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Klimasoldaten

von Piet Jeske

Es fing alles an mit diesem Traum. Er war mit Sicherheit einer der komischsten die ich je hatte.
Ich träumte davon, dass ich zusammen mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder Vincent in einem Auto fuhr. Diese Tatsache war schon komisch genug, denn Autos hatten bei uns nur höhere Persönlichkeiten (die ganz hohen flogen selbstverständlich mit Aircargos). Doch es wurde noch viel komischer, denn mit dem Auto fuhren wir zu einer Art Geschäft, in dem man alles Mögliche kaufen konnte. Und wir kauften alles, was wir gerne haben wollten und hielten es für die größte Selbstverständlichkeit der Welt.

Als ich wieder aufwachte wunderte ich mich über diesen Traum. Wie kam ich bloß auf so einen unsinnigen Quatsch? Ein Laden, in dem man alles kaufen konnte. Sowas hatte es noch nie gegeben.

Seit ich denken konnte, brachte uns das Aircargo der Regierung die nötige Nahrung, die wir zum Überleben brauchten. Unsere Familie hatte immer etwas Glück, denn mein Vater war Koch im Verteidigungsministerium. Dadurch konnte er, wenn etwas übriggeblieben war, das ein oder andere Mal etwas aus der Küche mitbringen. So kam es, dass wir einmal die Reste von einem prächtigem Rindersteak bekamen. Das war mit Abstand das Leckerste, was ich je gegessen hatte.

Die Regierung des Landes hatte ihren Sitz in Oststadt. Früher hieß die Stadt einmal Berlin. Ich war noch nie in dieser Stadt, doch ich wusste, dass sie riesig ist. Zählungen zu Folge sollten dort mehr als 30 Millionen Menschen wohnen. Bei uns in Nordstadt (was vor vielen vielen Jahren Hamburg hieß) wohnten lediglich 13 Millionen Menschen. Wie ich schon erwähnte, gab es hier in Nordstadt das Verteidigungsministerium. Von hier aus sicherten sie die Grenzen unseres Landes und vor allem bildeten sie von hier aus auch die Klimasoldaten aus, von denen ich bald einer werden sollte. Am morgigen Tag würde ich 16 werden und das war das Alter, in dem man verpflichtet wurde, sich als Klimasoldat ausbilden zulassen. Im Grunde genommen wusste ich nichts über die Klimasoldaten, bis auf den Fakt, dass sie im Dienst der Regierung unterwegs sein sollten, um den Klimawandel zu verlangsamen.

Zu stoppen war er schon lange nicht mehr und schuld daran waren unsere Vorfahren vor zig Jahrzehnten, die nicht drüber nachdachten, was sie mit unserem Planeten anstellten.
Auch wenn ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde, fühlte ich mich stolz und war froh mich in den Dienst der Volksrepublik Teutschland zu stellen. Meine Eltern waren nicht erfreut darüber und meinten sie hätten ihre Gründe. Das verstand ich nicht, denn schließlich würde ich Geld nach Hause bringen. Auch wenn mein Vater für die Regierung arbeitete, reichte das Geld nicht aus und das, obwohl er von früh morgens bis spät abends weg war. Nachdem ich aufgestanden war, lief ich in die Küche, riss mir eine Ecke von hartgewordenem Brot ab, steckte es mir in den Mund und ging mit einem Eimer in der Hand nach draußen. Ich wollte Wasser holen, wie jeden Morgen.
In unserem Bezirk gab es nur einen einzigen Brunnen. Deswegen ging ich so früh los, weil normalerweise morgens keine langen Schlangen am Brunnen waren. Als ich aus der Gasse trat, die auf den Platz des Bezirkes führte, fiel mir ein riesiger

gepanzerter Geländewagen ins Auge, wie ihn die Regierung fuhr. Ich wunderte mich, denn eigentlich ließ sich Militär und Polizei hier so gut wie nie sehen.
Früher war das anders. Es gab viele Unruhestifter, die versuchten die Regierung zu stürzen. Jeden Tag gab es Konflikte auf den Straßen. Es gab Schusswechsel und Massenschlägereien mit der Polizei. Zu der Zeit war ich 10 Jahre alt und meine Mutter war schwanger mit meinem kleinen Bruder. Mein Vater verbot uns rauszugehen. Er hielt es für zu gefährlich und wenn ich fragte, was draußen passierte, antwortete er nicht. Die Aufstände spitzten sich immer weiter zu, bis eines Tages ein Polizist getötet wurde. Der Mörder wurde sofort erschossen. Aber dann zog die Polizei sich schlagartig zurück. Die Leute auf den Straßen dachten, sie hätten endgültig gewonnen, doch einen Tag später, als ich aus dem Fenster guckte, sah ich plötzlich Panzer und Aircargos des Militärs ankommen und ungefähr 300 bewaffnete Soldaten stürmten durch die Straßen.

