shadow

Justin Bertels

Von Luca Reimers, 17 Jahre

Es war ein Morgen wie jeder andere, das dachte ich zumindest. Ich schlug meine Augen auf, und sah auf Madonna’s nackte Brüste. Ich hatte  mir das Poster genau über mein Bett gehängt, da ich bei seinem Anblick einfach schneller wach werde.
Ich setzte mich auf und fing an zu husten, das war seit ein paar Monaten jeden Morgen so, denn das Gras setzte meiner Lunge zu.
Ich nahm einen Schluck Eistee und zündete mir eine Zigarette an. Langsam wurde ich wach, doch damit kamen auch die Gedanken zurück.
Gedanken, die ich nur mithilfe des Grases vergessen konnte. Phill war tot.
Er war mein großer Bruder, seit ich auf die Welt gekommen bin. Er wäre jetzt schon 20. Er ist mit 18 auf der Heimfahrt von einer Party durch Alkohol am Steuer ums Leben gekommen. Das hatte alles durcheinander gebracht. Ich und auch meine Eltern verkrafteten das einfach nicht.  Dann folgte der Tag, an dem mein Vater seinen Job verlor. Doch das Ganze hatte auch in meinem Leben deutlich Spuren hinterlassen. Ich kiffte, und das jeden Tag, so oft ich es mir leisten konnte. Denn wenn ich high war und mit Freunden draußen unterwegs, machte ich mir keinen Kopf darum, was passiert war.
Aber nun weiter, ich hatte aufgeraucht und ging runter in die Küche. Wie jeden Morgen war ich allein, denn meine Mutter musste immer schon um 5 in der Bäckerei sein und mein Vater stand erst mittags auf, nachdem er bei seiner Jobsuche Tag für Tag scheiterte. Doch den morgendlichen Appetit hatte mir das Kiffen auch ausgetrieben, also packte ich mir nur einen Schokoriegel und eine Flasche Eistee in meinen Rucksack, ging ins Bad, wusch mir das Gesicht, doch die Zähne putze ich mir nicht, ich wollte lieber einen rauchen. Also ging ich in mein Zimmer schnappte mir mein Bong und rauchte meinen Kopf zu genauso wie jeden anderen Morgen der letzten zwei Jahre. Meine Eltern sagten dagegen nichts, wie auch, sie ertranken ihren Kummer ja selbst ständig in Bier und Wein. Danach machte ich mich auf den Weg zum Bus, der war mal wieder voll, voll wie er an jedem anderen Morgen auch war, und ich hatte immer noch keine Ahnung, dass sich heute alles ändern sollte. Im Bus traf ich wie jeden Morgen Benny. Benny ging in meine Klasse und das seit der ersten. Ich kannte ihn jetzt schon 8 Jahre. Er war einer der wenigen Freunde, die geblieben waren, nach all den Jahren, ein Grund dafür war wahrscheinlich, dass auch er dem Pott verfallen war. Wir stiegen aus dem Bus aus und rauchten erstmal eine, und dann sahen wir Erik, der wie jeden Morgen ein Stück abseits der Schule stand und seinen Joint rauchte. Ich mochte Erik! Aber er war anders als Benny, denn er übertrieb es nicht nur mit Gras, sondern auch mit der einen oder anderen Droge. Heute hatte Erik schon mal wieder ne Pille intus, das sah ich sofort, als er uns entgegen sprang. So früh schon so gut gelaunt ? Nein, da waren andere Dinge im Spiel, und so war es auch. Erik hatte neue Pillen dabei, ich hatte selber schon das eine oder andere genommen, aber so etwas hatte ich noch nie gesehen. Erik hatte orange Pillen in der Form eines Porsche-Wappens. Normalerweise lehnte ich chemische Drogen vor der Schule ab, aber heute sah ich, dass Erik wie ausgewechselt war, gut gelaunt, wach  und aktiv, da fragte ich ihn kurzer Hand nach einer dieser ,,Wunderpillen“. Ich fragte Benny, ob er auch eine wollte, aber der lehnte mit der Begründung, dass wir gleich Mathe hätten, dankend ab. Erik gab mir eine Pille
