shadow

Leseprobe

Karla Pincon, 16 Jahre
5.
Ich schaute in den Spiegel. Zweifelnd musterte ich mich. Hellbraunes, schulterlanges Haar. Braune Augen mit langen dunklen Wimpern. Ein helles, blasses Gesicht. Für heute Abend hatte ich eine lange schwarze Hose und ein dunkelrotes Oberteil an. Meine Haare ließ ich offen. Sie fielen mir durcheinander auf die Schultern. Skeptisch drehte ich mich einmal vor dem Spiegel. Sah das gut aus? Das war schon das vierte Mal vor meinem Spiegel. Für ein weiteres Outfit hatte ich jedoch keine Zeit. Vorher hatte ich nämlich noch Ewigkeiten mit Ellie telefoniert. Sie war unglaublich aufgeregt, da Vielleicht Brian – ich hatte schon wieder seinen ganzen Namen vergessen – mit ihr auf Andrews Party gehen würde. Die Türklingel unterbrach meine Gedanken. Ich schreckte hoch. Schnell packte ich alles zusammen, was ich brauchte und schon öffnete ich die Tür. Vor mir stand Mike. Mike Brown. Mein Date. Es bildete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht. Ich erwiderte es. Seine Augen leuchteten noch mehr als sonst. Er sah einfach unglaublich aus. Seine hellblaue Jeans und sein blau-weiß kariertes Hemd saßen wie angegossen. Die Ärmel waren hochgekrempelt worden. Seine dunkle Haut vereinte sich mit der heran brechenden Dunkelheit und die kurzen Locken auf seinem Kopf machten ihn noch perfekter.
„Hi.“ Brachte ich heraus. Ich kämpfte damit, ihn nicht dumm anzuglotzen.
„Du siehst wunderschön aus.“
Mein Lächeln wurde bei seinen Worten noch breiter. Das hatte ich noch nie von einem Jungen gehört.
„Danke. Du siehst auch schick aus.“
„Ellie hat mich dazu verdonnert meinen Schrank zu durchwühlen, bis sie mit mir einverstanden war.“
Ich musste bei seinen Worten grinsen. Das passte zu Ellie. Mikes Augen glänzten in der untergehenden Sonne. Der Himmel war in ein Orange gehüllt. Schnell zog ich meine braunen Stiefel an und schnappte mir meine Jeansjacke. Der Abend konnte losgehen. Dieser Abend wird perfekt werden. Bei dem Gedanken spürte ich nur Glück in mir. Schon von weitem hörten wir Musik aus dem Loft. Wir stiegen aus dem rostroten Pickup aus. Mike ließ mich eintreten und folgte mir daraufhin durch die Tür. Die Musik war laut und impulsiv. Überall waren Leute zu sehen. Betrunkene Jungs saßen auf Stühlen. Ein paar Mädchen standen an der Bar. Der Rest bewegte sich zu der Musik. Und zwar überall im Raum. Eine stickige Luft machte sich um uns herum breit und ich winkte Ellie zu. Sie war fleißig dabei, sich an Vielleicht Brian ranzumachen und es war nicht zu übersehen, dass sie sich heute ein wenig schicker gemacht hatte, als gewöhnlich.. Auf einmal stand Andrew vor uns.
„Ihr seid da! Ihr seht beide super aus! Amüsiert euch! Ich muss noch andere begrüßen!“ Rief er über die Musik hinweg. Andrew sah gut aus. Gestylt und herausgeputzt. Man sah ihm an, dass er sich freute. Nach weniger Zeit entdeckte ich bekannte Gesichter.
„Möchtest du etwas trinken?“ Fragte mich Mike mit seinem Mund an meinem Ohr. Ich nickte. Wir schlängelten uns zu der Bar hinüber. Man roch bei mehreren Leuten den Alkohol und Zigarettenrauch. Erst etwas trinken und dann eine rauchen. Lecker. Mike und ich holten uns jeder ein Bier. Ich kannte viele Leute auf der Party. Die meisten hatte ich schon einmal im Tanzstudio oder in der Schule gesehen. Trotzdem hatte Andrew einen großen Freundeskreis. Es tauchten viele unbekannte Gesichter auf.

„Halleluja! Du hast ja noch eine ganz andere Seite! Hast du etwa vor jemanden aufzureißen?“ Sagte Andrew etwas später zu mir, als er alle Leute begrüßt hatte. Er hatte schon ein wenig mehr getrunken.
„Hätte auch nicht gedacht, dass du ein Hemd tragen kannst.“ Witzelte ich an ihm rum. Mike und ich hatten es uns zuvor an der Bar gemütlich gemacht. Mike war so süß. Einfach toll. Wir hatten gelacht und geredet. Es war echt schön gewesen… Aber Konzentration. Jetzt stand Andrew vor mir. Doch der hatte sich schon zur anderen Seite gedreht und flirtete intensiv mit einem aufreizenden Mädchen. Damit war das Gespräch wohl beendet.
Ich wendete mich wieder Mike zu. Er war definitiv ein Hingucker. Und er war mein Date… Wir begaben uns auf die Tanzfläche. Gerade hob ich den Kopf, um Mike anzulächeln, da sah ich weiter hinten die Eingangstür aufgehen. Ein Mädchen trat ein. Ich schätzte es auf siebzehn Jahre. Es hatte dunkelbraune Haare und sah wunderschön aus. Sie hatte ein weißes Sommerkleid an. Diese Figur. Sie war unglaublich. Wirklich sehr hübsch. Der Traum eines jeden Mädchens. Ich kannte das Mädchen nicht, aber den Jungen dahinter. Hinter ihr trat Jonathan ein. Sein blaues Hemd saß wie angegossen und es betonte seinen trainierten Körper. Er hatte seine schwarze Lederjacke bei sich und legte einen Arm um das Mädchen. Man konnte nichts dazu sagen. Er hob sich von allem ab. Er blickte sich im Raum um und unsere Blicke trafen sich. Ich konnte nicht anders. Ich starrte ihn an. Er starrte zurück. Gebannt blickten wir uns durch den ganzen Raum an. Ich auf der einen Seite, er auf der anderen Seite. Diese Augen… Dieser Blick… Dieser Junge… Nein, stopp. Das war der falsche Junge. Ich starrte den falschen Jungen an! Das war Jonathan Benson. Der Blödmann in Person. Und weggucken, Sam. Der tollste Junge ist doch genau vor dir! Ich blinzelte. Schnell wand ich mich ab. Jetzt ging es ja wohl los. Ich hatte hier den tollsten Jungen vor mir. Mike war nett, süß, gut aussehend, einfach nur perfekt. Doch ich konnte nicht anders. Ich musste noch einmal zur Tür gucken. Jonathan war weg. In der Menge verschwunden, mit einer Schönheit im Arm. Ich war verrückt. Vollkommen verrückt. Es war egal, was er tat und wie er aussah. Jetzt hing er auch noch mit der Cold Silver Gang rum. Nicht mehr lange und er war ein angesehenes Mitglied. Bei denen ging das ganz schnell. Ich hatte das schon bei mehreren Leuten mitbekommen. Er war ein selbstverliebter Idiot. Okay, er sah gut aus, aber das war ein einfacher, neutraler Fakt.
„Willst du etwas trinken?“ Riss mich Mike aus meinem Gedankenfluss. Aufmerksam schaute er mich an. Man, er war so…so perfekt. Und ich war mit meinen Gedanken bei dem größten Klugscheißer.
„Ja, gern.“
Ich brauchte jetzt Alkohol. Mike verschwand er in der Menge und ich spürte einen Blick auf mir. Suchend drehte ich meinen Kopf zwischen den vielen Feiernden umher. Da war Jonathan. Erneut starrte er mich an. Schöne Augen hatte er ja… Was? Nein. Nein, nein, nein. Was war heute mit mir los? Ein paar Bier zu viel, würde ich sagen. Seid wann hatte Jonathan Benson schöne Augen? Ich musste an die frische Luft. Geschickt kam ich durch die Menge. Es war fast zwölf. Ich trat durch die Tür nach draußen. Eine frische, lauwarme Nachtluft umgab mich. Weiter rechts von mir standen Raucher. Ich ging weiter nach links. Die Musik war nur leise zu hören, wenn die Tür geschlossen war. Ja, eindeutig schon ein, zwei Bier zu viel. Mike trat heraus.
„Ganz allein hier draußen?“
Er hatte zwei Getränke in der Hand. Eins gab er mir.
„Danke. Ich musste mal kurz Luft holen.“
Mein Lächeln wurde breiter. Ich lehnte mich an die kühle Hauswand. Mein Blick wanderte zu Mike hoch, in seine braunen Augen. Er war mir ganz nah. Seine zarten Wimpern schmiegten sich um seine Augen. Sie führten zu seinen dunklen Augenbrauen. Seine Wangenknochen traten ein wenig hervor und ich konnte die Konturen seines Gesichts genau erkennen. Mit meinem Finger strich ich darüber. Meine Finger glitten an seiner weichen Haut hinab und Mike sah mir tief in die Augen. Er legte seine breiten Arme um mich. Ich erkannte Neugier in seinen Augen. Meine Hände glitten an seinem Gesicht herunter. Ich legte sie um seinen Hals. Ich hörte keine Musik mehr, keine Stimmen mehr außer Mikes.
