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Man will immer das haben, was man gerade verloren hat

von Eva Buresch

Kapitel 1: Mein Leben

Es ist schon ein Jahr her, aber es fühlt sich an als wär ich schon ewig in dieser Stadt gefangen. Ich habe zwar Freunde, die ich sehr gerne habe und ich hab meine Eltern an meiner Seite.
Aber wie das Leben halt ist, möchte man immer das, was man gerade verloren hat.
In meinen Fall will ich zurück nach Österreich. Nachdem die achte Klasse in Österreich beendete war, musste ich wegziehen. Ich wurde nicht gezwungen aber mein Vater bekam seinen Traumjob und was für ein Monster wäre ich wohl, wenn ich nicht freiwillig mitziehe.
Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Wochen in Hamburg. Zuerst fühlte ich mich wie ein Tourist, alles war fremd und wirkte unreal. Ich musste mit auf ein Fest in irgendeinem Dörfchen, das mich sowieso nicht interessierte.
Es waren Sommerferien also kannte ich keinen. Also saß ich alleine da und schaute einer Gruppe von Jugendlichen zu wie sie Spaß hatten. Irgendwann kamen mir die Tränen. Ich dachte an die Zeit zurück, als meine Freunde und ich so getanzt, gelacht und einfach Spaß gehabt hatten. Da spürte ich das erste Mal dieses Gefühl, eine Art Stich in den Bauch.

Das ist jetzt ein Jahr her und dieses Stechen kommt fast jeden Abend wieder. Ich verstehe es aber nicht. Ich sag mir immer wieder: „Sophie, du hast Freunde, gute Noten in der Schule und auch Kontakt mit ein Österreichern. Wieso kannst du nicht mal eine ganze Woche glücklich sein?“
Dann fing ich an Tagebuch zu schreiben, damit ich meine Gedanken Ordnen kann, aber das hielt nicht lange durch und das Buch endete irgendwo in meinen Tausenden Büchern, die in meinen katastrophalen Zimmer verstreut sind.

Kapitel 2: Freunde

Es ist der nächste Tag und ich muss wie immer früh aufstehen um mich für die Schule fertig zu machen. Eigentlich bin ich gerne dort aber es gibt immer Idioten die es einen verderben. Die Witze über Österreich muss ich sowieso jeden Tag ertragen. Das schlimmste, was man zu mir sagte war Nazi. Dann kommen die üblichen Witze über Ausdrücke die für mich komplett normal sind.
Meine beste Freundin Emily oder wie ich sie nenne Emi versucht immer für mich da zu sein. Ich wüsste nicht was ich ohne sie machen würde. Das einzige Problem ist, dass sie und eine alte Freundin Nadine wieder näher kommen und viel Zeit zusammen verbringen. Da Nadine und ich uns nicht leiden können da wir schon immer eine Art Konkurrenzstreit um Emi hatten. Aber da  muss ich mir keine Sorgen machen.

Als ich nach dem langen Schultag endlich zuhause bin erwartet meine Mutter mich schon. Sie ist leider sehr streng und hat immer Angst das mir was passieren könnte. Letzte Woche fand ich ein paar Tabletten gegen Angststörung und seit dem mach ich mir Sorgen um sie. Ich versuch ihr alles recht zu machen damit sie sich nicht aufregt.
Es ist anstrengend aber trotzdem liebe ich sie und werde immer für sie da sein.
Am Freitag gehe ich auf eine Home-Party, oder wie ich es meiner Mutter sagte ein kleines Treffen mit meinen besten Freunden.
Die hälfte der Leute, die kommen kenne ich gar nicht aber ich freue mich schon so lange auf diese Party, dass ich kein Risiko eingehen werde um das zu verpassen.
Die Party findet in dem Haus eines guten Freundes statt. Seine Eltern sind verreist also gehört das große Haus nur uns.

Die Tage vergingen schnell und endlich war Freitag.
Ich machte mich fertig und fühlte mich endlich mal wieder hübsch.
Emi und ich machten uns aus, dass wir uns vorher am Bahnhof treffen. Ich wartete eine Stunde auf sie aber sie kam nicht. Währenddessen schrieb ich ihr hunderte Nachrichten und rief sie an. Ich machte mir Sorgen aber nachdem sie endlich antwortete war ich nur mehr wütend.
„Sorry, bin bei Nadine. Hab die Party voll vergessen. Bei der nächsten bin ich dabei.“
Mehr als nur sauer ging ich dann auf die Party und entschloss mich heute Abend komplett gehen zu lassen. Nur ein paar shoots später und ich hatte mein Ziel erreicht.

Mir war danach so heiß das ich entschlossen habe an den Pool zu gehen. Als ich davor stand wurde mir so schwindelig und das erste an was ich mich erinnern kann war, dass mich ein großer, kräftiger Junge aus dem Wasser zog.
Obwohl er selber nass war, lieh er mir seinen Pulli der mir bis zu den Knien reichte. Dann besorgte er mir zusätzlich eine Jogginghose und eine weiche Decke.

