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Wir sterben. Unsere Hoffnung aber nicht

von Mohamad Maamo

Es war zehn Uhr morgens, an einem Sommertag 2011. Die Sonne schien auf die enge, alte Straße, die nach Kaffee und Blumen roch. Die Vögel tanzten im blauen Himmel und weckten die Kinder, die auf den Dächern ihrer Häuser schliefen, mit ihrer Melodie.
Fünf Minuten später waren die Vögel nicht mehr da, die Sonne und der Geruch aber schon. Die Aufgabe der Vögel übernahmen Flugzeuge und Bomben. Die Kinder, die auf den Dächern lagen, erlebten den Beginn des Krieges in der syrischen Stadt Aleppo. 
Der 14jährige Nizar öffnete seine Augen. Er glaubte noch zu träumen. Alles, was er sah und hörte, war Teil seiner großen Fantasie.
Seine Mutter schrie laut und erschreckte Nizar und seinen Zwillingsbruder. Die beiden rannten nach unten zu ihrer Mutter. Sie machte sich Sorgen um den Vater, da sie ihn auf seinem Handy nicht erreichen konnte.  
Nizars Vater war von Beruf Taxifahrer und die Mutter Hausfrau. Die Familie wohnte in einer kleinen Wohnung, in einem grünen Viertel, wo die Kinder auch zur Schule gingen. Die beiden Brüder sahen sich sehr ähnlich, hatten aber ganz andere Interessen und Charaktereigenschaften. Nizar war ein Dichter, er schrieb und träumte von einem schönen Leben und von der Liebe. Gleichzeitig versuchte er seine Träume zu realisieren. Er liebte seine Familie und sorgte immer dafür, dass es allen gut ging. Trotz seines Alters versuchte er, seiner Mutter, seinem Vater oder seinem Bruder so viel wie möglich zu helfen. 
Nazir war mehr an Musik und Filmen interessiert und wollte Schauspieler werden. Die beiden Brüder verbrachten die meiste Zeit zusammen und erzählten einander selbsterfundene Geschichten, umarmten sich abends und schliefen zusammen ein.
Nach einem langen Tag kam der Vater nach Hause, lief zu den Kindern und seiner Frau, umarmte sie weinend und rief: 
„Gott sei Dank, dass es euch gut geht!“
Nizar erschrak: „Was ist denn passiert? Müssen wir das Haus verlassen?“
„Die Stadt wurde von Unbekannten angegriffen, Menschen mussten sterben“, sagte der Vater. 
„Ich will nicht sterben!“, schrie Nizar und klammerte sich an seinen Bruder.
Die Mutter versuchte die Kinder zu beruhigen. „Geht jetzt schlafen. Euer Vater wird euch morgen zur Schule fahren. Das, was heute passiert ist, wird morgen nicht passieren. Macht euch keine Sorgen.“ 
Nachdem die Kinder schlafen gegangen waren, saß sie allein im Wohnzimmer. Ihr Herz schlug wie wild, ihre Hände schwitzten und sie stellte sich die Frage „WIE SOLL ES WEITERGEHEN?“ Sie versuchte eine Antwort zu finden, aber… nein ihr fiel nichts ein, nichts, was sie beruhigte.
Sie betrachtete die Bilder, die an den Wänden ihrer Wohnung hingen. Wie schnell ihre Kinder aufgewachsen waren. Ihr Mann hatte einen guten Beruf. Von so einer Familie hatte sie immer geträumt und jetzt waren ihre Träume alle wahr. Doch diese Träume waren bald zu Ende, das spürte sie.
Am nächsten Tag, als die Kinder aufstehen sollten, war Nizar krank. Er konnte nicht aus dem Bett kommen, seine Augen fielen immer wieder zu, aber seine Gedanken waren voll von Liebe und Freude. Tief in seinen Fantasien und Träumen schlief er ein. Ein paar Minuten später hörte man eine laute Explosion in der engen Straße, in der sie wohnten. Nizar fuhr aus dem Bett hoch.
Überall war Blut und Leichen lagen herum, das Blut seines Vaters und seines Bruders klebte an den Häuserwänden der engen Straße. 
Zwei Blumen aus Nizars Fantasiegarten waren gestorben.  
Nizar rannte mit seiner Mutter nach draußen, um nach seinem Vater und seinem Bruder zu suchen. Ein paar Schritte vor dem Haus fielen sie nieder. Sie suchten nach Körperteilen oder Kleidungsstücken. Aber da war nichts mehr. Vater und Bruder waren verbrannt. Nizar und seine Mutter sahen die Leichen nicht, aber sie spürten sie. Die Seelen waren dort und die Seelen verabschiedeten sich.
Nizar konnte dieses Geschehen nicht realisieren. 
Er pflanzte die zwei Blumen noch einmal in seinem Fantasiegarten.
Er fing an seinem Vater zu schreiben, ihn nachzumachen, mit ihm zu reden.
Nizar wollte nicht zugeben, dass sein Vater weg war für immer. Er wartete auf ihn vor der Tür, er trug seine Hemden und seine Brille. In seinen Geschichten war auch sein Bruder noch da, er spielte mit ihm Fußball auf dem Dach wie immer. Nizar drückte die Kissen, auf denen Nazir geschlafen hatte, fest an sich, damit er seine Wärme vor dem Schlafen spüren konnte.
