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Mein Leben in Quarantäne

Swive und Billy waren Geschwister und warteten gerade auf ihre Cousine Meju, die sie von dem kleinen alten Bahnhof von Takkasnoch abholen sollten (es war der einzige Bahnhof in der Stadt und das war egal, denn es gab sowieso nur wenige Leute in der kleinen Stadt). Die drei hatten sich ungefähr schon vier Jahre lang nicht gesehen, nachdem Mejus Mutter mit ihr weit weg in eine andere Stadt gezogen war. Früher waren sie Nachbarn gewesen, das Haus, das ihnen gehört hatte, stand direkt neben dem Haus von Swive und Billy, nun stand es leer…
Der Bahnhof lag ein paar Kilometer weit entfernt von dem kleinen Häuschen, in dem Swive und Billy mit ihren Eltern lebten. Während sie den Bahnhof hinter sich ließen, redeten sie ohne Punkt und Komma von allem, was sie sich nach vier Jahren zu berichten hatten. Die Sonne knallte auf ihre Köpfe und der Staub wirbelte nur so in der Luft herum. Es war sehr staubig, wie immer. Typisch für eine Stadt in der Wüste. Lange hatte es hier nicht geregnet.
Als sie Zuhause angekommen waren, richteten sie erst einmal den Schlafplatz für Meju ein, danach beschlossen sie rauszugehen. „Wir können zum Trainings-Reitplatz gehen, dort versuchen die Sheriffs neue Wildpferde einzureiten!“, schlug Billy vor. Damit waren die beiden anderen einverstanden. Doch am Trainings-Reitplatz war niemand. Das Einzige, das sie fanden, war ein Schild, auf dem etwas stand. „Der Platz ist auf weiteres geschlossen!“, las Meju vor. „Komisch! So etwas stand hier noch nie!“, wunderte sich Swive. „Na gut, dann können wir ja in der Bar eine Limo trinken gehen, die wird hundertprozentig offen sein“, meinte Billy. Doch sie hatte sich geirrt, die Bar war ebenfalls geschlossen und auf einem Schild neben der Tür, auf dem normalerweise „Zum Durstigen Kaktus“ stand, war nun auch ein Zettel geklebt, auf dem stand: „Diese Bar ist bis auf weiteres geschlossen.“
„Was ist denn hier eigentlich los?!“, rief Billy und die drei machten sich auf den Heimweg. Am nächsten Morgen wachte Swive als erster auf, er ging vors Haus in den Garten, um die Post zu holen, als ein Sheriff auf ihn zukam. „Bleib im Haus!“, rief er. „Warum denn? Ich wollte nur die Post holen“, sagte Swive verwundert. „Ich hab jetzt keine Zeit dir das zu erklären! Geh einfach rein und bleib da auch! Bleib drin! Das gilt für euch alle!“ Damit lief der Sheriff davon, ohne auch noch irgendein Wort zu sagen. Swive wurde das langsam unheimlich, er holte schnell die Briefe aus dem Briefkasten und ging danach sofort rein. Zwei Briefe waren für seine Eltern und einer war für die ganze Familie. Swive öffnete ihn und in dem Moment kamen Meju und Billy müde die Treppe heruntergestolpert. „Hey Billy! Wir haben Post!“, rief er seiner Schwester zu. „Von wem?“, fragte sie. „Keine Ahnung, warte kurz… vom Bürgermeister?!“, sagte Swive erstaunt. Er las den Brief vor:
„Sehr geehrte Mitbürger, ich muss Ihnen heute schweren Herzens mitteilen, dass wir unsere kleine Stadt Takkasnoch schließen müssen, das bedeutet, sie dürfen zwar noch nach draußen, aber nur mit Leuten aus dem eigenen Haushalt, da nun auch in unserer Stadt vor einigen Tagen das Coronavirus ausgebrochen ist.
Sich mit anderen Leuten zu treffen, die nicht zum eigenen Haushalt gehören, ist strengstens verboten. Ich entschuldige mich vielmals für die Unannehmlichkeiten und wünsche ihnen noch einen schönen Tag. Mit freundlichen Grüßen Relon Rot.“
„Wie jetzt?“, fragte Meju. „Mama! Papa! Der Bürgermeister hat uns einen komischen Brief geschrieben!“, rief Billy. Die Eltern kamen und lasen sich den Brief durch. Als sie fertig waren, fragte Billy: „Dürfen wir jetzt nicht mehr raus?“ „Ich denke schon, aber verabreden mit Freunden nicht, Corona ist ein Virus, mit dem nicht zu spaßen ist“, sagte Elisabeth, die Mutter von Swive und Billy. „Aber wenn Corona schon ein paar Tage in der Stadt ist, warum haben wir dann noch nie etwas davon gehört?“, fragte Swive. „Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir ganz am Rande der Stadt wohnen“, meinte der Vater von Swive und Billy. „Aber wir wollten doch heute zum Badesee“, sagte Billy. „Das fällt dann wohl leider aus, tut mir leid, alle Badeseen sind geschlossen“, sagte Elisabeth.
Den Kindern blieb nichts anderes übrig, sie konnten leider nicht zum Baden und vertrieben sich die Zeit mit Brettspielen.
