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Pechvogel

Pechvogel – Khadejeh Mamoo

Endlich waren wir umgezogen. Innerhalb „New Yorks“, in meiner Traumstadt. Von den Bronx nach Manhattan. Aber ich bin nicht glücklich. Meine Mutter lebt seit einem Jahr nicht mehr. Und mein Vater geht schlecht mit mir um. Ich hasse ihn.

Oh. Ich habe vergessen mich zu vorstellen.

Mein Name ist Jack. Ich bin 15 Jahre alt. Mein Hobby sind wissenschaftliche Entdeckungen, Ich mache gerne chemische Experimente, vor allem dann, wenn ich nicht weiß, was dabei herauskommt. Ich träume davon, einmal ein Experiment zu entwickeln, das richtig viel Geld bringen wird. Aber ich weiß nicht, ob ich weiter mit meinen Experimenten arbeiten kann. Weil das Leben mit meinem Vater kompliziert ist. Keiner kann mit ihm zusammenleben.

Denn mit ihm ist es immer das gleiche…

“Jack! Jack!“

“Ja, Baba?

“Räum sofort das Wohnzimmer auf!“

“Wieso ich? Das sind deine Bierflaschen! Ich muss lernen.“

“Lernen, lernen, lernen! Hältst du dich für was Besseres? Komm sofort und lass deine verdammten Hausaufgaben!“

“Lass mich in Ruhe. Morgen schreibe ich eine Mathearbeit.“

Mein Vater kam drohend auf mich zu. “Du musst dich daran gewöhnen zu arbeiten.“

“Gewöhne dich doch erst mal selber daran zu arbeiten“, schrie ich. „Stattdessen trinkst du den ganzen Tag.“

“Wie sprichst du mit mir? Du bist nicht besser als deine Mutter. Die hat sich auch immer für etwas Besseres gehalten.“

Ansatzlos schlug er mir ins Gesicht. Ich fiel vom Stuhl und blieb stöhnend liegen.

“Wofür willst dein Abitur nutzen? Ein besserer Job? Jeder kann einen guten Job haben ohne Abi. Guck mich an.

Manchmal arbeite ich als Kellner. Nur habe ich keinen Bock, jeden Tag zu arbeiten – ich will mein Leben genießen.“

“So etwas machen nur scheiß Menschen wie du …“

“Denk nach, bevor du etwas sagst! Sonst verpasse ich dir eine.“

Jack lief aus dem Zimmer, versteckte sich und dachte darüber nach, wie er mit seinem Vater umgehen sollte. Sollte er vielleicht ausziehen? Aber dafür hat er nicht genug Geld. Oder soll er seinen Mund halten und den Vater reden lassen? Am nächsten Morgen wachte Jack auf. Sein Vater lag immer noch im Bett, er hätte schon lange aufstehen müssen.

“Baba! Steh endlich auf, es ist schon 7 Uhr. Du weißt doch, dass du mich zur Schule bringen musst. Ich schreibe eine

Mathearbeit.“

“Ach Scheiße! Schon wieder Schule? Wie oft soll ich dir sagen, dass mit der Schule endlich Schluss sein muss.

Verdiene Geld und trag zu unserem Unterhalt bei!“

“Weißt du was? Lass mich in Ruhe«, antwortete Jack kalt. „Ich brauche dich nicht. Lebe dein Säuferleben und saufe

dich tot. Du wirst mich nicht mehr sehen. Ich habe keinen Bock mehr auf dich. Ich will ein anderes Leben, und nicht

enden wie du.“

“Wie kannst du es wagen … Überhaupt, wie redest du mit mir“«, lallte sein Vater. Doch er war so betrunken, dass er

nicht hoch kam und fluchend wieder einschlief.

„Du entwischst mir nicht.“

Kurz darauf steht Jack vor Tinas Haustür, meine Freundin seit der Kindheit. Tina wohnt nach wie vor in der Bronx.

“Hi“,  begrüßte Jack seine Freundin.

