shadow

Keine Teenie-Romanze

Von Nali-Mari Aktas

Shit… schon wieder verschlafen. Es ist schon halb eins. Das lohnt sich jetzt auf keinen Fall mehr zur Schule zu gehen. Ich schaue mich in meinem Zimmer um. Überall Bier und Wodkaflaschen. Und die Pizza vor zwei Wochen fängt auch schon an zu schimmeln. Ich höre meine Eltern nicht. Sie waren entweder Bier kaufen oder waren schon so betrunken, dass sie jetzt schon wieder ins Bett gefallen sind. Die Wohnung riecht nach Gras. Vielleicht würde ich das Schuljahr ja doch noch schaffen, ganz knapp. Doch naja… ich habe einfach keine Motivation, so wie viele Jugendliche in Lurup. Ich könnte jetzt auch einfach Jana anrufen und fragen, ob wir zu McDonalds gehen und vielleicht einen Joint rauchen. Denn ich weiß ganz genau, dass sie heute auch nicht zur Schule gegangen ist. Oder ich setze mich einfach zu meinen Eltern und guck den ganzen Tag fernsehen. Denn jetzt ist es schon ein Uhr und sie werden so betrunken sein, dass sie gar nicht mitbekommen, dass ich mich dazu setze. Wie lange hätte ich heute eigentlich Schule? Ich glaube bis halb fünf. Ich könnte es immer noch schaffen. Ich könnte dann sogar noch etwas erfolgreiches in meinem Leben erreichen. Als Geschäftsführerin oder als Managerin. Ich könnte vielleicht richtig berühmt werden und meine eigene Firma aufbauen. Und dann könnte ich meinen Eltern helfen mit dem trinken und dem kiffen aufzuhören. Ich bräuchte nur etwas Unterstützung von meinen Eltern. Nur jemanden der mich morgens rechtzeitig weckt und mir ein Schulbrot macht. Vielleicht wäre mein Leben auch leichter, wenn wir nicht in Lurup wohnen würden. So in Blankenese, in einer großen Villa mit Pool und Sauna. Ohne Drogen und Alkohol. Halb zwei und ich liege immer noch in meinem Bett und stell mir einen Standard Tag in Lurup vor. Einen Tag wie er schon seit vielen Jahren abläuft…
Au, plötzlich spüre ich ein Ziehen und ein drücken in meinem Bauch. Ich habe wohl Hunger. Irgendwie ziemlich oft in letzter Zeit. Ich stemme mich irgendwie hoch. Ich fühle mich wie ein fetter Sack. Auch komisch, dass ich so viel essen kann. Ich glaube das kommt vom kiffen, denn da habe ich immer so krasse Fress-Flash. Aber komisch finde ich es trotzdem…
Puh, ich stehe. Ich schaue in den Spiegel und erschrecke. Ich war blass und eigentlich eher knochig. Nur mein Bauch stach komisch hervor. Es passt gar nicht zum Gesamtbild. Und beim genauen Hinsehen diel mir auf, dass auch meine Brüste gewachsen sind. Eigentlich ein Grund sich zu freuen, aber in dem Moment kommt mir das alles ziemlich seltsam vor. Ich höre meine Eltern. Sie schreien sich an. Wie so oft. Auch wenn ich nicht alles genau verstehe weiß ich, dass es nichts Gutes zu bedeuten hat. Ich gehe in den Flur. Ich bin auf den Weg ins Wohnzimmer. Ich bin diesen Weg jetzt schon so oft gegangen, aber er kam mir noch nie so lang vor. Lang und kalt. Ich stehe im Wohnzimmer und sehe nur wie mein Vater meine Mutter anfängt zu schubsen und sie ihn daraufhin anspuckt. Er schaute mich fragend an, als wenn er überlegen müsste wer ich bin. Das ist mir zu viel. Ich nehme meine Schuhe und ging los. Aber wohin? Zu Jana? Nein, keine Lust mit ihr zu trinken, denn mein fetter Bauch fängt wieder an, ein ziepen und ziehen durch meinen ganzen Körper zu drücken. Durch jede einzelne Zelle…
Ich geh zu Jonas. Denn er hat heute schon früher Schulschluss. Ich setze mich in den Bus und fahre zu ihm. Ich bin froh, dass der Busfahrer hinten die Türen auch offen hat, so dass er nicht merkt, dass ich schwarz fahre. Jonas wohnt nicht in Lurup, sondern in Halstenbek. In einem Haus mit Garten. Ich stehe seit zehn Minuten vor seiner Haustür. Doch ich traue mich nicht zu klingeln. Denn ich weiß nicht, ob seine Eltern da sind. Ich merke, dass sie mich nicht mögen. Wie sie mich immer mit ihren eiskalten Blicken durchbohren. Obwohl ich immer freundlich zu ihnen war. Ich drücke auf die Klingel und sehe durch die milchige Tür, dass jemand kommt. Bitte ist es Jonas, bitte…
