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2068

von Dean Wilkens, 18 Jahre

Wir schreiben das Jahr 2068. Vielleicht sollte dem Leser zuliebe einmal erwähnt werden, dass die Erde in den letzten 55 Jahren wohl die stärkste und gravierendste Veränderung aller Zeiten durchlebte.

Die Entdeckung einer unendlichen Energiequelle im Erdkern sorgte dafür, dass beinahe der dritte Weltkrieg ausgebrochen wäre – aber eben nur beinahe.

Wer nun am Ende die zündende Idee hatte, darüber lässt sich bestimmt noch Jahrhunderte lang streiten. Fakt ist jedoch, dass die Politiker im Jahre 2013 endlich einmal vernünftig gehandelt haben.

Man versprach, die Energie jedem Menschen der Erde zugänglich zu machen. Nach und nach verbesserte man weltweit die Lebensbedingungen und steuerte der sozialen Ungerechtigkeit entgegen.

Als ein halbes Jahr später die USA und Russland erneut anfangen wollten, sich die Köpfe einzuschlagen, da sie noch immer jeweils von ihrem Wirtschaftsprinzip überzeugt waren und der Welt ihres aufzwängen wollten, entschied die UNO schließlich, sowohl den Kapitalismus als auch den Kommunismus abzuschaffen. Stattdessen durfte jedes Land der Erde sein eigenes Monopol haben und es entstand eine weltumfassende Handelszone.

Dies alles hatte zur Folge, dass sich plötzlich alles noch schneller und dazu noch effizienter entwickelte.

Die längste Friedensperiode der Welt wurde also noch länger, die ohnehin immer ältere Bevölkerung wurde dank neuer Innovationen und der Möglichkeit ewiger Jugend noch älter und die ohnehin hohen Häuser wurden noch höher.

Alles in allem war die Entwicklung der Welt also erschreckend langweilig – aber friedlich.

 

Lassen Sie uns nun also unsere Geschichte beginnen.

Alles begann mit einem verhältnismäßig jungen Mann namens Cole Sullivan. Verhältnismäßig, da er bereits seit 72 Jahren lebt, dabei aber noch so aussieht wie mit 23. Cole ist ein etwas schlankerer, wenn nicht sogar etwas zu filigraner junger Mann mit kohlschwarzen, mittellangen Haaren, welche er asymmetrisch über dem rechten Auge trägt und der stets vollkommen in Schwarz und etwas eleganter als vielleicht nötig gekleidet ist.

 

Als Cole an diesem Morgen sein Büro im 48. Stockwerk des großen (und weltweit einzigen) Betten- und Matratzen-Konzerns betrat, ahnte er noch nicht, dass sich sein Leben mit dem heutigen Tag vollkommen verändern würde.

Er war mal wieder zusammen mit seiner Nachbarin und guten Freundin Ayo zum Büro gefahren, welche nebenbei bemerkt ein Cyborg war.

Cyborgs sind Klone von Menschen, welche ein neues Organ, oder Körperteil brauchen, dieses sich aber aus ästhetischen Gründen nicht durch eine künstliche Prothese ersetzen lassen wollen. Deshalb benutzen sie ihren persönlichen Klon, welcher dann die entsprechende künstliche Prothese bekommt. So gesehen werden Klone also erst durch „Erfüllung ihrer Pflicht“ zum Cyborg.

Ayo hatte für ihr „Original“ bereits einiges gespendet. Ihr linker Arm und ihr rechtes Bein bestanden mittlerweile aus Metall und sie hatte neue Augen und Ohren bekommen. Bei diesen hatte sie sich aber für recht echt aussehende Prothesen entschieden, weshalb man diese Veränderung von außen nicht sah.

Ayo war seit ca. 6 Jahren ein freier Cyborg, was bedeutete, dass ihr Original trotz umfangreicher medizinischer Versorgung gestorben war. Dies war heutzutage ja praktisch nur noch durch einen Unfall möglich, welcher das Gehirn zerstörte, doch wie man vielleicht schon an Ayos umfangreichen „Spenden“ bemerkt hatte, war ihr „Original“ ein großer Tollpatsch und ein Pechvogel noch dazu gewesen.

Da Ayo nun nicht mehr auf der Reservebank für Amilly (ihr „Original“) saß, hatte sie sich entschieden, einen Job anzunehmen, und so kam es, dass sie eines Tages Cole in ihrem Hausflur über den Weg gelaufen und prompt zu Coles persönlicher Assistentin und Sekretärin geworden war.

 

Nach einer kurzen Verabschiedung vor seiner Bürotür, steuerte Cole alleine auf seinen Schreibtisch zu.

„System starten“, sagte er beiläufig, während er seine Kaffeetasse abstellte und drehte sich anschließend zu dem komplett hochgefahrenen Computer um. Coles Bildschirm war wie jeder andere Bildschirm auch ein 4D-Bildschirm. Man konnte ihn wahlweise aufklappen und in beruhigendem 2D Texte und ähnliches lesen, oder aber ihn flach auf den Tisch legen, um sich in Hologrammform vierdimensionale Modelle anzugucken und sie anzufassen.

 

Coles Position in dem Betten- und Matratzen-Unternehmen war eine durchaus gute. Man könnte ihn wohl als einen Vertreter der gehobenen Mittelschicht Hamburgs bezeichnen, doch die gesellschaftlichen Unterschiede waren im Zuge der Verminderung sozialer Ungerechtigkeiten so sehr verwischt, dass man die reichste und die ärmste Schicht nur noch daran auseinander halten konnte, in welchem Stockwerk sie arbeiteten.

Cole konnte also mit dem 48. von 56 Stockwerken sehr zufrieden sein.

 

Der Tag – es war ein Mittwoch – verlief die ersten drei Stunden lang sehr unspektakulär. Cole freute sich bereits darauf, dass ihn in einer knappen Stunde der Feierabend erwartete und auch Ayo schien vergnügt, denn er hörte sie durch die Bürotür hindurch leise vor sich hin summen.

 

Cole war gerade dabei, eine neue Großbestellung für Dortmund auszustellen, als plötzlich etwas passierte, dass er in all seinen 50 Jahren Berufserfahrung nicht erlebt hatte. Sein Computer stürzte ab.

 

In heller Panik wollte Cole schon nach Ayo rufen, damit sie das Problem wieder in Ordnung brachte – für irgendetwas musste seine Assistentin schließlich gut sein – als der Monitor erneut ein Bild aufwarf.

Allerdings war das, was Cole da sah, eindeutig nicht der Auftrag, an dem er gerade noch gearbeitet hatte. Es handelte sich bei seinem neuen Bildschirminhalt um eine geöffnete Programmiersoftware. Cole wusste ganz genau, dass er mit der Programmierung der Betten nichts zu tun hatte. Dafür waren speziell ausgebildete Chemiker zuständig, die noch dazu alle in ihrem Rang über ihm standen.

Die Betten, die in Coles Firma hergestellt wurden, hatten wie alles andere auf der Welt dem Wandel der Zeit folgen müssen. So kam es, dass sie nicht mehr nur einfache Matratzen in Bettgestellen waren. Sie alle hatten gemeinsam, dass sich über ihnen, sobald man sich in sie hinein legte und „Schlafmodus aktivieren“ sagte, eine gläserne Schutzkuppel schloss. Anschließend wurde im Inneren des Bettes ein perfekt errechnetes Schlafgas geleitet.

