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Rescue

R

von Bela Schulsinger

Rico

Rico lehnt sich in seinen Plastikstuhl auf seinem Balkon im achten Stock und blickt auf einen Park der schon lange keiner mehr ist, eher eine Anlaufstelle für Drogendealer und Hehler. Er nimmt einen großen Schluck von seinem schwarzen Kaffee und setzt den Becher auf den kleinen Klapptisch zu seiner Rechten ab, ebenfalls aus Plastik. Der kräftige Tabak seiner Selbstgedrehten zeigt seine Wirkung und ihm wird leicht schwindelig. Er nimmt noch einen Zug und drückt sie anschließend zu den anderen unzähligen Zigaretten im Aschenbecher neben ihm. Während der dünne Rauch der langsam erlöschenden Glut seinen Weg durch die Balkonpflanzen sucht, lässt Rico seine Gedanken schweifen. Bis er schließlich, wie so oft, bei der Frage hängenbleibt ob es das alles wert ist, ob er nicht glücklicher wäre wenn er mit seinem sehr guten Abitur ein Studium begonnen hätte, als Manager oder Arzt. Aber schlussendlich würde er noch den Rest seines Lebens dafür Zeit finden, sollte sein Plan in naher Zukunft aufgehen. An einem bestimmten Punkt im Leben muss sich jeder Mensch fragen, wo er oder sie im Leben einmal stehen möchte. Und für Rico heißt das, nicht gegen seinen moralischen Kompass zu handeln. Und wegzusehen, wenn Menschen einem Lebewesen etwas Unwürdiges zufügen, ist ein Handeln gegen seinen Kompass.

Mischa

Mischa ist ein breitgebauter Norweger, der so ziemlich jedem Klischee eines Vikingers entspricht. Nur sein Klamottenstil ist dem modernen Zeitalter angepasst. Mischa betrachtet sich im Spiegel. Seinen langen Bart, welcher schon über die Narbe auf seiner breiten Brust wuchs, würde er wohl kürzen müssen. „Wegen der DNA und so“, hatte Rico vergangenen Dienstag beim letzten Treffen gesagt. Und auch sein schulterlanges Haar, das er stets eng nach hinten gebunden trägt, muss ab. Mischa geht aus dem Bad, nimmt eine schwarze Trainingstasche, die im Flur neben seinen Springerstiefeln steht und verlässt voller Vorfreude seine Doppelhaushälfte. Er steigt in seinen Kleinwagen und macht sich auf in Richtung Treffpunkt. Nach etwa einer Stunde Fahrt und einem kurzen Zwischenstopp blickt Mischa auf einen Altbau, an dem die weiße Farbe schon beginnt abzublättern. Vor dem Haus wartet bereits das gesamte Team; nur einer fehlt. Ranjid ist ein kleiner Inder, dessen Lebensinhalt darin besteht, sich mit allem rund um Computer zu beschäftigen; er ist der Mann für´s Hacking. Clara steht neben ihm und redet auf ihn ein, um ihn wie immer von irgendeiner Demonstration zu überzeugen. Wahrscheinlich gegen Fleischkonsum. Mischa kurbelt das Autofenster hoch und nimmt noch einen großen Bissen von seinem Fast Food Burger, natürlich ohne dass Clara ihn sieht. Wahrscheinlich kompensiert er mit der geplanten Aktion sein schlechtes Karma. Mischa zieht den Schlüssel aus der Zündung und hievt seinen massigen aber dennoch muskulösen Körper aus seinem Kleinwagen. In diesem Moment kommt der Mann der Stunde um die Ecke, nun waren sie vollständig.