„Weißt du eigentlich wie hübsch du bist?“
Es bildete sich ein Lächeln auf meinem Gesicht. Wärme schoss durch meinen Körper. Ich stellte mich auf die Zehnspitzen und zog Mike zu mir herunter.
„Sam! Hast du eine Sekunde?“
Mike und ich drehten unsere Köpfe. Jonathan stand erwartungsvoll vor uns. Er schaute mich eingebildet an. Das war nicht sein ernst. Ich schaute zu Mike. Zu Jonathan. Zu Mike. Die Situation war so was von in die Hose gegangen. Was wollte Jonathan? Er tauchte jetzt auf? Jetzt? Sonst beachtete er mich auch nie! Und dann in diesem Moment? Mike löste sich räuspernd von mir. Verzweifelt strich ich mir durch die Haare. Mein Blick zielte auf Jonathan.
„Jonathan…was willst du?“ Fragte ich irritiert. Gerade wollte ich Mike küssen. Jetzt stand Jonathan Benson vor mir? Jonathan nickte mit dem Kopf in eine Richtung.
„Sag dem Typen, er soll abrücken.“
Auch noch ein Gespräch unter vier Augen? Tief durchatmen, Sam. Da gefiel mir das Ignorieren definitiv besser…
„Ich schätze, ich werde rein gehen. Wir sehen uns gleich.“ Sagte Mike zu mir. Er beugte sich zu mir herunter und gab mir einen Kuss auf die Wange. Seine weichen Lippen blieben einen Moment an meiner Wange hängen. Ich hielt die Luft an. Vielleicht hatte ich doch noch eine kleine Chance bei ihm. Bitte, lass es so sein… Ich konnte gerade wirklich nichts dafür, dass die Situation in die Hose gegangen war. Jonathan räusperte sich laut. Er hätte eigentlich gar nicht hier auftauchen dürfen, dann wäre dieser Abend perfekt geworden. Wut stieg in mir auf. Ein zärtliches Lächeln und Mike war weg. Jonathan ging ein paar Schritte nach links, an der Hauswand entlang. Es war dunkel. Ich ging ihm wütend hinterher. Was wollte er von mir? Weiter von den draußen stehenden Leuten weg, drehte er sich zu mir um. Ich schaute ihn erwartend an. Ungeduldig zog ich die Augenbrauen hoch. Wehe, er lieferte mir jetzt keinen richtig guten Grund für das eben. Er sah mir in die Augen, doch sagte nichts.
„Wenn du so freundlich wärst und mir erklärst, was das gerade sollte?“ Zischte ich ihn an. Meine Arme verschränkten sich vor der Brust.
„Das mit dir und diesem Mike Brown gefiel mir nicht.“
Jonathan rümpfte die Nase.
„Was?“
Was hatte er da gesagt? Es gefiel ihm nicht? Mit Mike Brown und mir? Wie kam er bitte darauf? Ich ging ihn doch sonst nichts an! Jeden verdammten Tag zeigte er es mir wieder und wieder. Er mochte mich nicht. Ich ging ihm am Hintern vorbei. Es war ihm peinlich, dass er mich kannte. Und jetzt brachte er mein Date zum Platzen? Weil es ihm nicht gefiel?
„Du…dir…gefiel es nicht? Du…sag mal…hast du sie nicht mehr alle?“ Stotterte ich sprachlos. Wütend blickte ich in sein Gesicht. Der erlaubte sich wirklich alles! Wie konnte dieser Idiot es wagen? Seine raue, tiefe Stimme irritierte mich, was mich nur noch wütender machte.
„Also, wenn ich das richtig verstehe…du ignorierst mich den ganzen Tag über…niemand weiß, dass wir uns kennen…und jetzt magst du es nicht, wenn ich etwas mit jemand anderem mache? Wo ist da der Sinn!“
Ich wurde lauter. Die Raucher blickten kurz zu uns. Plötzlich öffnete sich die Eingangstür erneut. Ich sah nur noch kurz ein weißes Kleid und schon wurde mein Arm gepackt und ich wurde weggezogen. Das weiße Kleid von Jonathans Begleitung, diesem wunderschönen Mädchen. Ich stand im Dunkeln. Es war ein fester Griff um mich. Durch die Straßenlaterne sah ich nur schwach zwei Augen. Zwei blau-grüne Augen. Sie leuchteten amüsiert und sahen auf mich hinab. Jonathan. Meine Wut wurde mehr. Sie wurde stärker und heißer. Ich versuchte mich von ihm zu lösen. Sein Griff war zu fest. Ich konnte ihm nicht entwischen. Starke Arme hatte er ja… Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Definitiv zu nah. Ich starrte in seine Augen. Sein Atem auf meinen Lippen. Mich traf ein scharfer, gleichzeitig süßlicher Geruch von Alkohol. Seine Augen schauten tief in meine. Mein Herz hämmerte schneller gegen meine Rippen. Mein Atem war flach und unkontrolliert. Wo war der eigentliche Jonathan Benson? Den ich verabscheute?
„Sehe ich etwa so gut aus, dass du einfach keine Wörter findest?“
Na bitte. Da war er auch schon. Jonathan grinste mich selbstverliebt an. Ich biss die Zähne zusammen. Nicht ausrasten. Nicht ausrasten. Vergebens. Meine Wut siegte.
„Du bist so ein…Kotzbrocken! Wenn es dir nicht aufgefallen ist, war ich bis eben noch dabei, Mike zu küssen und wenn du nicht damit klar kommst, amüsier dich drinnen mit deiner Braut oder lass deinen Klugscheißer woanders raushängen! Wenn du unbedingt jemanden haben willst, mit dem du dich beschäftigen musst, dann nimm dich. Ich habe dich wirklich satt.“
Meine Hände fingen an zu zittern. Ich war so sauer.
„Und ich bin von deinem Gesicht nicht fasziniert! Eher muss ich mich gerade von dem Schreck erholen, dein Gesicht schon wieder zu sehen. Kannst es wohl nicht ohne mich aushalten, was?“
Meine Stimme war scharf und ich schaute ihn verbissen an. Meine Versuche aus seinen Armen zu gelangen…vergebens. Egal was ich tat, es funktionierte nicht. Jonathan grinste weiterhin frech. Wieso nahm er mich nicht ernst? Er kam meinem Gesicht noch näher. Und noch näher. Bevor er belustigt flüsterte:
„Das stimmt. Du kannst einem ganz schön den Kopf verdrehen, weißt du das?“
Er schaute mir noch tiefer in die Augen. Ich starrte stur zurück. So schnell bekam er mich nicht klein. Der Alkoholgeruch stieg mir schärfer in die Lunge. Er war definitiv betrunken.
„Was machst du eigentlich hier? Deine Begleitung wartet doch drinnen.“
„Eifersüchtig? Die ist nämlich nicht die Erste, die nur so darauf wartet endlich mit mir die Party zu verlassen.“
So ein Ekelpaket. Schon bei der Vorstellung bekam ich Würgereiz. Wie konnten die anderen Mädchen daran denken, mit dem zu knutschen oder was auch immer zu machen… Weiter wollte ich gar nicht darüber nachdenken.
„Träum weiter. Sie muss völlig gestört sein, sich auf dein Ego einzulassen.“
Sein dreckiges Grinsen wurde breiter. Was wollte er bloß von mir? Dieser Idiot konnte einen echt nicht in Ruhe lassen!
„Kannst du mir jetzt erklären, was du willst? Du hasst mich…und jetzt hältst du mich von Mike fern?“
Mein Kopf tat weh. Von der Verwirrung. Wahrscheinlich auch vom Alkohol.
„Süß, wenn du verwirrt bist, Kleines.“
„Lass mich los, sonst schrei ich!“
„Schrei und ich küss dich.“
Ich versuchte mich erneut aus seinen Armen zu winden. Er war viel stärker, als ich. Zur Hölle noch mal. Was sollte das? Jonathan grinste immer noch eingebildet. Mein Herz klopfte aufgeregter gegen meine Rippen. Seine raue Stimme rauschte in meinen Ohren. Er drehte mich mit dem Rücken zur Wand. Das Gebäude war kalt.
„Mit deinen Sprüchen und deinem arroganten Verhalten kannst du vielleicht alle Mädchen in ganz Chicago aufreißen, aber bei mir kannst du das vergessen! Also lass mich los, damit ich wieder zu Mike gehen kann. Es ist mir nämlich vollkommen egal, was du davon hältst, wenn ich mit Mike rumknutsche.“
Seine Nähe machte mich nervös.