Dadurch, das wusste Cole aus eigener Erfahrung, wurde immer die optimale Schlafqualität gesichert. Er erinnerte sich noch gut daran, wie es für ihn war, als er das erste mal in einem dieser Betten geschlafen hatte. Es war so unglaublich weich gewesen, dass man sich eher so fühlte, als würde man eher schweben, denn liegen. Und egal wie lange und stark man bisher unter Schlafstörungen gelitten hatte, solange man in einem dieser Betten schlief, war man davon befreit.

Nach jeder, aber auch wirklich jeder Nacht wachte man mit einem Gefühl auf, als habe man sich soeben einen dreiwöchigen Sommerurlaub „all-inclusive“ gegönnt.

 

Demnach war Cole, als er plötzlich die Programmierungssoftware auf seinem Computer sah, zwar verwirrt, aber auch nicht so sonderlich interessiert.

Schließlich hatte sie nichts mit seinem Aufgabenbereich zu tun und dass die Software des Schlafprogramms gut funktionierte, wusste er schließlich – dafür brauchte er sie nicht zu verstehen.

 

Er entschied sich, das Programm einfach wieder zu schließen und seinen Vorgesetzten über den Vorfall zu informieren.

Doch als er das Programm gerade schließen wollte, fiel ihm plötzlich sein Name auf, der dort geschrieben stand.

 

Augenblicklich von Neugier erfasst, sah er sich die Sache genauer an.

 

Cole Sullivan aus Haus 3028b Parzelle 13:

Problem: Depressionen, häufige innere Unruhe und Unzufriedenheit.

Vorgeschlagene Mischung: Vitamorphin als Beruhigungsmittel, Johanniskraut als Antidepressivum und Sebatonin für eine positivere Selbstwahrnehmung.

Dosis: Je 3,78µg pro Nacht.

 

Coles Augen weiteten sich. Was hatte das zu bedeuten? Die Anschrift und sein Name waren eindeutig, es konnte einfach niemand anderes gemeint sein. Aber warum sollte jemand ein solches Profil von ihm erstellen und wie kam man überhaupt auf diesen Unsinn? Innere Unruhe und Unzufriedenheit? Das war doch absurd!

Wenn du jede Nacht durch Medikamente ruhiggestellt wirst, könnte das durchaus möglich sein, ohne dass du davon weißt, flüsterte eine leise Stimme in seinem Kopf. Cole lief ein Schauder über den Rücken.

 

Was, wenn das wirklich wahr sein sollte? Fest entschlossen, eine andere Erklärung dafür zu finden, durchstöberte er weiter die Daten der Software. Doch was er da fand, ließ auch noch das letzte bisschen Hoffnung in ihm schwinden.

Millionen von Profilen waren in der Software gespeichert, sie alle enthielten Informationen über psychische Probleme und Medikamente.

Einige Profile waren sogar von Personen, die Cole selbst kannte. Nachbarn, Kollegen und Bekannte aus dem Chatroom…

 

Er hatte gerade die Daten aller Personen in seinem Mehrfamilienhaus gefunden, als die Zimmertür aufsprang. In blinder Panik klappte er den Monitor um, sodass sein Inhalt den Augen des Ankömmlings verborgen blieb.

Zum Glück war es nur Ayo, die den Raum betreten hatte.

 

„Hey, Cole kommst du? Wir haben Feierabend.“

 

Verschreckt blickte Cole auf die in seine Handfläche projizierte Uhr.

Tatsächlich, es war bereits vier. Er schluckte.

„Ähm… ja Ayo, ich komme gleich. Ich muss hier nur noch kurz etwas zu Ende bringen“, log er hastig.

Ayo legte den Kopf schief. „Was ist denn daran so geheim?“

„Das… also es, ähm, hat mit deinem Geburtstagsgeschenk zu tun.“

 

Sie standen eine Weile lang stumm da und starrten sich an. Ayo wusste, dass er log. Man konnte es daran erkennen, dass ihr Lächeln, welches sonst immer ihr Gesicht zierte verschwunden war und eine komplette Ausdruckslosigkeit von ihr Besitz ergriffen hatte. Cole bekam eine Gänsehaut. Er hasste es, wenn Ayo so war. Und schuldig fühlte er sich obendrein auch noch. Schwer schluckend wollte er soeben zu einer Entschuldigung ansetzen, als sich ihre Körpersprache erneut komplett änderte.

 

„OK, wenn du das sagst, will ich dir glauben. Ich freu mich schon drauf. Und wehe es ist nichts umwerfend Tolles!“, jauchzte sie mit nahezu kindlicher Begeisterung. Auf ihren Lippen ein Lächeln, dass wohl jeden anderen überzeugt hätte, Cole aber problemlos als ein gequältes Lächeln erkannte.

Sie verließ immer noch lächelnd das Büro und rief ihm nur noch zu, dass sie dann im Flur auf ihn warte.

Dann war Cole wieder allein. Er blickte erneut auf den Bildschirm und hielt ohne lange zu zögern sein Handgelenk dagegen. Jeder Mensch hatte mittlerweile einen Speicherchip ins Handgelenk eingebaut. Da man mit der Qualität und Verlustgefahr von anderen mobilen Speichergeräten wie USB-Sticks unzufrieden war.

„Übertrage Daten von Computer auf internen Chip“, befahl er und spürte kurz, wie sein Handgelenk warm wurde. Dann schloss er das Programm, löschte die Chronik seines Computers bis hin zu seiner Bestellung, schaltete ihn ab und verließ das Büro.

Ayo wartete auf ihn und empfing ihn, als sei vorhin im Büro nicht das Geringste vorgefallen. Sie öffneten eines der großen gläsernen Fenster und orderte das nächstliegende Kleinfahrzeug zu sich.

Für Cole war diese Art der Fortbewegung anfangs sehr unangenehm gewesen. Er hatte zwar noch nie Höhenangst gehabt, aber sicher in einer großen Höhe zu stehen oder in ca. 200 m Höhe von einem Fenster in ein fliegendes Auto zu steigen, waren definitiv zwei unterschiedliche Paar Schuhe.

„Auto“ – das sei an dieser Stelle noch mal erwähnt – war wahrscheinlich ein etwas waghalsiger Begriff für diese Gefährte. Doch da es richtige Autos im Jahre 2068 nur noch virtuell in Videospielen gab, war man einfach bei dem Begriff geblieben.
Die „Autos“ waren eher kleine aerodynamisch geformte Kapseln, die sich fliegend und selbstgesteuert durch die Stadt bewegten. Sie gaben nahezu gar keine Geräusche von sich und konnten sich gegebenenfalls von einem Gefährt für eine Person zu einem, in dem zwei Personen Platz fanden, ausdehnen. Wenn man – was nur sehr selten der Fall war – mal mit mehr als zwei Personen reiste, konnte man auch mehrere Fahrzeuge hintereinander koppeln.

Cole folgte Ayo in das Fahrzeug und kaum, dass er sich gesetzt hatte, rief sie: „Appartementblock 3028b 37. Stockwerk.“ Das Gefährt düste los.

In den Appartements wurden die Stockwerke, wie sonst auch von unten nach oben gezählt. Die Wohnungen zählte man jedoch von oben nach unten. Warum? Das war Cole bis heute ein Rätsel, aber vielleicht lag es daran, dass die Reichen, welche meistens ganz oben wohnten unbedingt die Nummer eins sein wollten.

Die Fahrt verlief anfangs schweigsam. Obwohl Ayo tat, als sei nichts gewesen fühlte sich Cole immer noch ein wenig schlecht.

„Du weißt, dass ich es nicht vergessen werde, ehe du mir eine vernünftige und wahrheitsgemäße Erklärung lieferst oder?“, sagte Ayo plötzlich in die Stille hinein. Sie blickte stur aus dem Fenster, aber man konnte an ihrer Stimme hören, dass er ihr mit seiner Lüge wehgetan hatte.

