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Herzensdieb

von Eliza Schulte-Westhof

Diese scheiß Sozialstunden, ich hab so gar kein Bock. Am liebsten würde ich einfach wieder umkehren – Aber nein: wenn ich das jetzt nicht mache, wird alles nur noch schlimmer.

Nachdem ich mich umgezogen hatte, trat ich aus dem Raum und dieser typische Krankenhausgeruch nach Desinfektionsmittel stieg mir in die Nase, welchen ich nie wieder riechen wollte.Vor der Tür wartete schon Frau Schulze und schaute mich mit einer Hochgezogenen Augenbraue und verschränkten Armen an.Gleich kommt bestimmt wieder irgendein Kommentar.
„Na? Heute wieder mal ganz schnell unterwegs?“
„Ja, für Sie doch immer, irgendwer muss Sie ja Tag für Tag nerven oder? Wenn es sich doch sonnst keiner traut? Was ich zwar nicht nachvollziehen kann, wie man vor Ihnen Angst haben soll, aber na ja.“

Frau Schulze  schnappte nach Luft. Dies ignorierte ich gekonnt und ging einfach los. So langsam weiß ich ja, wo es lang geht. Heute bin ich auf der kardiologischen Station eingeteilt. Eigentlich ein Thema, das mich sehr interessiert, aber nur die Menschen pflegen, die krank sind, ist nicht so mein Ding.
„Wollen Sie dann auch irgendwann mal los gehen?“  sagte ich zu Frau Schulze über die Schulter, die immer noch total geschockt da stand. „So langsam müssten Sie sich doch daran gewöhnt haben, dass ich meinen Mund nicht halte.“
„Du wirst dich hier wie sonst auch gut um die Patienten kümmern.“
„Ja Ja, machen Sie sich darum mal keine Sorgen. Ich werde mich vorbildlich verhalten und schön Ihren Engel spielen.“
Wer´s glaubt wird selig.

Kapitel 2
Plötzlich fing es neben uns an, rot zu blinken und ich schaue Frau Schulze mit einem fragenden Blick an, ob ich diesen Notfall übernehmen soll.
„Ja los, was stehst du hier noch rum?“
Um Sie  noch mehr zu nerven, ging ich gemächlich los.
In dem Zimmer blickte mich ein Junge in meinem Alter an, vielleicht 19 Jahre, aber auf keinen Fall älter. Er sah gut aus mit seinen grünen Augen und dem markanten Gesicht.
Seine hellbraunen Haare waren nicht gestylt, wodurch er noch attraktiver wirkte.
Er lächelte mich an, was seine Grübchen und die weißen Zähne zur Geltung brachte.
Ich merkte genau, wie er mich beobachtete und anstarrte.
„Mach ein Foto, hält länger“, sagte ich und zwinkerte ihm zu. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, da hatte er schon sein Handy in der Hand und machte ein Foto.
„Danke, das wird jetzt mein neues Hintergrundbild“, sagte er zu mir und schaute mich verschmitzt an.
„Gerne, aber warum hast du jetzt eigentlich den Notfallknopf gedrückt? Dir scheint es doch sehr gut zu gehen.“
„Stimmt, aber mir ist langweilig. Und, dass da jetzt so ein schöner Zeitvertreib dabei rauskommt, konnte ich ja auch nicht wissen. Obwohl es mich dann doch sehr erleichtert.“
„Kann ich mir vorstellen. Bei den Schreckschrauben, die hier arbeiten, bin ich doch eine nette Abwechslung. Wie heißt du eigentlich?.“
„Ardan und du bist Mika, richtig?“
„Woooow, du kannst ja lesen“, lachte ich.
Als Ardan merkte, dass ich scherzte, lachte er mit. Sein Lachen war so voll und schön, dass ich eine Gänsehaut bekam. Generell war seine Stimme wunderschön, er hatte eine tiefe und rauchige Stimme, die etwas Beruhigendes ausstrahlte.
„Wie bist du denn hier gelandet, wenn du dich nicht für diesen Beruf interessierst?“ fragte er neugierig und immer noch schmunzelnd.
„Das ist eine lange Geschichte. Wenn du dir das wirklich antun möchtest, dann können wir uns ja später noch mal unterhalten.“