Ich legte sie mir auf die Zunge und nahm einen kräftigen Schluck Eistee und schluckte sie herunter. Für heute, so dachte ich, sind die acht Stunden Schule gerettet, und ich und   Benny gingen in den Mathe-Unterricht. Dicht war ich ja schon vom Joint, aber von guter Laune, Energie und Wachsamkeit merkte ich nicht viel. Im Gegenteil, ich schlief die zwei Mathe-Stunden durch und schreckte hoch, als es zur ersten Pause klingelte. Doch das Klingeln war nicht das normale Schulglocken-Klingeln, es war, als würde direkt neben meinem Kopf eine riesige Metallglocke läuten. Ich schreckte auf und sah mich um, doch erkennen konnte ich nicht viel. Alles war verschwommen, hatte andere Farben und kam facettenweise auf mich zu und ging wieder weg. Doch am schlimmsten war der Lärm meiner Klassenkameraden, die Stimmen drangen alle mal laut wie in der Disko mal leise wie ein flüstern an mein Ohr, doch sie waren verzerrt und unverständlich. Und dann wurde mir klar, die Pille wirkte stärker, als ich gedacht hatte. Auf einmal bekam ich einen Schlag in den Nacken, und ich glaube, es war Benny, der hinter mir stand und mich aus der Klasse wegzog. Als er mir auf der Toilette kaltes Wasser ins Gesicht spritzte, kam ich wieder kurz klar, doch dann war alles vorbei. Ich torkelte durch die Schule wie ein Besoffener mit 3,0 Promille. So wurde es mir zumindest im Nachhinein erzählt, doch ich erinnere mich an nichts auch, nicht daran, dass ich die Oberstufenleitung anrempelte und sie ankotzte, als sie mich zur Rede stellen wollte. Ich kann mich erst wieder daran erinnern, dass ich im Krankenhaus aufwachte. Ich war an Geräte angeschlossen, hatte einen Verband um den Kopf und vollkommen verbundene Hände. Und mein Kopf, der schmerzte, als hätte ich ihn durch eine Panzerglasscheibe geschlagen. Doch als ich mich im Zimmer genauer umsah, merkte ich, dass ich nicht allein war. In der Ecke neben meinem Bett stand ein Stuhl und dort saß keiner meiner Eltern oder Freunde, auch kein Arzt oder Lehrer, nein, es war ein Polizist. Dieser nickte mir stumm zu und sagte: „Ruh dich aus zu deiner Befragung kommen wir später.“
Ich überlegte fieberhaft, was er damit meinte, warum sollten die mich befragen, was hätte ich getan? Ich wusste nichts mehr, die Stunden vergingen, und ein Arzt kam, um mich zu untersuchen. Als er meinte, dass alles okay sei, bekam ich meine Klamotten wieder und wurde direkt mit aufs Polizei-Revier genommen. Dort kamen dann die Fragen, die ich teilweise nicht beantworten konnte. Zum Beispiel, wieso ich den Spiegel in der Schule eingeschlagen und man etwa 12 Gramm Gras und 2 Gramm Speed in meiner Schultasche gefunden hatte. Ich beantworte nicht viel, nur dass ich eine Pille genommen hatte und die restlichen Drogen lediglich zum Konsumieren benutzte. Daraufhin wurde ich wegen mehrerer Punkte angezeigt und zu einem Psychologen geschickt. Als ich zuhause ankam, sagten meine Eltern nichts. Doch das war schlimmer als jeder Streit der Welt. Ich merkte, wie enttäuscht sie von mir waren, und als mein Vater später in mein Zimmer kam verkündete er mal wieder angetrunken, dass ich nun auch noch aus der Schule geschmissen wurde, mich aber mit meiner Vorgeschichte keine andere mehr aufnehmen würde. Außerdem sagte er mir, dass ich mir einen Job suchen müsse, da ich Ihnen nicht die ganze Zeit zuhause auf der Tasche rumliegen könne.
Ich hab mich in den nächsten Tagen und Wochen lange um eine Arbeit bemüht, doch es war nicht einfach als 18-jähriger Schulabbrecher eine Lehrstelle oder Ähnliches zu finden.
