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Post Mortem

Von: Lando Levent

Ich guckte in den Lauf der Pistole. Was hatte ich mit meinen 17 Jahren erreicht? Nichts. Himmel oder Hölle? Himmel. Oder wahrscheinlich doch eher Hölle. Was würde ich hinterlass…

KLOPF KLOPF KLOPF!

Ich versteckte die Waffe schnell im Schuhkarton bevor meine Mutter die Tür aufriss.

„Thommy, du hast schon wieder verschlafen. Deine Freunde stehen vor der Tür und du hast noch nicht mal gefrühstückt.“

„Ja Mum, keine Sorge, ich zieh mir schnell etwas an und geh dann raus. Ich kann mir draußen etwas zu essen holen.“

„Nein Thomas, mach dir bitte ein Brot. Ich will nicht, dass du dein Geld für Essen ausgibst.“

Mich interessierte es meistens wenig, was meine Mutter mir sagte und Geldprobleme hatten ich und meine Freunde meistens auch nicht, also ging ich auf direktem Weg nach draußen zu meinen Freunden. Alle standen sie da: John, Finn, Arthur und Lewis. Wir machen eigentlich immer das gleiche, in South London gibt es wenig zu tun. Ich und meine Jungs sind die einzigen im Bezirk, die den Vorort mit Gift verunreinigen. Unsere einzigen Konkurrenten sind die King Brüder. Es sind fünf, genau wie wir. Wir zogen los und klapperten die Häuser unserer Stammkunden ab. Es war ein guter Tag, ein verdammt guter sogar, wir bekamen 150£ zusammen. Wir hatten einen schönen Abend. Obwohl wir das Gift in South London verteilten, nahmen wir es selbst nie, wir gingen lieber ins Pub und tranken und rauchten. Alfred Bucket hieß der Mann, dem es gehörte. Ihn interessierte es nicht wie alt seine Kunden waren, vielleicht konnte er uns auch nicht wirklich sehen, er war recht alt und trug eine dieser Brillen mit tiefschwarzen Gläsern. Ehe ich mich versah wurde die Nacht zum Tag und der Schultag zu einem Tag im Bett. Es war ein sehr typischer Tag in South London. Ich wachte um 2 Uhr nachmittags auf, meine Eltern waren auf der Arbeit und ich ging in die Küche, um mir ein Sandwich zu machen. Plötzlich klingelte mein Handy, es war Finn.

„Tommy komm sofort raus, die Kings machen schon wieder Stress!“

Bevor ich antworten konnte war das Telefonat beendet. Ich lief mit langen Schritten in mein Zimmer, um mich anzuziehen. Ein Blick in den Schuhkarton, in dem sich mein Geld und die Pistole befindet: nein Thommy, die brauchst du nicht. Also schnappte ich mir mein Baton und sprintete nach draußen. Von der Barrington Street bis zum Hamilton Park sah man die Staubwolke und ich konnte sie sehen, zwei Gruppen Jugendlicher voller Hass und Aggression. Sie schlugen aufeinander ein, Fäuste flogen wild umher, eine unübersichtliche Situation und trotzdem musste ich handeln. Ich fackelte nicht lange rum, streckte mein Baton aus und schlug Hieb für Hieb auf die Brüder ein, ich kam in einen regelrechten Blutrausch. Es war ein haushoher und unfairer Sieg für uns, aber was sollten wir tun, ohne unsere Waffen wären wir machtlos gegen sie. Wir rannten, wir rannten schneller als ich hierher kam. Hauptsache weg von all dem Stress. Wir gingen gemeinsam in meine Wohnung, in der noch niemand war. Der Sieg gegen die Kings schmeckte süß, aber die Rache wird bitter, so bitter, dass wir uns nicht trauten sie zu probieren. Also vernachlässigten wir das Geschäft und schlossen uns den ganzen Tag in meinem Zimmer ein. Wir wussten, dieser Schachzug würde Folgen haben. Gegen 9 Uhr abends haben sich John, Finn und Arthur auf den Weg nach Hause gemacht. Lewis blieb noch eine Zeit.