Kapitel 3

Ardan

Mit ihren roten langen Haaren, den süßen Sommersprossen überall in ihrem Gesicht und den strahlend blaugrünen Augen, die vor lauter Frechheit und Lebensfreude nur so funkeln, ist Mika ein der schönsten Mädchen, das ich je gesehen habe. Ganz zu schweigen von ihrem gut geformten, durchtrainierten Körper, welcher durch ihre Größe von 1,57 eine süße Note bekommt. Welchen Sport sie wohl macht? Ich glaube nicht, dass sie eine der Mädchen ist, die ins Fitnessstudio gehen.
Ich schaute mir gerade ihr Bild nochmal an, als es an der Tür klopfte und der Arzt herein kam.
„Wie geht es Ihnen heute Herr Lucifer?“
„Ganz gut, ich fühl mich ein bisschen schwach, aber sonnst geht es mir gut.“
Ich habe leider keine gute Nachricht für Sie: Auch wenn Sie in der Spenderliste  ganz oben stehen, haben wir noch immer kein passendes Herz für Sie gefunden. Das Problem ist, dass die Zeit leider langsam knapp wird, ihr Herz wird von Tag zu Tag schwächer. Es tut mir leid.“
„Braucht es nicht, es ist ja nicht ihre Schuld, dass es kein passendes Spenderherz gibt. Vielleicht habe ich ja Glück und mein Herz erholt sich bald wieder… immer positiv bleiben.“
„Hoffen wir es, obwohl die Chancen leider sehr schlecht stehen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und überanstrengen Sie sich nicht, wir sehen uns morgen.“
Nachdem der Arzt weg war, klopfte es wenig später, und Mika kam rein, sodass ich zum Glück keine Zeit hatte, um in Selbstmitleid und negativen Gedanken zu versinken. Als ich sie sah, stahl sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Allein ihr Auftreten und ihre Ausstrahlung bereiten mir gute Laune. Dabei habe ich sie heute erst kennengelernt.
„Na? Bereit für ein Abenteuer? Wenn nicht, ist mir das egal, du kommst sowieso mit!“ sagte sie mit einem frechen Grinsen auf ihren vollen rosaroten Lippen.
„Okay, dann sollte ich wohl keinen Widerspruch leisten, was?“ sagte ich mit einem Grinsen im Gesicht.
„Ja, das ist wohl besser“ sagte sie und musste sich das Lachen verkneifen, was nebenbei bemerkt, sehr süß aussah.
Ich setzte mich auf und brauchte einen Moment, um aufzustehen, da mir etwas schwindelig wurde. Mika half mir dabei auf zu stehen und stützte mich ab und zu beim Gehen. Wir gingen durch die Gänge im Krankenhaus und blieben irgendwann vor den Fahrstühlen stehen. Da fragte ich sie, wo wir denn eigentlich hingehen, aber sie sagte mir nur, ich sollemich überraschen lassen.

Mika

Ich machte die Tür zur Dachterrasse auf und genoss den Wind, der vom Meer kam und eine angenehme Erfrischung mit sich brachte.
Ich ging mit Ardan bis zum Rand der Dachterrasse und genoss die Aussicht. Es war einfach wunderschön, die Sonne begann gerade unterzugehen und färbte den Himmel in ein wunderschönes Farbenmeer.
„Und? wie kommt es jetzt dazu, dass du hier bist?“
„Ich habe mal wieder Mist gebaut und dieses mal hat es halt das Fass zum überlaufen gebracht“ sagte ich mit einem stolzen Lächeln im Gesicht.
„Also bist du eine kleine Draufgängerin, hab ich recht?“ Er zwinkerte bei dem Wort Draufgängerin.
„Ja, kann man so sagen, ich sag halt das, was ich denke und mache das, was ich will“ sagte ich und lächelte dabei.
„Find‘ ich gut, die kecke Art steht dir. Zu dir passt das liebe brave Mädchen auch nicht. Was hast du denn dieses Mal gemacht? Muss ja ganz schön krass gewesen sein, wenn du sogar Sozialstunden aufgebrummt bekommst.“
„Ich wurde beim Sprayen erwischt, dabei war mein Bild fast fertig und mega schön. Man, die haben mich voll gestört und noch nicht mal zu Ende sprayen lassen. Diese Idioten“ sagte ich Augen verdrehend, darüber könnte ich mich auch wieder stundenlang aufregen.
„So eine Frechheit aber auch“ lachte Ardan.
„Und was machst du sonst so in deiner Freizeit, außer kriminelle Dinge zu drehen?“ sagte Ardan mit einem wunderschönen Lächeln auf seinen vollen Lippen, welche einfach nur hinreißend aussehen.
„Rate doch?“
„Ich würde auf jeden Fall behaupten, dass du gerne zeichnest, wenn du schon sprayst und du machst Sport.“
„Stimmt, ich mache seit zehn Jahren Kunstturnen und seit fünf Jahren Kickboxen mit Selbstverteidigung. Also eine Mischung aus beidem und bin auch sehr erfolgreich bei diversen Wettkämpfen.“
„Du und Kickboxen? Wie willst du denn auch nur irgendeinen der Riesen zu Boden bringen?“
Das war ja wieder klar, dass so ein Kommentar kommt. Man sieht mir zwar an, dass ich Sport mache aber durch meine Größe werde ich irgendwie immer unterschätzt und das nervt.
„Naja, besser als du auf jeden Fall. So wie du aussiehst, besiegst du ja noch nicht mal meine Schwester im Armdrücken“. Das stimmte zwar ganz und gar nicht, denn Ardan hatte einen sehr trainierten, schön anzusehenden Körper.
„Wir können uns ja gerne einen Kampf liefern, wenn ich wieder draußen bin. Was hältst du davon KLEINE?“ sagte Ardan in einem provozierenden Ton.
„Aber liebend gerne“
„Machst du sonst noch irgendwas in deiner Freizeit?“
„Sonst spiele ich Klavier und Gitarre.“ „Sag mal, warum bist du eigentlich hier? Ich meine du bist erst 19 und dann liegst du auf der Kardio?“
„Ich habe seit meiner Geburt einen Herzfehler, welcher immer schlimmer geworden ist, jetzt werde ich neue eingestellt, auf neue Medikamente.“
Ich glaubte nicht, dass es die ganze Wahrheit war. Aber er schaute mich so an, als würde er mich bitten nicht weiter nachzufragen, weswegen ich es auch ausnahmsweise nicht tat. Allerdings fragte ich mich schon, was wohl noch dahinter steckte, dass er auf einmal so ernst geworden ist.