Nach der siebten Runde Cluedo hatten sie keine Lust mehr und beschlossen in den Garten zu gehen, zum Glück hatten sie ja einen. Billy holte Waffeln aus der Küche und die drei kletterten auf den großen Kirschbaum. Als Swive fast oben war, rutschte er ab und fiel vom Baum. Er landete unsanft auf seinem Ellenbogen und Billy und Meju kletterten schnell den Baum hinab und liefen zu Swive. „Autsch!“, sagte er. „Tut es doll weh?“, fragte Billy. „Ja! Ich kann meinen Arm nicht mehr bewegen!“, sagte er. Meju lief schnell rein und holte ihre Tante. „Swive ist vom Baum gestürzt“, sagte sie. „Oh nein!“, sagte Elisabeth und folgte Meju in den Garten. Swive hatte sich in der Zeit hingesetzt. Sein Ellenbogen war angeschwollen und ganz blau. „Ach du lieber Himmel! Swive! Was machst du denn für Sachen!“, rief Elisabeth besorgt. Zum Glück war seine Mutter Krankenschwester und erkannte sofort, dass sie ins Krankenhaus mussten. „Können Billy und ich auch mit?“, fragte Meju. „Ich weiß ja nicht… Jetzt gibt es überall Corona-Viren, also könntet ihr euch theoretisch auch im Krankenhaus anstecken. Aber na gut, nur wenn ihr euch danach gründlich die Hände wascht und Abstand von anderen Leuten haltet, mit dem Coronavirus ist nicht zu spaßen“, antwortete Elisabeth. „Klar machen wir!“, sagten Meju und Billy. Die vier stiegen ins Auto und fuhren los. Auf dem Weg ins Krankenhaus kamen sie an ein paar Geschäften vorbei, die noch offen haben durften. Vor einem kleinen Supermarkt war eine lange Menschenschlange zu sehen. In den Laden durfte nämlich nur eine bestimmte Anzahl von Personen. Viele Leute draußen hatten einen Mundschutz, manche sogar Gummihandschuhe an.
„Was ist eigentlich mit Ostern? Das ist doch schon bald!“, fragte Billy ihre Mutter. „Das weiß ich nicht, feiern können wir das bestimmt Zuhause, aber ich kann mir vorstellen, dass das Osterfeuer, wo wir sonst immer hingehen, ausfällt“, antwortete sie. „Och Mann!“, sagte Meju traurig. Sie waren am Krankenhaus angekommen und gingen hinein in die Empfangshalle, von dort aus wurden sie von einer Krankenschwester ins Wartezimmer geschickt. Nach langer Wartezeit wurde Swive endlich aufgerufen. Seine Mutter kam mit ins Sprechzimmer. Billy und Meju warteten draußen.
„Weißt du was Meju, ich bin ein sehr außergewöhnlicher Mensch! Letztens zum Beispiel, da hat Papa sein Buch verloren, da habe ich mir ganz fest im Kopf gedacht, dass er es gleich wiederfindet und dann hat er es auch gleich sofort wiedergefunden! Krass, oder!?“, sagte Billy. „Aha ok“, meinte Meju, Billy war zwar genauso alt wie Meju und Swive (also elf Jahre), aber manchmal redete sie komisches Zeugs, das lag wahrscheinlich daran, dass sie sehr viel Fantasie hatte. „Ich glaub, ich kann zaubern!“, quiekte sie. Nach ungefähr einer halben Stunde kamen Swive und seine Mutter zurück ins Wartezimmer. „Und?“, fragte Billy. „Der Ellenbogen ist gebrochen. Ich hab gleich einen dicken Verband drum bekommen“, sagte Swive. „Auf jeden Fall klettert ihr nie wieder auf diesen Baum!“, schimpfte Elisabeth.
Sie fuhren wieder zurück nach Hause und in den nächsten Tagen, die verstrichen, hatte sich vieles geändert, die Kinder durften nicht mehr nach draußen, viele Läden waren geschlossen, die Eltern arbeiteten nicht mehr und Spielplätze wurden abgesperrt. Billy war sehr doll krank geworden… Sie hustete, hatte Fieber und war sehr müde. „Papa“, sagte sie. „Kann es sein, dass ich Corona hab?“ „Du? Corona? Na ja, das weiß ich nicht, vielleicht müssten wir dann mal zum Arzt gehen“, meinte ihr Vater. Nach zwei Tagen taten sie das auch, denn alle Symptome, die Billy hatte, stimmten mit den Symptomen von Corona überein. Nach einem Test wurden sie zurück nachhause geschickt und einen Tag später war es klar! Billy hatte das Coronavirus! Die Familie musste in häusliche Quarantäne gehen. „Na toll, jetzt müssen wir drinnen hocken!“, beschwerte sich Swive. „Wir könnten ja alle zusammen Brettspiele spielen oder im Garten picknicken“, schlug der Vater vor. Meju kochte Billy einen Tee, sie setzten sich aufs Sofa und schauten einen Film. „Meinst du, dass ich vielleicht sterbe?“, fragte Billy. „Nee, ganz bestimmt nicht“, sagte Meju.
Die Tage vergingen. Langsam ging es Billy besser und nach einer Woche war sie wieder gesund. Zum Glück! „Boah, bin ich froh, dass ich nicht gestorben bin!“, rief Billy. „So ein Quatsch, Billy! Du spinnst!“, lachte Swive. „Komisch eigentlich, dass wir nicht auch Corona bekommen haben“, wunderte sich Meju. „Na ja…“, flüsterte Billy. „Du weißt ja! Ich bin ein besonderer Mensch!“ „Hoffentlich ist dieser ganze Corona-Kram bald vorbei und unser Leben wird wieder wie früher! Das wäre fantastisch!“, sagte Elisabeth. „Das wird bestimmt bald!“, meinte der Vater, „ganz bestimmt…“.

Ende

– Janna Jäger