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Das Tagebuch

von Nele Kirchhoff

Es war ein stürmischer und regnerischer Tag, als ich mit meinem klapprigen Auto zu meinen Eltern fuhr, um Ihnen beim Einpacken Ihres Eigentums für den Umzug zu helfen. Schon komisch, dass sie das Haus, in dem ich aufgewachsen war, verkauft hatten. Glückliche Erinnerungen durchströmten mich, als ich die Stufen zur Eingangstür hinaufstieg. Das war es also jetzt, ein letztes Mal zu Besuch in meinem alten Zuhause, dachte ich traurig. Ich begrüßte meine Eltern, die schon fleißig Sachen in Kisten packten und erklärte mich bereit den Dachboden in Angriff zu nehmen. Es hatte aufgehört zu regnen und die Sonne schaute hinter den Wolken hervor. Das Licht strömte durch das Fenster ins Innere und die Staubflocken glitzerten und tanzten im zarten Sonnenlicht. Stickige Luft machte mir das Atmen schwer, sodass ich das Fenster leicht öffnete. Voller Ehrgeiz sortierte ich die Sachen, die sich im Laufe der Jahre hier oben angesammelt hatten. Mein Blick schweifte durch das Zimmer und blieb an einem Karton hängen. Was war denn das? Ganz am Ende der Kiste schaute ein altes zerknicktes Buch hervor, das sofort meine Neugierde weckte. Entschlossen zog ich es aus dem vergilbten Karton und musterte es eingehend. Es sah alt aus, etwas zerknittert und erst als ich es vorsichtig herauszog und in meiner Hand hielt, es sehr sorgfältig von dem ganzen Dreck der letzten Jahre befreite, bemerkte ich, dass es sich um ein handgeschriebenes Tagebuch handelte. Wer mochte es geschrieben haben, wie lange lag es schon hier und welche Geheimnisse wohl in ihm standen. Aufregung durchfuhr mich und ich spielte mit dem Gedanken es zu öffnen und zu lesen, aber mir war bewusst, dass ich das nicht machen sollte, schließlich handelte es sich um ein Tagebuch. Ich selbst würde es auch nicht wollen, dass jemand meine privaten Aufzeichnungen liest. Mit diesem Entschluss legte ich es vorerst an einen sicheren Ort und räumte weiter auf. Doch meine Gedanken schweiften immer wieder zu diesem geheimnisvollen Buch und ein Kribbeln durchzog meinen Körper. Nur mal eben ganz kurz einen Blick riskieren. Es wurde immer schwieriger zu widerstehen, bis ich es nicht mehr aushielt und es eilig öffnete. 

Als ich die erste veraltete Seite aufschlug wurde das alte Aussehen des Buches, durch das oben rechts in der Ecke stehende Datum 27.06.1980, bestätigt. Staunend stellte ich fest, dass dieses Tagebuch schon 45 Jahre alt war. Die etwas krakelige Signatur verriet mir, dass es einer Annabelle Lang gehörte. Der Name sagte mir nichts. Wer war das und warum lag ihr Buch auf dem Dachboden meiner Eltern? Einen Zusammenhang zu meiner Familie gab es meines Erachtens nicht, da ich keine meiner Verwandten kenne, welche mit Nachnamen Lang heißen, ich selber heiße Franziska Nobis. Also wieso war dieses Tagebuch hier, hat es etwas mit meiner Familie zu tun? Schuldbewusst klappte ich das Buch schnell wieder zu.  Ich musste das unbedingt herausfinden.

Mit dem Buch unter dem Arm stapfte ich die Dachbodentreppe hinunter und ging in die Küche. Meine Mutter bereitete gerade das Mittagessen zu, es roch schon sehr köstlich nach Hackbraten. Gerade wollte ich ansetzen und sie über diese mysteriöse Annabelle Lang ausquetschen, doch bevor ich irgendwas fragen konnte, wurde ich zum Tischdecken aufgefordert. Als nun mein Vater, meine Mutter und ich am Tisch saßen, ergriff ich die Chance und fragte, ob sie eine Annabelle Lang kennen. Meine Mutter hielt vor Schreck in der Bewegung inne und es herrschte sofortige Stille. Besorgt blickten sich meine Eltern an. Eine Ewigkeit verging, als meine Mutter zögernd antwortete, dass sie meine Großtante war. Nachdem dies gesagt wurde wechselte mein Vater schnell das Thema und sprach die Planung meines Geburtstags an. Ich werde Ende diesen Monats 20 Jahre alt und hatte mir noch keine Gedanken darüber gemacht, ob ich feiern wollte und in welcher Weise. Das Thema war ausnahmsweise mal abwechslungsreich, da wir sonst immer darüber redeten, wie sich die Menschheit wohl entwickeln würde und mein Vater erzählte immer wieder von seinem im Labor neu erworbenen Wissen, welches die Theorie des Zeitreisens angeht oder neue Maschinen. Wo sein Labor war hatte er nie erzählt und er machte stets ein großes  Geheimnis daraus. Mit der Zeit jedoch wurde es für mich immer langweiliger, aber meine Eltern griffen das Thema immer wieder auf, weshalb es mich wunderte, dass sie es an diesem Abend nicht einmal taten.