„Ja“, brachte Cole trocken hervor und starrte seinerseits aus dem Fenster auf der anderen Seite. Noch nie zuvor hatte er sie belogen. Er selbst wusste, dass diese Lüge wohlmöglich eine Kerbe in ihrer Freundschaft hinterlassen könnte, die sich nicht mehr schließen ließ. „Aber ich brauche erst einmal ein wenig Zeit. Ich weiß selbst noch nicht, was das alles zu bedeuten hat.“

„Hm.“

Sie schwiegen wieder. Und auch wenn die Stille dieses Mal angenehmer war, hatte Cole ein seltsames Gefühl in der Magengrube.

Das Auto dockte an der Hauswand an und sie stiegen aus. Im Flur verabschiedeten sie sich und Cole trat in seine Wohnung ein.

„Guten Morgen, Meister. Wie war Ihr Tag?“, grüßte ihn seine Wohnung.

Cole mochte es eigentlich, dass es seit einigen Jahren nur noch sprechende Wohnungen gab, nicht zuletzt, da es durchaus Sinn und Verstand hatte. Denn man konnte so seiner Wohnung alle möglichen Befehle erteilen, etwa wann das Licht an und auszuschalten sei, wie man sein Frühstück gerne hätte oder welches Fenster sich wann öffnen sollte.

In diesem Moment jedoch wollte Cole eigentlich gar nichts hören und erst recht nicht über seinen Tag reden.

„Bitte sei die nächste Zeit über still, ich brauche meine Ruhe.“

Matt und erschlagen von all den neuen Informationen ließ er sich bäuchlings auf seine riesige Couch fallen. Er brauchte Zeit. Zeit um ein wenig Ordnung in all dieses Chaos zu bringen.
Cole hatte sich den restlichen Tag über abgelenkt, indem er erst ein wenig ferngesehen und dann noch ein Videospiel gespielt hatte. Nun merkte er jedoch, dass ihn langsam aber sicher die Müdigkeit einholte und sein Körper sich nach seinem unendlich bequemen Bett sehnte.

Doch Cole hatte sich einen Plan überlegt, um zu sehen, ob die Daten in der Programmierungssoftware der Wahrheit entsprachen: Er würde an diesem Tag einfach mal nicht in seinem Bett schlafen, sondern auf der Couch.

Dann würde er wissen, was dahintersteckte. Denn wenn er sich am nächsten Tag unzufrieden und wie war das noch…“innerlich unruhig“ fühlte, dann hatte er ein Problem.

Zum Schlafen bereit legte er sich auf die Couch. „Schlafmo-“, Cole brach ab. Stimmt, er brauchte keinen Befehl geben. Irgendwie war das ein komisches Gefühl. Er selbst hatte sich an diese allabendlichen Worte bereits so sehr gewöhnt, als habe er sich selbst damit abgerichtet wie einen Hund.

Cole starrte an die Decke. Nichts geschah. Warum schlief er nicht endlich ein?

Die Nacht war lang gewesen. Wenn man Cole fragte, würde er wohl sagen, er habe jahrelang wach da gelegen und sich immer wieder hin und her gewälzt. Und selbst als er endlich eingeschlafen war, fand er nicht die Ruhe, die für ihn während des Schlafens mittlerweile doch so selbstverständlich geworden war.

Seltsame Bilder hatte er gesehen. Fast als hätte er einen unterbrochenen Film geschaut. Farben und Formen, Menschen und Umgebungen, die er nicht kannte, die sich aber irgendwie doch vertraut anfühlten. Und er hatte sogar die Gefühle der Personen dort empfunden! Das war etwas, das auch 2068 die Filmproduktion noch nicht beherrschte.
Dieses Detail hatte nur einen logischen Schluss zugelassen: Er hatte geträumt!

 

Als Cole sich an diesem Morgen an den Frühstückstisch setzte und müde an seinem Kaffee nippte, fragte er sich, wie es sein konnte, dass er sich nach einer einzigen Nacht plötzlich so unendlich alt fühlte. Und nicht nur das, er fühlte sich wie gerädert.

Stöhnend blinzelte er dem grellen Tageslicht entgegen, ehe er seiner Wohnung befahl, die Fenster ein wenig abzudunkeln.
Stumm auf seine Tasse starrend verharrte er eine Weile in seiner Position und begann seine Gefühle zu analysieren.
Er fühlte sich zwischen all den körperlichen Beschwerden auch geistig erschöpft. Aber es war anders, als wenn er einfach zu viel an einem Tag getan hatte. Er hatte ein Gefühl der inneren Leere in sich, das er sich einfach nicht erklären konnte. Als würde er unvollständig sein. Wie ein Puzzle, bei dem die Hälfte der Teile fehlte.

Er fuhr sich mit seiner rechten Hand durchs Gesicht. Wie so oft blieb sein Blick an der großen Narbe hängen, die seinen kompletten rechten Unterarm bedeckte. Er wusste noch immer nicht, wo diese Narbe her kam. Doch heute war da etwas in ihm, dass ihm sagte, dass er die Antwort eigentlich wusste. Verwirrt sah er länger auf seinen Arm. Er hatte immer geglaubt, dass es ein Unfall gewesen war, der sich ereignet haben musste, als er noch ganz klein gewesen war, weshalb er sich nicht mehr daran erinnern konnte. Aber wenn er es sich nun genauer überlegte… Das Narbengewebe war sehr fein und wie ein Spinnennetz aufgebaut, so als ob es von einer Verbrennung herrührte. Dennoch war Cole sich sicher, dass es anders aussehen würde, wenn er es schon seit seiner frühesten Kindheit hätte. Eine Verbrennung… Feuer! Ein Bild flackerte vor ihm auf. Schreie, Feuer, Trümmer um ihn herum. Cole sog erschreckt Luft ein. Es war nur ein Sekundenbruchteil gewesen. Genau wie in seinem …Traum diese Nacht.

Innerlich aufgewühlt und verstört zog er seinen langen, schwarzen Ärmel wieder über die Narbe. Die Gedanken und Bilder machten ihm Angst. Cole hatte das unbestimmte Gefühl, dass hinter all dem noch viel mehr steckte, als er angenommen hatte. Fest stand bisher nur eins: Das Gas in den Betten schien irgendetwas mit einem zu machen. Die Erinnerungen und Träume zu verändern. Vielleicht sogar zu rauben.

Dieses Mal wartete er nicht darauf, dass Ayo bei ihm klopfte. Stattdessen ging er hinüber zu ihrer Wohnung und klingelte, bis sie ihm die Tür öffnete.

„Ayo, kann ich rein? Ich muss mit dir reden, es ist wichtig.“

Zögerlich nickte sie. Dieses Verhalten war völlig untypisch für den sonst so ruhigen und überlegten Cole.

Ayos Wohnung war exakt genauso angeordnet wie Coles. Aber dennoch stellte Cole immer wieder fest, dass Ayo in ihrer Wohnung ihr völlig eigenes Reich geschaffen hatte.

Während Coles Wohnung praktisch und schlicht eingerichtet war, könnte man Ayos Wohnung als sehr verspielt bezeichnen. Sie hatte eine Schwäche für kleine, fliegende Spielzeughubschrauber, -vögel und ähnliches, weshalb die Wohnung immer von einem leisen Surren der Flügel oder Rotoren erfüllt war.

Sie hatte ihr Frühstück offenbar noch nicht beendet, als Cole an diesem ungewöhnlichen Morgen einfach bei ihr aufgeschlagen war.