Ich schaffe es jetzt nicht, auch noch schief von seiner Mutter angeguckt zu werden. Oder seinem Vater. Am Anfang mochte ich Jonas‘ Vater sehr gerne. Ich bin schon seit einem Jahr mit ihm zusammen; und sein Vater hat mich immer akzeptiert. Er hat sich vorgestellt, dass er Sebastian heißt und gesagt, dass ich eine ganz Hübsche sei und dass Jonas wirklich Glück mit mir hat. Es ist alles ok mit ihm gelaufen, bis zu dem einen Vorfall.
Total in meinen Gedanken vertieft merke ich plötzlich, dass jemand meine Hand nimmt. Es ist Jonas, der mir tief in die Augen schaut. Zum Glück hat er die Tür geöffnet.
Wir gehen rein, und ich zieh meine Jacke aus. Als ich mich bücken will, merke ich, dass mein Bauch im Weg ist. Komisch. Da bekomme ich noch schlechtere Laune, als ich eh schon habe. Auf einmal fasst mir Jonas von hinten an den Bauch und will mit den Händen nach oben gleiten. Doch er stoppt und meint nur: „Wow Schatz, bist du schwanger oder warum bist du so fett?“.
Toll, jetzt bin ich schlecht gelaunt und also auch noch fett. Aber ich versuche mir nichts anmerken zu lassen. Ich drehe mich um und küsse ihn liebevoll. So als wenn es unser erster Kuss ist. Es ist so schön hier zu sein. Wenn ich bei ihm bin ist alles besser. Auf einmal steht sein Vater im Flur und fragt nur kurz ob wir nicht lieber nach oben gehen wollen, denn er hat keine Lust sich eine „Teenie – Romanze“ in seinem Flur anzugucken. Ich guck zu Jonas und sehe, dass er wie ein kleiner Junge auf den Boden guckt. Es war irgendwie wie ein Schlag ins Gesicht. Als wenn er nicht zu uns steht. Er geht langsam die Treppe nach oben, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Ich folge ihm langsam und merke wie die Hand von Sebastian meinen Arm streift. Mein Körper zieht sich zusammen. Ich ekel mich so sehr vor ihm, denn es ist nicht das erste Mal, dass er mich „unauffällig“ berührt. Ich weiche seinen Blicken aus und tue so als wenn ich es nicht mitbekommen hätte. Obwohl ich so gerne los schreien würde…
Stattdessen guck ich einfach die Marmortreppe hoch. Ich geh Schritt für Schritt nach oben. Ich geh in Jonas Zimmer. Plötzlich höre ich, wie er die Tür abschließt. Er lächelt mich an. Er kommt auf mich zu und drückt mich leicht in Richtung Bett. Er gibt mir einen sanften Ruck und ich falle mit dem Rücken auf sein Bett. Ich merke wie mir die Tränen in die Augen schießen. Ich habe solche Schmerzen in meinem Bauch. Es ist so schrecklich. Ich fange laut an zu weinen. Jonas hilft mir hoch, denn ich habe keine Kraft ich alleine wieder hinzusetzten.
„Schatz, was ist denn los? Warum weinst du? Ich wollte dir doch nicht wehtun!“
Ich kann nichts sagen, mein Kopf ist voller Wörter, doch es ist so als würde sich mein Mund weigern etwas zu sagen. Er kniet vor mir und küsst verzweifelt meine Hände. Ich muss hier raus. Wieder nach Hause.
„Jonas, hilf mir bitte hoch, ich will gehen. Frag nicht warum, ich melde mich nachher.“
Er guckt mich an. Aber er hilft mir hoch und schließt die Tür wieder auf. Er bleibt stehen und guckt mir hinterher. Ich bin schon wieder auf dieser hässlichen Marmortreppe Warum kauft man sich so etwas? Ich zieh mit starken Schmerzen meine Schuhe an und greif nach meiner Jacke.
„Gehst du schon, Celina?“
Doch ich antworte Sebastian nicht. Ich reiß die Haustür auf und gehe zum Bus. Na toll, der ist jetzt auch schon weg. Jetzt muss ich auch noch im Regen auf den Bus warten.