Sie nahmen alle Leute mit, die sie verdächtigten mit den Aufständen zu tun zu haben. Nach zehn Minuten war alles wieder leer und still. Und es blieb still. Die Polizei hatte keine Gründe mehr in unserem Bezirk unterwegs zu sein. Deswegen wunderte ich mich auch so, als ich diesen gepanzerten Wagen sah.

Ich ging um den Wagen herum zum Brunnen hin, da sah ich eine kleine Menschentraube. Ich drängte mich nach vorne durch. Vor dem Brunnen standen vier Männer der Regierung, mit Maschinenpistolen in der Hand. Ein Mann aus unserem Bezirk, den ich vom Sehen kannte, diskutierte mit einem der Männer.
„Sie können uns nicht den Weg zum Brunnen versperren“, sagte er aufgebracht, „es ist unsere einzige Wasserquelle!“ Die anderen, die hinter ihm standen, stimmten ihm murmelnd zu. „Es sind Anweisungen der Regierung“, erklärte der Mann mit der Waffe, ohne jegliche Miene zu verziehen. Ich drängelte mich ganz nach vorne und meinte: „Mein Vater arbeitet für die Regierung im Verteidigungsministerium.“ „Ist das so?“, fragte ein anderer der Männer kritisch. „Ja“, meinte ich, „er heißt Isak und ist Koch.“ „Soso“, murmelte der Mann, tippte etwas in seinen Computer, den er in den Arm seines gepolsterten Anzugs integriert hatte und fing dann plötzlich zu grinsen an. „Ah, Koch im Verteidigungsministerium hm?“ Ich nickte eifrig.
„Na gut“, meinte er, „dann wollen mir mal nicht so sein, nimm dir dein Wasser.“ Ich hastete zum Brunnen und tauchte meinen Eimer ein. Ich sah, dass sehr wenig Wasser im Brunnen war.
Vermutlich war das der Grund, warum der Brunnen abgesperrt war. Als ich mir meinen Weg zurück durch die Menge bahnte, starrten mich alle finster an und murmelten etwas, doch ich ignorierte sie. Ich war bloß froh, dass ich das Wasser für meine Familie hatte.

Als ich zu dem Haus kam, in dem unsere Wohnung lag, kam mir mein Vater au der Haustür entgegen. Er guckte auf den Eimer voller Wasser und machte ein erfreutes Gesicht. „Ich habe mitgekriegt, dass wir momentan überall extremen Wassermangel haben. Und im Ministerium ging das Gerücht um, dass immer mehr Leute zu uns in den Norden kommen wollen. Es wird nicht mehr lange reichen. Gut, dass du etwas bekommen hast Großer.“
„Ich habe ihnen erzählt, dass du im Verteidigungsministerium arbeitest, sonst hätten sie mir nichts gegeben.“, meinte ich. Mein Vater lächelte. „Na gut, ich muss los. Bis später oder gute Nacht, wenn du schon schläfst.“, sagte er. „Ja bis später.“
Schlafen würde ich mit Sicherheit noch nicht, ich würde zu aufgeregt sein. Aber nicht, weil ich am nächsten Tag Geburtstag hätte, sondern weil ich das erste Treffen zur Ausbildung zum Klimasoldaten haben würde.
An diesem Tag passierte nicht mehr viel. Um 15 Uhr kam das besagte Aircargo mit dem Essen. Ich brachte das Essen nach oben zu meiner Mutter und als sie es

auspackte bot sich uns wirklich kein atemberaubender Anblick: zwei relativ kleine Brote, eine Hand voll Kartoffeln und eine Dose mit Bohnen.
Das war alles für einen Woche. Für den Rest des Tages, ging ich mit Vincent durch die Gegend, und um ihm eine Freude zu machen, spielte ich mit ihm Verstecken. Meine Mutter wäre verrückt geworden, hätte sie das gewusst. Sie hätte Angst gehabt, dass er sich verläuft.