“Jack! Hi. Wie Schön, dich zu sehen! Was machst du hier? So eine Überraschung Mit dir habe ich gar nicht gerechnet.“

“Naja, es ist ein trauriger Grund“, antwortete Jack unglücklich. „Mein Vater hat mich quasi rausgeschmissen. Ich weiß

nicht wohin. Kann ich für die nächsten Tage bei dir wohnen?“

“Gerne. Kein Problem – du kannst auch länger bleiben. Wir sind doch Freunde, und Freunde halten zusammen. Wenn

ich Probleme hätte, würde ich auch zu dir kommen. Nicht umsonst kennen wir uns schon so lange! Ist etwas mit

deinem Vater!? Säuft er wieder?“

“Ja, immer das gleiche. Er fängt gleich nach dem Frühstück an zu trinken. Bei uns zu Hause liegen überall leere

Flaschen und Dosen. Ich wünschte, er wäre damals gestorben, und nicht meine Mutter! Nur … möchte ich dir nicht zur

Last fallen.“

“Mach dir keine Sorgen“, meinte Tina ernst. Du bist doch mein bester Freund. Weißt du das nicht?“

Als dein Vater nach dem Tod deiner Mutter wegzog, wusste ich nicht, was ich ohne dich machen sollte. mein einziger

Freund, nur dir konnte ich alles erzählen. Ich habe auch später niemanden getroffen, dem ich so vertrauen kann, wie

dir. Komm mit, ich zeige dir dein neues Zimmer. Meine Eltern haben dich immer gemocht.

Das weißt du doch. Ich brauche die nicht zu fragen, ob du bei uns wohnen kannst.“

“Das ist unheimlich lieb von dir“, antwortete Jack erleichtert. „Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.“

 

EINEN MONAT SPÄTER

 

“Jack, morgen haben wir Matheklausur, kannst du mir vielleicht helfen?“, bat Tina.

“Klar! Mach dir keine Sorgen“, antwortete Jack und sah von seiner Experimente auf. „Du schaffst das schon. Morgen

Nachmittag habe ich Zeit. Dann können wir lernen.“

“Danke!“

“Ich freue mich doch, wenn ich dir helfen kann.“

“Trotzdem, danke.“

“Weißt du, Tina, deine Familie ist so nett zu mir. Ganz anders als mein Vater. Ich habe sehr viel bei euch gelernt.

Liebe, Respekt und auch wie deine Eltern mit dir und deinem Bruder umgehen.“

“Nein, nein, du bist auch sehr nett“, antwortete Tina. „Und sehr schlau. Vergiss das nicht. Und du hast mir auch

geholfen.

Tina betrachtete ihn mitfühlend. „Geht es dir denn jetzt besser?“

“Ja, und das habe ich dir und deiner Familie zu verdanken. Trotzdem: Ich bin jetzt seit über einem Monat bei euch und

mein scheiß Vater hat nicht einmal nach mir gesucht. Obwohl er weiß, dass ich bei euch bin. Ich hätte nicht geglaubt,

dass er mich einfach so vergisst. Aber ich schaffe das! Ich will meine Träume verwirklichen, egal was für Probleme

sich mir in den Weg stellen.“

“Und ich verspreche dir, dir dabei zu helfen“, antwortete Tina.

“Gut, denn ich will nach der Schule oder am Wochenende arbeiten, um eigenes Geld zu verdienen.“

“Okay. Aber du musst auch mal raus. In zwei Tagen hat meine Freundin Geburtstag, und ich werde dich mitnehmen.

Du kommst doch mit? Dann kannst du auch meine anderen Freundinnen kennenlernen. Die sind nicht von unserer

Schule.

“Ich weiß ehrlich nicht, ob ich kommen kann. Geh lieber alleine – ich muss mein neues Experiment probieren.“

“Sorry Jack, diesmal kommst du mit. Übermorgen, um 19Uhr. Abgemacht? Und jetzt lasse ich dich mit deinem

Experiment weiterarbeiten.“

“Abgemacht.“ Jack sah ihr aufgewühlt hinterher.

 

EINIGE TAGE SPÄTER

 

“Ah, Tina! Hi“, begrüßte Tinas Freundin Tina und Jack.

“Hi Lucy. Hier ist mein Freund Jack, Jack das ist meine Freundin Lucy. Sie feiert heute ihren Geburtstag.“

“Alles Gute zum Geburtstag, Lucy“, meinte Jack überwältigt von ihrem Anblick. „Tina warum hast du mir nicht

gesagt, dass du so schöne Freundinnen hast.“

“Jaaaack!“ Tina stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. Du kannst doch so etwas jetzt nicht sagen. Lucy, Jack hat es

nicht so gemeint, er macht Spaß. Richtig Jack?“

“Ah ja, richtig, richtig … ein Spaß.“

“Na dann: Willkommen auf meiner Party und viel Spaß.“

“Tina“, fragte Jack noch immer aufgeregt, „sind alle deine Freundinnen so schön wie Lucy? Sie ist einfach wundervoll:

Besonders ihre Augen. Fantastisch.“

“Jack! Jack! Hallo, ich bin hier.“

“Sprichst du mit mir?“

“Natürlich mit dir sonst mit wem!“

Tina rollte mit den Augen. “Komm da sind Katie und Frank aus unsere Klasse“

Frank? Oh nein, schon wieder dieser Kerl, dachte er berühmt ist, denn seine Eltern reich sind. Und so war es auch heute. Alle Gäste scharrten sich um Frank. Die schöne Lucy allen voran. Und sogar Tina schien ihn zu mögen. Jack wusste nun, dass auch er reich werden wollte.

 

EINIGE TAGE SPÄTER

 

Jack betrat eine Bäckerei, bei der er sich für einen Aushilfsjob beworben hatte. Und er war aufgeregt, als er vom Besitzer begrüßt wurde.

“Guten Tag Herr France. Ich bin Jack, habe Ihnen E-Mail geschrieben; wegen der Arbeit.“

“Guten Tag Jack, freue mich dich kennenzulernen. Wie alt bist du eigentlich?“

“Ich bin 15, und möchte gerne hier arbeiten. Ich habe die Anzeige im Internet gesehen.“

“Gut, aber bist du nicht zu jung?! Du musst mindestens 16 Jahre alt sein, damit ich dich beschäftigen darf. Es tut mir

leid.“

“Okay, ich bin zwar noch ein Jahr jünger, aber bereits nächsten Monat werde ich 16. Außerdem bin ich schlau und

lerne schnell. Bitte

geben Sie mir eine Chance. Meine Eltern sind bei einem Unfall gestorben, ich brauche das Geld.“

“Ich weiß ehrlich nicht.“ Der Bäcker seufzte. Aber deine Situation macht mich traurig. Komm Morgen nach der Schule

vorbei und dann sehen wir, was du arbeiten kannst.“

Jack lief zurück und passte Tina bei einer Busstation ab.

“Tina, warte! Ich habe eine gute Nachricht. Ich habe Arbeit gefunden. Morgen kann ich anfangen.“

“Echt! Wie? Und wo?“

“Bei einer Bäckerei. Nur musste ich ein bisschen lügen. Ich habe gesagt, dass ich schon nächsten Monat 16 Jahre alt

werde und dass meine Eltern gestorben sind. Sonst hätte ich den Job nicht bekommen.“

“Was!! Das nennst du ein bisschen lügen? Und was ist, wenn dein Chef erfährt, dass du ihn angelogen hast?“

“Mein Vater ist in Manhattan und kommt nie wieder in die Bronx.“

“Ich hoffe es für dich …“

 

EINEN MONAT SPÄTER

 

Jack zog sich müde in ein Hinterzimmer der Bäckerei zurück und dachte darüber nach, wie er seine Zeit zwischen der Schule und der Arbeit besser einteilen konnte. Er fand seinen Chef nett, doch die Arbeit war schrecklich: Putzen, den Boden und die Tische abwischen. Von morgens bis abends und das für einen Hungerlohn. Er war müde und kam kaum noch zum Lernen.

Verzweifelt lehnte er sich zurück und dachte an seine Mutter.

 

Es ist schon 23:00 Uhr. Morgen habe ich Schule, meine Bücher sind bei Tina und ich habe meine Hausaufgaben noch nicht erledigt. Mama ich vermisse dich, warum hast mich alleine gelassen! Mein Leben ist scheiß schwer, Vater kümmert sich nicht um mich. Ich kann mich nicht konzentrieren.

Überraschend kam Herr Francis herein. “Ja junger Mann. Jetzt hast du Schluss. Willst nach Hause gehen?“

“Nein ich gehe zu meiner Freundin, ich habe kein Zuhause. Ich wohne bei ihr bereits seit zwei Monaten,

Ich habe keinen anderen Ort, wo ich leben kann. Immerhin, ihre Eltern sind nett zu mir.“

“Oje, das wusste ich nicht. Ich will dir helfen, du kannst auch hier schlafen, unten neben dem Keller. Dort gibt es ein

kleines Zimmer. Da kannst du wohnen, so wird vieles einfacher für dich.