„Was ist los, Cole?“, fragte sie besorgt. „Geht es um Gestern?“

Er druckste eine Weile herum. Nun, da er hier war, wusste er nicht, was er sagen und wie er anfangen sollte.

„Ich… Ich habe gestern in der Firma plötzlich aus heiterem Himmel ein offenes Programmfenster von der Programmierungsabteilung auf meinem Computer gehabt“, begann er schließlich zögernd. Ayos Augen wurden groß.

„Wie kann das sein?“

„Ich weiß es nicht. Aber das eigentlich Wichtige und Beunruhigende daran ist, dass ich in dem Programm eine Datenbank gefunden habe.“

Und so erzählte er ihr von seinen Entdeckungen und seinem unheimlichen Experiment von gestern Nacht.

„Du hast Bilder im Schlaf gesehen?“, fragte Ayo schockiert.

„Ja! Und nicht nur das, ich habe sogar mitempfunden dabei! Das war realer, als unsere Computerspiele und du weißt, dass das was heißen will!“

Eine Weile lang sagte keiner der beiden ein Wort. Ayo war geschockt und auch Cole war noch immer sehr aufgewühlt.

„Aber… heißt das dann etwa, dass es da jemanden gibt, der unsere Gefühle manipuliert und… nicht will, dass wir träumen?“, fragte Ayo leise und mit Grauen in der Stimme.

Cole schluckte. „Ich weiß es nicht… Aber es sieht so aus.“

 

An diesem Tag fiel es Cole unglaublich schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Er hätte gerne noch einmal die Datenbank des Programms durchstöbert, aber er konnte es nicht riskieren, dass ihn jemand dabei sah. Fahrig fuhren seine Finger über sein linkes Handgelenk.
Cole hatte zwar nie das Gefühl gehabt, dass man ihn überwachte, aber eine leise Stimme in seinem Kopf riet ihm, das ganze geheim zu halten und auch nicht einfach zu seinem Vorgesetzten zu gehen und diesen danach zu fragen.

Als der Arbeitstag endlich geschafft war, fuhr er mit Ayo zurück nach Hause und sie betraten erneut ihre Wohnung.

Cole lud die Daten von seinem Speicherchip auf ihren Rechner und warf das Bild an die größte Wand des Wohnzimmers. Die Fenster hatte Ayo vorsichtshalber verdunkelt, sodass niemand in einem vorbei fliegenden Auto versehentlich einen Blick darauf erhaschte.

Cole zeigte Ayo seine Entdeckungen noch einmal im Einzelnen und sie suchten gemeinsam nach den Profilen von Personen aus ihrem Bekanntenkreis. Zu einigen fand man nur sehr kurze Profile, während andere über mehrere Seiten gingen. Einer hatte beispielsweise mehrere Psychosen und obendrein noch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

„Habe ich da eigentlich auch ein Profil drin?“, fragte Ayo mit einer Mischung aus Angst und Neugier.
Es dauerte eine Weile, bis sie Ayos Profil gefunden hatten. Offenbar wurde in diesem Falle in Menschen und Cyborgs unterteilt. Cole fühlte Wut in sich aufsteigen. Er fand es unfair, dass man Ayo wie einen Menschen zweiter Klasse behandelte, denn man hatte nicht einmal ihren Namen, sondern nur ihren Code eingegeben.

 

Cyborg Nummer 1745 aus Haus 3028b Parzelle 14:

Problem: Übersteigerte Angst in Bezug auf andere, Minderwertigkeitskomplexe, neigt zu Besitz ergreifendem Verhalten. Zeigt Anzeichen einer multiplen Persönlichkeitsstörung.
Vorgeschlagene Mischung: Johanniskraut als Antidepressivum, Hyppolectran, um eine Persönlichkeitsveränderung zu verhindern und ein leichtes Sedativum zur Beruhigung.

 

Cole und Ayo starrten auf die Seite. Starr vor Schock.

Erst ein Poltern ließ sie aus ihrer Starre entkommen. Ayos Katze hatte ihren Kratzbaum bei einer wilden Jagd nach einem der künstlichen Vögel umgeworfen und dieser war auf einen kleinen Tisch mit einer Blumenvase obendrauf gefallen, welche lauthals zersprungen war.

Dennoch hatten Ayo und Cole den Schreck ihres Lebens erlitten. Nachdem Ayo den Kratzbaum wieder aufgestellt und ihre Katze zurechtgewiesen hatte, kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und ließ die kleinen Nano-Bots (winzige Roboter, nicht größer als Bakterien, die zu tausenden in jedem Haushalt arbeiteten, um immer alles sauber zu halten) den Rest erledigen.

„OK, das war jetzt eine gelungene Ablenkung. Aber… glaubst du, was da steht?“

Cole dachte einen Augenblick lang nach. Dann nickte er zaghaft.

Sie blickte unzufrieden und mit verschränkten Armen auf die Projektionsfläche.

„Ich will so eine Störung nicht.“

„Wäre es dir lieber, wenn du eine der anderen Psychosen hättest?“, fragte Cole sarkastisch und wurde mit einem von Ayos mahnenden Blicken bedacht.

„Du weißt, was ich meine.“

Wieder schwiegen sie.

„Ich bin der Meinung, dass es auch eine andere Methode geben muss, diese „Störungen“ zu behandeln. Es kann doch nicht sein, dass etliche von uns psychisch krank sind und nicht einmal davon wissen“, meinte Cole.

Ayo wiegte den Kopf hin und her. „Aber meinst du nicht, dass es für uns alle besser wäre, wenn wir unwissend bleiben? Ich meine, unser Leben war doch bisher immer wunderbar! Wir-… Ich liebe dieses Leben. Aber jetzt sehe ich das alles hier und habe das Gefühl, dass mein ganzes Leben eine Lüge war!“

„Das kann nicht dein Ernst sein!“, rief Cole entsetzt. „Du willst einfach weiter machen wie bisher und so tun, als sei alles gut? Du kannst doch nicht einfach deine Augen vor der Wahrheit verschließen!“

Ayo wirkte gekränkt. „Aber das meine ich doch gar nicht! Darum geht es hier nicht…“

„Doch, genau darum geht es“, fuhr Cole dazwischen. Er war aufgesprungen und hatte die Hände zu Fäusten geballt.

„Es geht darum, dass es da irgendjemanden gibt, der uns alle manipuliert! Irgendjemand täuscht uns und vertuscht das ganze, nur damit diese „Ach-so-heile-Welt“ weiter besteht. Basierend auf Lügen und Betrug!“ Er war beim Sprechen immer lauter geworden.

Ayos Gesicht war zu einer schmerzerfüllten Grimasse verzerrt. Tränen standen in ihren Augen und sie zitterte leicht.

„Das glaube ich nicht!“, stieß sie hervor. „Das ist doch alles nur ein kranker Scherz, den sich jemand ausgedacht hat! Wie sind diese Informationen überhaupt zu dir gelangt? Wenn das alles war wäre, hättest du das doch nie zu Gesicht bekommen!“

Cole ließ sich wieder in den Sessel fallen, auf dem er zuvor gesessen hatte. Er seufzte schwer und bettete seinen Kopf in seinen Händen.

„Ich wünschte, du hättest Recht. Aber heute Nacht… der Traum… Ich habe es doch selbst erlebt.“

 

 

Nach dieser Unterhaltung war die Stimmung zwischen den beiden auf dem Nullpunkt gewesen. Weder Cole noch Ayo hatten noch großartig Lust auf die Gesellschaft des anderen gehabt, weshalb Cole auch bei nächster Gelegenheit gegangen war.