„Thommy, du weißt besser als ich, dass wir dafür bezahlen werden. Du hast es da draußen übertrieben, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie darauf reagieren.“

„Keine Sorge Lewis, ich bin im äußersten Notfall auf alles vorbereitet.“

„Thommy, das sind keine einfachen Schlägereien, wie wir sie aus der Schule kennen; das wird ein wahrhafter, hinterhältiger Bandenkrieg.“

„Ich werde schon für Ruhe sorgen, Lewis.“

Lewis machte sich auf den Nachhauseweg und ich legte mich ab. Ich war kaputt und müde, meine Rippen fingen an wehzutun, das hatte ich vor lauter Adrenalin kaum gespürt. Ich war so endfertig, dass ich nicht mehr nachdachte über das Geschehen, ich fiel einfach in einen tiefen, festen Schlaf.

Samstag Morgen, 11 Uhr. Meine verschlafenen Augen gingen langsam auf, ich guckte auf die Uhr. Vor einem halben Jahr wäre ich jetzt schon mit dem Training fertig. Ich war nämlich mal Boxer, sehr guter sogar, der beste in South-London, zumindest in meinem Alter. Allerdings sind diese Zeiten vorbei. Ich setzte mich an den bereits gedeckten Frühstückstisch. Meine Mutter vor mir.

„Wo warst du die letzten Tage? In der Schule warst du nicht, die haben angerufen.“

„Mir ging’s nicht so gut, ich wollte zuhause bleiben.“

„Thomas, du weißt, dass du so nicht weiterkommst.“

„Mum, mir ging es einfach nicht so gut, ich werde alles Versäumte nacharbeiten.“

„Ab heute kommst du nicht mehr nach 10 Uhr nach Hause. Ich kann dieses Rausgehen bis zu später Stunde nicht ertragen.“

Wieder eine dieser neuen Regeln, befolgen werd ich sie eh nie.

„Ja Mum.“

Es klopfte an der Tür, es war ein ziemlich hektisches Klopfen. Arthur bat mich hinaus.

Ich packte meinen Teller weg, gab meiner Mutter einen Kuss und verschwand dann mit Arthur. Obwohl er sich hektisch bewegte, sah er aus wie erstarrt.

„Sie haben Lewis gepackt.“

„Wer?!“

„Die K… die Kings, sie haben ihn auf dem Nachhauseweg abgefangen. Er sieht nicht gut aus.“

Ich ging sofort in Lewis Richtung.

„Thommy!“

„Ja, Arthur?!“

„Wir müssen hier lang.“

„Dort? Aber Lewis wohnt…“

Das Scheiß Krankenhaus, Lewis ist im Krankenhaus, ich konnte es nicht fassen. Die Ärzte ließen uns nicht zu ihm, wir seien keine Verwandten. Also mussten wir ihn suchen. Ich wünschte, wir hätten ihn nicht gefunden, er sah nicht gut aus. Wirklich nicht gut. Der Junge, dem ich erzählt habe, dass ich alles unter Kontrolle hätte, liegt im Koma weil ich es nicht hatte. Ich konnte mich nicht einmal entschuldigen. Ich war so geladen und voller Hass und Schuldgefühle. Kein Anzeichen eines Lächelns. Ich fing wieder an zu laufen, vom Krankenhaus bis in den Park, in dem die Drecksfamilie King ihr Unwesen trieb. Sie hatten alle ein so scheinheiliges Lächeln im Gesicht. Ich ging auf Eggsy zu, den ältesten der Brüder.

„Wir beide kämpfen, am Montag um 4 Uhr nachmittags, im alten Gym. Ein einziger Kampf, danach zeigen sich deine und meine Leute Respekt.“

Er nickte, er musste zustimmen. Er denkt nur, weil er groß ist und so ein Schönling, könnte er es mit mir aufnehmen, mit mir, Thomas Lee Reynolds!

