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Wenn ich du wäre, wäre ich dann noch ich?

Wenn ich du wäre, wäre ich dann noch ich? – Leonie Rösler

 

Als mich mein Wecker aus wilden Träumen riss, stöhnte ich entnervt auf.

Ich tastete nach ihm und stellte ihn auf Schlummermodus. Langsam kam ich zu mir. Mit geschlossenen Augen fiel mir wieder ein, dass es Sonntagmorgen war.

Warte… warum klingelte mein Wecker dann? Seit wann stellte ich mir an Wochenenden einen Wecker? Ist heute irgendein besonderer Tag? Und ja, es war ein besonderer Tag – und was für einer. Das stellte ich einige Minuten später mit Entsetzen fest. Ich schlug die Augen auf und sah auf die rot leuchtende Anzeige des Weckers; 7 Uhr.

„7 Uhr?!“, entfuhr es mir. Verdammt. Warte, dieser Wecker, ich kannte ihn nicht. Es war nicht meiner. Ich richtete mich im Bett auf und sah mich um. Ich stutzte, noch nie in meinem Leben hatte ich dieses Zimmer, indem ich lag, gesehen. Wo zum Teufel war ich? Was war gestern passiert? Wieso war ich hier? Und verdammt nochmal, was hatte ich hier zu suchen? Ich schlug die seidene Decke beiseite, stieg aus dem unbekannten Bett in das unbekannte Zimmer. Mein Körper fühlte sich anders an, irgendwie ungewohnt. Meine Arme und Beine sahen so…fremd aus; lang, knöchern und sonnengebräunt. Außerdem hatte ich ein komisches Muttermal am Arm. Und was für Klamotten hatte ich da an? Eine vor kurzem noch frisch gebügelte weiße Bluse mit Rüschen. Ich war komplett verwirrt, träumte ich noch? So viele Fragen.

Aber eins stand fest. Ich musste sofort hier weg, bloß raus hier. Ich schlich leise über den kalten Fußboden zur Zimmertür, öffnete sie und ging durch den fremden Flur zur Haustür. Gerade wollte ich sie öffnen, als mich eine quietschige Stimme hinter mir erschreckte.

„Guten Morgen Schätzchen, gut geschlafen?“

„Schätzchen, was?“

„Frühstück ist fertig. Ich habe dir dein Lieblingsmüsli gemacht.“

Die etwas ältere Frau mit faltigem Dekolleté, als hätte sie zu viel Zeit im Sonnenstudio verbracht, drehte sich um und schlurfte in ihren viel zu großen Hausschuhen durch den viel zu großen Flur in Richtung Küche, aus der ein Duft von frisch gemahlenem Kaffee kam. Aus Höflichkeit folgte ich ihr und setzte mich an den Tisch. Durch die fein säuberlich geputzten Scheiben der Terrassentür, sah ich nach draußen auf einen riesigen Pool, dessen Wasseroberfläche vom Wind gekräuselt wurde. Die ganze Wohnung sah irgendwie so nackt aus. Kalter Marmorboden, weiße Wände, teure Designer Möbel vom Feinsten, aber nichts Persönliches. Komplett das Gegenteil von meinem Leben. Unsere Zweizimmerwohnung mit dem abgeranzten Sofa und dem Kram, der überall herumlag und vor allem die sonnigen gelbgetönten

Wände.

„Lisa?“

Die Frau riss mich aus den Gedanken

„Ich habe dich was gefragt!“

„Ehm…ja?“ Ich hieß nicht Lisa. Und ich kannte auch keine Lisa!

„Hast du keine Hunger, oder wieso isst du dein Müsli nicht?“

„Ehm, ich mag gar kein Müsli.“

„Was, seit wann das denn nicht? Gestern wolltest du doch noch, dass ich dir dein Müsli besorge, und heute erzählst du mir, du magst gar keins? Was ist denn mit dir passiert?“

Ja, was war mit mir passiert, dass fragte ich mich auch.

Ich sprang vom Stuhl auf, sodass dieser laut zu Boden fiel.

„Lisa!“ rief die Frau empört.

Ich rannte in den Flur, wo ich mich vor einen riesigen Spiegel stellte.