„Du machst also schon Pläne für die Zukunft, wie beim Knutschen? Siehst du euch auch schon alt mit euren Enkelkindern? Ob du dann immer noch so wunderschön aussiehst, wie heute Abend?“
Mein Herz machte einen Satz und mir stockte der Atem. Urplötzlich war meine Wut verflogen. Was hatte er gesagt? Ich schaute in seine Augen. Blau und Grün leuchtete mich an. Er lächelte mich ehrlich an. Seine Augen waren klar und treu. Nirgendwo fand ich Verachtung, wie sonst immer… Er kam mit seinem Gesicht noch näher heran. Sein Atem war warm. Regelmäßig. Bitte ließ ihn nicht meinen Herzschlag hören. Seine raue Stimme flüsterte an mein Ohr.
„Jetzt schon wieder. Echt süß, wenn du verwirrt bist.“
Ich versuchte ruhig weiterzuatmen. Ich hoffte inständig, mein klopfendes Herz konnte er nicht hören. Es hämmerte so doll gegen meine Rippen. Seine Augen leuchteten mich an. Sein Griff war immer noch fest. Überfordert mit der Situation flüsterte ich:
„Jonathan. Du hast ein Date. Ich habe ein Date. Was machen wir hier?“
Ich löste meine Arme vor meiner Brust. Sie fanden ihren Platz in seinem Nacken. Er war mir so nah. Fest in seinen Armen.
„Nur das Leben leben. Weißt du noch?“
Seine dunkle, raue Stimme löste ein Kribbeln in mir aus. Ich erinnerte mich an unsere Sandkastenzeit. Er hatte es also nicht vergessen. Unser Geheimnis. Ich verlor mich in seinen wunderschönen Augen. Sie leuchteten mich an. Wie konnte man so perfekt sein? Das Adrenalin schoss durch meinen Körper. Und dann trafen Jonathan Bensons Lippen auf meine.

6.
Ich schlug die Augen auf. Ein Schmerz durchzog meinen Kopf und ich vergrub mein Gesicht in meinem Kissen, um dem grellen Sonnenlicht zu entkommen. Warum hatte ich gestern so viel getrunken? Moment…gestern? Ich schreckte so schnell hoch, dass mein Kopf anfing zu pochen. Verdammter Mist. Ich hatte Jonathan geküsst. Den verdammten Jonathan Benson. Der, der mich durchgehend ignorierte. Der, der mich nicht ernst nahm. Der, der mit mir im Sandkasten gesessen hatte. Der Aufreißer höchst persönlich. Der, der die Mädchen ohne jegliches Gefühl behandelte. Doch gestern war er irgendwie…anders gewesen. Er hatte sich erinnert. Er hatte sich an unsere Abmachung erinnert. Wir leben das Leben. An dem Abend, bevor Jonathan weggezogen war…wir hatten nebeneinander auf einer Wiese gesessen, uns von dem Esstisch weggeschlichen und waren so weit weggelaufen, wie wir gekonnt hatten… Wir hatten uns den Sonnenuntergang angeguckt. Der ganze Himmel war in Rot getaucht gewesen. Einer der schönsten Abende, die ich jemals gehabt hatte… Wir hatten uns, kurz bevor unsere Eltern uns gefunden hatten, an diesem Abend etwas versprochen. Der kleine Johnny und die kleine Sammi hatten sich im Arm gehalten. Wir hatten uns versprochen unser Leben bis in alle Züge zu genießen. Zu leben, ob wir uns wiedersehen würden oder nicht. Wir hatten einen Packt gebraucht, der uns an diesen Abend hatte erinnern sollen. Man, wir waren so klein gewesen… Dass wir uns dort schon so viel hatten bedeuten können… Hatte ich mich vielleicht doch in ihm geirrt? Vielleicht war er doch kein arroganter Aufreißer. Einer, der nichts sagen konnte, ohne sich selbst dabei in den Vordergrund zu stellen? Oder wir beide waren einfach betrunken und die Situation hatte sich ergeben. Ich musste zugeben, die Erinnerungen an gestern Abend waren ein klein wenig verschwommen. Ich war hin und hergerissen, was ich von Jonathan denken sollte.
„Sam, wir wollen in zehn Minuten los. Mach dich fertig!“
Somit würden sich diese Fragen gleich klären. Mom war nämlich mit Stephanie Benson verabredet. Ich würde Jonathan also gleich wiedersehen. Sollte ich mich jetzt darüber freuen? Dachte ich nach diesem Kuss anders über Jonathan? Trotz des Alkohols schien gestern etwas zwischen Jonathan und mir gewesen zu sein. Oder bildete ich es mir nur ein? Wieso war meine Mom bloß so oft mit Stephanie Benson verabredet. Sonst könnte ich dieser Begegnung jetzt aus dem Weg gehen. Wahrscheinlich hatte der Kuss rein gar nichts bedeutet, sondern war nur ein Ausrutscher gewesen. Ich bekam den Abend mit unserem Versprechen nicht mehr aus dem Kopf. Als wir unzertrennlich gewesen waren…
Nach einer Stunde und zwei Kopfschmerztabletten stand ich vor der alten, braun lackierten Tür. Mom neben mir. Es war heute verdammt heiß. Die Tage davor war es aushaltbar gewesen. Jetzt? Einfach unausstehlich. Sogar ich hielt es nur wegen den leichten Windstößen aus, und ich war bei warmen Temperaturen wirklich abgehärtet. Ich drückte auf die Klingel. Der schrille Ton ertönte kurz hinter der Tür. Mein Herz klopfte schneller, doch ich ignorierte es. Das Herzklopfen kam definitiv nur wegen der Tabletten. Konnte Jonathan sich überhaupt an gestern erinnern? Ich sah auf jeden Fall nicht mehr denselben Jungen, wie Vorgesternabend in ihm. Meinen Erinnerungen nach hatte Andrew uns gestern Abend irgendwann entdeckt. Keine Ahnung, wie lange Jonathan und ich geknutscht hatten. Andrew hatte mich daraufhin nach Hause gefahren.
Die Tür wurde schwungvoll geöffnet. Da stand er. Meine Mom blendete ich aus. Ich blickte ihn an. Er blickte mich an. Seine blau-grünen Augen leuchteten mich an. Wie war ich dazu gekommen, so einen heißen Typen zu küssen? Atmete ich etwa unregelmäßig? Jonathan steckte die Hände in seine Hosentaschen und ich wartete gespannt auf seine Begrüßung. Was würde er jetzt wohl sagen? Wir hatten uns geküsst und irgendetwas hatte sich seitdem verändert. Zuvor waren wir uns so weit es ging aus dem Weg gegangen. Und ein Gentleman war er nicht gewesen.
„Hey, Sam-“
„Hallo, Samantha!“ Unterbrach eine etwas höhere Stimme Jonathan. Stefanie Benson tauchte hinter ihrem Sohn hervor. Ich schaute erst Jonathan, dann seine Mom an. Er hatte seinen Satz abgebrochen. Stephanie umarmte mich und danach meine Mom.
„Was für eine Freude euch zu sehen! Kommt doch rein, Jonathan und du wollt heute doch nicht etwa wie sonst gleich wegfahren?“
Sie lächelte mich freundlich an. Ihre blonden Haare fielen offen über ihre Schultern. Sie war wirklich herzlich. Hatte Jonathan vielleicht etwas davon geerbt? Ich erwiderte ihr Lächeln.
„Gibt es einen Grund, hier zu bleiben?“
„Natürlich! Jonathan hat heute Geburtstag. Wusstest du das nicht? Es sind ein paar Freunde unserer Familie gekommen, da könnt ihr beide doch nicht einfach das Haus verlassen.“
Ich stockte. Jonathan hatte Geburtstag? Nicht ihr ernst. Davon hatte ich nichts gehört. Das war mal wieder ein unangenehmer Moment für mich. Ich schüttelte leicht den Kopf und zum Glück lachte Stephanie nur über meine Ahnungslosigkeit. Jonathan reagierte nicht auf meinen fragenden Blick. Er stand mit zusammengebissenen Zähnen da. Ich hatte keine Möglichkeit noch etwas zu sagen. Stephanie zog Mom und mich einfach in das kleine Haus. Moment, ich wollte doch die Sache zwischen mir und Jonathan klären. Da war doch eine Sache zwischen uns oder? Zumindest hatte ich keine Ahnung, wie ich mich in seiner Nähe verhalten sollte, während ich bei seinem Anblick immer nervöser wurde. Jetzt konnte ich doch nicht einfach von ihm weggezogen werden. Die Holzdielen knirschten unter unseren Schritten. Stephanie Benson führte uns durch den Flur und die Küche hinaus in den kleinen Garten. Er war mit einem verrosteten Zaun abgesteckt und ich entdeckte ein paar Leute in dem Garten. An manchen Stellen wuchs ein wenig Gras und es waren sogar ein paar kleine Blumen am Gartenzaun eingepflanzt. Schon die sieben Leute passten fast nicht in den Garten, so klein war er. Mom und Stephanie waren in der Küche verschwunden. Ich stand unbeholfen da und wusste nicht wohin. Mein Blick wanderte von Person zu Person. Gehörten diese Leute zu Jonathans Familie? So feierten die Bensons also ihre Geburtstage. Auf einmal sprach mich ein Mädchen an. Ich drehte mich zu ihr und erblickte ein einer Zeitschrift entsprungenes Model. Das Mädchen hatte lange blonde Haare und strahlend blaue Augen. Ihre blaue, abgeschnittene Hose betonte ihre Beine. Sie waren lang und perfekt. Ein Lächeln zierte ihr makelloses Gesicht.