Eine Stunde, eine verdammte Stunde habe ich nach Hause gebraucht. Ich stehe vor der Haustür und rieche bis hier das Gras. Wow, ich fühle mich hier und auch bei Jonas total komisch, als wenn ich in beides nicht rein passe. Toll, jetzt fällt mir erst auf, dass ich meinen Schlüssel vergessen habe. Ich klingel und klingel und erst nach einer gefühlten Ewigkeit macht meine Mutter auf. Sie hat ein blaues Auge und eine aufgeplatzte Lippe. Doch ich spreche sie nicht darauf an. Ich quetsche mich an ihr vorbei. Ich gucke ins Wohnzimmer, wo mein Vater sitzt. Er merkt nicht, dass ich da bin. Er sitzt dort wie hypnotisiert. Auf eine Art verletzt es mich, doch nach 15 Jahren hat man sich daran gewöhnt, ignoriert, geschlagen und beschimpft zu werden. Ich gehe weiter in mein Zimmer, es ist kalt und klein. Ich darf die Heizung nicht anmachen, denn sonst würde der Schimmel weiter ziehen. Doch wenn mein Vater nur einmal nüchtern wäre, würde er wissen, dass meine Heizung schon seit  mindestens zwei Jahren nicht mehr geht. Ich lege mich in mein Bett, doch es tut so weh, dass ich mich schräg an die Wand legen muss. Ich glaube mit meinem Bauch muss ich echt zum Arzt. Ich nehme mir eine Zigarette und ein Feuerzeug von meinem Bett und versuche sie anzumachen. Plötzlich rutscht das Feuerzeug weg. Hinter mein Bett. Na toll. Ich greif nach hinten, ohne zu sehen wohin. Auf einmal spüre ich ein Buch. Ich zieh es langsam nach oben. Ich schaue es mir an. Es ist mein altes Tagebuch, wo ich damals immer reingeschrieben habe, wenn etwas passiert ist. Eigentlich ist es kein richtiges Tagebuch. Es ist kein teures mit einem Schloss und allem. Es ist viel eher ein Notizbuch. Doch ich habe darin meinen Gedanken immer freien Lauf gelassen. Ich habe es vor mir. Meine Hände fangen an zu schwitzen. Ich habe Angst, Angst es zu lesen und meine alten Gedanken neu zu durchlaufen. Doch ich öffne es trotzdem. Ich fange an schon nach den ersten Sätzen an zu weinen. Es kommt alles wieder hoch. Ich sehe das Datum oben und zuck zusammen. Es ist genau vor sechs Monaten passiert. Ich fange an zu lesen.
„Ich hasse ihn so sehr. Ich will sterben, mich würde ja eh keiner vermissen. Alles tut so weh. Ich dachte heute wird ein schöner Tag. Ich würde zu Jonas gehen und mit ihm einfach einen Film gucken. Ich habe mich so schön angezogen. Ich hab mir sogar extra neue Klamotten gekauft. Ich bin also zu ihm gefahren und klingel. Sebastian macht mir die Tür auf und mustert mich von oben bis unten  mit einem schiefen Lächeln. Ich frag ihn wo Jonas ist, doch ich bekomme keine Antwort. Er guckt mich immer noch an.
Ich frag ihn nochmal: „Wo ist Jonas? Kann ich ihn sehen?“
Er meint nur, dass er nicht da ist, er ist beim Fußball. Heute ist doch Donnerstag. Oh, ich hab es komplett vergessen. Er zieht mich ins Haus. Er sagt, dass wir ganz alleine sind und das er sich freut mit mir Zeit zu verbringen. Ich bin erstarrt. Ich schaue in seine Augen. Sie sehen so böse aus und gleichzeitig eigentlich wunderschön. Sie sind blau-grau. Kalt. Er fängt an mich nach unten in den Keller zu ziehen. Er hält meine Hand so fest, obwohl ich das gar nicht möchte. Das erste mal wünsche ich mir, dass ich Zuhause bin. Ich steh mit ihm im Keller. Der Raum ist leer. Nur mitten im Raum steht ein Sofa. Es sieht frisch bezogen aus. Daneben stehen viele Kerzen, kleine und große. Er dreht sich zu mir um und lächelt. Plötzlich zieht er mich an sich ran und fängt an mich zu küssen. Er fässt mich an obwohl ich das gar nicht möchte. Er ist doch total krank! Er hebt mich hoch und schmeißt mich auf das Sofa. Er setzt sich neben mich und zieht mich langsam aus. Ich fing langsam an zu weinen. Doch er meinte ich soll aufhören und schlägt mich. Ich wehre mich nicht.
„Jetzt passiert etwas Wunderschönes“, sagt er zu mir und streift mir durch die Haare.
Ich sehe nur, wie er aufsteht und seine Hose aufmacht. Ich schließe meine Augen und halt mir die Ohren zu. Ich merke auf einmal starke Schmerzen. Doch danach lag ich dort wie betäubt. Ich bekomme nichts mehr mit. Ich bekomme keine Luft mehr. Nach einer Ewigkeit stand er auf und meinte nur, dass ich jetzt gehen muss und dass es unser Geheimnis ist und dass ich es niemals jemandem erzählen darf. Weil sonst alle sehr enttäuscht von mir sind. Ich habe so schnell wie nie meine Klamotten angezogen. Alles tat mir weh. Ich rannte die Treppe hoch und ging nach Hause. Ich weinte wie noch nie. Meine Beine…“
Ich klappe das Buch wieder zu. Ich schluchze laut auf und fange an zu weinen. Ich muss unbedingt in den Supermarkt.