Oh, mein Gott! Ich riss die Augen. Im Spiegel gegenüber sah ich nicht mich, sondern irgendein anderes Mädchen. Sie hatte gepflegte, blonde lange Haare, fein säuberlich gezupfte Augenbrauen und keine Anzeichen von irgendwelchen Lachfältchen oder Grübchen, als ob sie selten irgendwelche Emotionen zeigen würde. Es war unbeschreiblich merkwürdig, plötzlich nicht mich, sondern jemand anderes im Spiegel zu sehen, wo man doch jeden Tag immer nur das eigene Gesicht im Spiegel sieht. Was zum Kuckuck geschah hier gerade? Entweder war alles ein mieser Traum oder … nein das ging gar nicht.

Ich war nicht mehr ich, sondern steckte im Körper eines mir völlig fremden Mädchens. Ein Mädchen namens … Lisa? Das bedeutete, dass die Frau, die noch am Tisch saß, meine Mutter war? Hinter mir knallte die Haustür zu, als ich das Haus verließ. Ich irrte ziellos durch von Villen gesäumte Straßen. Alles war so vornehm. Sauber. Bonzig. Die Stadt kannte ich ebenfalls nicht. Nach langem Herumirren und dem Durchstreifen einer niedlichen kleinen Gasse mit einem Bach samt ohrenbetäubendem Rauschen eines Mühlrades, kam ich an einem großen Marktplatz wieder heraus. Hier tummelten sich viele Menschen. Gerade wollte ich mich erschöpft auf eine Bank nahe einem kleinen Brunnen niederlassen, als ich sah, wie ein Mädchen mit einem Grinsen direkt auf mich zugesteuert kam.

„Lisa, da bist du ja endlich, ich hab schon gedacht du kommst gar nicht mehr.“

„Da bin ich“, presste ich mühsam heraus.

Mist, wer war das denn jetzt? Vielleicht eine Klassenkameradin oder gar eine Freundin? Wie mochte sie wohl heißen?

Ich könnte mich ihr anvertrauen und ihr sagen, was mir bzw. ihrer Freundin passiert war. Gerade überlegte ich, wie und wo ich anfangen könnte, als sie die unangenehme Gesprächspause unterbrach:

„Wegen unserem, ja ehm…Streit der letzten Tage, ich wollte gern nochmal darüber mit dir sprechen.“

„Welcher Streit, verdammt nochmal?“ fragte ich sie.

„Wie, welcher Streit? Und was ist das für eine Ausdrucksweise, die kenne ich gar nicht von dir.“

Ich merkte langsam, dass ich mitspielen musste, aber dabei war ich doch so eine grottenschlechte Schauspielerin. Wie würde sich wohl die Person benehmen, in deren Körper ich steckte?

„Ach der … Ja, ist vergessen!“ Ich zwang mir ein Lächeln ab.

„Ist vergessen?“ stutzte sie, „du bist gestern einfach weggelaufen, ich hab mir den ganzen Tag Sorgen gemacht.“

Jetzt würde ich auch gerne weglaufen, dachte ich mir, weit weg, bis nach Hause.

„Ich habe einfach mal wieder überreagiert, sorry“, antwortete ich.

„Das sieht dir aber mal gar nicht ähnlich.“

„Tja, was sich alles ändern kann am nächsten Tag“

Sie sah mich misstrauisch an, entschied sich dann aber dagegen noch weiter nachzufragen. „So jetzt gehen wir in das edelste Restaurant der Stadt und trinken ein Kaffee auf unsere Versöhnung“

„Aber ich hab doch gar kein Geld bei mir.“

„Was, wieso das denn nicht, hat deine Mutter dir nicht wie immer einen Hunderter mitgegeben, damit du dir was Schönes kaufst?“

„Hundert Euro?!… eh…ne wir hatten heute Morgen Streit, ich bin einfach weg.“ gab ich zu. Da kam mir plötzlich eine Idee.

„Apropos, kann ich mal dein Handy benutzen, ich müsste sie kurz anrufen?“

Sie kramte es aus ihrer schicken Handtasche und gab es mir.

Ich verschwand mit dem Handy hinter der nächsten Hausecke und wählte die Telefonnummer von Zuhause.