„Hallo, ich bin Carlina Mason.“
„Ich heiße Samantha Anderson.“
„Du stehst hier so alleine, da dachte ich, ich würde mal zu dir gehen. Woher kennst du Jonathan?“
Ja, woher kannte ich ihn… Von einer Party, auf der wir nicht voneinander lassen konnten.
„Unsere Mütter sind befreundet.“ Sagte ich freundlich. Das Mädchen musste ja nicht gleich alles erfahren.
„Woher kennst du ihn?“
„Ich bin die Tochter von Jonathans Patenonkel. Wir sind nicht verwandt, aber mein Vater kennt Jonathan und seine Mom schon sehr lange. Ich kenne hier so gut wie niemanden. Das ist erst das zweite Mal, dass ich bei den Bensons bin.“
Carlina Mason wirkte nett. Ich lächelte sie höflich an. Wenigstens eine Person in meinem Alter, von Jonathan abgesehen. Wo war er überhaupt? War das nicht sein Geburtstag? Vor allem wusste ich immer noch nicht, was das gestern sollte. Immerhin hatte er mich geküsst, nicht anders herum.
„Ich hole mir etwas zu trinken. Möchtest du auch etwas?“ Fragte Carlina Mason. Ich nickte und sie verschwand in der Küche. Wieder stand ich alleine in dem kleinen Garten. Die Sonne brannte auf meiner Haut. Meine Mom und Jonathans Mom hatten sich derweil unter die anderen Leute gemischt. Ich stand unschlüssig da. Die Minuten verstrichen und ich fing an mir Luft zuzufächern. Wo blieb diese Carlina Mason mit etwas zu trinken? Ich drehte mich um und trat in die Küche ein. Mit dem Durst nicht genug, wollte ich heute auch noch zum Training. Gut, ich hatte noch etwas Zeit, bis das Training losging, doch fehlte von Jonathan jede Spur. In der Küche konnte ich Carlina Mason nicht finden. Na schön, wenn diese Carlina schon so dreist war, einfach abzuhauen, wieso konnten Jonathan und ich das nicht auch? Ich meinte, er hatte heute auch Training, soweit ich wusste. Ich ging durch den kleinen Flur und bog zu seinem Zimmer ab. Seine Tür quietschte leicht, doch das war ich von zuhause gewohnt. Nachdem ich die Tür geöffnet hatte blieb ich erschrocken stehen. Ich vergaß zu blinzeln. Vor mir saßen Jonathan und diese Carlina Mason auf Jonathans Bett und ließen nicht voneinander ab. Carlina vergrub ihre Hände in Jonathans Haar und da bemerkte mich Jonathan. Gleich würde mir mein Frühstück wieder hochkommen. Was hatte ich mir nur gedacht. Jonathan Benson war ein nicht zu zügelnder Kerl, der Mädchen als Objekte wahrnahm. Wieso war ich davon ausgegangen, dass da gestern etwas zwischen uns gewesen war? Schnell drehte ich mich um und lief wieder in den Garten. Nur, weil wir geknutscht hatten, hatte ich gedacht, dass sich zwischen Jonathan Benson und mir irgendetwas verändert hätte? Reine Dummheit, würde ich sagen. Das leichte Herzklopfen war mit einem Schlag verschwunden. Sicherlich wusste er nicht mehr von gestern. Zum Glück hatte Andrew uns irgendwann gefunden und unterbrochen. Wer weiß, wie es sonst geendet hätte. Seit wann versprach ich mir etwas nach ein bisschen Knutschen? Nur, weil mein Herz verrückt gespielt hatte? Das passte nicht zu mir. Jonathan konnte jedes Mädchen haben… Weshalb sollte er also auf mein Niveau runter sinken. Mistkerl. Ich hätte Mike küssen können und Jonathan hatte es zerstört. Ein kleiner Zeitvertreib, weiteres bin ich für ihn nicht gewesen. Wieso dachte ich so viel darüber nach? Ich gab mir einen Ruck. Er konnte rummachen mit wem er wollte. Verdammter Idiot.
Ich entdeckte Mom und wollte gerade zu ihr gehen, um mich zu verabschieden, als ich an meinem Handgelenk in die Küche gezogen wurde. Jonathan stand vor mir und schaute mich erwartend an. Seine zerwühlten Haare ließen ihn noch besser aussehen. Sam, Konzentration! Carlina Mason hat seine Haare so zerwühlt! Ich blickte ihn fragend an.
„Was?“
Man hörte, dass ich genervt war.
„Sam. Wenn das, was zwischen uns lief-“
„Was meinst du?“ Unterbrach ich ihn. Am besten ließ ich ihn gar nicht erst erfahren, dass mir der Kuss etwas bedeutet hatte. Ich wartete nicht auf eine Antwort.
„Meinst du etwa…den Kuss, von gestern Abend?“
Meine Stimme klang giftig. Dann musste ich eben lügen, denn verletzlich war das Letzte, wie ich auf ihn wirken wollte. Ein Wunder, dass er sich von dem Supermodel losreißen konnte.
„Was-“
„Wir haben ein bisschen rumgeknutscht. Mehr war da nicht. Du warst betrunken, ich auch. Das passiert halt.“ Unterbrach ich Jonathan wieder. Ich klang kalt und gleichgültig. Genauso wollte ich es. Andernfalls hätte er meine Hoffung wegen uns bemerkt. Dass zwischen uns etwas echtes gelaufen war.
„Aber-“ Fing er wieder an. Seine Stimme klang…nett? Nein. Er war ein herzloser Idiot. Wenn er jetzt schon wieder mit einem anderen Mädchen knutschte, hatte das gestern wohl wirklich nichts bedeutet. Ich unterbrach ihn wieder.
„So toll war es nun auch wieder nicht! Ist schon wieder vergessen. Also schmeiß dich an Carlina ran! Die ist wenigstens auf deinem Niveau.“
Vielleicht ein bisschen zu giftig. Egal. Er straffte seine Schultern und sein Kiefer spannte sich an. Ich würde sagen: Ego erfolgreich getroffen. Jetzt noch ein schicker Abgang, bitte. Dass ich ihn angelogen hatte und mir der Kuss etwas bedeutet hatte, musste er ja nicht wissen.
„Damit ich euch nicht störe, verschwinde ich jetzt. Ich muss zu meinem Date mit Mike Brown.“
Ich drehte mich auf dem Absatz um. Jonathan Benson blickte mich sprachlos an. Gut so. Okay, ein Date hatte ich nicht wirklich… Jedoch war der Abgang so definitiv epischer gewesen. Zufrieden verschwand ich aus dem kleinen Haus. Der konnte mir gestohlen bleiben. Jungs, wie Jonathan Benson brachen einem sowieso das Herz und danach schnappten sie sich die nächste Braut. Gut, vergessen könnte ich den Kuss nicht, dafür war er zu gut gewesen, aber er würde mich nicht weiterhin so intensiv beschäftigen. Ich hatte schon sehr viel Übung im Ausblenden und Vergessen. Meine Vergangenheit hatte ich auch erfolgreich ausgeblendet.

Beim Tanzstudio angekommen traf ich Andrew an. Er stand vor dem Eingang und redete mit Mike. Meine Laune besserte sich sofort. Vielleicht bekam ich mein erlogenes Date ja doch noch. Mike fing an zu lächeln, als er mich entdeckte. Wieso dachte ich überhaupt noch an Jonathan, wenn es doch Mike gab. Er hatte, so weit ich wusste, gestern nichts von dem kleinen Ausrutscher mitbekommen. Bei einem Date mit einem anderen Jungen rumzuknutschen war nicht gerade das beste Verhalten… Aber es hatte ja anscheinend nichts bedeutet, insofern. Ich lächelte Mike ehrlich an. Seine Muskeln zeichneten sich unter seinem Oberteil ab. Dieses Aussehen…hach je. Ich hatte noch eine halbe Stunde, bis ich mit dem Tanzen anfangen würde. Von den anderen Mädchen aus meiner Crew war noch keiner zu sehen. Somit blieb ich mit Andrew und Mike vor der Tür stehen.