Obwohl er von seinen „Störungen“ alles andere als begeistert war und bereits heute den ganzen Tag schlechte Laune gehabt hatte, war er fest entschlossen, keinen Fuß mehr in sein Schlafzimmer zu setzen und erst recht nicht mehr in sein Bett.
Sich Kissen und Decke nehmend, ließ er sich erneut auf seiner Couch nieder. Das würde gewiss wieder eine lange Nacht werden.

 

„Schon wieder Bilder“, schoss es ihm durch den Kopf. Er befand sich draußen. Irgendwo auf dem Boden. Dem Erdboden. Seit wie vielen Jahren war er nicht mehr so weit unten gewesen? Und wo waren die riesigen Gebäude hin? Das höchste Haus, das er hier sehen konnte, hatte nur vier Stockwerke! So etwas gab es doch gar nicht mehr. Das niedrigste Haus in Hamburg hatte ca. 30 Etagen. Und was war das? Ein Laternenpfeiler! Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er auf einer asphaltierten Straße stand. Eine Straße! Und dort drüben standen sogar richtige Autos!

Endlich wurde Cole bewusst, dass er sich in der Vergangenheit befinden musste. Die Zeit, in der es hier so aussah, musste schon mindestens 50 Jahre zurückliegen…
Erst jetzt fielen Cole die Trümmer auf, die um ihn herum überall verstreut lagen. Glasscherben, Betonstücke und Teile von Stahlträgern lagen überall verteilt. Einige brannten sogar. Und in Mitten dieses Chaos’ saßen zwei Menschen eng aneinander geklammert.

Er ging näher auf die beiden Personen zu, die dort mitten auf der Straße saßen. Es waren zwei Jungen. Beide blass und mit ebenso schwarzen Haaren wie Coles. Den älteren der beiden schätzte er auf ca. 19 Jahre, während der andere einige Jahre jünger schien. Der große Junge hielt den kleinen fest an sich geklammert und wiegte beide immer wieder hin und her, während er verzweifelt weinte.

Plötzlich wusste Cole, wer da vor ihm war. Es war sein jüngeres Selbst. Und dann wusste er auch wieder, wer der andere Junge war. Er erinnerte sich an die Explosion, an die Schreie, den unendlichen Schmerz. Und daran, dass sein kleiner Bruder, den er dort vor seinen Augen noch immer hin und her wiegte bereits vor einigen Minuten aufgehört hatte zu atmen. Für immer.

 

Schweißgebadet saß Cole senkrecht auf seiner Couch. Sein Herz schlug so schnell, als habe es sich zum Ziel gesetzt, seinen Brustkorb zu sprengen, so wie damals die Schule gesprengt worden war, von der man dachte, dass keiner mehr darin war.
Ohne weiter darüber nachzudenken, stürmte Cole so wie er war in Boxershorts und T-Shirt aus seiner Wohnung und klingelte bei Ayo Sturm.

Das Mondlicht, das durch die riesigen Fenster im Hausflur fiel, ließ sein aschfahles Gesicht erkennen. Er war sogar noch bleicher als all die schneeweißen Häuser draußen.

Ayo öffnete die Tür. Sie war ebenfalls schweißnass und hatte einen gehetzten Gesichtsausdruck.

„Was?!“, spie sie ihm entgegen, riss sich aber sofort zusammen, als sie seinen Zustand bemerkte. Ohne ein weiteres Wort zog sie ihn in ihre Wohnung und schloss die Tür, nachdem sie noch einmal schnell im Flur überprüft hatte, ob sie auch ja niemand gesehen hatte.

„Licht auf Stufe 1 und Jalousien geschlossen halten“, befahl sie, ehe sie zu ihrem Kühlschrank ging und sich kurz darauf mit einem dampfenden Becher Tee für sich und einer ebenfalls dampfenden Kaffeetasse für Cole zu ihm an den Esstisch gesetzt hatte.

„Was ist passiert“, fragte sie ernst.

Cole öffnete den Mund und formte stumme Worte, doch er brachte keinen Ton über die Lippen. Trotz der Hitze des Getränks, hatten sich seine Finger um die Tasse geklammert, als sei sie der rettende Halt an einem Abgrund. Er atmete einmal tief durch und versuchte es erneut.

„Ich…ich habe einen Bruder“, brachte er schließlich hervor, ehe er sich verbesserte. „Nein, ich hatte einen Bruder. Eigentlich sogar zwei, wenn ich mich richtig erinnere.“

Ayo sah ihm verständnislos ins Gesicht.

„Ich hatte einen Traum von dem schlimmsten Tag meines Lebens und erinnere mich jetzt plötzlich wieder an alles“, erklärte er ihr und Ayos Augen wurden groß.

„Ich hatte eine Familie. Mutter, Vater und zwei Brüder. Ein älterer und einen jüngeren.“

Es war schwerer als er gedacht hatte, Ordnung in dieses Chaos zu bringen, welches mit einem Mal in seinem Kopf herrschte. Es war so viel, so unglaublich viel auf einmal.

„Weißt du noch, wovon ich dir schon so oft erzählt habe? Dass ich mich einfach nicht mehr an die Zeit vor 2018 erinnere? Das ist jetzt alles wieder da! Ich erinnere mich daran, wie diese Welt einmal ausgesehen hat, an meine Familie und meine Freunde…“

Ayo sah ihn fasziniert an. Obwohl sie wie jeder andere Cyborg auch, einen Chip im Kopf hatte, mit dem sie auf das Internet zugreifen konnte, hatte sie nie wirklich etwas über die „alte Welt“ gefunden und da sie erst seit 12 Jahren existierte, konnte sie auch keine Erinnerungen daran haben.

„Was ist mit deiner Familie passiert?“, fragte Ayo entsetzt, als sie die Puzzleteile wieder einigermaßen zusammengesetzt hatte.

„Ich weiß es nicht genau…“, murmelte Cole und nippte an seinem Kaffee. „Ich weiß eigentlich nur mit Sicherheit, dass mein kleiner Bruder tot ist.“ Er schluckte. Er hatte seinen kleinen Bruder unglaublich gemocht. Deshalb war der Verlust für ihn umso schlimmer.

„Ich glaube aber, dass auch Adam irgendwie umgekommen ist… das ist mein älterer Bruder.“

Ayo nickte verstehend. Für sie war das Thema Familie immer sehr schwer gewesen, da sie nie eine gehabt hatte.

„Von meinen Eltern habe ich kurz darauf plötzlich nichts mehr gehört. Ich bekam eine Menge Geld von ihnen und eine Nachricht, in der sie mir von dem Job berichteten, den sie mir organisiert hatten. Meine Mutter schrieb, dass sie und mein Vater einfach nicht mehr in Hamburg bleiben konnten, jetzt wo meine Brüder nicht mehr da waren und dass sie deshalb nach Amerika gegangen waren.

Obwohl ich es falsch von ihnen fand, mich hier alleine zurück zu lassen und sich nicht einmal verabschiedet zu haben, akzeptierte ich ihre Entscheidung.

Irgendwie seltsam, dass ich meinen Job aus so einem unpersönlichen Grund heraus angenommen habe…“

Sie schwiegen wieder eine Weile. Bis Ayo schließlich das Wort ergriff.

„Wow… wie schnell eine Familie doch auseinanderbrechen kann…“ Dann sah sie ihm plötzlich fest in die Augen. „Du hattest Recht, Cole. Ich habe diese Nacht über auch nicht in meinem Bett geschlafen und es stimmt. Auch ich habe geträumt. Wir werden manipuliert.“

„Schön, dass dir das dann auch mal auffällt“, knirschte er sarkastisch zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Und, was schlägst du vor, Ayo?“

„Wir sollten zu deinem obersten Vorgesetzten gehen und ihn damit konfrontieren.“

Cole zog eine Augenbraue nach oben.