Eines Sonntags kamen mir meine Eltern mit folgendem Ultimatum: ,,Wenn du bis Ende nächster Woche nichts gefunden hast, kannst du ausziehen oder zum Bund gehen.“
Ich sah in das Gesicht meiner Mutter und wusste, dass sie es ernst meinte. Es war genau dieser ,,Du bist zu weit gegangen Justin – Blick“ mit dem sie mich nur anschaute, wenn sie die Nase wirklich und endgültig voll hatte.
Ich hatte schon viel Mist gebaut, aber meine Eltern waren immer gut zu mir gewesen. Doch jetzt war ich wirklich mindestens fünf Schritte zu weit gegangen. Also zwang ich mich, noch mehr Bewerbungen zu schreiben und mir richtig Mühe zu geben. Ich bewarb mich bei vielen Betrieben und gerade bei Audi bekam ich eine Einladung zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch. Und auf einmal hatte ich wieder Hoffnung, Hoffnung mein Leben hier zu Hause doch noch weiter führen zu können und nicht mit 18 Jahren zum Bund gehen zu müssen.
Dann kam der große Tag, ich sollte um 9:15 Uhr bei Audi sein, doch als ich aufstand, war es auf einmal schon 8:40 Uhr. Ich bemühte mich, alles so schnell wie möglich zu machen und dennoch kam ich mit 20 Minuten Verspätung bei Audi an. Zu erst dachte ich, dass ich Glück gehabt hätte und alles noch gut laufen würde, doch meine Verspätung brachte nur die ersten Minuspunkte. Dass ich nur einen mittelguten Realabschluss hatte und die Schule nicht mehr besuchte, gefiel meinem Gesprächspartner auch nicht wirklich, und als wir dann auf mein Polizeiliches Führungszeugnis und meine Fehlstunden im Zeugnis zu sprechen kamen, macht er mir klar, dass sie nur Mitarbeiter einstellen, auf die sie sich verlassen könnten und da würde es für mich leider keine Möglichkeit für eine Lehrstelle geben, nach so einer Verspätung schon gleich gar nicht. Ich war wütend und enttäuscht als ich das Autohaus verließ, und irgendwie schämte ich mich auch dafür, was in meiner Vergangenheit passiert war.
An der Bushaltestelle traf ich Bennet. Ich hatte ihn seit dem Vorfall in der Schule nicht mehr gesehen, also gingen wir in einen Park, um einen zu rauchen.  Er staunte nicht schlecht, als er von dem Ultimatum hörte das meine Mutter mir gestellt hatte:  Finde eine Ausbildung oder geh zur Bundeswehr.
Doch dann kam der Punkt, an dem Bennet sagte, er hätte da vielleicht was für mich. „Mein Vater hat doch diese Autowerkstatt und du bist doch ein Riesen Autofan. Warte, ich rufe ihn mal an“, sagte Bennet, und ich wartete voller Spannung auf den Ausgang des Gesprächs. Obwohl er nur 5 Minuten telefonierte, kam mir das vor wie eine halbe Stunde, und als er dann endlich auflegte und mir sagte, ich soll morgen um 12 Uhr in der Werkstatt seines Vaters sein, mitsamt Bewerbung und Arbeitsklamotten, fiel ich Bennet um den Hals,
„Du rettest mir wohl mal wieder den Arsch, Bruder“, sagte ich zu ihm und ging dann mit ihm den Weg nach Hause.
Als ich zuhause ankam, war mein Vater ausnahmsweise mal nüchtern, und als ich ihm von meiner Ausbildungsmöglichkeit erzählte, sah ich das erste Mal wieder etwas Stolz in seinen Augen.
Doch dann kam alles noch besser. Mein Vater erzählte mir, dass er sich über Nacht zu einer Therapie entschieden hatte, die er jeden Tag drei Stunden lang ausüben würde, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und auf einmal stieg mir der Geruch von Mamas selbst gemachter Pizza in die Nase, und als sie mich wenig später zum Essen rief, fühlte ich mich seit Monaten endlich wieder angekommen, zuhause angekommen.