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Vier Monate die mich veränderten

von Qendresa Berisha 

„Sie haben Lungenkrebs“.

Das bekam Tina zu hören, als sie mit ihrer Mutter zu einem Arztbesuch ging. Gefühlslos und schockiert verließ sie den Raum in der Hoffnung, das sei ein Traum gewesen. Vor der Arztpraxis wartete ich auf sie. Sie sah aus als hätte man ihr den Boden unter den Füßen gerissen. Ich hörte sie nur sagen „Ich habe Krebs … Ich bin krank … Ich werde sterben!“

Diese Worte, habe ich noch heute im Ohr. Es gibt nichts, was mich in meinem bisherigen Leben mehr geprägt hat, als das.

Ich war 14 Jahre alt und mein Leben verlief, wie es sein sollte. Mein Traum war es Menschen auf YouTube mit Schmink Videos zu erreichen und damit berühmt zu werden wie Bibis Beauty Palace. Tina und ich waren seit unserer Kindheit befreundet und unzertrennlich. Doch manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie nur Aufmerksamkeit brauchte und nahm ihre ersten Warnsignale nicht ernst. Erst als sie nicht mehr zur Schule kam, fing ich an mir Sorgen zu machen und rief sie an. Sie ging auch zwei Tage danach nicht ans Handy, also besuchte ich sie zu Hause. Ich klopfte an und da stand sie, mit roten und angeschwollenen Augen.  „Ich brauche dich“, sagte sie zu mir. Ich nahm sie in den Arm und sie erzählte mir, dass sie seit vier Tagen Blut spuckt. Ihre Eltern wussten davon nichts, wie denn auch, wenn es nur Streit und Diskussionen zuhause gab.

Die meiste Zeit schlief sie daher immer bei mir. Für eine Blutabnahme brauchte sie einen Erziehungsberechtigten. Aber wen?

Ihr Vater, der Alkoholiker war und nichts mehr von der Welt mitbekam oder ihre Mutter, die den ganzen Tag arbeiten musste, da ihr Mann ausfiel. Wir machten einen Termin um 8 Uhr morgens, an dem ihre Mutter mitkommen konnte. Tina kam danach nach Hause, erzählte ihren Eltern, dass sie Blut gespuckt habe und schrie ihre Eltern an: „Mann, ich bin euer Kind. Bin ich euch nicht wichtig? Habt ihr keine Zeit für mich?“.                                                                                                        Am nächsten Tag gingen Tina und ihre Mutter gemeinsam mit mir wieder zum Arzt. Ich war ja für sie wie eine Schwester, die sie nie hatte, um ihr etwas anzuvertrauen. Die Ärztin wirkte spannend und sagte, dass es ihr sehr leidtue, was sie jetzt sagen müsse.

„Liebe Tina, ich muss dich auf Lungenkrebs untersuchen, wir röntgen deine Lungen und dann sehen weiter“. Nach den gesamten Untersuchungen war die Diagnose Gewissheit: sie hatte Lungenkrebs.

 Tina umarmte mich und weinte. Wie konnte ich meiner besten Freundin diesen Schmerz, den sie fühlte, nehmen?                                                     „Es wird alles gut Süße, es gibt moderne Therapien, hallo, Krebs kann man besiegen, das haben so viele Menschen schon geschafft“, sagte ich, um sie zu trösten. Wir gingen mit ihrer Mutter nach Hause. Ihr Vater verschwand, nachdem sie es ihm erzählt hatte, er wollte bestimmt nichts mit den beiden zutuen haben.

 Die Schule brach sie ab. Ihre Chemotherapie begann und es führte dazu, dass Tina ihre Haare, Wimpern und Augenbrauen verlor.

Meine Eltern kümmerten sich um sie und übernahmen all die Kosten, die ihre Familie nicht bezahlen konnte. Tina mangelte es an nichts, sie bekam alles.

Meinen Geburtstag hingegen sollte ich nicht feiern, da das unfair Tina gegenüber wäre, meinten meine Eltern. Mein Leben rückte immer mehr in den Hintergrund, aber das fand ich überhaupt nicht schlimm.    

Als ich Tina fragte, ob dies für sie okay sei, dass sie ihren Geburtstag feiert, sagte sie: „Ist das dein Ernst?

Wie kannst du an sowas denken, vor allem jetzt! Ich habe mehr von dir erwartet, sei für mich da, ich brauche meine beste Freundin!“                                                                                  Als sie dies sagte, brach sie mir das Herz. Ich versuchte ihr in dieser schwierigen Zeit alles zu erleichtern. Ich war erst 14 und wusste nicht, was es heißt eine Todesdiagnose zu bekommen. Ich konnte ihren Schmerz nicht fühlen und ja vielleicht war es leichtsinnig, meinen Geburtstag zu feiern. Aber was bleib mir dann vom eigenen Leben übrig. Hatte ich mein eigenes Leben noch im Griff? Ich hatte schon sehr viel für sie getan aber warum sah sie das nicht? Vielleicht bemerkte ich nicht, dass ich bei meiner Hilfe, nur an mich gedacht habe, um mich selbst gut zu fühlen. Ich sagte zu ihr „Tina es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verletzen wirklich, wir stehen das gemeinsam durch „.

Ich wollte mehr für sie da sein, also ging ich unregelmäßig zur Schule, blieb mit ihr zu Hause und wir schauten uns Serien an.                                        Ihre Therapie war sehr schmerzhaft, es riss sie in den Abgrund. Sie hatte die Möglichkeit eine Operation zu machen, doch dies wollte sie nicht.