„Wenn die da oben das ganze vertuschen wollen, dann sind wir tot, ehe wir das Wort „unmoralisch“ ausgesprochen haben“, ermahnte er sie.

„Aber eine andere Wahl haben wir nicht.“

Cole dachte nach. „Wir sollten zumindest jemandem, den wir kennen und dem wir vertrauen können, Bescheid sagen, falls wir nicht zurückkommen.“

Ayo nickte zustimmend. „Ich werde mich mit Amillys Familie unterhalten. Ihre Eltern empfangen mich doch mittlerweile wir ihr eigenes Kind.“

 

Der nächste Morgen war angebrochen und Ayo hatte Amillys Familie bereits angerufen, noch ehe sie und Cole sich auf den Weg zur Arbeit machten. Sie hofften zwar noch immer darauf, dass das Ganze gut enden würde, aber seit der letzten Nacht schien Ayo ihre Paranoia entdeckt zu haben, weshalb sie gleich mehrere Küchenmesser in ihrem metallenen Arm und Bein versteckte (sie hatte sich dort ganz praktische kleine Klappen einbauen lassen).

„Haben in deinem Profil wohl ne Störung vergessen, was?“, witzelte Cole und hätte dafür als Dank beinahe Ayos Faust im Gesicht gehabt, wenn er nicht rechtzeitig ausgewichen wäre.

Sie beide waren die ganze Nacht über wach geblieben und Cole hatte zu seinem Schrecken feststellen müssen, dass Ayo tatsächlich eine zweite Persönlichkeit in sich hatte. Sie hatte zwar keine kompletten Aussetzer, an die sie sich nicht mehr erinnern konnte, aber wenn sie sich aufregte, benahm sie sich plötzlich wie ein Soldat, der gerade aus dem Krieg zurück gekehrt war und nichts von normalen Verhaltensregeln hielt.

„Oh Gott, Cole! Alles in Ordnung? Das wollte ich nicht!!“, rief Ayo und schlug sich entsetzt die Hände vor den Mund. „Hab ich dir weh getan?“

„Schon gut, hast mich nicht erwischt“, beruhigte er sie und sich selbst.

Als es endlich halb neun war, flogen die beiden zum Büro. Dort angekommen gingen sie zunächst etwa eine Stunde lang ihrer Arbeit nach. Sie wollten abwarten, bis sich der allmorgendliche Trubel zu Beginn des Tages gelegt hatte und sie ungesehen in den obersten Stock schleichen konnten. Da Ayo mit ihren Metallprothesen weder leise noch unauffällig und auch Cole mit seinem langen, schwarzen Mantel sehr auffällig war, gingen sie schließlich erst, als der Flur komplett leer war.

Sie schlichen sich zu den Fahrstühlen, als sie plötzlich eine Treppe entdeckten. Dass es in dem Gebäude überhaupt eine Feuertreppe gab, war weder Cole noch Ayo bisher bewusst gewesen, doch jetzt gerade bot es sich sehr an, wo sie sich doch beide absolut sicher sein konnten, dass dort garantiert niemand entlang gehen würde.

Sie schlichen bis nach oben. Ayo hatte, um leiser zu sein ein Paar flauschiger Plüschhausschuhe angezogen. Auf Coles süffisantes Grinsen hin gab sie ihm eine kräftige Ohrfeige mit ihrer linken, stählernen Hand und er verstummte augenblicklich.

So sehr sie sich vor ihrer neuen, gewalttätigen Seite auch fürchtete, manchmal, befand Ayo, war sie durchaus praktisch.

 

Als sie endlich den obersten Treppenabsatz erreicht hatten, keuchten beide. Keiner von ihnen war es gewohnt, Treppen zu steigen.

„OK, da oben ist das Büro“, brachte Cole stoßweise hervor. „Was meinst du, sollen wir da einfach rein platzen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe da eine bessere Idee. Sie zog an einem ihrer künstlichen Ohren und Cole staunte nicht schlecht, als es sich plötzlich von ihrem Kopf löste und nur noch durch einen dünnen aber recht langen Faden mit ihr verbunden war.

„Hast du noch mehr Special Effects? Langsam macht mir das echt Angst!“

Ayo grinste ihm geheimnisvoll entgegen. Dann warf sie das Ohr sehr vorsichtig und zielgenau exakt vor die Tür des Büros. Eine Zeit lang lauschte sie und Cole hielt den Atem an.

 

„Es scheint so, als ob sich in dem Büro mehrere Männer und eine ältere Frau befinden“, berichtete sie dann.

„Eine ältere Frau? Was meinst du damit? Es gibt doch kaum noch jemanden, der älter als 30 ist. Wie alt meinst du?“

Ayo dachte angestrengt nach. „Ich habe zwar bisher nur sehr selten ältere Menschen gesehen oder gehört. Aber ich glaube sie ist über vierzig.“

„Was ist mit den Männern? Sind sie gefährlich?“

„Ich glaube ja.“

Unschlüssig sahen sie sich an. Was sollten sie jetzt tun? Sie hatten es offensichtlich mit einer Übermacht zu tun. Es wäre Wahnsinn, wenn sie dort einfach rein platzen und den Verantwortlichen zur Rede stellen würden.

„Wir könnten warten bis sie weg sind?“, schlug Ayo wage vor, als plötzlich laute Schritte und eine unheimliche Stimme hinter ihnen zu hören waren.

„Hey! Ihr da, was macht ihr hier?!“

Cole und Ayo fuhren herum. Ein Cyborg stand hinter ihnen auf der Treppe. Er war gute zwei Meter groß und bestand offenbar fast vollständig aus Metall. Nur sein Kopf war noch menschlich. Er strahlte Macht und Stärke aber auch Dummheit aus und Cole musste unwillkürlich an einen Bodyguard denken. Ayo sammelte panisch ihr Ohr wieder ein.

„Spioniert ihr die Führungsetage aus?! Seid ihr Spione oder was?“, brüllte der große Cyborg ihnen entgegen. Cole fragte sich gerade, was dieses Tier von einem Mann mit seiner Lautstärke wohl kompensieren wollte, als dieser die beiden auch schon grob an den Armen packte.

„Mitkommen!“, befahl der Bodyguard. Ayo quiekte erschreckt, da er ihren menschlichen Arm erwischt hatte und Cole spielte mit dem Gedanken, ihn zu schlagen. Der Bodyguard schliff die beiden in das große Büro und kaum, dass sie es betreten hatten, stockte Cole der Atem.

 

Eine Frau von wohl körperliche Mitte fünfzig und zwei Männer, die wie ihre Leibgarde neben ihr standen, drehten sich zu ihren unangekündigten Gästen um. Die Männer hätten gut und gerne schlechte Kopien des Bodyguards sein können, der Cole und Ayo gerade an den Armen gepackt hatte.

Die Frau, die zwischen ihnen auf einem drehbaren Chefsessel saß, hatte silbergraues, schulterlanges Haar, das ihr in einem starken Seitenscheitel so sehr ins Gesicht fiel, dass man immer nur ein Auge sehen konnte. Sie hatte kalte, harte Augen, die denen von Cole so unheimlich ähnlich sahen und die er auch nur all zu gut kannte.

„Mutter?!“, rief er ungläubig und Ayo warf ihm einen überraschten Blick zu.