Mir war so schlecht, dass ich Angst hatte mich zu übergeben, zum Glück passierte das nicht.
Der Junge sprach am Anfang nicht aber wieso sollte er auch. Ich verstand nicht mal wieso  er noch da saß. Dann brachte ich ein leises „Danke“ raus. „Nichts zu danken, ich bin Nick.“ Antwortete er mit einer tiefen liebvollen Stimme.
So fing unser Gespräch erst an. Bis sechs Uhr morgens Sprachen wir über alles Mögliche. Ich habe ihm so viel erzählt, dass er wahrscheinlich jetzt schon genug von mir hat. Aber ich konnte nicht aufhören zu reden und auch nicht damit ihm zuzuhören. Ich schüttete ihm mein Herz aus, weil ich gerade so sauer war wegen Emi.

Das ganze Wochenende hörte ich nichts mehr von Emi und auch nicht von Nick. Ich wollte mich sowieso nicht verlieben, und das wird’ ich auch nicht, weil ich weiß dass sich keiner ich mich verlieben wird, also wieso Hoffnungen machen?! Wir haben zwar die Nummern ausgetauscht, aber das hat nichts zu bedeuten.
Emi verbrachte wohl das ganze Wochenende bei Nadine und kam anscheinend nicht mal auf die Idee mir zu schreiben und ihr Verhalten zu erklären.

Am Montag in der Schule rannte sie zu mir und umarmte mich, doch ich wies sie ab. Sie fragte mich warum ich so abweisend sei und daraus wurde eine lange Diskussion.
Sie nannte mich zickig und kindisch, aber sie verstand nicht, dass ich einfach nur Angst hatte, dass sie mich vergisst und Nadine damit gewinnt und ihre neue beste Freundin wird.
In den Tagen darauf haben wir uns natürlich wieder vertragen aber sie verbrachte immer mehr Zeit mit Nadine und weniger mit mir. Das machte mir Sorgen und jedes Mal wenn ich versuchte mit ihr darüber zu reden und ihr meine Situation zu erklären, wies sie mich ab.

Kapitel 3: Familie

Als ich gerade auf dem Weg nachhause war, begegnete mir Nick. Ich wusste nicht ob ich ihn ansprechen sollte aber das übernahm er dann. „ Es tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe, ich wusste nicht was ich schreiben sollte und ja. Tut mir leid.“ Sagte er mit einem traurigen Gesicht. Ich meinte, dass alles gut sei und er sich ja nicht melden müsse wenn er nicht wolle. „Aber ich habe doch die ganze Zeit versucht dir zuschreiben, naja und ich hab viel an dich gedacht.“

Mein Herz schlug ganz schnell aber ich will mich nun mal nicht  verlieben also lächelte ich einfach und sagte: „Das ist ja nett, aber ich muss jetzt los.“
Schnell ging ich weiter und versuchte, mich daran zu hindern nicht zurückzuschauen.
Zuhause  angekommen nahm ich mein Handy und sah eine Nachricht von Nick. Ich ignorierte sie.
Im Moment will ich alleine sein und einfach keinen Kontakt mit anderen haben außer mit Emi.

Ich wollte sie direkt anrufen und fragen ob sie vorbei kommen will. Es klingelte zwei Mal, dann hob Nadine ab. Unfreundlich und anscheinend betrunken stammelte sie: „Hallo.“ Auf einmal hör ich Emi ins Mikrofon schreien: „Heyyyy Sophie, ich kann grad jetzt nicht. Lass mich in Ruhe.“ Dann hörte ich nur mehr Gelächter. Anscheinend war Emi auch betrunken. Ich legte auf und ich fühlte wieder dieses Stechen im Bauch.
Ich muss mich ablenken. Ich entschied mich in die Stadt zu fahren und einfach wieder shoppen zu gehen.
Es dauert nicht lange von mir aus in die Stadt zu fahren und innerhalb von 20 Minuten bin ich in einem Gedränge von Menschen und Geschäften.
Mein Vater arbeitet auch in der Stadt also dachte ich, ich gehe mal vorbei schauen und vielleicht kann ich ihn überreden mir ein bisschen Geld zu geben damit ich mir etwas kaufen kann das nicht weniger als
5€ kostet. Es ist schwer für mich passende Klamotten zu finden da ich stockdünn bin und es nicht unüblich ist, wenn mich Leute magersüchtig nennen. Mich wird wohl nie jemand hübsch finden.
Angekommen vor dem Büro meines Vaters, sehe ich ihn schon von weiten. Auf einmal spüre ich wieder dieses Stechen. Eine Frau, zwar hübsch, aber sie küsst meinen Vater. Meinen verheirateten Vater!

Das traurigste ist, dass er glücklich ausschaut. Meine Eltern streiten sich zwar ab und zu aber ich dachte sie lieben sich. Ich überlege ob ich ihn direkt damit konfrontieren sollte oder es erst meiner Mutter beichten. Ich möchte mich bewegen aber irgendwas hält mich fest. Ich stehe eine Minute nur da und schaffe es gerade mal zu zwinkern, dabei kommen immer mehr Tränen und ich schaffe es langsam mich umzudrehen und wegzugehen.