Jetzt sitze ich hier allein in meinem Zimmer, Hochmut kommt vor dem Fall. Passt momentan. Was hab ich mir gedacht? Er ist einen Kopf größer als ich und ist gut im Training. Absagen kann und werde ich jetzt nicht mehr, ich werde auf keinen Fall einen Rückzieher machen, schon wegen Lewis nicht. Ich zog an der Kiste unter meinem Bett. Ich hab diese Kiste seit längerer Zeit nicht mehr gesehen. Der Kopfschutz, die Handschuhe, die Bandagen; sogar der Mundschutz passt immer noch. Ein bisschen Training könnte mir nicht schaden.

Ich verbrachte den ganzen Sonntag mit Trainieren. Ich kam ziemlich schnell wieder in meinen alten Boxstil. Die Jungs halfen mir dabei. Arthur organisierte den Ring in Mickys altem Gym und ich denke mal, die King Brüder haben richtig Werbung gemacht, sogar meine Mutter hat mich gefragt was da los sei. Ich bin ziemlich nervös, wenn ich daran denke, dass jeder, dem ich im Leben bewusst entgegengetreten bin, mir bei diesem Kampf zugucken wird. Ich liege die ganze Nacht wach. Ich hatte lange keinen offiziellen Kampf mehr, beziehungsweise einen Kampf ohne Waffen.

Es ist so weit. Sechs Stunden bis zum Kampf. So fit war ich lange nicht mehr. Ich wollte vorher nur noch eine Sache klären. Ich ging ins Krankenhaus, um Lewis zu besuchen. Die Ärzte sagen, sein Zustand habe sich sogar verschlechtert. Bei dem Anblick von Lewis fing das Blut in meinen Adern an zu kochen. Diese Hunde, wie konnten sie ihm das antun, es war mir egal wer es war. All die Spannung dieses Konflikts wird durch diesen Kampf entschieden.

Beim Betreten von Mickys Gym guckten mich lauter bekannte Gesichter an, doch ich konnte ihnen kein bekanntes Gesicht reflektieren, es kam kein Lächeln über meine Lippen, ich war viel zu fokussiert, den Hass in meinem Bauch nicht jetzt schon rauszulassen. Ich wartete nur auf den Gong der ersten Runde. Mir und Eggsy wurden noch einmal die Regeln erklärt, die Halle füllte sich langsam. Jeder, wirklich jeder war da und es wurde immer voller.

Um Punkt vier Uhr wurden ich und er in den Ring gebracht. Der Ref meinte „Touch gloves“, ein Zeichen von Respekt und Ehre, doch wir beide haben bis hierhin unehrenvoll gekämpft, also warum sollten wir jetzt damit anfangen? Der Raum und die Menschen um mich herum verschwanden, ich sah nur ihn vor mir. Er hatte noch einige Prägung von den Schlägen des Batons auf seiner Schulter. Ich fühlte mich animalisch. Es fühlte sich an wie in einer Zeitlupe. Eggsy schlug mir zuerst eine gerade schmerzvolle Faust ins Gesicht. Ich konterte mit einem Schlag mit der Linken, gefolgt von einem rechten Harken, mit einem Ventil für jeden Schmerz, den ich in mir hatte und jeden Schmerz, den Lewis in sich hatte. Sie trafen ihn direkt am Kiefer.

Jeder Zuschauer erwartete einen harten, erbitterten Kampf, doch dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Es war ein nahezu animalischer Treffer, der Eggsy eine Minute nach vier in einen märchenhaften Schlaf brachte.

Dort lag er nun, unter mir stehend.

Mein nächstes Ziel? Das Krankenhaus. Ich musste Lewis von dem Sieg erzählen, er wird sich freuen. Meine Mutter hielt mich auf, sie bat mich, mit nach Hause zu kommen. Sie wollte mir etwas sagen, unter vier Augen, das war ihre Bedingung. Sie fing an zu weinen. „Lewis ist tot sagte sie, er ist um Punkt vier Uhr gestorben.“

Es war eine komplette Leere. Alles was ich hatte wurde nichts was ich wollte.

Ich gucke in den Lauf der Pistole. Was habe ich mit meinen 17 Jahren erreicht? Nichts. Himmel oder Hölle? Himmel. Oder wahrscheinlich doch eher Hölle. Was würde ich hinterlass…

PENG!