„Schneider?“ meldete sich meine Mutter.

O Gott! Ich brachte erstmal kein Wort heraus.

„Hallo, ist da jemand?“

Wie sollte ich mich denn jetzt melden? Sie würde mir niemals glauben, wenn ich ihr erzählen würde, was mir, ihrer Tochter, passiert war.

„Hallo hier ist… eh ich würde gerne mit Hannah sprechen.“

„Ihr geht es gerade nicht so gut, aber ich gebe sie dir.“

„Hallo, hier ist Hannah?!“

„Bist du wirklich Hannah?“ fragte ich.

„Was, wie meinst du das?“

„Weil, na ja, wie kann ich es am besten sagen…ich bin eigentlich Hannah.“

Eine kurze Pause entstand, in der sie zu verstehen schien.

„Ouha, das bin ja ich. Ich meine, also, du bist ich, du bist Lisa, hast blonde lange Haare und ein großes Muttermal am linken Unterarm?“

Ich sah an mir herunter.

„Check, Stimmt“ stellte ich belustigt fest.

„Ok das ist echt krass“, sagte das Mädchen am anderen Ende der Leitung.

„Wie kann so etwas bitte passieren, träume ich oder ist das alles wirklich wahr und passiert?“

„Ich bin auch total verwirrt, aber scheint leider kein Traum zu sein.“ sagte ich verzweifelt.

„Was soll ich denn jetzt machen? Mein Gott, ich wohne hier in einer erbärmlichen Zweizimmerwohnung und habe Übermorgen ein wichtiges Vorspiel auf der Geige. Wenn ich da versage, dann bin ich bei meiner Mutter abgeschrieben.“

„Also ich kann nicht mal Noten lesen“, sagte ich.

Nachdem wir uns gegenseitig eine Kurzfassung unseres Lebens, was komplett unterschiedlich war, gegeben hatten, überlegten wir, wie wir mit dieser Situation umgehen sollten.

„Was machen wir denn jetzt?“ fragte die richtige Lisa.

Ja, was machen wir jetzt, das konnten wir leider nicht beantworten. Wir beschlossen erstmal bis zum nächsten Morgen abzuwarten und zu gucken, ob dann wieder alles wie früher war. Im Laufe unseres Gespräches fiel mir auf, dass ich noch nie so direkt darüber nachgedacht hatte, wer ich eigentlich war und warum ich war wie ich war. Doch dieser, nennen wir es mal Anlass, sorgte nun dafür.

Nachdem ich mit der Freundin wirklich im teuersten Restaurant war, jedenfalls verrieten dies die Preise, fand ich endlich heraus wo ich überhaupt gelandet war. Die Stadt hieß Eichenburg, wie ich auf einem Plakat lesen konnte.

Jetzt wusste ich zwar den Namen der Stadt, aber nicht wo sie eigentlich lag. Auch den Namen der Freundin kannte ich trotzdem immer noch nicht, aber einfach nachfragen ging ja schwer.

Der Tag verlief weiterhin noch sehr chaotisch und ich hatte mit vielen unangenehmen Situationen zu kämpfen. Probierte mich aber die ganze Zeit möglichst so zu benehmen, wie Lisa mir sich geschildert hatte. Einfach mal einen Tag jemand anderes sein, und sich dann auch so zu benehmen ist eine ganz schöne Herausforderung, wie ich feststellte. Als es draußen langsam anfing zu dunklen, kehrte ich zurück Richtung Villenviertel. Doch als ich das Haus wiedergefunden hatte, stand ich erstmal vor der Tür und und hatte keine Ahnung, wo ich klingeln sollte, da ich den Nachnamen gar nicht wusste.

Entnervt von dem aufregenden Tag, rollte ich die Augen und legte meinen Kopf in den Nacken. Dabei sah ich die ersten schönen goldenen Sterne der Nacht im Dunklen des Himmels aufblinken. Sterne habe ich schon immer sehr gerne angesehen.