Diese Regale sind voller Tests. Welchen soll ich denn nehmen? Ich will einen guten, damit ich mir sicher sein kann. Ich habe acht Euro. Nein! Die sind ja alle voll teuer. Mh… dann muss ich wohl doch einen billigeren nehmen. Ich meine die müssen ja so oder so funktionieren. Ich nehme den hier. Für fünf Euro. Es ist mir so peinlich einen zu kaufen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mir so früh einen Test holen muss. Ich geh zur Kasse. Die Kassiererin guckt mich an. Sie lächelt. Doch mir wahr eher zum weinen zu mute.
Sie kassiert und meinte nur „Viel Glück“.
Ich geh einfach weg, als wenn ich das nicht gehört hätte. Ich bin schon fast Zuhause und sehe die Polizei vor der Tür. Was wollen die denn hier? Bitte sind sie nicht bei mir! Ich öffne die Tür von unserem Mehrfamilienhaus. Schritt für Schritt in die zweite Etage. Ich öffne die Haustür. Zum Glück, bei uns ist niemand. Ich gehe ins Badezimmer und packe den Test langsam aus. Ich habe Angst davor, was jetzt in den nächsten Minuten passieren wird. Ich lese mir genau durch was ich jetzt machen muss. Mir wird immer wärmer. Ich führe den Test durch und lege ihn neben das Waschbecken. Ich geh hin und her. Hin und her. Ich schaue in den Spiegel. Ich bin blass und zitter. Mir ist so kalt, obwohl ich merke wie ich anfange zu schwitzen. Ich guck auf den Test, doch man sieht noch nichts. Ich geh also erst mal in die Küche und hol mir ein Glas Cola. Der Weg ins Bad ist so lang wie noch nie. Ich öffne die Tür und nehme den Test in die Hand…
Ich lass das Glas fallen. Ich guck genau hin. Zwei Striche. Zwei kleine rote Striche. Durch meinen Kopf laufen tausend Bilder. Ich fühle mich, als wenn ich durch ein nie endendes Labyrinth laufe und mit allem was passiert laufe ich immer weiter hinein. Ich will mich auf den Boden setzten, doch mein Bauch ist im Weg. Ich möchte so gerne in ihn hinein schlagen, doch da drin ist ja jetzt ein Mensch. Nein nicht nur ein Mensch, es ist mein Kind! Wie es sich anhört, MEIN Kind. Mein Fleisch und Blut. Und ich bin nicht nur Tochter sondern auch Mutter. Aber wie soll ich es meinen Eltern geschweige denn Jonas erzählen? Jetzt ist alles ja noch komplizierter als vorher. Meine Eltern werden sich auch um nichts kümmern. Aber Jonas geben. Nein, dass kann ich auch nicht machen!
Ich kann ja nicht zu ihm gehen und sagen „ Hier, dein Halbbruder oder deine Halbschwester.“ . Nein, das kann ich ihm nicht antun. Ich behalte es einfach für mich. In der Schule vermisst mich eh keiner weil ich das schon so lange nicht mehr war, meine Eltern interessiert es allgemein nicht was ich mache. Und Jonas… Jonas werde ich erst mal aus dem Weg gehen. So schwer es mir fällt. Doch ich glaube wenn man jemanden wirklich liebt, dann muss man wissen wann es Zeit ist loszulassen.