Auch wenn die Auseinandersetzungen auf der Straße aufgehört hatten, gab es immer noch eine Menge komischer Gestalten. Viele von ihnen schliefen in Hauseingängen und in dunklen Ecken von ehemaligen Parkanlagen. Auch wenn sie größtenteils nichts dafürkonnten, gaben sie ein unschönes Bild ab

Als wir wieder zuhause waren, aßen wir noch etwas von dem Brot. Vincent ging ins Bett und ich wartete noch bis mein Vater kam. Er hatte die ausgeschnittenen Kerngehäuse einiger Äpfel mitgebracht, die meine Mutter und ich gierig abknabberten. Als ich später im Bett lag, konnte ich lange nicht schlafen und ging dann schlafen. Mir gingen tausende Gedanken durch den Kopf.

Der Morgen des nächsten Tages war zuerst sehr schön. Mein Vater hatte doch tatsächlich die Reste von einem Kuchen mitnehmen können. Ich pustete die Kerze aus, die auf dem Kuchenstück brannte und wir aßen gemeinsam. Viel Zeit blieb leider nicht. Um 10 Uhr kamen zwei Soldaten, um mich zur Ausbildung abzuholen. Mein Bruder war etwas erschrocken, mein Vater guckte ernst und meine Mutter fing an zu weinen, als ich mich von ihnen verabschiedete. Als ich den Soldaten nach draußen folgte, fiel mir auf, dass ich keine Ahnung hatte, wie lange ich meine Familie nicht sehen würde. In meinem Hals bildete sich ein Kloß. Ich wurde zu einem Aircargo geführt. Ich war etwas aufgeregt, weil ich noch nie mit einem geflogen war. Warum auch? Einer der beiden wies auf einen Platz, ich setzte mich hin. Die ersten Minuten des Flugs waren noch recht faszinierend, doch nach einiger Zeit machte es mir keinen Spaß mehr. Das war nicht so schlimm, weil der Flug ohnehin nicht so lange dauerte. Nach der Landung wurde ich in ein riesengroßes Gebäude gebracht, was ich für eine Kaserne hielt. In einem großen Raum wurde ich schon von mehreren Jungen in meinem Alter erwartet. Sie tuschelten alle aufgeregt miteinander. Ich stellte mich etwas abseits der anderen hin und wartete, dass etwas passieren würde. Nach ein paar Minuten trat ein uniformierter, sehr großer Mann mit wenig Haaren in den Raum. Langsam verstummten alle. „Wegen besondere Umstände und Zuspitzungen habe ich euch etwas Wichtiges zu sagen.“, begann er. „Es wird auf die Ausbildung zum Klimasoldaten verzichtet, wir brauchen euch sofort. Packt euer Equipment und erscheint pünktlich in 15 Minuten auf dem Flugplatz hinter der Kaserne. Keine weiteren Fragen nötig!“, sagte er barsch. Ich war verwirrt, ich hatte schließlich keine Ahnung, wohin es ging, was ich tun musste und ob ich es überhaupt konnte. Ich stand vielleicht drei Minuten herum und verzweifelte immer mehr, bis ich begriff, dass ich lieber tun sollte, was der uniformierte Mann befohlen hatte. Alle anderen Jungs waren bereits verschwunden. Als ich mich umdrehte kam ein Junge auf mich zu, der ein paar Jahre älter als ich schien. „Kann ich dir helfen?“, fragte er. „Ja“, stammelte ich. „Ich will wissen, wo ich das Equipment herkriege.“ Er nickte kurz, ging los, und ich folgte ihm.

„Ist es dein erster Tag?“, fragte er freundlich. „Ja“, antwortet ich. „Dann bist du bei mir“, meinte er. „Ich bin dein Gruppenführer. Ah, Verzeihung …“, schob er hastig ein, „mein Name ist Jim.“ Ich sagte meinen Namen und nahm seine Hand entgegen, um sie zu schütteln.
Wenn dieser Jim mein Gruppeführer sein sollte, stellte ich mir die kommende Zeit eigentlich ganz nett vor. Trotzdem beunruhigte mich irgendetwas.

Jim führte mich zu einem Schrank und gab mir meine Ausrüstung. Eine große braune Jacke mit etlichen Taschen, eine Hose und ein Gürtel mit einer Schusswaffe, ein paar fette Spezialschuhe, die dir ermöglichten, Sprünge zu machen, und ein Helm mit Multitool-Visier. Auf die Frage, wofür wir eine Pistole brauchten, antwortete Jim nicht und winkte bloß mit der Hand ab.

