meinem.
Er fing sich, kam auf mich zu und ich spürte, wie sich meine Wangen leicht röteten. Etwas, was kein anderer Mensch bei mir auslösen konnte. Er stand nun direkt vor mir, höchstens zwei Schritte entfernt. Er lächelte mich an und Gott, es gibt nichts Schöneres als das Lächeln dieses Mannes.
,,Ich habe gehört, du heiratest“,er sah mich an, wartete auf eine Antwort, obwohl er diese kannte. Sein Blick suchte an meiner Hand, wurde fündig und wanderte dann wieder zu meinen Augen.
,,Ich hoffe, du bist jetzt nicht enttäuscht, aber deine Einladung ist nicht in der Post verloren gegangen.“ Ich versuchte das Eis zu brechen, versuchte meine Unsicherheit zu kaschieren. Er lachte und zog dabei an seinem schwarzen Shirt, aber sein Blick wandte sich nicht von mir ab. Er sah, für mich, immer noch aus wie damals, seine Kleidung jedenfalls, ein schlichtes Shirt kombiniert mit einer Jogginghose von Adidas und wenn es schick sein musste, dann eine Jeans von Armani. Er trug seine Haare kurz und seinen Bart lang, als wir uns kennenlernten, trug er die Haare noch lang und wartete auf die ersten Anfänge eines Bartes. Ich schmunzelte, er sah mich fragend an. Ich rettete mich und fragte ihn, was er hier machte und er gab zu, dass er von meinem Termin wusste und mich sehen wollte. Wir hatten uns lange nicht gesehen. Und ich stimmte ihm zu, zu viel Zeit war ver- gangen seit dem letzten Mal.
Ich kam wieder zur Besinnung und ermahnte mich selbst. Dieser Mann ist Gift für dich! Aber eigentlich war die ermahnende Stimme eher die meiner Mutter, aber das ist für diesen Moment unwichtig. Ich musste mich nicht noch einmal entscheiden, ich hatte meine Entscheidung bereits getroffen. Ich log, dass ich noch eine Kuchenverkostung vor mir hätte und dass bestimmt schon alle auf mich warteten. Er sah mich an, wissend, dass ich log und lachte ,,dein Mann auch?“ mein Bauch zog sich zusammen, als ich hörte, dass er nicht von sich, sondern von einem anderen Mann sprach und ihn als „meinen ́ Mann“ betitelte. Aber ich ließ mich nicht auf sein Spielchen ein. Ich verabschiedete mich, ohne eine Umarmung oder einen Händedruck, ich stand nur da, die Hände um meine rote MontaigneHandtasche von Louis Vuitton geklammert, lächelte ihn an und schwenkte herum wie ein kleines aufgeregtes Mädchen. Dann wandte ich mich ab und ging ein paar Schritte. ,,Rose“, seine männliche Stimme erklang und kehrte mich zu ihm um. ,,Du kannst dich immer noch umentscheiden“,  sein Blick war so ernst wie sein Tonfall und mir schossen augen-blicklich Tränen in die Augen, als hätte er mir einen Vorwurf gemacht. Mit zittriger Stimme bemühte ich mich zu sagen ,,ich weiß“ , mehr schaffte ich nicht, ich drehte mich um und ging.
Nach ein paar Schritten schaute ich zurück, er starrte auf den Boden und ich konnte seine Enttäuschung sogar aus der Distanz erkennen. Was hatte er erwartet? Er drehte sich in die entgegen-gesetzte Richtung um und verschwand..