„Bist du heute doch noch aus deinem Bett gekommen?“ Fragte ich Andrew amüsiert. Das vorherige Geschehen bei Jonathan zuhause blendete ich aus.
„Ja, aber mein Kopf explodiert gleich. Es ist gestern noch wirklich spät geworden. Wer kommt denn da?“
Ich drehte mich um.
„Das Geburtstagskind höchstpersönlich. Was führt Jonathan denn jetzt schon hierher? Er hat erst heute Abend Training.“
Oh, Mist. Ich beobachtete, wie der dunkelgrüne Wagen röhrend vor uns hielt. Und da saß er. Der verdammte Jonathan Benson. Er blickte durch das heruntergefahrene Fenster und ließ lässig einen Arm auf dem Lenkrad liegen. War er mir nachgefahren?
„Steig ein.“
Mein Herz schlug schneller. Was wollte er hier?
„Nein.“
„Steig jetzt ein. Ich sag es nicht noch mal. Wenn du nicht zuhause reden willst, dann eben hier. Unser Gespräch war noch nicht vorbei. Steig. Ein.“
„Nein.“ Sagte ich verbissen. Mike und Andrew beobachteten das ganze Geschehen schweigend. Jonathan schnaubte verärgert. Zwei Sekunden später öffnete er seine Tür und lief auf mich zu. Ich rührte mich nicht von der Stelle. Was hatte er vor? Jonathan packte meine Hand und zog mich von Mike und Andrew weg. Widerwillig folgte ich ihm. Als wir um die nächste Hausecke waren, blieb Jonathan plötzlich stehen. Mein Herz war nicht zu stoppen. Erwartend schaute ich zu Jonathan hoch. Was zum Teufel wollte er? Jonathan sah mich einfach nur an.
„Was?“
Ich wartete verbissen auf eine Reaktion von ihm. Mein unfreundlicher Ton war nicht zu überhören. Gut so. Jonathan fuhr sich mit der rechten Hand durchs Haar. Sexy…
„Ich habe es doch schon gesagt. Mike Brown ist nichts für dich. Das gefällt mir nicht mit euch.“
Etwa das Thema wieder? Hatte ich ihm nicht schon am Abend zuvor gesagt, mir wäre das egal? Und dann hatte ich ihn geküsst… Ich wurde wütend. So würde es jetzt ganz bestimmt nicht enden. Wenn Jonathan am nächsten Tag schon wieder das nächste Mädchen küsste ging ich ihm ab jetzt auf jeden Fall aus dem Weg.
„Denkst du das interessiert mich?“
Giftig hielt ich seinem Blick stand.
„Es interessiert mich. Und du machst immer noch so viel mit ihm.“
„Hab ich dich jetzt verletzt? Tut mir leid. Dir muss nur auch einmal klargemacht werden, du bist nicht die Welt! Es gibt Leute, denen bist du vollkommen egal.“
Stur blickten wir uns in die Augen. Wenn ihm das Knutschen nichts bedeutet hatte, durfte ich nicht als die Doofe dastehen, der daraufhin Gefühle entsprungen sind. Oder was auch immer das war. Dann sollte er lieber weiterhin mit den anderen Mädchen flirten, tausende von Nummern am Tag absahnen und wegbleiben. Einfach wegbleiben.
Ich hatte das Gefühl, Jonathan war mir gerade einen ganzen Schritt näher gekommen. Schnell wich ich einen zurück. Mehr Abstand. Das durfte nicht wie gestern Abend enden…
„Dir bin ich anscheinend nicht egal, da du in meiner Nähe ganz klar nervös wirst.“
Jonathan grinste dreckig. Er kam weiter auf mich zu.
„Entweder bist du viel zu eingebildet oder zu dumm, um zu bemerken, wie bescheuert du bist.“ Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust. Ich wich noch einen Schritt zurück und knallte gegen etwas Hartes. Wand. Endstation. Verdammt…
„Halt dich von diesem Mike Brown fern.“ Er betonte Mikes Namen angewidert. Auf meine vorherigen Worte ging er gar nicht erst ein…
„Hast du sie nicht alle? Das geht dich garantiert nichts an! Deine Meinung ist mir egal. Ich sag dir auch nicht, was ich über diese Carlina Mason denke! Ich muss jetzt los. Mike wartet nämlich auf mich.“ Leider rutschte mir Carlinas Name genauso angewidert heraus. Ich wollte mich an ihm vorbeidrängen. Bitte einfach weg von ihm. Er zog bescheuerte Sprüche über mich ab, ignorierte mich und jetzt auch noch Vorschriften? Ich musste diesen Typen aus meinem Leben kriegen! Er drückte mich zurück an die Wand. Wieso hatte er so starke Arme… Hoffentlich sagte ihm mein Gesichtsausdruck genug.
„Was willst du?“ Spuckte ich ihm ins Gesicht. Nicht austicken. Ich hatte ihn so satt. Er strich noch einmal durch seine Haare. Heiß… Jonathan blickte zu mir herunter, in meine Augen.
„Mike Brown, das…“ Er zögerte. Wieder dieser tiefe Blick. Seine blau-grünen Augen leuchteten mich an. Sein Mund stand offen.
„Gedanken lesen kann ich noch nicht, falls du das willst!“ Sagte ich giftig. Er stöhnte genervt auf.
„Man…genau das meine ich! Wieso bist du so verdammt ungeduldig! Ich versuche hier etwas klarzustellen. Du bist ein richtiger Dickkopf und lässt nichts an dich ran! Noch nicht einmal hast du mit mir normal geredet! Du fühlst dich immer gleich angegriffen und wirst wütend! Nicht eine Sekunde kann man normal mit dir reden. Du-“
Ich atmete einmal tief durch. War das hier eine Therapiesitzung? Meine Wut stieg. Ich hatte so die Schnauze voll von ihm und unterbrach ihn. Leider ein bisschen zu laut.
„Du bist derjenige, der mich beleidigt! Du ignorierst mich nur! Du fühlst dich besser als die Welt, als wärst du die Sonne! Deine Art geht einem so was von auf die Nerven. Mit deinem Ego ist es nicht auszuhalten und du denkst, du kannst alles und jede haben. Und dann kommst du an und küsst mich! Hast du sie nicht mehr alle? Du kannst mich nicht einfach küssen! Und kannst mich nicht als Notlösung behandeln, wenn du kein anderes Mädchen abbekommst!“
„Ich will doch nur, dass du dich von diesem Mike Brown fernhältst! Er ist gefährlich, auch wenn er nicht so wirkt. Sam, er gehört zu einer der gefährlichsten Gangs, die über mehrere Städte verbreitet ist. Was ist, wenn er dich dort mit reinzieht?“
Ich sagte nichts. Wenn das wahr war, was Jonathan da sagte…
„Wenn ich dich mit Mike Brown sehe, habe ich Angst um dich! Er kennt dich nicht und will dich einfach küssen! Ich kannte dich seit deinem ersten Atemzug. Du warst meine beste Freundin und er will dich küssen!“
Jonathan wurde immer lauter und verärgerter. Ich schnaubte.
„Du beachtest mich doch nie!“
„Ich habe meine Gründe, warum ich so bin! Und wenn ich versuche, dich von ihm wegzubringen, ignorierst du mich. Du denkst, du wärst mir nicht wichtig, obwohl du mir die ganze Zeit über im Kopf rumschwirrst. Wie hätte ich denn sonst damit umgehen sollen? Ich habe keine Ahnung, was du mit mir machst und wusste mir nur zu helfen, indem ich so wenig wie möglich mit dir mache. Aber es hat nicht funktioniert! Deswegen stehe ich jetzt hier.“
Ich schluckte und mir fielen keine Wörter ein. Jonathan redete einfach weiter.
„Nachdem ich weggezogen war, habe ich dich nie vergessen. Jedes Jahr an deinem Geburtstag habe ich an dich gedacht. Und dann stehst du plötzlich wieder vor mir. So erwachsen…so hübsch…so unglaublich.“
Seine Stimme klang verzweifelt wütend. Ich spürte ein leichtes Kribbeln in meinem Körper.
„Und dann sehe ich dich mit einem anderen Jungen, der dich total anmacht, obwohl ich dich haben will und nur ich dich küssen will.“
Weiter kam er nicht. Ich hatte die Zentimeter zwischen uns durchbrochen. So hatte ich die ganze Situation noch nie gesehen. Mein Herz raste und mein Körper kribbelte. Er zog mich an sich. Meine Hände vergruben sich in seinem Haar und ich vergaß zu atmen. Fest hielt er mich in seinen Armen. Zum zweiten Mal lagen Jonathan Bensons Lippen auf meinen.

7.