Kapitel 4: Liebe

Ich sitze in der Bahn und mehrere Menschen starren mich an. Die Tränen rinnen immer noch über mein bleiches Gesicht und als ich aussteigen wollte zitterte meine Hand und es viel mir schwer nicht umzukippen.

Ich versuchte mich auf meinen wackligen Beinen fortzubewegen aber nach wenigen Metern setzte ich mich auf den kalten Boden und ich spürte wie viele kleine Steine sich in meine Haut bohren. Eine große Hand packt meine Schulter. Erschrocken kehre ich aus meinen Gedanken zurück ins Leben und dreh mich um.
„Alles gut bei dir?“ fragte eine sanfte Stimme. Es war Nick.

Irgendwie beruhigte mich allein schon seine Anwesenheit und eigentlich wollte ich ihn nur umarmen. Als ob er meine Gedanken lesen könnte setzte er sich zu mir auf den Boden und nahm mich in den Arm. „OK, jetzt bleib ganz ruhig und erzähl mir alles.“ Sagte Nick und sprach nun kein Wort mehr. Ich wusste gar nicht wo ich anfangen sollte. Als erstes erzählte ich von Emi, mit der ich keinen Kontakt mehr habe, weil sie mich ignorierte und ich verstehe nicht mal wieso. Ob Nadine ihr eingeredet hat, ich sei eine schlechte Freundin und total langweilig. Dieser Gedanke ging Tage lang nicht aus meinen Kopf. Dann erzählte ich von der Sache mit meinen Eltern. Ich erinnere mich noch daran als mein Vater mit roten Rosen nach Hause kam und meine Mutter damit zu überraschen. Jetzt frage ich mich nur, ob er die gleichen damals schon für diese blöde Kuh gekauft hat.
Es verging eine Stunde und wir saßen die ganze Zeit auf dem Boden am Waldrand. Ich fragte ihn ob er noch zu mir kommen möchte. Weil ich weiß das keiner zuhause ist.

Als wir in mein Zimmer gingen und ich mich auf mein Bett setzte wurde ich etwas nervös. Einerseits kenne ich Nick noch nicht lange aber ich spüre so eine Verbundenheit.
Wir sprachen weiter und mir fiel auf, dass er immer näher kam. Dann fiel mir auf, dass ich auch immer näher kam. Als unsere Hände sich zufällig berührten verstummten wir. Mein Herz pochte immer schneller und plötzlich küsste er mich.
Ein oder zwei Stunden sind vergangen und ich war lange nicht mehr so glücklich. Ich wusste nicht ob das ganze ein Fehler war aber vielleicht ist er der der alles wieder zum Guten wenden wird. Der mir hilft mit dem ganzen klar zukommen.

Als er auf der Toilette war, klingelte sein Handy, das auf meinen Nachttisch lag. Zuerst dachte ich es wäre meins; doch als ich die Nachricht las, blieb mir ein Kloß im Hals stecken.
„Ich komme heute um 19:00Uhr vorbei. Lieb dich, mein Schatz.“

Er hat eine Freundin und trotzdem nutzt er mich so aus. Ich dachte ich bedeute ihm was. Schnell zog ich meine Klamotten an und bevor er zurück kam war ich schon weg.

Mir war alles egal ich wollte nur weg. Ich rannte und rannte bis ich an eine Brücke gelangte. Als ich hinabschaute ging es mir kalt über den Rücken; und obwohl ich Höhenangst habe und schon zitterte, stieg ich langsam über das Geländer.

Ich sah in die fünfzehn Meter unter mir. Ich höre einen Schrei: „Tu das nicht!“ Nick, den ich schon von weiten erkannte lief auf mich zu. Ich frage mich, wie er mich gefunden hat. „Ich weiß, du hast die Nachricht gelesen aber ich liebe nur dich. Ich mach mit ihr Schluss. Versprochen!“, schrie er und wirkte verzweifelt.

Ich konnte ihm doch nicht glauben, oder etwa schon? Vielleicht sollte ich dem Leben noch eine Chance geben. Eine letzte Chance. Ich drehte mich um. Er reichte mir seine Hand und ich fühlte mich wieder so sicher, trotzdem gingen mir Zweifel durch den Kopf. Ich war verwirrt und wusste nicht wie es weitergehen sollte. Macht er das alles nur aus Mitleid oder damit er sich nicht so schlecht fühlen muss? Das war mir nur grad’ egal, weil ich wieder auf sicheren Boden stehen wollte und ich verstand gar nicht wie ich auf die Idee kam, mein Leben so zu beenden.

Mein linkes Bein war bereits fast über dem Geländer doch dann rutschte ich aus und fiel hintenüber. Er konnte mich nicht halten und auf einmal geschah alles wie in Zeitlupe. Ich spürte ein letztes Mal die wärme seiner Hände. Dachte an Emi und ob ich einfach nur überreagiert hatte und wär ich ruhiger geblieben, wären wir noch beste Freunde.
Mir wurde klar, dass meine Geschichte nicht so enden sollte. Aber wie das Leben halt ist, möchte man immer das, was man gerade verloren hat.