Wieder erinnerte ich mich an das letzte Mal, als wir uns gesehen hatten. In Paris, am Flughafen. Wir hatten uns am Vortag verlobt. Den Anfang des Sommers hatten wir uns wieder getroffen und die Zeit zusammen genossen, eigentlich unverbindlich. Aber dann hatte er mich gefragt und ich ließ mich von meinen Gefühlen verleiten ihm mein Versprechen zu geben. In der Nacht dann meldete sich mein Verstand und ich wusste, so ginge es einfach nicht. Unsere Religionen, unsere Zukunftsvorstellungen, unsere Ansichten vom Leben, es waren verschiedene Welten und unsere Familien inkompatibel. Vielleicht nichts, was Liebe nicht bekämpfen könnte, aber das war es nicht, dass ich nicht an die Wahrhaftigkeit unserer Liebe glaubte. Ich wollte es einfach nicht so. Ich wollte mich nicht ändern, Kompromisse eingehen. Ich wollte nicht, dass er sich ändern musste. Ich wollte an seiner Seite eine Frau sein, mit der er alle seine Träume erfüllen konnte und keine für deren Träume er seine zu begraben hatte. Ich schrieb ihm einen Brief mit der Bitte mir zu verzeihen und legte ihn mit dem Ring auf den Tisch neben unserem Hotelbett. Er erwischte mich damals noch am Flughafen vor der Sicherheitskontrolle und bat mich, genau wie heute, mich umzuentscheiden, aber ich ging, verließ Paris, verließ ihn. Ich hatte mir geschworen ihm nie wieder so weh zu tun, mir nie wieder so weh tun. Vier Jahre später stand ich nun hier inmitten einer anderen Stadt und tat es wieder.
Meine Entscheidung hatte sich nicht geändert. Es hatte sich nichts geändert, und doch war alles anders.

19. Mai
Eigentlich hatte ich nicht vorgesehen noch weiter in dieses Tagebuch zu schreiben, aber seit meinem letzten Treffen mit Elias konnte ich mir eingestehen, wieso ich so lange
gewartet hatte, den Schritt mit der Heirat zu gehen und den Termin immer weiter hinaus- gezögert hatte.
Mein Herz gehörte immer noch Elias. Es war nicht so, dass ich Nick nicht auch liebte, aber es war anders. Ich hatte immer gedacht, man könne nicht zwei Männer zur gleichen Zeit lieben, aber was, wenn doch? Wenn es einen Unterschied zwischen dem Richtigen und der wahren Liebe gab? Das mit Nick war einfach, er war mein bester Freund, es war schön, wir passten zusammen, er machte mich glücklich und er gab mir Sicherheit. Das mit Elias war die große Liebe. Kompliziert, nervenaufreibend, verrückt. Egal, wie sehr wir uns dagegen wehrten, das Schicksal führte uns immer wieder zusammen. Meine Mutter hatte einmal gesagt, wenn ein Mann dich verrückt macht und du alles für ihn tun würdest, dann verlasse diesen Mann. Er ist nicht der Richtige für dich. Der Mann, den du heiraten wirst, ist der, der dir Sicherheit gibt. Und ich stimmte ihr da zu, es klang logisch, sinnvoll, aber solange ich Elias liebte, würde ich Nick niemals das Gefühl von Sicherheit zurückgeben können, das war nicht fair. Aber wenn ich nie aufhören würde Elias zu lieben ?

24. Mai
Gestern haben Nick und ich den Ehevertrag unterschrieben, es fühlte sich richtig an. Bei der Trauung fühlte ich mich wie in einem wahr gewordenem Traum, ich besaß nun offiziell Anteile an den unterschiedlichsten Museen in ganz Amerika und noch so vieles mehr. Ich hatte immer eine mächtige Frau werden sein wollen und jetzt war ich es. Sozusagen. Denn die Mitgift überstieg sogar mein Vermögen, das Vermögen, das ich mir selbst erarbeitet hatte. Aber jedes Märchen hat seine Schattenseiten. Ich bin eine mächtige Frau, die an eine Ehe gebunden ist, ansonsten bin ich eine Frau, die auf der Straße haust. Eine Mitgift klingt mittelalterlich und grausam, ich weiß, aber sie ist nur gültig für Nicks Amtszeit.  Heute verkündete der Präsident seinen Rücktritt, die Welt war schockiert, die Medien explodierten und ich bin seit heute offiziell eine Person des Öffentlichem Lebens.
Nick hielt eine Rede und ich sagte auch ein paar wohlbedachte Worte. Anscheinend gute Worte, denn die Medien berichteten bereits über ,,die neue First Lady der Herzen“.
Für Nick und mich ist das alles so neu, aber er gibt mir Sicherheit und ich versuche ihm Sicherheit zu geben, auch wenn ich jede Minute an Elias denken muss und jedes Mal, wenn
Nick mit berührt, spüre ich Elias. Es ist seit unserem Wiedersehen so intensiv, aber das wird vergehen. Wichtig ist nur, dass ich Elias nie wieder sehe.