Vor Schreck öffnete ich meine Augen. Stopp! Was tat ich hier? Keine Ahnung, wie viel Zeit schon verstrichen war. Meine Hände drückten Jonathan von mir weg. Er hielt mich in seinen kräftigen Armen. Ich blickte zu ihm hoch. Er lächelte mich neugierig an und seine Augen leuchteten begeistert. Er beugte sich erneut zu mir herunter, um mich zu küssen. Ich wusste nichts anderes zur Wehr als meine rechte Hand. Sie schnellte auf seine linke Wange hinunter. Jonathan blickte mich überrascht an. Er brauchte ein paar Sekunden, um mein Handeln zu realisieren. Autsch, meine Hand tat weh. Wie doll hatte ich bitte zugeschlagen?
„Ich habe dir gerade gesagt, du würdest mir etwas bedeuten und du schlägst mich? Ich hatte schon nettere Reaktionen. Aber ich muss sagen, das ist irgendwie sexy.“
Jonathan suchte grinsend meinen Blick. Ich schaute zu ihm hoch. Mein Gesicht wurde heiß und die Röte stieg in mein Gesicht. Super. Jonathan musterte mich amüsiert und sein Mund kam nah an mein Ohr. Seine Lippen streiften meine Haut.
„Niedlich.“ Flüsterte er mir rau ins Ohr. Ich versuchte wieder regelmäßig zu atmen. Es hatte sich trotzdem nichts geändert. Was, wenn ich gerade wieder nur ein Zeitvertreib für ihn war und er bei der nächsten Gelegenheit das nächste Mädchen aufriss? Ich küsste niemanden, der mich nicht ernst nahm. Du hast es gerade getan. Jonathan zog verzweifelt seine Augenbrauen zusammen. Mein Herz beruhigte sich immer noch nicht.
„Mach dir keine Sorgen, Sam.“ Seine raue, tiefe Stimme irritierte mich. Er zwinkerte. Ich musterte ihn. Dieses Aussehen… Seine Haare waren zerzaust. Er schaute mich aufrichtig an und seine Augen strahlten. Er zog mich wieder an sich heran.
„Ich will nur…dich.“
Wer konnte da schon Nein sagen? Ich zog ihn zu mir herunter. Und unsere Lippen trafen erneut aufeinander und ich vergaß zu atmen. Ob Carlina Mason oder Mike Brown. Wichtig waren nur wir beide. Hier und jetzt. Wir beide zusammen. Wie früher.

Ich öffnete meine Augen. Die Sonne kitzelte meine Nase. Jonathan hatte mich geküsst. Erneut. Und ich bedeutete ihm etwas. Bei dem Gedanken an ihn kribbelte mein Bauch leicht und ich bekam ein Lächeln im Gesicht. Das war ein Traum. Ich konnte nur träumen. Ich meinte, Jonathan war der am besten aussehende Junge. Er war so perfekt. Super Aussehen, Talent in allem, toller Charakter. Was wollte man mehr? Ja gut, sein Charakter war nicht immer super… Süß, nett, lieb, aufrichtig, ehrlich und so weiter. Das ganze Zeug, das in Liebesgeschichten beschrieben wurde, war bei ihm begrenzt. Er war ein verdammter Idiot, ein aufgeblasener Klugscheißer, Herzensbrecher, Besserwisser, Blödmann. Doch dann war er wieder Jonathan. Der nur für mich reserviert war. Da vergaß ich die anderen Seiten von ihm. Nicht zu vergessen sein Aussehen… Und er konnte küssen… Ach verdammt, er war zu perfekt, um ihn in ein schlechtes Licht stellen zu können. Da waren zu viele hinreißende Dinge. Und er hatte es verdient, gehasst zu werden. Mehr, als ich in dem Moment vor dem Tanzstudio gedacht hatte. Als ich an nichts denken konnte, außer an ihn… Als seine Lippen auf meinen waren… Schon in den nächsten Tagen war es zu sehen. Der verdammte Idiot war immer noch da. Der unausstehliche Jonathan Benson. Doch wie hätte ich es in dem Moment verhindern können, wenn ich nicht ansatzweise ahnen konnte, was passieren würde?
Nach tausenden von schwebenden Minuten des Knutschens, waren wir aufgebrochen. Jonathan und ich. Mike hatte ich nicht mehr gesehen. Es war wie früher gewesen… Okay, ich war erst fünf Jahre alt gewesen…trotzdem. Irgendwie waren die Erinnerungen wieder hochgekommen. Ich hatte mich wie früher gefühlt, mit dem besten Menschen der Welt an meiner Seite. Durch die Zeit des Hasses gegenüber dem Anderen hatte ich den wirklichen Jonathan Benson total aus den Augen verloren. Er hatte mir erzählt, was er die lange Zeit lang erlebt hatte, was alles passiert war und wie es ihm gegangen war. Wir hatten uns so viel zu erzählen gehabt, dass wir die Zeit völlig vergessen hatten. Jonathan war wieder da. Der von früher, den ich in mein Herz geschlossen hatte. Und ich war mehr als froh darüber. Unglaublich, wie schnell ein so langer Zeitraum von Trennung verschwinden konnte…

Ich schwang mich glücklich aus meinem Bett. Der Wecker hatte doch gesiegt. Abwesend zog ich mich an, mit den Gedanken noch bei gestern Abend. Jonathan hatte mich nach Hause, bis vor die Haustür, gebracht. Ich hatte seine Hand nur ungern losgelassen. Mein Herz hatte den ganzen Tag über nicht mehr aufgehört schneller zu schlagen. Ich ging ins Badezimmer. Das Kribbeln war wieder da. Ich dachte an den ersten Kuss, auf der Party. An den zweiten Kuss, vor dem Tanzstudio. An den dritten Kuss, nachdem ich ihm Eine geklatscht hatte. An den vierten Kuss, abends vor meiner Haustür. Mein Herz schlug schneller. Diese Gefühle… Das Herzklopfen… Das Kribbeln… Vergessen zu atmen, wenn unsere Lippen aufeinander trafen… Die Freude, bei nur einem Gedanken an ihn… War das normal? Es fühlte sich auf jeden Fall nicht so an… Hatte ich mich etwa verliebt? Oh nein. Ich hatte mich wirklich verliebt. Liebe… Ein Wort, das nicht gerade zu mir passte… Schon früher hatte ich es mir vorgenommen… Niemals verlieben. Wenn man sich erstmal verliebt hatte…konnte der andere einen so sehr verletzen… Man war viel verletzlicher, als bei anderen Dingen… Und nun war es mir passiert und ich konnte nichts dagegen tun. Wie gut es sich anfühlte… Er hatte gestern so aufrichtig, so anders gewirkt… Redete da etwa mein verliebtes Ich? In Wirklichkeit hatte Jonathan nämlich den Ruf einer männlichen Schlampe. Egal, was es auszusetzen gab, mein vernünftiger Verstand war verloren. Ich war verliebt. Was hatte ich getan? Ich hatte mich wirklich auf den verdammten Jonathan Benson eingelassen. Ein Junge, der schon mit mehr Mädchen, als in meiner Stufe waren, etwas am laufen gehabt hatte…

„Habe ich das Richtige getan? Sag mir, ich hätte das Richtige getan!“
Ich rüttelte Andrew an den Schultern. Flehend sah ich ihn an. Ich verzweifelte. Es war die schönste Zeit des Schulalltags. Mittagspause. Ich hatte Andrew alles erzählt und brauchte jetzt unbedingt meinen besten Freund!
„Sam! Hör endlich auf mich durchzuschütteln! Ich will essen.“
Ich ließ ihn los. Ein Seufzer. Noch einer. Ich vergrub den Kopf in meinen Händen. Wir saßen auf der Wiese des Campus’. Die Sonne knallte auf uns herab. Eigentlich hatte ich gedacht, Andrew hätte mir helfen können. Falsch gedacht. Seine blonden Haare waren durch das viele Schütteln ganz verrutscht.
„Hör mal. Wenn du dich in Johnny verliebt hast…freu dich doch. Warum freust du dich nicht?“
Andrew bot mir eine Hälfte seines Sandwiches an. Ich lehnte ab. Appetit hatte ich momentan am wenigsten.
„Du weißt doch wie er ist. Er hatte wahrscheinlich schon mit mehr Mädchen, als in unserer Stufe sind, etwas laufen. Vielleicht bin ich auch nur eine seiner Kurzgeschichten.“ Jammerte ich ihn an. Verzweiflung war in meinem Gesicht. Andrews blonde Haare saßen durcheinander auf seinem Kopf. Er schaute mit seinen grünen Augen amüsiert in meine. Erneutes Seufzen. Mein Kopf fiel in meinen Nacken. Ob Jonathan sich auch solche Gedanken darum machte? Wahrscheinlich nicht… Andrew war keine große Hilfe. Er kam immer wieder auf Mike zurück. Seiner Meinung nach sollte ich erstmal die Sache mit ihm klären. Seitdem ich jedoch wusste, dass Mike dieser gefährlichen Gang angehörte, hielt ich Abstand zu ihm. Ich glaubte Jonathan mit der Gang. In unserer Gegend gab es nicht gerade wenig Gangs, denen man aus dem Weg gehen sollte. Und da zwischen uns nichts passiert war, konnte ich auch nichts klären. Zwischen Jonathan und mir hingegen… Da war viel gelaufen. Das sollte ich klären. Ich verzog bei all den Gedanken mein Gesicht. Mein Hirn rauchte und nur mit Mühe unterdrückte ich den nächsten Seufzer.