Meist legte ich mich mit einer Decke auf einen unserer Liegestühle im Garten und sah hinauf in die Weiten des Universums. Moment mal…Sterne, irgendwas war gestern mit Sternen passiert. Langsam kam die Erinnerung der Vortage wieder in mir hoch. Eine Sternschnuppe, ich hatte gestern Abend im Garten gelegen und, eine Sternschnuppe gesehen! Hatte diese vielleicht etwas mit dieser komischen Verwandlung zu tun? Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, als mir klar wurde, was ich mir dabei gewünscht hatte. Shit, durchfuhr es mich.

Ohne nachzudenken, drückte ich alle Klingeln.

Als der Summer ertönte, stürmte ich die Treppen zu Wohnungstür hinauf.

Die Frau mit dem faltigen Dekolleté hatte die Tür schon geöffnet. Mit gerunzelter Stirn fragte sie mich: „Warum klingelst du bitte bei allen Nachbarn, du weißt doch, dass einige schon schlafen?!“

„Ist doch jetzt egal“ rief ich ihr aufgeregt zu, als ich das Telefon gefunden hatte und damit in meinem Zimmer verschwand. Wieder wählte ich die Nummer von meinem richtigen Zuhause. Als mein Vater ranging forderte ich sofort wieder, mit Hannah zu sprechen.

„Guten Abend, wer ist denn da?“ meldete sie sich.

„Ich bins, Hannah“, sagte ich aufgeregt, „Hast du gestern Abend zufällig Sterne geguckt?“

„Ehm.. ne…“

„Du hast also keine Sternschnuppe gesehen?“ fragte ich enttäuscht nochmal nach.

Eine kurze Pause entstand.

„Doch doch, das habe ich, auf dem Nachhauseweg vom Ballett, warum?“

„Was hast du dir gewünscht?“

„Das geht dich überhaupt nichts an“ sagte sie schnippisch.

„Doch und wie mich das was angeht, ich habe mir nämlich ein Leben mit mehr Geld gewünscht, vielleicht hat das etwas mit unserer merkwürdigen Verwandlung zutun!“

„Du weißt schon, dass man nicht verraten darf, was man sich wünscht, weil es dann nicht in Erfüllung geht?!“

„Ja, aber was ist, wenn es schon in Erfüllung gegangen ist?! Nun rück raus damit.“

„Mein Wunsch war, eine Mutter zu haben, die mich wirklich liebt und nicht nur meinen Erfolg.“

„Da haben wir es doch, und wahrscheinlich haben wir es uns im gleichen Zeitraum gewünscht und das war der Grund für alles.“

Als wir das auch geklärt hatten, wollte ich nur noch so schnell wie möglich einschlafen und am nächsten Morgen aufwachen und wieder in meinem alten Körper sein. Jetzt war mir nämlich klar geworden, dass Materielles nicht alles im Leben war, sondern dass man mit dem Herz handeln muss. Ich vermisste mittlerweile meine kleine, süße Wohnung mit den bunten Wände, in der alles so schön unordentlich war, aber dafür hatte ich nicht so ein Leben, was übertrieben geordnet war.

Die Menschen mit denen ich zu tun hatte, benahmen sich auch total anders als die mit denen ich sonst so meine Zeit verbrachte. Sie waren so auf das verdammte Geld und Aussehen fixiert, dass sie die Gefühle, wie das Glücklich sein und den Spaß am Leben total vergaßen.

Mir war aufgefallen, dass, kaum war ich jemand anderes, ich mich schon nicht mehr wie ich selbst benahm und andere Gewohnheiten hatte. Die Frage die mir nun in den Kopf kam; war ich jetzt überhaupt noch ich, oder schon der, der ich sein sollte? Ich steckte einfach in irgendeinem fremden Körper. Ich wurde in dieses Kostüm hineingesteckt, ohne dass ich es wollte. Nun konnte ich es nicht wieder ausziehen, musste aber den ganzen Tag dafür sorgen, dass Lisas Fassade, hinter der sie ihren mangelnden Perfektionismus wie Gefühle und Probleme versteckte, nicht in sich zusammenbrach. Dabei musste ich es aber irgendwie schaffen mein „ich“ wiederzufinden und zurück zu mir selbst zu finden.

Doch am nächsten Morgen war nichts wie in meinem früheren Leben, ich wachte genau mit dem gleichen Klingeln des Weckers wieder auf und ich hatte den gleichen Blick auf die sterilen weißen Wände, wie am Vortag.