Nach dem Essen verschwand ich nachdenklich in mein altes Kinderzimmer und dachte über das merkwürdige Verhalten meiner Eltern nach. Erst diese fragwürdigen und überforderten Blicke und dann dieser plötzliche Themenwechsel. Welches Familiengeheimnis wollten sie unter den Teppich kehren, was sollte ich nicht wissen und warum gab es keinerlei Erklärungen? Seit meiner Kindheit war ich neugierig und voller Tatendrang, das hatte sich bis heute nicht verringert, im Gegenteil: Ich musste Rätseln immer auf den Grund gehen. Diese ganze Geheimniskrämerei und das merkwürdige Handeln brachten mich dazu, dass ich mich entschloss das Geheimnis alleine zu lüften.  Ich stürmte los, die Treppe hoch, um das Buch zu holen, doch als ich oben völlig außer Atem ankam, war es weg. Enttäuscht suchte ich den Dachboden ab. Wut stieg in mir auf. Hatten meine Eltern es etwa heimlich weggenommen? Ich suchte aufgewühlt weiter und plötzlich sah ich es, anscheinend hatte ich es aus Versehen in einen Karton gepackt. Versteckt unter meinem Pulli, trug ich die es in mein Zimmer. Ich legte mich auf das Bett, schlug das Buch sachte auf und fing erwartungsvoll an zu lesen.

Es schockierte mich, was dort alles geschrieben war. Plötzlich hatte ich ein erdrückendes Dejavue. Alles was dort stand, hatte auch ich selbst in den letzten Monaten erlebt, jedes einzelne Detail. Am Anfang war es noch harmlos und ich dachte es wäre Zufall, doch mittlerweile stimmten viele Erzählungen mit den Geschehnissen meiner vergangenen Tage überein. Die ganzen schrecklichen Geschehnisse, das Weglaufen meines Hundes, derselbe Trennungsgrund bei mir und meinem Freund, dass er mich mit meiner besten Freundin zweimal betrogen hatte, die Fehlgeburt, dieselben Krankheitssymptome und es ging immer so weiter. Es schien als würde jemand mein Leben vorhergesehen und aufgeschrieben haben. Sogar die Monate und Jahreszeiten stimmten überein. Ich war sprachlos und glaubte das alles nicht, doch ich entschied mich die Seiten mit dem morgigen Datum zu lesen um herauszufinden ob die Vorhersage eintreten würde. Mit hastigen Fingern blätterte ich die Seiten um. Alles schien als wäre es ein ganz normaler Tag gewesen, doch dann gab es eine plötzliche Wendung. Ein Blitz schlug plötzlich in den Baum direkt neben ihrem Haus ein. Sowas passierte bei uns nie. Und der Wetterbericht für Morgen sagte vorher, dass es sonnig und warm sein würde.
Ich lächelte in mich hinein, machte mir keine Sorgen und sagte mir immer wieder, dass das nur Zufall sei. Franziska du bildest dir bloß wieder etwas ein, dachte ich mir. Trotzdem rotierten die Gedanken die ganze Nacht über in meinem Kopf bis ich endlich vor Erschöpfung einschlief.