„So schlimm, mich zu sehen?“ Lachte eine hohe Stimme. Ellie ließ sich neben mir fallen. Ihre schwarzen Haare waren zu einem Dutt gezwirbelt und ein grünes Sommerkleid betonte ihre Figur. Ob sie mir helfen könnte?

Nach der Schule fuhr ich zum Tanzstudio und begab mich alleine in einen Raum. Ich tanzte lange zu der Musik, doch ich hatte keine Konzentration. Meine Bewegungen waren nicht im Rhythmus und ich bekam Schrittfolgen nicht flüssig hin. Andrew hatte gesagt, ich solle mich einfach darüber freuen in Jonathan verliebt zu sein. Zweifelnd blickte ich mein Spiegelbild an. Ellie hatte recht gehabt. Ich sollte langsam anfangen positiv zu denken. Wenn Jonathan es ernst meinte, würde er anrufen. Dann würde er sich melden. Daraufhin konzentrierte ich mich auf meine Bewegungen und die begleitende Musik. Ich hatte schon lange nicht mehr alleine getanzt. Mit den Mädchen aus meiner Tanzgruppe brachte es unglaublich viel Spaß, doch einfach wieder zu improvisieren war toll. Ich konnte meinen Künsten freien Lauf lassen und nur für mich tanzen. Er würde schon anrufen…

8.
„Sam! Leg dein Handy weg. Es wird schon bescheid geben, wenn Jonathan sich meldet!“
Ellie riss mir das Handy aus der Hand. Nun lag es wieder auf dem Stuhl neben mir. Sie stand vor mir. Wunderschön, mit einem langen, hellblauen Kleid, welches ihren Oberkörper betonte. An ihren Beinen fiel der Stoff locker zu Boden. Eine dunkelblaue Gürtelschnalle zierte ihre Taille. Sie drehte sich einmal. Erwartend blickte Ellie mich an und strich über den weichen Stoff.
„Es sieht toll aus. Besser, als die anderen Kleider. Ich glaube, das ist es.“
Ich lächelte sie nervös an. Ich war nur halb bei der Sache. Das war nun bestimmt schon das zwanzigste Kleid und wir waren schon mehrere Stunden in diesem Laden. Zu jedem einzelnen Kleid hatte ich meine Meinung abgegeben. Ellie hatte mich heute mit in die Stadt geschleppt. Sie hatte nämlich noch kein Ballkleid für den Schulball. Der liebe Vielleicht Brian war inzwischen ihre Begleitung für den Ball. Ich hatte schon bei unserem letzten Shoppingerlebnis ein Kleid auf Ellies Wunsch kaufen müssen. Ich war nicht gerade motiviert für den Schulball, doch ich würde wohl hingehen. Das gehörte nach Ellies Meinung zu den allgemeinen Lebenserfahrungen dazu. Und sie hielt sehr viel von den allgemeinen Lebenserfahrungen. Die beste Shoppingbegleitung konnte man mich jedoch nicht nennen. Heute sowieso nicht, da ich mit meinen Gedanken ganz woanders war. Bei wem wohl? Dem verdammten Jonathan Benson. Er hatte sich immer noch nicht bei mir gemeldet. Wir hatten uns seit seinem Geburtstag nicht mehr gesehen, also auch nicht mehr miteinander geredet. Meine Nervosität stieg mit jeder Stunde mehr. Mit dem Anruf würde ich meine Zweifel fallen lassen und mein Herz würde ihm gehören. Gut, er hatte mein Herz schon für sich gewonnen… Doch da war leider immer noch diese leise Stimme in meinem Hinterkopf. Bitte lass ihn sich melden! Ellie ließ nicht zu, dass ich mich bei Jonathan meldete. Ihrer Meinung nach hätte ich dann immer noch diese Ungewissheit. Doch ich wollte Jonathan wiedersehen. Ich vermisste ihn jetzt schon. Seine Stimme, sein Anblick, seine Lippen…
„Sam, konzentrier dich! Jonathan ist jetzt unwichtig.“
Ellie schnipste mehrmals vor meinem Gesicht. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen. Nicht das erste Mal heute.
„Also. Diese Schuhe oder diese?“
Sie hielt jeweils ein Schuhpaar in der Hand. Das eine Paar waren flache Schuhe. Sie hatten eine Schleife auf der Schuhspitze und waren hellblau. Sie hatten den Farbton des Kleides. Das zweite Paar waren dunkelblaue Schuhe und sie hatten einen hohen Absatz. Ich zeigte auf die hohen Schuhe. Ellie war meiner Meinung. Sie zog die Schuhe zu dem Kleid an.
„Wirklich schön.“ Bemerkte ich. Ein freudiges Lächeln war auf meinen Lippen. Ellie sah überglücklich aus und ich war mehr als gespannt, was aus dem Basketballjungen und dem Cheerleadermädchen werden würde. Ihre Augen strahlten vor Freude. Mein Handy klingelte kurz und mein Herz machte einen Sprung. Ellie schaute mich gespannt an. Ich blickte in Ellies dunkle Augen. Oh bitte, lass es keine schlechte Nachricht sein, Jonathan.
„Sam, was schreibt er?“
Ellie grinste mich gespannt an. Ihre Augen funkelten vor Ungeduld und mein Handybildschirm leuchtete auf. Die Nachricht war von dem lieben Andrew, der meine Laune nun ganz in den Keller schickte. Ich wartete den Tag über vergebens auf irgendein Lebenszeichen von Jonathan. Hatte er mich überhaupt noch auf dem Zettel?

Neuer Tag, neues Glück. Verschlafen saß ich an diesem Morgen am Frühstückstisch und hoffte mein Kaffee würde mich aufwecken. Da polterte es an der Tür und ich sah die Zeitung in unserem Flur liegen. Der Postbote war heute wohl besonders gut drauf. Ich nahm die nasse Zeitung und setzte mich damit wieder an den kleinen Küchentisch. Anscheinend regnete es, so nass wie die Zeitung war. Ich faltete sie mit meinen Fingerspitzen auseinander und urplötzlich hatte ich keinen Appetit mehr. Da war er wieder. Er verfolgte mich überallhin. Mr. O’Conner. Der reiche Architekt der North Side, der auf Bildern arroganter guckte, als ich je gesehen hatte. Der Architekt, der unser Viertel abreißen wollte, um den Leuten der North Side mehr Wohnsitz anzubieten. Das machte dieser Mistkerl doch nur, um noch mehr Geld abzubekommen. So ein Geizhals. Alles wollte er zu seinem Wohl machen und dachte dabei an niemand anderen. Nicht einmal an mich… Mich, das unwichtige Mädchen, das er schon längst vergessen hatte. Ein Klos war in meinem Hals zu spüren. Diesem Mistkerl war noch nicht einmal mehr ich wichtig. Ich. Ich drückte meine Tränen zurück. Ein zweites Mal zerstörte er nun mein Leben und ich konnte nichts dagegen tun. Da durfte ich wegen ihm nicht auch noch Tränen vergießen. Nicht eine einzige. Durch die vielen Jahre hatte ich schon sehr viel Übung darin, meine Gefühle zu unterdrücken oder zu vergessen. Ihn immer und immer wieder zu vergessen, damit er wieder und wieder in meinem Leben auftauchen konnte, um alles umzuschmeißen. Anscheinend würde das niemals enden. Doch mit der Zeit fiel es mir immer leichter, die Dinge einfach auszublenden. Somit riss ich die Seite aus der Zeitung und schmiss sie in den Müll, damit meine Mom bloß nichts von den Neuigkeiten mitbekam und bei ihr wieder alles hochkommen würde. Das war schon oft genug passiert. Und schon hatte ich den Artikel verdrängt und ihn gleich mit. So, wie ich es immer tat…

Ich traf Andrew auf meinem Weg zur Schule. Es regnete in Strömen und gleichzeitig stieg die Hitze. Selten traf ich Andrew auf meinem Schulweg, da er sonst immer mindestens zehn Minuten früher losging. Heute hatte ich Glück und mit ihm war der Schulweg sehr viel weniger langweilig. Andrews blonde Haare waren schon genauso durchnässt wie meine, als ich ihn antraf.
„Gute Neuigkeiten. Meine Crew trifft sich heute zur gleichen Zeit wie deine. Ich kann dich in meinem Auto zu dem Tanzstudio mitnehmen.“
„Was ist, wenn Jonathan da ist?“
Ich bekam ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken. Andrew stöhnte auf.