Oh nein, plötzlich bekomme ich so starke Schmerzen, dass man es gar nicht in Worte fassen kann. Ich spüre das meine Hose nass ist. Es geht los… meine Fruchtblase ist geplatzt. Jetzt, genau jetzt wo ich im Keller bin und die Waschmaschine anmachen möchte. Ich merke wie mir immer wärmer wird. Mein Kopf platzt gleich und meine Atmung wird immer schneller. Ich setze mich auf einen alten Klappstuhl, der in diesem kleinen, ranzigen Kellerraum steht. Ich presse und presse. Es sind solche Schmerzen wie man es sie nicht mal seinem schlimmsten Feind wünscht. Ich greif fest in ein Handtuch, welches neben mir liegt. Ich fange an auf eine Art zu schreien und merke, wie der Kopf immer weiter hervor kommt. Alles tut weh. Es fühlt sich so an, als wolle sich mein ganzer Körper zusammenziehen. Doch der Gegendruck ist zu groß. Ich merke wie ein kleiner Körper immer weiter zum Vorschein kommt. Ich bücke mich trotz starker Schmerzen nach vorne und ziehe den letzten Teil des Körpers hervor. Ich habe es geschafft! Ich habe es tatsächlich geschafft. Ich habe gerade meine erste Tochter zur Welt gebracht. Es ist alles so wunderschön. Die vorherigen Minuten voller Schmerz sind wie ausgelöscht. Ich liebe sie so sehr. Meine Jasmin, mein Engel. Und auch wenn sie gerade weinend in einem alten Handtuch liegt, ist alles so perfekt. Ich nehme mir eine Schere und durchtrenne die Nabelschnur. Ich bin so erschöpft. Doch ich kann nicht hier in diesem Keller sitzen bleiben. Ich muss nach oben in die Wohnung. Meine Eltern sind nicht da, also ist jetzt die perfekte Gelegenheit. Mit Schmerzen in den Beinen und meiner Tochter auf dem Arm geh ich Schritt für Schritt in die zweite Etage. Ich öffne die Tür und geh direkt in mein Zimmer. Ich schließe die Tür ab. Ich lege Jasmin auf mein Bett. Sie ist so wunderschön. Sie ist alles was ich habe. Sie hat Jonas Lippen, so voll und mit einer perfekten Form. Ich merke, wie jemand die Haustür öffnet. Meine Eltern sind Zuhause. Doch sie kommen nicht in mein Zimmer, wahrscheinlich wissen sie nicht Mal das ich hier bin. Aber in diesem Moment ist es mir sogar lieber. Und anscheint haben sie nicht einmal mitbekommen, dass ein Kinderwagen im Flur steht.
Ich würde jetzt so gerne mit Jasmin auf dem Arm zu ihnen gehen und sagen: „Hier Mama, hier Papa, dass ist eure Enkeltochter Jasmin.“
Doch ich weiß genau das es nur eine Wunschvorstellung ist. Erst jetzt merke ich in welchem Umfeld ich sie zur Welt gebracht habe. Doch ich werde ihr das beste Leben ermöglichen. Ich weiß genau wie ich damit anfange. Ich muss zu Jonas. Ich nehme Jasmin auf den Arm, gehe mit ihr in den Flur und lege sie in den Kinderwagen. Meine Eltern stehen in der Küche und räumen Sachen in die Regale. Sie sehen genau, dass ich mit einem Kinderwagen die Wohnung verlasse, doch sie rufen uns nicht hinterher. Ich steige mit Jasmin in den Bus zu Jonas. Ich habe schwitzige Hände und versuche mir irgendwelche Wörter in meinem Kopf zusammenzulegen. Doch egal wie lange ich über plausible Antworten nachdenke, mir fällt nichts ein. Wir steigen aus dem Bus und gehen zu Jonas Haus. Ich klingel und sehe schon nach wenigen Minuten, dass jemand kommt. Aber es ist nicht Jonas, es ist Sebastian. Er öffnet die Tür und guckt mich mit großen erschrockenen Augen an. Er stellt sich vor mich und den Kinderwagen und schließt die Tür hinter sich.
„Celina, was machst du hier und wem gehört dieses Baby?“
„Ich weiß nicht, ob ich das hier draußen mit dir besprechen möchte, lass mich bitte zu Jonas.“
„Nein Celina, dass lasse ich nicht zu. Ich lasse nicht zu, dass du das Leben von Jonas und von mir und meiner Frau zerstörst.“
„Ich ? Ich zerstör euer Leben? Ich hatte nicht vor schwanger zu werden und ich hatte auch nicht vor, mich Monate lang nicht bei Jonas zu melden!“
„Celina, du hörst mir jetzt genau zu, du nimmst jetzt dieses Baby wieder mit und verschwindest. Und du wirst dich auch weiterhin nicht mehr bei Jonas melden, denn er möchte nichts mehr von dir wissen!“
„Nein, das stimmt nicht, du lügst doch! Jonas liebt mich, und wenn ich ihm erzähle, wer der Vater von dem Kind ist, wird er bestimmt zu mir stehen!“
„Stop, Celina, du bist doch ein schlaues Mädchen. Mach nicht alles schlimmer, als es ist. Ich gebe dir jetzt Geld und eine Adresse, dort wirst du das Baby hinbringen. Denn du willst mir doch nicht sagen, dass du alleine bei dir zuhause ein Kind aufziehen möchtest.“

