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Stille

Stille – Sarah Mann

 

„Heute traue ich mich. Jetzt nimm doch deinen Mut zusammen und sprich sie an“, flüsterte ich mir selber zu als ich Richtung Bahn ging.

Ich hoffte aus tiefsten Herzen, dass sie auch da ist.
Es war ein kalter Herbstabend. Die gelb-braunen Blätter, die den harten Asphalt zierten, ebneten meinen Weg. Ich betrat den halbleeren Bahnhof.

Ein älterer Mann mit Gehstock durchquerte den offenen Raum. Ich schaute mich um. Ich konnte sie nicht erblicken. Die Erkenntnis, dass ich sie heute nicht sehen kann, machte mich wütend. Ich setzte mich auf die Bank und wartete auf die nächste Bahn. Aus meinen Kopfhörern schallte eine lieblich klingende Melodie. Ich summte vor mich hin, mein Blick starrte auf die Uhr. Die Bahn sollte in wenigen Minuten einfahren. Jemand bat mich um Platz, da ich meine Sporttasche auf die Sitzbank gepackt hatte. Ich nahm sie weg und ließ die Person neben mir sitzen.

Die angegebene Zeit verging, doch die Bahn war immer noch nicht da. Ich schaute auf die Anzeige, welche angab, dass die Bahn verspätet eintreffen sollte.
Zum zweiten Mal hat mich das Leben hart getroffen und das am selben Tag. Die Wut stieg in mir auf. Eine halbe Stunde verging, doch weiterhin stand auf der Anzeigetafel, dass es sich nur um eine paarminütige Verspätung handelte.
Mir wurde es zu viel und ich packte wutentbrannt meine Sporttasche.

„Also warte ich heute doch alleine auf die Bahn“ erklang es meinen Ohren. Mein Herz pochte. Diese Stimme, lieblicher als die Melodie, welche ich Minuten vorher aus meinem Kopfhörern vernommen hatte.
Sie blickte mich an aus großen dunklen Augen, welche mich direkt fesselten. Ihre langen braunen Haare versteckte sie unter einer gräulichen Wollmütze. Ich verneinte ihre Frage, gleichzeitig behauptete ich, dass ich nur kurz hoch gehen wollte um mir was vom Bäcker zu holen. Sie bat mich, schnell wieder zu kommen.

„Ich warte ja schon seit fast einer viertel Stunde alleine hier“ kicherte sie mit einem Lächeln auf ihren blutroten Lippen.

Als ich zurückkam, wartete sie schon gespannt auf mich. Ich kaufte uns beiden etwas Warmes zu trinken und etwas zum Essen. Ich schämte mich neben ihr zu essen. Ich wollte sowenig Fehler wie möglich machen. Ich aß langsam den Berliner vor mich hin. Mir war alles so peinlich.
Einige Zeit verging, was für mich kein Problem war, da ich jede Sekunde mit ihr genoss.

Es machte ‚klick’ bei mir; ich dachte an den heutigen Tag. Mit welcher Intention bin ich zum Bahnhof gegangen? Rüttel’ dich, und sag es ihr!

„Ich wollte dir was…“ stotterte ich, als mich der einfahrende Zug unterbrach. Sie packte mich und zog mich Richtung Bahngleise. Man hörte, dass die Bahn kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof war.
„Ich wollte dir was…“ kam dieses Mal mit etwas mehr Kraft aus meinem Mund. Dieses Mal unterbrach ihr klingendes Handy mich.
„Warte bitte. Mein Freund schreibt mir; der hat sich Sorgen gemacht wieso ich noch nicht angekommen bin.“

Alles war eine große Lüge. Der ganze Tag, war nur da, um mich psychisch kaputt zu machen.
Erst kam die Hoffnung, dann die Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht. Spielte sie mit mir, oder war sie einfach höflich? Höflich? Niemand mit einem guten Herzen würde so mit mir spielen. Es reicht mir, viel zu lange habe ich mich verarschen lassen. Dieser Ballast, ich will ihn weg von mir. Er soll endlich raus. Aus den Augen aus dem Sinn. Die Wut packt mich zum dritten Mal. Ich bin Trance, mein Blick ist verschwommen. Ich bin am Ende. Kurz bevor die Bahn einfährt, weiß ich was zu tun ist.

„Dieses unfaire Leben“ schreie ich, und gehe mit gezieltem Blick Richtung Bahnsteigkante.

Sollte es so enden? War mein Schicksal schon vom Anfang an bestimmt? Oder war ich einfach am falschen Tag am falschen Ort.

Stille.
Eine solche Stille habe ich noch nie verspürt. Dieser Moment gehört nur mir. Ich fühle mich wie der Star dieser Show. Ich stehe alleine vor allen. Die Blicke auf mich gerichtet. Das Publikum starrt mich schockiert an. Ich bin wie in Trance. Doch irgendetwas ist verkehrt.
Wie komme ich dazu? Einige aus der Menschenmasse fangen zu weinen. Rechts und links stehen sie neben mir und ich verbeuge mich nach vorne.

Als dann der Richter das Urteil verkündet und mir die Schuld am Totschlag zuspricht, verstehe ich immer noch nicht, was ich falsch gemacht habe. War ich schuldig weil ich sie liebte?