Er fing sogar an, Geräusche seines Bruders nachzumachen, die ihn früher gestört hatten. 
Nizar blieb für eine lange Zeit so. Seine Mutter weinte, versuchte ihn zu trösten und ihn davon zu überzeugen, dass alles, was er machte, nichts bringen würde. 
Jeden Tag saß sie in ihrem Sessel mit ermüdeten Augen und schwarzen Augenringen, schlafen konnte sie nicht mehr. Die Wohnung war voll von Erinnerungen. Das Essen von Vater und Nazir stand noch immer auf dem Tisch. Warmes Essen in einer kalten Wohnung, wo die Lichter ausgeschaltet waren und die Freude vor dem Haus auf Einlass wartete.
Vierzig Tage lang weinten die Mutter und Nizar. Dann klopfte die Mutter an Nizars Zimmertür und sagte mit leiser Stimme: „Nizar, hör auf zu schreiben. Wir gehen jetzt zum Markt und kaufen etwas zu essen ein. Du bist jetzt ein großer Mann, du wirst mit dem Tragen helfen, denn du bist stark. Und am Ende gehen wir Eis essen, Milch und Schoko, wie du es magst.“
„Nein, mein Vater kommt bald nach Hause. Ich möchte auf ihn warten. Außerdem muss ich Nazir bei seinen Hausaufgaben helfen,“ sagte Nizar und schrieb weiter.
Als die Mutter das hörte, wollte sie weinen, aber sie versteckte ihre Tränen, damit ihr Sohn sie nicht sah. 
„Ich werde dir ein neues Heft kaufen, noch größer als deins, damit du deine Geschichten noch schöner aufschreiben kannst.“ 
„Okay, aber ich will wieder schnell nach Hause. Draußen lange zu bleiben macht mir Angst.“
Die beiden machten sich auf den Weg und gingen durch die Straßen, die sehr verändert aussahen. Die Gebäude trugen alte, traurige Kleider.
Die Bäume waren noch grün wie vorher, aber der schöne Geruch war nicht mehr da.
Die Leute verhielten sich anders als vorher.
„Da gibt es einen Schreibwarenladen, lass uns das Heft jetzt kaufen. Bitte!“
Sie gingen in den Laden und kauften für Nizar ein Heft. In diesem Moment wurde die Stadt noch einmal angegriffen, die beiden versuchten, so schnell wie möglich nach Hause zu rennen. Glasscheiben und Steine flogen von allen Seiten und in jeder Richtung. Eine Glasscheibe traf die Mutter am Kopf…
Nizar schrie und lag neben ihr und versuchte, sie zu aufwecken. Überall war Blut, auch auf Nizars Anziehsachen. Das Blut vermischte sich mit seinen Tränen und seinem Schreien. Nizar wurde klar, dass er jetzt allein auf dieser Welt war, keine Eltern, kein Bruder und auch sonst keine Verwandten mehr.
Er trug die Tüten und ging nach Hause, ohne seine Mutter, mit seinem Heft in der Hand.
Einen Tag lang schlief er auf dem Bett seines Vaters, umarmte die Kissen seiner Mutter. Nizar trat in einer neuen Welt ein, die Welt seiner Bücher und Geschichten. Er schlief auf seinem Schreibtisch und wachte da auf. Er schrieb seine Vorstellungen von dem Leben mit seiner Familie und von der Liebe, die er gerne mal erleben wollte. Für ihn war seine Familie immer noch am Leben, er verhielt sich wie früher. Er bereitete für sie Essen, wartete auf seinen Vater und spielte auf der Gitarre seines Bruders. Er war die ganze Zeit beschäftigt Sachen für seine Familie zu erledigen, seine Geschichten und Vorstellungen aufzuschreiben. Das Leben war in seiner Fantasie sehr schön, so dass er nicht an die Realität dachte.
Die Hoffnungen machten ihn zu einem anderen Kind. Er hörte nicht auf, zu hoffen und zu träumen. Das war alles, was er in den letzten Tagen machte… hoffen und sich Schönes ausdenken. 
Der Vermieter bekam seit zwei Monaten keine Miete mehr. Er klopfte mehrmals an die Tür, keine Reaktion. Zwei Tage später ließ er die Tür aufbrechen 
Es war schrecklich, was er in der Wohnung sah. Nizar saß am Schreibtisch, hatte seinen Stift in der Hand, der Satz, den er kurz vor seinem Tod schrieb, war: „Irgendwie sind meine Eltern und mein Bruder sehr still, ich weiß nicht, ob es an mir liegt. Ich weiß aber, dass sie mich lieben und das reicht mir auch, ich kann jetzt in Frieden sterben, mehr möchte ich von diesem Leben nicht. Weck mich auf, wenn du dieses Schreiben siehst, Mama, ich werde nicht lange schlafen.“Nizar starb alleine. Seine Hoffnungen aber leben noch und die schönen Vorstellungen bleiben in ihm