shadow

Mein Leben in der Quarantäne

Es war 14.00 Uhr, als ich von meinen Hausaufgaben aufsah. Ich brauchte eine kurze Pause.
Mir kam der Gedanke, wie jeden Tag meine kleinen Pflanzen in meinem Gewächshaus zu gießen.
Ich ging also in die Küche, füllte meine kleine Gießkanne mit Wasser und wollte gerade wieder in mein Zimmer gehen, als meine große Schwester mir auf dem Weg in die Küche entgegenkam und mich fragte, ob ich mit ihr malen wollte. Ich sagte ja, da ich sowieso keine große Lust hatte, mich sofort meinen Hausaufgaben wieder zu widmen.
Das Malen machte unendlich viel Spaß. Ich malte mit Freude und Engagement. Am Ende hatte ich ein richtiges Kunstwerk. Ich hatte nun ein bemaltes Handtuch und wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Doch dann sah ich wieder meine kleine Gießkanne und nahm das Handtuch als Untersetzer dafür. Ich ging die Treppe herauf und stellte dort meine Gießkanne mit dem Untersetzer wieder ab.
Nun musste ich mich wohl oder übel meinen Hausaufgaben wieder zuwenden. Ich knobelte, rechnete, schrieb und las. Nun war aber wirklich Feierabend! Ich legte mich auf mein Bett hörte Musik und malte dabei. Da fiel mir wieder ein, dass ich ja meine Pflanzen wässern musste. Ich ging also zu meinen Pflanzen und wollte sie gießen, als mir auffiel, dass das Wasser nicht mehr trist und durchsichtig war, sondern in allen Regenbogenfarben glitzerte und schillerte.
Ich dachte mir nur so: „Vielleicht bin ich etwas übermüdet von den Hausaufgaben.
Es waren heute schließlich echt viele. Oder ich habe einfach sehr doll Hunger.
Beides stimmt auf jeden Fall.“
Ich goss also meine Pflanzen und ging dann runter, um etwas zu essen. Es gab heute zu Abendessen Kartoffeln, Soße und Erbsen. Ich war todmüde und legte mich zufrieden ins Bett.
Als ich morgens aufwachte, fing ich an zu lesen und machte die Gardinen auf. Da fiel mein Blick auf die Pflanzen. Ich erschrak. Sie waren regenbogenfarben und sangen dazu. Einige waren so hübsch,
wie sie nur in einem Bilderbuch hätten sein können. Aber das Handtuch, was als Untersetzer diente, hatte seine ganze Farbe verloren. Wie schade! Es war doch so ein schönes Handtuch gewesen.
Jetzt war ich aber gespannt! Hatte das Handtuch etwas mit der Färbung der Pflanzen zu tun? Vielleicht wird man ja reich, wenn man so eine Pflanze verkauft. Was würden meine Eltern zu dieser „Prinzessinnenpflanze“ sagen? Da riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken.
Ich kannte diese Stimme nicht. Da sah ich, dass eine der Pflanzen Augen und einen Mund hatte und mit mir sprach. Ich erschrak und wich zurück. Aber die Pflanze sang und wirkte gar nicht bedrohlich.
Sie sang wunderschön. Und zwar mit viel Engagement.
Ich starrte die Erdbeerpflanze ungläubig an und stellte mich vor: „Hey, ich heiße Roberta.
Seit wann könnt ihr denn sprechen? Und vor allem wovon könnt ihr sprechen?“ Die Pflanze hörte auf zu singen und guckte mich an. „Ich kann reden? Das habe ich ja noch nie gekonnt! Aber eines weiß ich, seit du mich das letzte Mal gegossen hast, fühle ich mich toll, ich habe Spaß und wachse schnell. Wenn ich mich bemühe, was ich die ganze Zeit mache, wachse ich ungefähr einen Zentimeter pro Stunde. Ich staunte. Genau die gleichen Gefühle hatte ich auch, als ich das Handtuch bemalt habe, welches als Untersetzer für die Gießkanne diente, mit der ich die Pflanzen gegossen habe.