Sebastian ging rein, und ich stand vor der verschlossenen Tür. Und auch wenn ich Jasmin liebe, hat er Recht, ich kann sie nicht behalten.

„So, das hier ist eine Adresse von einem Kinderheim. Dort werde ich dich hinfahren und dann geben wir es da ab.“
„Wieso es? Das hier ist ein Kind, mein Kind, nein, unser Kind. Du bist der Vater!“
„Celina, nicht so laut, was wenn uns jemand hört!“
Am liebsten möchte ich es in die Welt hinaus schreien. Eigentlich möchte ich, dass jeder weiß, dass ich eine Tochter habe, aber es geht nicht…
„Komm, ich fahr uns jetzt dahin.“

Ich steige mit Sebastian ins Auto. Ich wollte eigentlich nie wieder etwas mit diesem Menschen zu tun haben, aber ich habe das Gefühl, dass ich das richtige tue. Wir fahren und fahren immer weiter. Hier war ich noch nie, hier war es sehr schön. Es war grün und überall waren Blumen. Sebastian hält vor einem riesigen Haus und meint das wir da sind. Ich hole Jasmin aus dem Auto und gehe mit den beiden zur Tür. Ich klingel und habe obwohl nichts passiert ist Tränen in den Augen. Eine junge Frau öffnet die Tür und lächelt freundlich.