„Guten Morgen“, begrüßt Rico die Truppe, nimmt einen kräftigen letzten Zug von seiner Zigarette und schnippst sie anschließend gekonnt in den Gully. Rico betrachtet sich selbst kurz in der verglasten Tür. Seine schwarzen Haare trägt er heute streng zur Seite gegelt und sein gleichfarbiges Polohemd betont das Ergebnis seiner stundenlangen Arbeit im Fitnesstudio. Er räuspert sich kurz und schließt dann die Altbauwohnung auf. Wortlos gehen die Vier die Treppen hoch und betreten die Wohnung. Die Wohnung selbst besteht nur aus einem großen Raum, welcher an jeder der vier Wandseiten volltapeziert ist mit allen möglichen verschiedenfarbigen Post-it´s, einem riesigen White Board, ausgedruckten Bilder und Plänen. Vor dem White Board stehen drei Stühle, auf die sich jeweils Clara, Mischa und Ranjid setzen. „Also“, beginnt Rico und stellt sich neben das White Board. „Dies ist das Ergebnis unserer monatelangen Arbeit. Ich werde ein letztes Mal vor der Befreiung der Affen aus dem Versuchslabor…“ „Auch genannt Tötungsstation!“, wirft Clara ein. Unbeirrt spricht Rico weiter. „…eure Aufgaben und den Ablauf erläutern.“ Rico blickt in nickende Gesichter. „Also gut, übermorgen um 21:45 Uhr werden wir am Südeingang parken. Der LKW ist, wie ihr alle wisst, umgebaut und dient erst dafür uns reinzubringen, dann als Ranjid´s Arbeitsplatz und schließlich als Aufenthaltsraum für die Affen. Um 22 Uhr wird, wenn alles gut geht, ein Stromausfall von Ranjid erzeugt werden. Wir haben nur ein Zeitfenster von 30 Sekunden, um die vor dem Südeingang postierten Sicherheitsleute zu betäuben und ins Gebäude zu gelangen. Von dort aus geht es weiter zur Sicherheitsschleuse. Da kommt Ranjid wieder ins Spiel: Er sorgt dafür, dass beide Stahltüren rechtzeitig aufgehen.“ Während Rico den Ablauf erläutert, veranschaulicht er alles, indem er mit dem Finger den Grundriss des Gebäudes abläuft. Rico erzählt den Rest des Planes von der Befreiung der Affen bis zum letztendlichen Abtransport per Schiff nach Südamerika. Dieser Teil war für das gesamte Team der kostspieligste, da dafür viele Hafenarbeiter geschmiert werden mussten. Claras Hauptaufgabe besteht darin, die katastrophalen Lebensumstände der Affen zu dokumentieren und anschließend zu publizieren. „Ich möchte noch einmal anmerken, dass wir kein leichtes Spiel haben werden, dieses Labor wird von der Regierung geheim gehalten und hat hohe Sicherheitsvorkehrungen.“ „Es wäre naiv zu glauben, all das würde reibungslos ablaufen“, meldet sich nun auch Ranjid zu Wort. „Du sitzt ja auch nur im LKW und musst am Computer ein paar Zahlen eingeben“, erwidert Mischa grummelnd. „Hey ich…“, setzt Ranjid an, doch Rico unterbricht sie. „Wir alle machen das nur aus einem Grund: weil 2.807.297 Tiere zu Unrecht allein in Deutschland für Tierversuche verwendet werden und größtenteils sterben. Wir alle haben unterschiedliche Qualitäten, die wir übermorgen brauchen werden. Schlaft euch also gut aus, damit ihr konzentriert bei der Sache bleibt, uns geht es nicht nur darum, die neun Affen vor ihrem sicheren Tod zu bewahren, sondern auch darum den Menschen die Augen zu öffnen, damit so etwas in Zukunft nicht mehr geschieht.“ Alle im Raum nicken anerkennend.

