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In der Schneekugel

Als ich zehn Jahre alt war, entdeckte ich in einem „Tim und Struppi“-Heft ein unbekanntes Wort. „Mama, was bedeutet Quarantäne?“ fragte ich in der Hoffnung, ein neues Wort für meine Sammlung gefunden zu haben. Mama erklärte es mir.
Nein. Das ist nicht ganz richtig. Mama definierte das Wort. Was „Quarantäne“ wirklich bedeutet, konnte auch Mama noch nicht wissen. Ich habe dann lange nicht mehr darüber nachgedacht. „Quarantäne“ war eines der vielen Wörter, die sehr klug klangen, aber in einer Ecke meines Kopfes Staub fingen, weil sich ja doch nie eine Verwendungsmöglichkeit bot. Mindestens genau so staubig war der Begriff Epidemie, der in meinem Geschichtsbuch zusammen mit ein paar sehr unschönen Bildern vorkam, was natürlich nichts ungewöhnliches ist. Über die Hälfte der Bilder in Geschichtsbüchern sind durchaus unansehnlich und abschreckend.
Quarantäne und Epidemien blieben lange Zeit da, wo sie hingehörten, nämlich in meinen Büchern. In meinem rosigen Leben hatten sie nichts zu suchen.

Das aufkeimende Frühjahr brachte auch in diesem Jahr eine Menge Träume mit sich. Meine Freundinnen und ich fingen an große Pläne zu schmieden. Wir wollten Feste feiern, zusammen verreisen und uns besuchen, kurz: endlich den Winter abschütteln und endlich wieder zusammen raus gehen. Ich nahm Anlauf, bereit für das schönste Frühjahr meines Lebens. Und raste gegen eine Wand. Quarantäne und Epidemie waren plötzlich da, wo sie absolut nicht hingehörten: in der Tagesschau. Und in der Zeitung. Und am Abendbrottisch, im Klassenchat, vor der Haustür. Auf einmal saß ich mit meinen Eltern in der Schneekugel.

Fern von allen Normalitäten kommt einem jetzt das sonst banalste Alltagserlebnis so kostbar vor. Liegt es nur daran, dass man sich immer nach dem sehnt, was man nicht haben kann? Ein einfaches Hallo, ein lächelnder Busfahrer, die zahllosen Aufschriften an den Wänden der Schultoilette und sogar früh aufstehen um im Regen zur Schule zu gehen. Sieht mein normales Leben nur durch das Glas der Schneekugel so wunderschön aus? Ohne Frage, meine Schneekugel ist besonders idyllisch. Ich glaube, vom Zufall begünstigt zu sein. Trotzdem war mein Zuhause nie weniger bilderbuchtauglich. Die Schneekugel hat nämlich Fenster, durch die ich in die reale Welt schauen kann, die Ungewissheit und Sorge durch das Glas einlassen, während die Tür verschlossen bleibt. Ohne Zweifel, es ist oft sehr schön in meiner Schneekugel, in der es heute Sonnenschein und Sonntagsfrühstück gibt. Wenn ich hier sitze, barfuß im Gras mit Frühlingswind in den Haaren ist es fast unvorstellbar, dass es ein größeres Problem gibt, als das Gießen der Erdbeeren. In solchen Momenten scheint alles perfekt. Das liegt daran, dass ich mir heute rechteckfrei genommen habe. Denn seltsamerweise sind es immer die Rechtecke, die mich daran erinnern, wie klein meine Schneekugel tatsächlich ist, wie wenig von dem was mein Leben so sehr bereichert tatsächlich hier drinnen . Heute kein Laptop-Bildschirm mit halb fertigen Referaten, an denen ich viel lieber gemeinsam gearbeitet hätte. Keine traurigen Video-calls mit Freunden, die ich nun doch erst im nächsten Jahr wieder sehen werde. Keine Tagesschau, keine Zeitung. Diese beiden Rechtecke sind die zuverlässigsten Hoffnungs- und Stimmungskiller. Ich sitze hier in meiner Idylle und sehe, was draußen passiert, wie meine Welt sich umkrempelt und ich sehe Menschen, die mit wirklichen Problemen zu kämpfen haben.Und ich kann nichts tun als ruhig in meiner Schneekugel sitzen zu bleiben, wo der Frühlingswind so tut als sei nichts geschehen. „Ich helfe der Gesellschaft am besten, wenn ich Zuhause bleibe“. Nicht sehr befriedigend für eine siebzehnjährige Seele, nichts tun zu können als still zu halten und zu warten.
Ein einziges Rechteck ist von der sonntäglichen Verbannung ausgeschlossen, damit ich zumindest das Gefühl habe, nicht nur zum Abwarten verdammt zu sein. Auch heute ist wieder ein Mundschutz fertig geworden. Der steht für mich für einen der größten Verzichte. Dieses Jahr können wir den Frühling nur durch die Corona-Maske einatmen.

Natürlich weiß ich, dass ich in einer rechteckfreien Quarantäne vollkommen durchgedreht wäre. Aber leider erinnern gerade diese eckigen Gegenstände daran, dass das, was mir gerade am meisten fehlt eher runder Natur ist. In meiner Schneekugel sind Umarmungen selten. Erst jetzt, wo ich so viele Menschen nicht mehr treffen kann, die mein Leben reicher machen, fällt auf wie viele von ihnen man jede Woche umarmt hat und wie viele von ihnen jetzt im Leben fehlen. Das Fehlen einer einfachen Geste, die mir das Gefühl gab, nicht überflüssig zu sein und einen Platz zu haben, hat jetzt ein kleines Loch in meinem Leben hinterlassen. Vermissen ist tatsächlich ein Gefühl, dass ich mit meinen siebzehn Jahren jetzt erst wirklich kennen gelernt habe. Ich stellte mich anfangs darauf ein, „nur“ mit meinen Eltern allein zu sein. Aber dazu kam es nicht. Auch jetzt war niemand alleine. Eine Umarmung muss nicht immer auf direktem Weg statt finden. Auf einmal stellte ich fest, dass mein Umfeld voll von kreativen Menschen war, die es vermochten, dass die Sonne nicht komplett hinter der Maske verschwindet. Meine Großeltern hängten an meinem Geburtstag heimlich eine Stoffgirlande in den Garten; Ich bekam lange, handgeschriebene Briefe in denen seltsamerweise so viel mehr stehen kann als in einem Chatverlauf; irgendjemand hatte mit Kreide aufmunternde Sprüche auf die Straße geschrieben. Viele scheinbar kleine Dinge, die uns helfen können, das Lachen nicht zu verlernen, denn das wäre das Dümmste, was wir jetzt tun könnten.
Klar. Wir dürfen die Augen nicht vor den Rechtecken verschließen und die Grenzen unserer Schneekugel akzeptieren, wenn wir ihr einmal entkommen wollen. Ungewissheit und Sorge werden wohl immer in jeder Schneekugel ihren festen Platz haben. Aber es macht die ganze Sache doch ungemein verträglicher, wenn wir trotz des Glases nicht allein darin sitzen. Und das tun wir nicht. Die zwei Meter Sicherheitsabstand gelten nur auf körperlicher Ebene, der Rest ist weiterhin uns überlassen.

– Ilva Lindemann