Nachdem ich die Ausrüstung angezogen hatte, bekam ich noch einen Rucksack gereicht, der prall gefüllt war. Zusammen mit Jim und zwei anderen Jungen, die wir auf dem Weg aufgesammelt hatten, machten wir uns auf den Weg zum Flugplatz. Wir betragen ein riesiges Aircargo, was für Transport- und Langstreckenflüge gedacht war. Kaum waren wir alle drin, hob es ab und erstmals richtete ich den Blick etwas genauer in den Innenraum. Mehrere Betten waren am Rand, in der Mitte waren genauso viele gepolsterte Sessel und auf der anderen Seite haufenweise Schränke. Jedem von uns wurde ein Bett und ein Sessel zugewiesen. Als ein etwas mopsiger Junge fragte, wohin es geht, meinte Jim nur, wir sollten uns auf einen längeren Flug einstellen. Ich setzte mich in meinen Sessel und schaut ein die Runde. Die anderen Jungs wirkten lockerer als ich. Manche unterhielten sich, einige hatten sich schon hingelegt und die Augen geschlossen.

Wenn man mich da so einsam hätte sitzen sehen, hätte man wohl Mitleid mit mir bekommen, doch ich war noch nie jemand, der darauf bestand, viel mit anderen in Kontakt zu sein. Schon immer war ich eher schüchtern und genoss es, auch in den richtigen Momenten Zeit für mich zu haben. So saß ich also da und wartete darauf, dass irgendetwas passierte. Doch das einzige, was nach etwa drei Stunde passierte war, dass ich Hunger bekam. Der Kuchen war eindeutig nicht genug Nahrung für den Tag gewesen. Normalerweise hätte ich das Hungergefühl einfach beiseitegedrängt und erst am Abend wieder etwas gegessen, doch als könnte Jim meine Gedanken lesen, guckte er mich an und meinte: „Im vorderen Fach deines Rucksacks sind Powerblocker. Wenn du hungrig bist, iss einen davon.“ Ich kramte einen aus meinem Rucksack. Er war in Papier eingewickelt und pechschwarz. Allerdings war dieser Riegel nur maximal vier Zentimeter lang. Wie sollte ich bitte davon satt werden?

Ich biss ein Stück ab und schob den Rest hinterher. Es schmeckte wie Wasser. Vollkommen langweilig, aber zum Glück nicht eklig. Ich wartete kurz ab. Und nach ein paar Sekunden merkte ich, wie ich mich satt fühlte. Nicht überfüllt, sondern genau richtig. „Lecker sind sie nicht wirklich“, meinte Jim, der mich interessiert beobachtete, „aber echt praktisch, wenn man unterwegs ist. Sie wurden extra für Soldaten entwickelt.“ „Danke“, murmelte ich.
Nach ein paar Stunden legte ich mich hin und schlief ein, schließlich hatte ich die Nacht zuvor sehr wenig geschlafen.

Ich wurde aus Schlaf geschüttelt. Die Person, die mich weckte, war ein blonder und extrem magerer Junge, der mir bisher noch nicht aufgefallen war. „Wir sind da, du sollst aufstehen,“, sagte er leise und kaum hörbar. „Danke“, antwortete ich. Ich stand schnell auf und stieg in meine Stiefel, die ich ausgezogen hatte, bevor ich ins Bett gegangen war. Ich griff meinen Rucksack und stellte mich neben den anderen auf. „Wir sind im Zielgebiet angekommen“, erklärte Jim. „Allerdings warte ich noch darauf, dass uns unsere erste Aufgabe mitgeteilt wird.“.

Wir warteten und sahen ihm zu, wie er den Gang des Aircargos auf und ab marschierte. Plötzlich war eine Stimme aus Jims Helm zu hören. „Fünfte Patrouille, Gruppe B 47, ich rufe den Gruppenführer!“ „Hört!“, antwortete Jim. „Ich habe Ihnen die Aufgabe Ihres Außeneinsatzes mitzut…“ Doch mehr hörten wir nicht. Jim hatte die Lautsprecher in seinem Helm ausgeschaltet und hörte vermutlich jetzt durch die integrierten Kopfhörer. „Ja, Sir, ich verstehe …“, sagte er leise. Dann erstarrte sein

Blick. „Aber Sir, …, nein, was zum Teufel soll … Jawohl, …, tut mir leid Sir, ja, …, ich habe verstanden, …, wird ausgeführt!“. Jim schluckte und kurz trat Stille ein. „Wir haben soeben unsere Aufgabe bekommen,“, meinte er nach einer kurzen Pause. „Wir sollen den Menschen hier wichtige Medikamente bringen.“ Er klang dabei emotionsloser als bisher. Durch das Gespräch über Funk schien er etwas mitgenommen, aber ich dachte nicht länger darüber nach.