Kapitel 4

Ardan
In den letzten Tagen ging es mir immer schlechter, ich wurde immer schwächer und konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Die Besuche von Mika wurden zur Gewohnheit und waren ein willkommener Lichtblick. Jedes Lächeln von ihr schenkte mir neue Kraft, um weiter zu kämpfen, denn jede Sekunde mit ihr ist ein Geschenk vom Himmel, welches ich gerade lerne wertzuschätzen.
Wie lange ich das wohl noch genießen kann?
Ich habe Angst zu sterben, aber ich glaube, ich komme nicht drumherum… Es gibt immer noch kein passendes Spenderherz, dabei ist das je eigentlich auch gut, denn dann ist kein Mensch gestorben, aber darf man in diesem Punkt egoistisch denken? Ich habe ein Mädchen kennengelernt, das mir nur nach wenigen Stunden sehr ans Herz gewachsen ist und mir wird mit jedem Tag immer schmerzlicher bewusst, dass ich sie jeden Moment wieder verlieren könnte.
Plötzlich ging meine Tür auf und Mika stürmte in mein Zimmer und schaute mich wütend an.
„Warum hast du mir nicht gesagt, dass du ein Spenderherz brauchst! Du bist gar nicht hier, um auf neue Medikamente eingestellt zu werden! Du bist hier, weil deine Zeit abläuft! Warum!?“
„Woher weißt du das?“
Ich habe in deine Akte geschaut, ich bin nicht blöd! Ich habe gemerkt, dass es dir immer schlechter geht.“
„Ich konnte nicht, ich wollte nicht, dass du mich anders behandelst oder dass du dich dann von mir abwendest. Ich hatte Angst, dass du dann nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Ich wollte dich schützen, ich wollte dir keine Kummer bereiten. Ich will  nicht, dass du verletzt wirst!“‘
„Jetzt ist es zu spät… und weißt du, wer schuld hat? DU! Du bist derjenige, der mich verletzt hat, du bist derjenige, um den ich mir Tag für Tag Sorgen gemacht habe.  Ich habe dir vertraut und du hast mein Vertrauen missbraucht. Ich habe angefangen, das erste Mal in meinem Leben wieder einem Fremden zu vertrauen und jetzt? Was habe ich davon? Ein gebrochenes Herz!“ Während sie das sagte, liefen ihr Tränen über die Wangen, ihr sonst so strahlendes Lächeln wurde von einem traurigen Blick ersetzt. Mit jedem Wort, was sie sagte, zog sich mein Herz mehr zusammen und raubte mir den Atem.

Mika

„Kannst du bitte den Notfallknopf drücken?“ sagte Ardan nach Luft ringend.Ich hatte gar nicht mitbekommen, wie sehr ihm unser Streit zusetzte.
Ich drückte den Knopf und schon kamen die Ärzte und Krankenschwestern alarmiert hereingestürmt.
Es brach Hektik aus und ich wurde aus dem Zimmer geschickt. Ich stand total unter Schock. Ich fühlte michdafür verantwortlich, dass sich sein Zustand sich wieder verschlechtert hatte.
Plötzlich ging die Tür auf und Ardan wurde mit einer Sauerstoffmaske auf seinem Bett herausgeschoben. Ich rannte hin und nahm seine Hand. Ich wollte ihm sagen, dass es mir leid tut, und dass ich alles am liebsten rückgängig machen würde. Aber ich brachte keinen Ton heraus, was war nur mit mir los? Wo ist das freche Mädchen, welches ihren Mund nicht halten kann?
Als ich es nochmal versuchte, kam plötzlich etwas ganz Anderes aus meinem Mund, ich sagte kratzig, „Ich liebe dich.“ Ich war geschockt und hielt mir meine Hand vor den Mund. Er lächelte und sagte, „Ich liebe dich auch.“ Ich lächelte und doch flossen salzige Tränen aus meinen Augen. Mir fiel ein großer Stein vom Herzen und ich war einfach nur erleichtert.
Ardan wurde immer schwächer und konnte seine Augen kaum noch offenhalten. Die Ärzte und Schwestern sagten mir, dass sie jetzt zum OP müssten.
„Bleib bei mir“ sagte ich noch zu Ardan, bevor er durch die Tür zum OP geschoben wurde.