Trotzdem die Frau körperlich wohl Mitte fünfzig war, hatte sie eine erstaunlich gute Figur, was wie Cole teils wusste, teils vermutete mit einer Menge Schönheitsoperationen zu tun hatte. Die Beine überschlagen und ein Martiniglas lässig in der Hand grinste sie ihrem Sohn hämisch entgegen. Cole runzelte verwirrt die Stirn. Was machte sie hier? Und was war mit ihr los?

„Cole! Was für eine Ehre, dich mal wieder leibhaftig zu Gesicht zu bekommen. Freust du dich denn nicht unglaublich, mich zu sehen?“ Ihre Stimme triefte vor Hohn. Nun war Cole vollkommen durcheinander. Wie auch immer er sich ein erneutes Zusammentreffen mit seiner Mutter vorgestellt hatte, so garantiert nicht.

„All die Jahre unwissend und doch so nah bei mir. Ist das nicht traurig?“

Die drei Bodyguards lachten.

„Was meinst du damit?“, fragte Cole irritiert und versuchte sich aus dem Griff des Bodyguards zu befreien.

„Lass sie runter“, befahl Coles Mutter plötzlich gebieterisch und Ayo und Cole wurden brutal zu Boden geworfen.

Man hörte ein ekliges Quietschen von Ayos mechanischen Arm und sie blickte wütend dem Bodyguard entgegen. Cole ahnte schon, dass sie diesen nur all zu gerne angreifen würde und zischte daher schnell: „Ayo, nicht!“

Murrend gab sie ihren Plan, dem Bodyguard das Knie zu zerschmettern, auf.

Cole richtete sich auf und stand seiner Mutter nun direkt gegenüber.

„Was machst du hier?“, fragte er dann einfach frei heraus.

Seine Mutter begann leise zu lachen. „Ich führe dieses Unternehmen. Sogar schon seit geraumer Zeit.“

Cole konnte nun nicht mehr anders, als sie offen anzustarren. „Heißt das etwa, dass du weißt, wer dafür verantwortlich ist, dass die Betten dieser Firma den Menschen die Träume und ihre Persönlichkeit rauben?“, fragte er immer noch ungläubig.

Seine Mutter begann erneut zu kichern. Erst leise und dann immer lauter. Es wurde ein wahnsinniges Lachen, welches er von ihr noch nie gehört hatte. Unsicher wich er etwas zurück.

Ich bin dafür verantwortlich, mein Schatz. Ich ganz allein! Das ist mein kleines Privat-Experiment. Nett, nicht war?“

Cole schüttelte den Kopf. Das konnte einfach nicht die Frau sein, die ihn damals großgezogen hatte! Zugegeben, „großgezogen“ war wohl schlecht formuliert. Seine Eltern hatten beide Vollzeit gearbeitet, seine Mutter sogar noch mehr als sein Vater. Er hatte sie praktisch nie richtig zu Gesicht bekommen, aber dennoch… sie würde doch niemals… warum…?

„Was ist mit dir geschehen?“, brachte er nur noch heraus.

„Ich brauche dir hier nicht zu antworten, Cole“, sagte seine Mutter. Von dem Lachanfall war ihr nichts mehr anzumerken.

„Cole“, zischte Ayo plötzlich, die mittlerweile neben ihm stand, doch er ignorierte sie.

„Was hast du dir nur dabei gedacht?“ Er würde dieses Büro nicht verlassen, ehe er ein paar Antworten hatte.

Das böse Grinsen auf ihrem Gesicht wurde erneut breiter und sie lehnte sich ein wenig in seine Richtung vor.

Ich wollte einfach wissen, wie weit ich gehen kann “, hauchte sie und genoss die Wirkung, die diese Worte auf Cole ausübten. Er bebte vor Zorn.

„Du… Du bist so… widerwärtig!“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sein Zittern wurde stärker. Ayo legte eine Hand auf seine Schulter und schüttelte ihn leicht. Sie versuchte noch immer seine Aufmerksamkeit zu erlangen, doch er ignorierte sie weiterhin.

„Was ist nur aus dir geworden?! Ich hasse dich!“, schrie Cole seine Mutter an und diese begann erneut, leicht wahnsinnig zu lachen.

„Hahaha! Du bist genau so ein Feigling, wie dein kleiner Bruder! Ihr beide seid schon immer vollkommen nutzlos gewesen. Wärst du damals doch mit ihm zusammen in die Luft geflogen!“

Coles Augen weiteten sich. Das durfte doch alles nicht war sein.

„Lass meinen kleinen Bruder da raus! Du hast auch so schon genug angerichtet! Ich werde dich dafür büßen lassen! Die ganze Welt wird erfahren, was du hier tust und dann werde ich eigenhändig dafür sorgen, dass du in den Ruin getrieben wirst! Du wirst dein Leben hinter Gittern verbringen!“, schrie er und wollte sich auf sie stürzen, doch bereits mitten im Sprung wurde er von dem Bodyguard neben sich zu Boden gerissen. Sie rangelten miteinander, doch Cole hatte keine Chance gegen die stählernen Arme, die ihn weiter zu Boden drückten und jeden seiner Schläge einfach ignorierten. Es war ihm unmöglich, sich zu wehren. Er unterlag. Alles, was er tat, war sinnlos.

Doch Cole hatte seine Rechnung ohne Ayo gemacht.

Er hörte nur einen dumpfen Aufprall von Metall auf Knochen und sah, wie sein Angreifer zur Seite umkippte. Sie hatte ihn durch einem gezielten Schlag mit einem Feuerlöscher auf seinen Kopf ausgeknockt. Etwas fassungslos starrte Cole sie an und sie zuckte nur schwer atmend mit den Schultern.

Die anderen beiden Bodyguards erwachten aus ihrer Starre und rannten auf die beiden zu. Flucht kam nicht in Frage, also machten sie sich bereit für einen Kampf. Ayo warf Cole den Feuerlöscher zu, da sie zumindest einen Arm hatte, der es mit denen der anderen Cyborgs aufnehmen konnte und zückte eines ihrer Küchenmesser. Ohne zu zögern stürzte sie sich auf den ersten der beiden und ein ungleicher Kampf entstand. Wann immer ihre metallenen Körperteile aufeinander prallten, sprühten Funken und schon bald war Ayo voller blauer Flecken und der Bodyguard hatte mehrere, teils tiefe Schnitte im Gesicht.

Währenddessen versuchte Cole sich den anderen Bodyguard mithilfe des Feuerlöschers vom Hals zu halten, doch er war dem Hünen körperlich einfach nicht gewachsen. Wütend biss er die Zähne aufeinander.

Schließlich drückte er verzweifelt den Auslöser des Feuerlöschers und der Cyborg wurde in weißen Schaum eingehüllt. Er schlug noch einmal nach Cole, ehe er nach einem Kurzschluss einfach zu Boden ging.

Cole blickte geschockt auf sein „Opfer“, doch Ayos Schrei, riss ihn aus seiner Starre. Der Bodyguard, gegen den sie kämpfte, hatte ihr mit voller Wucht auf ihr rechtes Knie getreten, worauf dieses in seine Einzelteile zersprang. Ayo fiel zu Boden. Instinktiv rannte Cole auf ihren Angreifer zu und sprang ihn an. Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte schlug er ihm den Feuerlöscher mitten ins Gesicht. Ein widerliches Knacken ertönte, und der Mann brach zusammen.

Cole stand zitternd über ihm. Oh Gott! Hatte er ihn umgebracht?!