Denk mal darüber nach, und sag mir denn Bescheid.“

Jack wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Einerseits lebte er gerne in Tinas Familie, andererseits hatte er das Gefühl,

dass es gut wäre, wenn er deren Gastfreundschaft nicht noch länger strapazieren würde. Jack lächelte, denn er wusste

nun, dass das die Lösung für sein Problem war. Endlich wurde alles gut.

 

AM NÄCHSTEN TAG

 

“Hallo Tina! Wo ist mein Sohn?“

Schockiert starrte Jack seinen Vater an, der völlig unerwartet in der Haustür stand.

“Baba!! Was machst du denn hier? Woher wusstest du, dass ich hier bin? Was willst du von mir. Reicht es dir nicht,

was du?“

“Pack deine Sachen sofort ein“, antwortete Jacks Vater drohend.

“Keine Diskussion. Ich bin dein Vater! Jetzt, da du endlich arbeitest, lebst du wieder bei mir in Manhattan.“

“Geh nicht!“, beschwor ihn Tina leise. „Du weißt, dass wir dir auch weiterhin helfen werden.“

“Ich weiß, Tina. Vielen Dank“, antwortete Jack niedergeschlagen. Danke auch an deine Familie, ihr wart echt

freundlich zu mir. Aber mir wird nichts anderes übrig bleiben. Er ist immerhin mein Vater.“

“Jack, aber er wird dich nicht zur Schule gehen lassen und dir all dein Geld abnehmen.

“Ich weiß, was du meinst, aber ich muss. Sonst macht er Probleme, und dann kommt die Polizei. Ich kann mich um

mich kümmern, mach dir keinen Kopf.“

 

VIER JAHRE SPÄTER

 

Es kam, wie es kommen musste: Jack´s Vater landete irgendwann im Gefängnis. Aber das interessiert Jack nicht, er wollte nur das Abitur machen. Selbst für seine geliebten chemischen Experimente hatte er keine Zeit mehr, und auch Tina hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Denn sein Leben war völlig durcheinander geraten. Und doch schwor er sich, seinen Traum zu verwirklichen und eines Tages Chemie zu studieren. Aber für all das brauchte er Geld, nur hatte er keine Zeit zu arbeiten, er muss ja den ganzen Tag lernen. Endlich kam ihm eine geniale Idee! Nachhilfe! Schließlich war er klug. Ja, er würde seinen Mitschülern aus seiner Klasse Nachhilfe geben, denn so konnte er lernen, seinen Mitschülern helfen, und dabei auch noch Geld verdienen.

Und der Plan klappte. Jack war nicht nur gut in der Schule, er gewann auch neue Freunde. Unter anderem Sam, ein netter Kerl, den er bei der Nachhilfe kennengelernt hatte. Nur verstand Sam nicht, warum er so wenig Zeit hatte.

“Jack, was machst du hier? Heute ist doch unsere Abschlussfeier, lass uns gehen. Du bist seit einer Woche zu Hause,

und sprichst mit niemandem. Und das, obwohl du das beste Abi von allen hast. Was ist los

mit dir?

“Ja, Sam, ich weiß, aber ich wünschte, dass meine Mutter heute hier wäre. Ich vermisse sie, sie hatte mich immer lieb

und wollte mich glücklich und erfolgreich sehen.

Doch jetzt, da ich alles geschafft habe, fühle ich mich elend und ausgebrannt. Dabei wäre ich jetzt wirklich gern so

glücklich wie alle anderen, wie du!“

Sam klopfte ihm auf die Schulter. “Du hast Recht, aber was geschehen ist, ist geschehen. Denk daran, wie stolz deine

Mutter heute auf dich wäre. Also los, zieh dich um. Wir gehen gleich zu Abschlussfeier.“

 

NACH DER ABSCHLUSSFEIER

 

“Mann, du hast das beste Abi gemacht!“, sprach Sam. “Gratulation! Sogar ein Stipendium hast du bekommen. Jetzt

kannst du dir die Elite-Uni auswählen. Wow. Wohin gehst du?“

“Ach, ich gehe zu einer ganz normalen Uni. Nach Boston. Da kann man auch Chemie studieren.“

“Hä, Was laberst du? Du kannst zu jeder Uni gehen. Warum dorthin?“

Jack lächelte. „Weil dort ein ganz bestimmtes Mädchen studiert.“

“Du gehst dahin wegen einem Mädchen?“

“Ja, sie heißt Tina und ist wundervoll, Ich habe viel zu lange gebraucht, um das zu begreifen …“