„Wie kann ich Ihnen denn helfen?“
„Wir möchten gerne unsere Tochter abgeben“, sagt Sebastian

Es ist komisch aus seinem Mund zu hören, dass es unsere Tochter ist. Die Frau schaut auf Jasmin und nimmt sie mir vorsichtig ab. Am Anfang halte ich sie noch stark fest, doch dann lasse ich los.

„Wir werden hier sehr gut auf sie aufpassen. Hier wird sie sich wie zuhause fühlen. Es wird wie eine zweite Heimat für sie sein.“
„Nein, bitte, keine zweite Heimat. Das hier soll Jasmins richtiges und einziges Zuhause sein. Ich weiß, dass ich es nicht schaffen werde mich richtig um sie zu kümmern, also möchte ich sie hier abgeben, wo ich weiß, dass sie eindeutig eine bessere Zukunft als ihre Mutter hat. Ich vertrau ihnen somit also mein Leben an. Passen sie bitte so auf sie auf, als wäre es ihr eigenes.“
„Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, damit es ihr gut geht.“
„Danke, ich bin ihnen so dankbar! Tschüss mein Engel, ich werde dich immer lieben, hier wird es dir besser gehen.“

Ich küsse Jasmins Stirn und gehe mit Sebastian zum Auto. Wir steigen ein und er fährt mich ohne auch nur ein Wort zu sagen nach Hause. Ich will gerade aussteigen, doch er nimmt meine Hand und guckt mich an. Er hat Tränen in den Augen.
„Celina, es tut mir alles so leid, ich hoffe dir geht es bald besser.“
„Ja… danke.“
Ich gehe nach oben in die zweite Etage ich denke über Sebastian Worte nach. Nein mir wird es nicht bald besser gehen, mir wird es nie wieder besser gehe. Doch dafür weiß ich jetzt, dass Jasmin ein schöneres, ein besseres Leben als ich führen wird. Nicht in Lurup. Sondern vielleicht in Blankenese oder so. So wie ich es mir damals für mich vorgestellt habe. Sie wird eine perfekt Heimat habe. Ich stehe alleine im Flur. Ohne Jasmin, ohne Kinderwagen. Meine Mutter kommt mir entgegen.

„Celina, wem gehört der Kinderwagen, der vorhin hier stand?“

Ich merke, dass sie nüchtern ist und die Frage wirklich ernst meint. Denn sie hat keine Alkoholfahne und kann auch aufrecht gehen. Ich überlege was ich sagen soll. Doch mir fällt nichts ein. Doch. Ich nehme ihre Hand und zieh sie mit in mein Zimmer. Ich schließe die Tür hinter uns ab damit mein Vater nicht kommt. Ich setze mich mit ihr auf mein Bett. Ich gebe ihr langsam mein Tagebuch. Sie guckt mich fragend an.

„Celina, ich hab dich eben etwas gefragt, was soll ich denn jetzt damit?“
„Mama, bitte lies es einfach“

Sie schlägt es auf und liest die ersten Sätze sie will es wieder zuklappen, doch ich halte es auf.

„Nein, bitte ließ weiter.“

Sie liest und liest und als ich sehe, dass sie fertig ist, guck ich sie mit einem Lächeln aber auch mit Tränen in den Augen an und frag sie: „Weißt du jetzt, wem der Kinderwagen vorhin gehört hat?“
Sie schaut mir in die Augen und steht einfach auf. Sie fängt an zu weinen und geht. Ich sollte ihr eigentlich hinterher laufen, doch das möchte ich nicht. Ich lege mich in mein Bett. Ich schaue mich in meinem Zimmer um… Überall Bier und Wodkaflaschen. Die Wohnung riecht nach Gras. Ich höre meine Mutter, wie sie telefoniert. Sie kommt in mein Zimmer und guckt mich mit rot angeschwollenen Augen an.

„Es ist Jonas. Ich habe ihn angerufen.“

Mein Atem stockt. Mir läuft ein Schauer über den Nacken. Ich nehme das Telefon mit zitternden Händen und halte es an mein Ohr.

„Hallo ? Jonas ?…“