 Das Risiko bestand darin, dass sie währenddessen sterben könnte. Ihre Mutter bestand drauf, sie sagte „Tina, denk bitte positiv, stell dir vor du wirst geheilt, wäre das nicht großartig? „Tina sagte „Mama du hast keine Ahnung, keine Ahnung was ich durchmache!“. Ich fand Tina manchmal respektlos, wie sie mit ihrer Mutter redete. Doch wenn ich ihr dies sagte, antwortete sie: „Du weißt nicht, wie es sich anfühlt, wenn deine Eltern sich nie Zeit für dich nehmen. Außerdem ist sie schuld daran, dass mein Vater verschwand, sie hätte ihn aufhalten können“. Tina irrte sich, alles was ihre Mutter tat, war für Tina. Sie arbeitete den ganzen Tag, um die Familie am Leben zu halten. Ihre Mutter hatte sich von ihrem Vater anschreien lassen aber hat sich nie von ihm getrennt, auch wegen Tina. Tina hatte es nur nie aus der Perspektive ihrer Mutter gesehen.

Wir machten eine Liste mit Aktivitäten, die wir zusammen machen wollten. Ich werde nie vergessen, als sie „Danke für alles, du machst mich so glücklich“ sagte. Ich habe sie geliebt. Ich hasste sie aber auch dafür, dass sie nicht den Mut hatte, diese Operation anzutreten.                                                                     

Nach einem Monat ging es zu Ende. Als ich zu ihr wollte, sah ich den Leichenwagen vor der Haustür. Ich rannte rein und konnte Tina gerade noch sehen, bevor der Sarg geschlossen wurde. Ich schrie und weinte. Sie ist tot …sie ist weg … ich werde sie nie wiedersehen. An diesem Tag starben zwei Personen. Tina und mein frühes Ich. Sie ging von uns und zurück blieben wir. Voller Schmerz, Leid und Kummer lebten wir weiter. Ihre Trauerfeier fand 4 Tage danach statt. Ihre Mutter bekam einen Anfall und wurde seitdem ärztlich betreut. Sie kam zwar zur Trauerfeier, aber sie konnte weder sprechen noch sich von ihrer Tochter verabschieden. Die Trauer hatte sie regelrecht gelähmt.

Ich konnte in meiner Trauerrede nichts anderes sagen als:

„Liebe Tina, wir kannten uns schon seit wir Kinder waren…nun bist du fortgegangen…“weiter kam ich nicht. Meine Mutter umarmte mich und sie übernahm für mich die Rede. Die Zeit danach war für mich sehr schwer. Ich warf mir die ganze Zeit vor, dass ich mich nicht richtig von ihr verabschiedet und nicht einmal für sie eine Rede halten konnte.                                                                                                           

Ich saß an meinem Bett. Sah mir die Bilder, die wir am vorherigen Tag gemacht hatten an. Ich spürte nur Leere und Schmerz. Mit der Zeit konnte ich einschlafen. In einem Traum besuchte mich Tina und sagte „Komm schon, als ob du mich so sehr vermisst“. Ich sagte „Tina bist du das …? Bist du das wirklich …? Warum hast du mich verlassen? Warum hast du diese Operation nicht gemacht? Es wäre gut ausgegangen, ich weiß das!“                                                                                                       „Du hattest schon immer eine positive Einstellung, aber ich habe Ruhe und Frieden gefunden, es geht mir sehr gut wirklich. „Und ich sagte ihr die Worte, die ich auf ihre Trauerfeier sagen wollte: „Tina, wir kannten uns schon seit wir klein waren. Ich weiß, habe die Standhaftigkeit verloren und ich weiß, du hättest es anders gewollt. Aber ich spüre nur Kälte seit du weg bist.

Ich denke manchmal, es sei ein schlimmer Traum, dass du nicht mehr da bist. Ich vermisse dein Lachen, deine Stimme und deine Art. Und es tut mir leid, dass ich bei deinem letzten Atemzug nicht da war. Dass ich deine Hand nicht halten konnte. Es tut mir so schrecklich leid, dass ich keine Rede halten konnte.

Am meisten tut mir es leid, dass ich dir deine Schmerzen nicht nehmen konnte. Ich weiß, du hast hart gekämpft. Ich warte auf den Tag, bis ich dich wiedersehe, mein Engel. Ich werde alles was wir erlebt haben, niemals vergessen. Ich werde dich nie vergessen.“

Sie sagte nur „Kopf hoch, du schaffst es. Bitte kriege dein Leben auf die Reihe. Tue es für mich“ – und dann klingelte mein Wecker und sie war weg.       

Es ist jetzt viele Jahre her, dass Tina uns verließ. Ich war und bin immer noch der Meinung, dass, wenn sie mehr Mut gehabt hätte, die Operation zu machen, wäre sie heute noch am Leben.

 Alles hat sich seitdem geändert, auch ich habe mich geändert. Das Mädchen, das mal eine YouTube Karriere starten wollte, war ein Mädchen, das nachts wach im Bett lag und sich die Augen ausheulte.

Meine damalige Oberflächlichkeit ist mit Tina gestorben. Ich musste diese Wunde, die ihr Tod hinterließ, heilen. Mein Leben auf die Reihe kriegen Von Tinas Mutter habe ich bis heute nichts gehört.                                                                               Es ist das erste Mal, dass ich diese Geschichte aufgeschrieben habe, um dieses Kapitel meines Lebens zu erzählen.

Und auch das hat Mut gekostet.                                                                                 Aus mir ist eine erwachsene Frau geworden. Ich schätze die Menschen mehr in meinem Leben. Ich habe vieles erreicht und vieles vergessen. Tina wird mir aber, immer im Gedächtnis bleiben.  Und so veränderte Tinas Tod mich vollkommen. Es waren vier Monate, die sich im Nachhinein wie vier Tagen anfühlten. Ich zog mit meiner Familie um und wechselte die Schule. Mein Leben begann neu