Am nächsten Morgen wurde ich von den Sonnenstrahlen geweckt, die mir warm ins Gesicht schienen. Draußen am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen und es gab auch keine Anzeichen für ein Gewitter. Ich entschloss mich, das Buch zu verstecken, bevor meine Eltern es noch sahen und mir vielleicht wegnehmen würden. Fröhlich pfeifend ging ich unter die Dusche und vergaß das Tagebuch. Ein ganz normaler Tag stand mir bevor und nichts deutete auf Abweichungen meines Alltags hin.
Als ich am Nachmittag wie so oft einen Mittagschlaf machte, wurde ich schon ziemlich unsanft geweckt. Meine Mutter war völlig außer Atem in mein Zimmer gestürmt und rüttelte mich an den Schultern. Sie erzählte mir aufgelöst, dass wir das Haus reparieren müssten, bevor sie ausziehen konnten, da ein Baum auf das Haus gefallen war. Ich traute meinen Ohren nicht, das hatte sie gerade nicht wirklich gesagt? Das konnte nicht passiert sein. Ich musste noch träumen.
Bevor ich wusste, wie mir geschah, zerrte meine Mutter mich nach unten und gab mir Anweisungen, wie ich dabei helfen sollte, das Dach abzudecken. Ein riesiger Baum ragte ins Dach und hatte es durchstoßen. Regen strömte herein und schien alles aufzuweichen. Wie hatte ich bei dem Krach einfach weiter schlafen können? Völlig überfordert und noch verschlafen zog ich mir meine Gummistiefel an und schnappte mir meine Jacke. Mein Vater stand derweil schon draußen auf der Leiter und versuchte verzweifelt mit einer Plane das Loch abzudichten, doch der Wind blähte sie immer wieder auf. Ich ergriff ein Ende der widerspenstigen Plane und hielt es fest, damit mein Vater es am Dach befestigen konnte. Wir arbeiteten schnell und konzentriert, bis wir es geschafft hatten, dass kein Regen mehr in unser Haus eindringen konnte.
Völlig durchnässt kehrte ich in mein Zimmer zurück und schmiss die nassen Sachen ins Bad. Ich nahm eine warme Dusche und kuschelte mich danach in meine Decke.

Als ich wieder Zeit hatte nachzudenken, wurde mir erst klar, dass diese grausame  Vorhersehung wahr geworden war. Es lief mir eiskalt den Rücken runter, das konnte doch alles nicht echt sein. Ich glaubte nicht an Vorhersehung, Wahrsager und dergleichen. Doch das alles konnte kein Zufall sein. Sollte ich jetzt vielleicht doch weiterlesen, um zu erfahren, wie meine Zukunft verläuft – oder sollte ich sie einfach auf mich zukommen lassen? Zu wissen was für schöne Momente ich haben werde wäre doch schön, denn dann wäre ich voller Vorfreude und ohne Unwissen. Das wäre gut für mich, da ich Ungeplantes und Neues hasse. Ich hasse es einfach, wenn etwas geschieht, womit ich nicht gerechnet hätte. Außerdem könnte ich dann auch Vorgänge, welche ich nicht so gut finde beeinflussen und verändern. Trotzdem ängstigte es mich zu erfahren, was ich noch für schreckliche Erlebnisse erleben werde, gar, wie ich sterben würde. Panik erfasste mich, was sollte ich nur tun? Durch die Erfahrung mit meiner ständigen Neugierde war mir sowieso bewusst, dass ich es letzten Endes lesen würde, also warum dann nicht gleich jetzt?
Aus meinem Nachttisch nahm ich das Buch und bereitete mich vor, zu lesen.  Erst jetzt fiel mir ein komisches verschnörkeltes Symbol in der Mitte des Buches auf. Was war denn das? Wieder setzte sich meine Neugierde durch, es sah wie eine Art Kreis aus, mit Ranken und … – waren das etwa kleine Uhren zwischen den Blättern? Interessiert studierte ich das Zeichen. Ich holte mir eine Lupe aus Papas Arbeitszimmer und widmete mich den Symbolen. Jetzt konnte ich es deutlich sehen, in den verschlungenen Ranken waren winzige Uhren versteckt, einige zeigten eine Uhrzeit, auf anderen waren Monate und Jahre zu erkennen. In meinem Kopf schwirrten mehrere Fragen umher. Was hatte das zu bedeuten? Was hatte es damit auf sich und warum kam mir das alles irgendwie bekannt vor?

Das Buch zur Seite legend, suchte ich in meinen Erinnerungen, als es mir plötzlich wieder einfiel. Hastig schnappte ich mir das Buch und schlich leise in den Keller, damit meine Eltern es nicht bemerkten und somit auch nicht fragten, was ich dort so spät noch zu suchen hatte. Nun war ich unten, doch was jetzt? Wo war es nur? Ich suchte den Raum mit den Augen ab. Irgendwo musste es doch sein, ich ging im Keller umher und dann sah ich es.
An einer Ecke hatte sich ein Stück Tapete gelöst und man konnte die Umrisse eines Kreises erkennen. Genau das war es! Ich eilte zu der Stelle und begann die Tapete abzulösen. Ich trat einen Schritt zurück und betrachtete das Symbol, das jetzt freigelegt war. Es sah genauso aus wie das in dem Buch. Ich verglich die beiden Zeichen und fuhr mit den Fingern die Linien auf der Wand nach, als es plötzlich zu leuchten anfing.
Erschrocken zog ich meine Hand weg.
Das Leuchten erlosch und alles war wie vorher. Hatte ich mir das nur eingebildet, spielte mir die Fantasie einen Streic? Ich blätterte in dem Buch und entdeckte einige rausgerissene Seiten, die mir vorher nicht aufgefallen waren. Aber es war eindeutig, es fehlten einige Seiten. Grübelnd blickte ich zur Wand, als ich unerwartet etwas Weißes aufblitzen sah. Es ragte etwas aus der Wand heraus, aber dieses Mal ein Stück weiter neben dem Symbol. Die Wand hatte an der Stelle ein kleines Loch in dem etwas steckte. Es sah wie eine Art Rolle aus oder so. Angestrengt versuchte ich das Etwas aus der Wand zu ziehen und es gelang mir das Röllchen unbeschadet herauszuholen. Ich hatte das Loch noch nie gesehen, da sonst immer ein Schrank davor stand. Ich begann den Zettel zu entrollen und ich entdeckte die Ränder welche aussahen, als seien sie abgerissen worden. Wie in dem Tagebuch …