„Ach, stimmt! Das hab ich schon wieder total vergessen. Deswegen kannst du doch aber nicht Tanzen ausfallen lassen.“
„Nein, ich komme mit. Ich will ihn ja auch wiedersehen. Nur hat Jonathan nicht angerufen. Deswegen bin ich ein bisschen skeptisch.“
Schon bei dem Gedanken, Jonathan wiederzusehen, schlug mein Herz zwei Stufen schneller. Endlich wieder seine Stimme zu hören und das Kribbeln im Bauch zu spüren verhinderte das Tanztraining zu schwänzen. Vielleicht war es ja umso besser, ihn anzutreffen, statt auf einen Anruf zu warten. Er hatte mich jawohl nicht vergessen oder? Klar, die ganzen anderen Mädchen lagen ihm zu Füßen, doch deswegen hatte er mich nicht vergessen oder?
„Soll ich ihm mal ein bisschen Stress machen?“ Fragte Andrew mich. Ich schenkte ihm ein dankbares, jedoch ablehnendes Lächeln. Schon immer war Andrew Smith für mich wie ein Bruder gewesen, da wir uns von Anhieb verstanden hatten. Der Bruder, den ich nie gehabt hatte.
Somit fuhren wir nachmittags zum Tanzstudio und versuchten dabei keinen Unfall bei dem Regen zu verursachen. Das Wetter war noch schlimmer geworden und ich hatte das Gefühl, das Auto von Andrews Vater würde jeden Moment den Geist aufgeben, so laut ratterte es im Motor. Nach zehn Minuten bogen wir um die letzte Straßenecke und ich konnte das Tanzstudio schon sehen. Es war ein großes, grau gemauertes Gebäude, das neben den angrenzenden Häusern sehr zerfallen aussah. Ein Parkplatz war noch frei und Andrew parkte den Wagen geschickt in der Parklücke. Dafür, dass er keinen Führerschein hatte, konnte er wirklich gut fahren. Und da sah ich ihn. Jonathan hatte eine schwarze Kapuze über dem Kopf und ging mit ein paar Jungs vertieft in ein Gespräch zu dem Wagen neben uns. Mein Herz schlug schneller und mein Bauch kribbelte leicht, bei seinem Anblick. Ich erkannte die Mitglieder der Cold Silver Gang an ihren Ohrringen und Tattoos überall. Gangmitglieder hatten meistens gefühlt mindestens zehn Tattoos. Am wichtigsten war jedoch der Name oder das Zeichen seiner Gang auf der Haut zu tragen. Ich musterte Jonathan. Er hörte dem anderen Typen konzentriert zu und ich zögerte. Der Typ hieß meines Wissens Jason. Oder nannte sich auf jeden Fall so. Er war dabei einer der Köpfe von der Cold Silver Gang zu werden und hatte auf der ganzen South Side seinen Ruf. Was machte Jonathan schon wieder mit diesen Leuten? Konnte er nicht mit seiner Crew vom Tanzen abhängen, statt mit diesen Leuten? Gut, von seiner Crew waren auch mehrere in einer Gang, aber das war nebensächlich. Mit der Cold Silver Gang war nicht zu spaßen und ich hatte bis jetzt nur wirklich brutale Dinge von denen gehört. Die Jungs stiegen gerade in das Auto ein, als ich und Andrew ausstiegen. Wir gingen an dem roten Auto vorbei und ich blickte durch die Fensterscheiben. Zwei Jungs der Cold Silver Gang bemerkten mich und wandten sich an Jonathan. Daraufhin blickte er hoch und blieb mit seinem Blick an mir hängen. Der Wagen startete und parkte aus. Ich war stehen geblieben und erwiderte Jonathans Blick. Er zwinkerte mir zu und ich musste Schmunzeln. Mein Herz hörte nicht auf zu rasen. Dann war er weg. Noch immer sah ich diese blau-grün leuchtenden Augen vor mir. So oft, wie ich Jonathan in letzter Zeit mit diesem Jason aber auch den anderen gesehen hatte, musste er etwas ernstes mit denen zutun haben. War ich etwa neuerdings in einen Gangster verliebt? In was war ich da reingeraten… Eher gesagt, in was geriet Jonathan da rein? Er hatte doch selber gewollt, dass ich mich von Mike fernhielt und jetzt wurde er selbst wie Mike? Vielleicht war Mikes Gang noch größer und gefährlicher, als die Cold Silver Gang, doch das Prinzip war das Selbe. Heute Abend würde ich zu ihm gehen. Ich musste ihn darauf ansprechen…

9.
Der schrille Ton drang in mein Ohr. Ich blickte auf die braun lackierte Tür und zappelte nervös auf einer Stelle. Schon das dritte Mal stand ich jetzt vor dieser Tür. Endlich hatte ich es geschafft, zu klingeln. Meine Nervosität war bei meinem Vorhaben nicht gerade behilflich. Ich fragte mich wieder und wieder, ob ich Jonathan auf die Gang ansprechen sollte. Ich meinte, wahrscheinlich würde er alles abstreiten und mich nicht einen Zentimeter an das Thema ranlassen. Ich habe mit ihm geknutscht, aber war ich die richtige Person, die ihn darauf ansprechen sollte? Doch ich bekam die Bilder von ihm mit den Leuten der Cold Silver Gang nicht mehr aus dem Kopf. Mein Blutdruck schoss immer höher und höher, als mir klar wurde, dass Jonathan gleich vor mir stehen würde. Wahrscheinlich war mir die Aufregung ins Gesicht geschrieben. Um mich herum war es bereits dunkel. Es war schon später und ich zog fröstelnd meine Jacke zu. Der Regen hatte aufgehört, doch nun verteilte sich die nasse Kälte. Bestimmt zerstörte ich mit meinem Vorhaben das gerade zustande gekommene Verhältnis zwischen Jonathan und mir. Ich musste es mit meiner Neugierde immer gleich kaputt machen…
Eine kleine Glühbirne flackerte über mir und ich war dankbar für ein wenig Licht, da es für diese etwas spätere Uhrzeit schon sehr dunkel war. Die Zeit verging wie in Zeitlupe und ich musste mich zwingen, still stehen zu bleiben. Warum war ich bloß so nervös? Etwa nur, weil ich Jonathan gleich auf die Cold Silver Gang ansprechen würde? Plötzlich hörte ich das Klicken der Türklinke. Die schon ältere Tür wurde geöffnet und ich versuchte mein pochendes Herz zu ignorieren. Einmal Haare richten und los ging es. Hinter der Tür erschien die Person, die ich als letztes erwartet hätte. Carlina Mason. Ich versteifte mich und das Herz rutschte mir förmlich in dir Hose. Sie sah wunderschön aus und ich presste bereuend die Zähne aufeinander. Was wollte Carlina Mason hier? Jonathan musste mich bei den vielen anderen Mädchen wirklich wieder vergessen haben, warum sollte sie sonst hier in Jonathans Haustür stehen? Erneut. Wütend auf mich selbst wurde mir klar, dass ich mir etwas vorgemacht hatte und selbst ich als Junge wahrscheinlich keine Zurückhaltung bei dieser Vorzeigebarbie gehabt hätte. Diese langen, perfekten Beine, ihre langen, blonden Haare, dieses makellose Gesicht, was wollte ein Junge mehr? Mit Carlina Mason hatte man alles, was man wollte.
„Hey…Samantha Anderson richtig?“
Sie lächelte mich herzlich an. Ich erwiderte ihr Lächeln zögernd und roch ihr Rosenparfüm. Rose…echt jetzt? Warum war Schönheit nur so ungerecht verteilt…
„Ja, nur Sam.“
Dieser Mistkerl. Und ich war so ein Idiot. Ich bekam keinen klaren Gedanken mehr zu fassen. Wieso hatte ich mich bloß auf ihn eingelassen. Er war die männliche Schlampe. Er hatte seine Barbie, was hätte er da jemals von mir wollen können?
„Wolltest du zu Jonathan? Der telefoniert gerade. Du kannst auf ihn warten. Komm doch rein.“
Im Gegensatz zu Carlina Mason war ich ein Nichts. Ich, mit meinen hellbraunen, schulterlangen Haaren, braunen Augen und hellem, blassen Gesicht. Ein ganz gewöhnliches, sechzehnjähriges Mädchen der South Side Chicagos.
„Nein. Sag ihm einfach, ich sei hier gewesen.“
Schnell drehte ich um und entfernte mich so schnell wie möglich von dem Haus. Mein Magen war aufgewühlt und ich hasste mich selbst. Ich hatte gewusst, wer Jonathan war und wer ich war.
Wir hatten dreimal geknutscht. Dreimal und ich hatte mich in ihn verliebt. Ich musste es nicht leugnen, ich war auf die Spielchen von Jonathan Benson reingefallen und musste es nun ausbaden. Ich war sauer auf Jonathan. Sauer auf mich. Sauer auf die Welt. Es war meine Schuld.