„Keine Angst, Cole, der lebt noch. Hast ihm nur die Nase gebrochen“, sagte Ayo plötzlich, die mit einem Mal wieder hinter ihm aufgetaucht war. Sie hüpfte auf ihrem gesunden Bein neben ihn. „Gib den mal her.“ Sie nahm ihm den Feuerlöscher aus der Hand und sprühte nun auch die anderen beiden Cyborgs voll, sodass sich keiner der drei so schnell wieder bewegen können würde.

„Ayo, dein… dein Bein!“ Cole hatte offenbar seine Sprache wiedergefunden.

„Halb so wild. Ist ja nur die Prothese, ich habe mich bloß erschreckt.“ Sie lächelte ihn ermutigend an. „Los, wir müssen deiner heißgeliebten Mutter folgen, ehe sie ganz verschwindet.“

Cole drehte sich erstaunt um. Ihm war in dem ganzen Gerangel gar nicht aufgefallen, dass seine Mutter in den angrenzenden Raum geflüchtet war.
Ayo stützend gingen (bzw. humpelten) sie in den Raum, doch sie wurden erneut überrascht von dem, was sie dort sahen.

Es handelte sich um einen kleinen, gemütlich eingerichteten Raum mit einem unglaublichen Blick über ganz Hamburg. Ein Sofa und mehrere Sessel sowie ein kleiner Kamin standen darin. Doch Coles Aufmerksamkeit galt einzig und allein den beiden Personen, die sich in der Mitte des Raumes befanden.
Langsam aber sicher, glaubte er, dass ihn hier jemand in den Wahnsinn treiben wollte. „Adam?“, sprach er den jungen Mann an, der seine bewusstlose Mutter im Arm hielt. Was machte sein angeblich toter, großer Bruder hier?!

„Hallo Cole“, erwiderte der Angesprochene schüchtern, ehe sich ein sehr unangenehmes Schweigen über ihnen ausbreitete.

Ayo war es schlussendlich, die die Stille durchbrach. Sie setzte sich einfach auf das kleine Sofa, das sich neben ihr befand, und verkündete, dass sie jetzt gefälligst eine logische Erklärung für dieses unerwartete Familientreffen hören wolle.

Zögernd gab sich Adam geschlagen. Er und Cole setzten sich ebenfalls, wobei Cole seinen Bruder nicht eine Sekunde aus den Augen ließ. Adam räusperte sich:

„Also… Ähm… Das ganze war so:“

Er begann seinen Bericht mit den Jahren nach dem Unfall, bei dem Coles jüngerer Bruder gestorben war. Coles Mutter hatte wohl nicht nur ihn getäuscht, denn sie hatte Adam erzählt, dass Cole ebenfalls gestorben und sie nun auf Adams Hilfe angewiesen sei. Er hatte sie, wie er es immer getan hatte, unterstützt und ihr geholfen, das Familienunternehmen immer weiter auszubauen und ihre Macht und ihr Ansehen zu steigern.

Damals hatte er geglaubt, dass das, was seine Mutter tat, der ganzen Menschheit helfen würde. Doch all die Macht und das Geld hatten sie verändert.

Anfangs war noch alles gut gewesen und sie hatten wirklich etwas Positives bewirkt, klärte er Ayo und Cole auf, doch vor knapp zwanzig Jahren war ihr der Erfolg dann plötzlich zu Kopf gestiegen und sie habe mit ihrem „Experiment“ begonnen.

„Experiment?!“, rief Cole und fühlte sich unglaublich elend.

„Ja, diese Sache mit den manipulierten Betten läuft noch nicht so lange, wie ihr vielleicht denkt. Außerdem hat sie das auch nur hier in Hamburg durchgezogen. Sie meinte, dass sie erst einmal testen müsse, wie gut das ganze funktioniert.“

„Du nennst zwanzig Jahre kurz?“, fragte Ayo schockiert dazwischen.

„Ayo, die meisten Menschen hier sind weit über zwanzig, auch wenn sie nicht so aussehen“, erinnerte Cole sie. „Aber was meinst du damit, dass sie das ganze erst testen müsse? Was hatte sie denn vor?“

Adam seufzte. „Mum wollte eine globale Gleichschaltung erreichen. Sie wollte, dass alle Menschen glücklich sind und keiner mehr unter psychischen Problemen leiden muss.“

„Aber das ist doch Irrsinn!“, funkte Cole dazwischen.

„Der Grundgedanke war gar nicht so schlecht.“

„Aber man kann doch nicht einfach die Menschen zu Marionetten machen! Damit ist niemandem geholfen! Wenn überhaupt ist doch wohl sie diejenige mit der psychischen Störung. Da hätte sie mal bei sich anfangen sollen!“

„Ja… das stimmt wohl.“ Adam blickte traurig zu Boden. „Aber wie du vielleicht weißt, ist sie weder Psychologin, noch Chemikerin. Sie hat wirklich bei sich angefangen, aber ihre Selbstexperimente liefen teilweise völlig schief. Mit den Jahren ging sie immer mehr daran kaputt. Ich habe versucht, ihr zu helfen, aber das einzige, bei dem sie sich helfen ließ, war ihr Experiment. Es war… wie ihr neues Lebensziel. Ich konnte sie nicht mehr aufhalten. Also habe ich versucht, alles so gut wie möglich funktionieren zu lassen.“ Er lächelte gequält. „Ganz schön dumm von mir, nicht war?“

Cole und Ayo schwiegen bedrückt. Cole hätte sich nie träumen lassen, dass seine Mutter einmal an einer Ideologie zu Grunde gehen würde.

„Ich kann verstehen, warum du so gehandelt hast. Du hast es für deine Familie getan und weil du deine Mutter geliebt hast“, sagte Ayo plötzlich. Adam sah sie dankend an. Nach und nach nannte er noch weitere Einzelheiten des Experiments.

Auch, dass er erst über dieses Experiment davon erfahren hatte, dass Cole überhaupt noch lebte und sogar in dieser Firma arbeitete.
Er war es, der Cole die Informationen zukommen ließ. Adam hatte gehofft, dass zumindest Cole ihre Mutter zur Vernunft bringen konnte. Außerdem fand er es einfach unfair, ihn im Dunkeln zu lassen.
Adam war noch immer mit der gesamten Situation überfordert – womit er wohl nicht der einzige war – und entschuldigte sich aber und aber tausende Male für dieses menschenunwürdige Experiment, das er einfach zugelassen hatte.

Schließlich verziehen Ayo und Cole ihm, unter zwei Bedingungen.

Erstens: Adam und Coles Mutter sollte den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen und zweitens: Das Experiment wurde sofort beendet und jeder Betroffene sollte die Wahrheit erfahren.

Adam versprach es.

Etwa eine Woche später wurde Mrs. Sullivan der Prozess gemacht und ein unglaublicher Skandal ging durch die Medien. Nach und nach wurden alle Betten zurückgefordert und durch neue, harmlose ersetzt. Die Menschen in Hamburg hatten endlich wieder Träume – blöder Weise gab es in den folgenden Wochen auch etliche Straftaten und die Gesetzeshüter mussten mehr Leute verhaften als in den vergangenen zwanzig Jahren zuvor.

Cole dagegen konnte über sein neues Leben nicht klagen. Seine Freundschaft zu Ayo war seit sie beide wieder klar denken konnten nur noch enger geworden und er hatte endlich wieder einen Teil seiner Familie zurück – Adam.

Es tat gut, die beiden um sich zu haben. Sie gaben ihm das Gefühl von Heimat und Geborgenheit zurück, das er vor so langer Zeit verloren geglaubt hatte. Und mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass das Puzzle in seinem Inneren endlich wieder ganz war.