Es war das Wochenende vor meiner Hochzeit und trotz all der Geschehnisse der vergangenen Wochen und trotz meines zukünftigen politischen Amtes, feierte ich, wie es sich am Wochenende vor der Hochzeit gehört. Wie eine wahrhaftige Amerikanerin war ich, wie eine aus der Mittelschicht, in Bars mit meinen Freundinnen trinken und Spaß haben. Es war mittlerweile 10.40 p.m. und wir brachen auf zum Geburtstag einer Freundin. Sie feierte in einem Gebäude, in welchem die Etagen jeweils gemietet werden und die Räume als Partyräume dienen. Ich suchte zuerst das Badezimmer auf, um mich frisch zu machen. Ich trug ein klassisch schwarzes, mittellanges Kleid von Christian Dior, ganz schlicht, um nicht grundlos aufzufallen. Lippen, Schuhe und Clutch waren bordeauxrot. Als Schmuck wählte ich die Perlenohrringe von Tiffanys, auf weiteren Schmuck verzichtete ich, weil ich nicht riskieren wollte, dass ich auf New Yorks dunklen Straßen überfallen würde. Meine Haare trug ich offen und leicht wellig, ganz natürlich. Ich zog den Lippenstift Nummer 07 von Channel nach und begab mich zur Party. Wir amüsierten uns gut, aber mit der Zeit verließen die meisten die Party und fuhren nach Hause. Auch meine Freundinnen verschwanden eine nach der anderen, bis ich alleine auf dem schwarzen, edlen Sofa saß. Um mich rum nur Menschen, die mich nicht kannten, sie wussten wer ich war, das sagten mir ihre Blicke, aber sie kannten mich nicht und ich kannte sie nicht. Ich saß dort, nippte an meinem Champagner und starrte nachdenklich aus dem Fenster, eigentlich dachte ich gar nicht so viel nach, ich dachte nur daran, dass ich noch nicht nach Hause wollte. Aber es war 3.30 a.m., die übrig gebliebenen Partygäste sahen mich an als wäre ich von einem anderen Planeten und ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Das war also New York, die Stadt, die nie schläft. Ein Irrglaube. Ich war nicht betrunken, aber als  nüchtern würde ich mich auch nicht bezeichnen.
Ich holte mein Iphone 7 in Rosé aus meiner Clutch und ging auf „Elias“ und meinen Whatsappverlauf, er war leer natürlich. Klischeehaftes Verhalten, ich weiß. Ich schickte ihm meinen Standort in der Hoffnung, dass sich seine Nummer in den letzten vier Jahren nicht geändert hatte. Er war gerade online, nach einigen Sekunden hatte er es bereits gesehen, er sendete ein Fragezeichen, ich antwortete nicht, sperrte mein iPhone wieder und steckte es in meine Clutch.
Ich unterhielt mich mit meiner Freundin Gina, die ihren Geburtstag heute feierte. Es war ihre Party, deshalb war sie noch da. Ich verstand mich gut mit ihr, sie behandelte mich, die zukünftige First Lady, nicht anders als mich, die Modedesignerin. Wir waren vertieft in unser Gespräch über diesen neuen Snack, welcher gerade total angesagt war und wie dringend ich ihn probieren sollte, als Elias vor uns stand. Er trug einen Anzug, ich schaute ihn mit großen Augen an. Sofort war ich  wieder gefangen in meinem kribbelnden Körper, wie ein kleines Mädchen in der Pubertät. Gina lächelte uns an und sagte, dass sie uns alleine lassen wollte, sie durch die Tür in einen anderen Raum.