Hatte das irgendeinen Zusammenhang? Die Erdbeerpflanze hatte ja gesagt, dass alles anders war, nachdem ich sie gegossen hatte. Und ich habe das Wasser, das in der Gießkanne war, ja auch in Regenbogenfarben glitzern sehen. Und die Erdbeere hatte genau die gleiche Farbe.
Es musste dort einen Zusammenhang geben. Und als ich lange überlegt hatte, wurde mir klar: Wenn ich Sachen male und unter das Wasser in der Gießkanne lege und dann damit die Pflanzen gieße, nehmen sie die Emotionen an, die ich beim Malen empfunden habe. In den nächsten Wochen malte ich viele Handtücher an und legte sie unter die Gießkanne. Einmal war ich so wütend über meine Schwester, weil sie mich einfach ignoriert hat. Als ich dann malte, das Handtuch unter die Gießkanne
legte und mit dem Wasser, was in der Gießkanne war, eine Pflanze goss, nahm sie eine dunkelrote Farbe an und wurde innerhalb kürzester Zeit zu einer Fleischfressenden Pflanze.
Dies merkte ich daran, dass sie ein Maul bekam und, als eine Fliege vorbeiflog, danach schnappte.
Sie schluckte sie runter und rülpste. Dann geschah etwas, was nicht mehr so witzig war:
Die Pflanze, die von dem Wasser der Wut gegossen wurde, wurde größer und größer, bekam große Fäuste und stieg aus ihrem Topf. Dann rann sie aus dem Haus. Ich überlegte nicht lange und rief meine Freundin Nanda an. Sie fuhr so schnell sie konnte zu mir nach Hause. Erst einmal besprachen wir die Lage und Nanda erzählte: „Auf dem Weg zu dir bin ich an einem Haus vorbeigekommen, welches völlig zertrümmert war. Außerdem habe ich Fußabdrücke von riesigen Füßen gesehen. Waren das die der Fleischfressenden Pflanze?“
„Ja, leider. Ich habe keine Ahnung, wie groß die Gefahr, die von der Fleischfressenden Pflanze ausgeht, wirklich ist.“ Ich machte mich mit Nanda auf den Weg ins Dorf. Der Schaden war groß, wir mussten etwas unternehmen. Wir besorgten uns zuerst viele Haushaltgeräte von mir zu Hause. Dann gingen wir direkt auf die Fleischfressende Pflanze zu. Wir probierten einfach alles. Wir versuchten, sie mit Töpfen zu verscheuchen, mit einem Seil zurück zu meinem Haus zu führen und noch viele andere Dinge. Alles hatte nicht geklappt. Deprimiert saßen Nanda und ich auf einem Stein und grübelten. Da hatte Nanda einen grandiosen Einfall: „Wir können sie hypnotisieren!“ Wir rannten so schnell, wie es ging, nach Hause. Wir nahmen eine große Holzplatte, schnitten einen Kreis aus, malten eine Spirale drauf und brachten sie ins Dorf, wo die Pflanze bereits großes Unheil vollbracht hatte. Wir stellten mit aller Kraft den großen Kreis vor der Pflanze auf. Nanda nahm ein Mikrofon in die Hand und sagte mit einer ganz beruhigenden Stimme: „Du wirst ganz müde und schwach. Du lässt alles in Ruhe. Du gehst zu Roberta nach Hause und setzt dich wieder in den Topf.“ Augenblicklich wurde die Pflanze ruhig und lief wie ferngesteuert zu mir nach Hause. Sie setzte sich wieder in ihren Blumentopf und blieb ganz ruhig. Nun war ich an der Reihe. Ich legte ein Handtuch, das ich mit Freude gemalt hatte, unter die Gießkanne und wässerte die Pflanze mit dem Wasser, was in der Gießkanne war. Nun war wieder alles gut. Wir erzählten meinen Eltern von der unglaublichen Geschichte und die waren froh, dass uns nichts passiert war, und glücklich, dass wir nun zwei Pflanzen als nette Mitbewohner hatten. Wir spielten oft mit den Pflanzen UNO und Monopoly und hatten alle viel Spaß. Später schaukelten wir sogar mit den Pflanzen und lebten trotz Corona noch glücklich weiter.

– Roberta Wrede