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Sandra G.: „In dem Moment hatte ich keine Angst, doch dann …“

Begegnet man Sandra G., sieht man eine gepflegt und elegant gekleidete Frau. Sie trägt einen auffälligen bunten Mantel, darunter einen violetten Strickpullover und einen Schal im exakt gleichen Farbton. Schwarze Stiefeletten und eine schwarze Hose ergänzen das Outfit. An den Handgelenken und Ohren ist Schmuck sichtbar. Sandra G. hat schwarz-braunes, mittellanges, offenes Haar. Sie ist 59 Jahre alt, wurde in Marokko geboren, ist in Kanada aufgewachsen und studierte dort Jura. Seit 20 Jahren ist sie in Deutschland und hat hier einen Mann und zwei Kinder. Aufgrund ihrer französischen Muttersprache hat ihr Deutsch einen leicht französisch-englischen Akzent. Die gebürtige Marokkanerin beantwortet die Fragen sehr ruhig und aufgeklärt, gestikuliert jedoch viel mit ihren Händen. Alles in allem kann man sagen, dass sie ein sehr aufgeweckter Mensch ist, der allerdings nicht viele Emotionen zeigt. Des Weiteren hat die Person ein selbstbewusstes Auftreten, auch wenn sie anfangs etwas aufgeregt ist.

Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sind für die Juristin gleichbedeutend mit Mut. Ein mutiger Mensch ist nach ihrer Definition derjenige, der trotzdem es ihm gefährlich erscheint, etwas tut. Allerdings sagt sie, dass Mut nicht immer etwas mit Gefahr zu tun hat. Sandra G. würde sich selber zu den mutigen Menschen zählen, da sie schon viel gereist ist und schon oft Dinge tun musste, die getan werden mussten. Mut, berichtet sie, könnte man durch das Elternhaus, Freunde, die richtige Bildung und später auch durch eigene Kinder erlangen. Allerdings gibt die Mutter zweier Kinder auch zu bedenken, dass man durch eigene Kinder auch ängstlicher werden kann, da durch die Rolle als Elternteil viel Verantwortung auf einem lastet. Auf die Frage, wer die mutigste Person ist, die die Juristin kennt, berichtet sie bewundernd von ihrem alten Jura Professor, der sich in einer Menschenrechtsorganisation engagiert und Personen in Ländern wie Russland und Saudi-Arabien verteidigt. Allerdings könne aus zu viel Mut auch schnell Leichtsinn werden, warnt sie: „Angst ist etwas Gutes.“

Ein prägendes Erlebnis der Mutter war ein Vorfall, der sich im jüdischen Kindergarten ihrer Kinder abspielte. „Draußen vor dem Gebäude steht eine kleine Kabine, die von der Polizei besetzt ist, zusätzlich gibt es im Inneren des Gebäudes einen zweiten Wachmann, der ein Intercom bedient.“ Einmal beobachtete sie, dass ein sehr aggressiver Mann vor dem Kindergarten stand, wild gestikulierend und mit lauter Stimme auf einen Polizisten einredete und dabei immer wieder auf den Kindergarten zeigte. Schließlich ging die aufgebrachte Person zu dem Gebäude und versuchte durch die Tür zukommen. „Der Mann schrie, dass er in den Kindergarten müsse und, dass er jemanden sprechen wollte. Die Sicherheitsfrau im inneren des Kindergartens lies den Mann schließlich herein. Die Kinder waren überwiegen in einem einzelnen Zimmer, wie ein Klassenraum.“ Als der Mann im Eingang war, bekamen die anwesenden Erwachsenen Angst und flohen. Durch Zufall stand Frau G. im Eingang zu dem Zimmer, in dem sich die Kinder aufhielten. Der sichtlich aggressive Mann kam zu ihr. Mit einer Handbewegung hielt sie den Mann auf Abstand und sagte zu ihm: „Was suchst du hier?“ „Der Mann war verrückt. Er erzählte mir, dass er von der Mossad sei und dass ihn die CIA verfolgen würde. Ich sagte zu dem Mann, dass er hier falsch wäre und dass er zur Polizei gehen sollte.“ „Ob und warum er das tun müsste?“, fragte er“. Auf ihre Antwort: „Ja, weil ich das sage“ verließ der Verrückte das Gebäude. Sie berichtete: „In dem Moment hatte ich keine Angst, doch dann hat mein Körper gezittert und ich hatte sogar große Angst.“

Generell kann man sagen, dass es sich bei Sandra G. um eine sehr offene und neugierige, vor allem aber um eine sehr mutige Person handelt. Zu Beginn der Unterhaltung war sie etwas nervös, dies änderte sich aber im Laufe des Interviews. Sie war sehr aufgeschlossen und hat sich offen mit uns unterhalten. Die Fragen wurden ausführlich und ehrlich beantwortet. So war das Gespräch eine angenehme und inspirierende Erfahrung.