Wir verließen das Aircargo und ich befand mich in einer anderen Welt. Der Boden war trocken und staubig, es war heiß, und das, obwohl die Jacke die Temperatur erheblich herunterkühlte. Am Wegesrand standen kaputte Hütte. Davor hockten fast komplett nackte und knochige Menschen, denen man Erschöpfung, Durst und Hunger ansehen konnte. Der Anblick war so schlimm, dass unsere Heimat im Gegensatz dazu wirkte, als wären wir vom Wohlstand umgeben. Jim verteilte an uns Boxen mit dem Medikament und meinte, wir sollten keinen Bewohner des Dorfes auslassen. Also zogen wir in Zweiergruppen los. Ich ging mit dem mageren Jungen, der mich geweckt hatte. Als wir die ersten Medikamente verteilt hatten, fing der Junge plötzlich an zu torkeln. „Ich glaube, die Hitze bekommt mir nicht“, meinte er. Ich sagte, dass ich ihn zurück zum Aircargo bringen würde, doch er meinte, er schaffe es alleine. Also machte ich mich auf den Weg und verteilte weiter fleißig Medikamente. Plötzlich sah ich ein Kind, das kranker aussah als alle anderen.

Es war vielleicht zwischen vier und fünf. Ich rannte schnell hinüber und gab dem Mann, der neben dem Kind saß, eine der Tabletten und deutete auf das Kind. Er verstand und machte dankende Gesten. Er gab dem Kind die Tablette und es schluckte sie. In dem Moment war ich glücklich und fühlte mich stolz, helfen zu können. Ich wandte mich ab und ging zu den nächsten Leuten. Da hörte ich plötzlich ein krampfhaftes Husten. Es war das kleine Kind. Ich vermutete, dass es sich an der Tablette verschluckt hatte. Ich ging wieder zurück, um zu gucken ob alles in Ordnung war, denn der vermeintliche Vater schien in Panik zu geraten. Das Kind hustet und krächzte.

Nun machte auch ich mir Sorgen. Was wäre, wenn dem Kind etwas passieren würde und ich dann schuld wäre? Würde ich gefeuert werden und dürfte kein Klimasoldat mehr sein?
Doch bevor ich länger drüber nachdenken konnte, war Schluss mit der Husterei. Das Kind hatte die Luft angehalte und guckte erschrocken. Dann rührte es sich nicht mehr.

Die Zeit blieb stehen. Ich konnte nicht verstehen was passiert war. War das Kind Tod? Was hatte ich getan? Dann kam ein Schuss, der mich aus meiner Schockstarre löste. Es folgten Schreie und unverständliche Rufe über Funk. Ich bekam Angst und rannte los.
Als ich über die staubigen Wege lief, sah ich leblose Körper auf dem Boden liegen und neben ihnen die Verpackungen der Tabletten. In meinem Kopf war es wie in einem Puzzle, nur der Unterschied war, dass ich die Puzzleteile nicht zusammen setzten wollte. Mein Herzschlag und mein Atem waren so laut, dass ich Kopfschmerzen bekam. Ich rannte immer schneller und immer weiter, bis ich an einen Platz kam, an dem eine große Gruppe Menschen mir die Sicht versperrten. Ich zwängte mich durch die Masse und als ich freie Sicht hatte, bot sich mir ein schreckliches Bild. Ein Mann aus dem Dorf hatte eine Waffe in der Hand. So eine wie wir sie bekommen hatten. Er atmete schwer und hatte einen entsetzten Blick. Ich folgte der Richtung in die er guckte und da sah ich Jim.
Er hatte die Augen weit aufgerissen, aus seiner Brust klaffte eine Wunde und sein regloser Körper lag einfach nur da.

Plötzlich zog aus dem nichts ein gewaltiger Sandsturm auf. Ich konnte kaum noch etwas was erkennen. Der Sand schmerzte so stark wie Nadelstiche, und das, obwohl ich die dicke Uniform trug.
Dann wurden die Geräusche immer weniger und mir wurde schwarz vor Augen.

Es endete mit einem Traum. Ich träumte von einer Welt, in der alles in Ordnung war.
Ich spielte mit meinem kleinen Bruder Vincent Verstecken.
Mein Vatter hatte gekocht und meine Mutter rief uns rein zum Essen.
Das Schöne an diesem Traum war das Normale.
Ich fragte mich, woher ich wusste, was normal war, denn das Normale hatte ich nie erfahren.

ENDE