Elias lachte ,,Wer braucht eine Fahrt nach Hause?“ Ich schaute ihn verdutzt an ,,Ich nicht!“  Ich stand auf und erklärte ihm, dass ich noch nicht nachhause wollte, er erzählte mir, dass er bei der Suche nach mir im Geschoss unter uns auf eine Bar Mitzwa gestoßen war, wo sie ihn fast nicht mehr gehen lassen wollten. ,,Eine Bar Mitzwa?“ Ich dachte, er wollte mich auf den Arm nehmen. Lachend bejahte er meine Frage, dabei war ich bereits überzeugt. Ich lief voraus, da berührte Elias männliche Hand sanft meinen unteren Rücken, von dem Punkt, auf dem seine Hand lag, ging ein Kribbeln über meinen ganzen Körper aus. Was löste dieser Mann bloß bei mir aus? Wieso verspürte ich diese Leidenschaft nicht bei dem Mann, dem ich am nächsten Freitag das Ja-Wort geben würde? Wir betraten die Party und Elias hatte nicht übertrieben, die Stimmung hier war einzigartig, wir wurden gleich begrüßt und auf die Tanzfläche gezerrt. Wir tanzten im Kreis mit den anderen gemeinsam, es machte so einen Spaß, ich fühlte mich so gut, so frei wie selten zuvor in meinem Leben. Wir setzten uns in die Mitte auf Stühle und wurden in die Luft gehoben, es fühlte sich an wie fliegen. Es war wie ein perfekter Traum, es stimmte einfach alles. Die Zeit flog und langsam löste sich auch die Bar Mitzwa auf. Auch wir steuerten in Richtung Tür. Doch in diesem einen Moment, in dem Elias Augen meine trafen, entfachte er in mir ein Feuer, ich konnte jetzt nicht gehen, ich konnte jetzt nicht stark sein, ich fühlte mich doch so frei. Er schaute mich an, fragte, ob ich bereit wäre, wieder in die Wirklichkeit zu tauchen, aber das war ich nicht. Ich war in einer Traumwelt und ich war schon immer schlecht darin aufzuwachen. Ich schaute ihn an und zog  ihn in den Raum, welchen wir gerade passierten. Meine Haut brannte vor Verlangen, ich küsste ihn und es tat so gut, so gut, seine Lippen auf meinen zu spüren. Zu spüren, wie seine Zunge in meinem Mund wanderte. Und dann dieser Blick, wir hörten auf uns zu küssen und sahen uns bloß an. Mein Körper kribbelte überall, seine blau-grünen Augen funkelten mich an, voller Liebe, voller Verlangen. Seine rechte Hand hielt meine glühende Wange, die andere griff an meine Schulter. Ich löste mich, drehte ihm meinen Rücken zu. Er öffnete mein Kleid und küsste meine Schulter, ich drehte mich zu ihm und wir küssten uns, intensiv, funkensprühend. Ich zog sein Jackett aus, während er sein Hemd und seine Hose öffnete. Ich warf sein Jackett weg, er packte mich und trug mich auf das dunkelrote, große Sofa. Mein Blick wanderte über seinen Körper bis zu seinen Augen.
Plötzlich war sein Blick verändert, er schaute mich lange an und fragte dann mit ruhiger Stimme, ob ich mir sicher sei. Und ich war mir sicher.

28. Mai
Gestern Nacht, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, war es passiert. Ich war schwach ge-worden, das hätte nicht passieren dürfen. Nick ist heute bei seinen Eltern, ich weiß gar nicht, wie ich ihn ansehen könnte, ohne in Tränen auszubrechen. Er ist so gut zu mir und ich betrüge ihn. Aber manchmal reicht das eben nicht, manchmal ist zwischen zwei Menschen mehr als gutes Zusammenpassen. Manchmal gibt es zwischen zwei Menschen wirklich wahrhaftige Liebe.
Und das kann man nur nachvollziehen, wenn man es selbst erlebt hat, es selbst gefühlt hat. Nichts davon rechtfertigt fremdgehen, aber für mich persönlich ist es die Erklärung.
Elias fuhr mich heute morgen in der Früh nach Hause, er fragte mich, ob ich es bereuen würde. Und ich bereute es, ich bereute nicht ihn, sondern den Betrug, den ich begangen hatte. Ich bereute ein Stück weit meine Entscheidung für Nick und den Titel der First Lady, gegen Elias. Aber ich habe diese Entscheidung getroffen und ich werde damit leben, denn es war, mit dem Verstand gedacht, die richtige Entscheidung. Elias sagte, bevor ich ausstieg, dass er nicht mehr der sei, der er früher mal war. Er wisse jetzt,  dass  ich das Gefühl von Sicherheit brauchte, er sagte, er würde das verstehen und er versprach mir, dass er mir sein Leben lang Sicherheit geben würde, weil er mich mehr liebte als alles andere auf der Welt. In diesem Moment wollte ich nicht aussteigen und einfach mit Elias von hier verschwinden. Aber so ist das Leben nicht, man muss seine Verpflichtungen einhalten.
Und im echten Leben kann man nicht alles haben.