Rescue

Es war so weit. Die Sonne war schon seit geraumer Zeit untergegangen und der Mond spendet das einzige Licht. Eine gespenstische Atmosphäre entstand. Rico schießt das Adrenalin ins Blut, als er das groß angelegte Gelände erblickt. Es liegt außerhalb der Stadt. Es existieren nur zwei Zufahrtsstraßen, die nach etwa zehnminütiger Anfahrt in ein kleines Dorf, unweit des Hafens, münden. Rico sitzt am Lenkrad, zu seiner Rechten Ranjid, der Inder. Er spürt, wie seine Hände feucht werden vor lauter Aufregung. Rico zündet sich eine Zigarette an und inhaliert gierig den Rauch. Als er das Wachhaus erreicht, holt er mit zittrigen Händen die Papiere aus dem Handschuhfach. Ranjid, welcher auf dem Beifahrersitz sitzt, wirkt erstaunlich ruhig, doch auch ihm ist die Anspannung anzusehen. „N´abend“, brummt der dicke Wachmann und nimmt die Papiere entgegen. Er würdigt Rico keines Blickes, warum auch? Täglich passieren LKW aller Art diesen Wachposten. Rico legt den ersten Gang ein und rollt auf das weitläufige Gelände. Um diese Zeit arbeiten nur noch für Sicherheitsleute hier. Selbst die Beschäftigten der letzten Schicht haben ihre Feierabendzigarette schon vor über einer Stunde geraucht. Jetzt geht es los; Ranjid sorgt dafür, dass der Strom ausfällt, per Klopfsignal gegen die Rückwand der Fahrerkabine gibt Rico das Startsignal. Augenblicklich springen Clara und Mischa aus dem LKW und laufen geduckt auf die Sicherheitsleute zu. Und noch während Rico aus der Fahrertür steigt, winken sie ihn zu sich rüber. Die Sicherheitsleute sind für eine Stunde in den vorläufigen Feierabend geschickt worden. „Nun bloß keine Zeit verlieren“ drängt Clara und nimmt die Zugangskarte vom Schlüsselbund des Sicherheitsmannes. Kaum zieht sie die Karte durch den Schlitz, seitlich der Tür, ertönt auch schon ein Piepen und sie passierten den Eingang. Rico ist per Head-Set mit Ranjid verbunden, er gibt ihm zu verstehen, dass sie drin sind. Clara, Rico und Mischa laufen über einen Flur nach dem anderen, als hätten sie schon immer hier gearbeitet. Dies war das Ergebnis monatelanger Recherchearbeit. Als sie vor dem letzten Sicherheitstor stehen, kommt es ihnen vor, als wären sie schon Stunden in diesem Gebäude. Ein Blick auf die Uhr verrät Clara allerdings, dass erst zehn Minuten vergangen sind. Sie musste sich an die Worte des Inders erinnern als er sagte, dass es naiv sei zu glauben, dass alles reibungslos funktionieren würde. Sie muss grinsen. „Wir sind vor dem letzten Tor“, flüstert Rico. ‚Fast geschafft’, denkt er. Die Euphorie liegt in der Luft. „Verstanden“, kommt es zurück. Und dann ein Satz der ihn zusammenzucken lässt. „Es tut mir leid.“ Noch ehe er den anderen davon erzählen kann, öffnet sich die letzte Sicherheitstür und gibt die Sicht frei auf ein tristes Bild. Überall stehen Käfige mit Tieren aller Art, die sichtlich traumatisiert sind. Manche Hunde hecheln nach Luft, Affen liegen regungslos mit glasigen Augen in der Ecke. Es verschlägt allen Anwesenden den Atem. Doch dann fällt wie aus dem Nichts grelles Scheinwerferlicht auf das Trio und hinter nahezu jedem Käfig kommt ein Polizeibeamter mit gezückter Waffe hervor. Durch die Schreie der Beamten werden die Tiere extrem unruhig und fingen an zu jaulen, zu bellen und zu fiepen. Ehe sie sich versehen, finden sich alle drei in Handschellen und auf dem Boden wieder. Rico wird nun alles bewusst: das angespannte Verhalten von Ranjid und seine Entschuldigung per Head-Set. Das Blut schießt ihm in den Kopf und lässt die Ader über seiner Schläfe anschwellen. Er verflucht diesen kleinen besserwisserischen Inder und wünscht ihm nichts weniger als den Tod. Wie lange hat er schon für die Polizei gearbeitet? Etwa schon von Anfang an? ‚Unmöglich’, denkt Rico. Die Wahrheit werden sie wohl nie erfahren. All die Träume und Erwartungen ans Leben, die für jeden im Team anders definiert waren, lösen sich schlagartig in Luft auf. Der Mut des Trios wird in dieser Nacht gebrochen.