Meine Haut begann zu kribbeln, und mir wurde schlagartig heiß. Was wäre, wenn es eine der fehlenden Seiten ist. Die Seite hatte dieselbe Größe wie die Seiten im Tagebuch und besaß nach genauer Betrachtung auch dieselbe Schrift, doch was genau ich damit anfangen sollte war mir ungewiss. Es standen nur zwei Fragen drauf und ein merkwürdiges und kompliziertes Zeichen, doch dieses hatte zusätzlich noch sechs Striche, welche den ganzen Kreis durchzogen. Und an jedem Ende entdeckte ich ein anders farbiges Sternzeichen. Zusätzlich befasste es sich mit zwei handgeschriebenen Fragen: Wird die Zukunft positiv sein? Wird sich die Menschheit weiterentwickeln?
Was sollte das bedeuten? Selbstverständlich konnte ich jetzt darüber nachdenken und von mir aus darauf antworten, aber was würde das bringen? Ich hatte mehr erwartet, einen weiteren Eintrag, aber doch nicht bloß zwei Fragen, über die sich vermutlich jeder Mensch schon einmal Gedanken gemacht hatte. Außerdem das merkwürdige Symbol.

Ratlos wollte ich gerade wieder hoch gehen und murmelte die Fragen vor mich hin, doch als ich das Licht ausmachte, sah ich etwas Grelles, rot Leuchtendes, welches aus der Richtung des Loches kam. Ich drehte mich langsam um und musste mir unbedingt das Loch etwas genauer ansehen. Es sah so aus, als wenn das Licht direkt aus der Wand scheinen würde.

Ich nahm mir einen Hammer und schlug vorsichtig, um nur ja keinen Lärm zu machen und die Eltern zu wecken, gegen die Wand. Als ich es nun geschafft hatte die Wandfarbe, durch die das Loch versiegelt war,  zu durchschlagen, sah ich einen roten Knopf. Fragend glotze ich den Knopf an, was war das jetzt wieder, was hatte der zu bedeuten? Wofür war der Knopf da? War es vielleicht nur ein Lichtschalter der aus Versehen übergepinselt worden war? Sollte ich ihn vielleicht mal ausprobieren? Die Gedanken kreisten in meinem Kopf. Bilder von Horrorfilmen blitzen auf, jeder weiß doch, geh nicht alleine einen einsamen Weg! Lauf weg, wenn du Schreie hörst und vor allem: Drücke nicht auf harmlos wirkende rote Knöpfe. …

Andererseits, nach all dem, was mir schon passiert ist, was sollte mich da noch schocken? Es spricht doch alles dagegen. Aber was ist, wenn etwas Gutes dabei raus kommt? Vielleicht eine geheime Kammer mit einem Schatz oder vielen Klamotten. Oder aber, es ist eben doch nur ein vergessener Lichtschalter. Wenn ich das herausfinden wollte, muss ich diesen verdammten Knopf drücken und damit die Angst vor etwas Unvorhersehbaren bewältigen.
Ich nahm all meinen Mut zusammen, umklammerte das Tagebuch mit eisernem Griff und drückte es an meine Brust, streckte meine Hand zögerlich aus, schloss meine Augen und drückte. Doch es passierte … nichts.

Alles war wie zuvor,. Ich stand im Keller im Dunkeln und schaute zur Wand. Nur das rote Licht war aus. Ich stütze mich an der Wand ab und berührte eher zufällig das verschnörkelte Zeichen, da begann sich plötzlich alles zu drehen. Ein helles Licht durchflutete den Keller und blendete mich, der Boden fing an zu vibrieren und mir zitterten die Knie. Immer schneller fing sich der Raum an, sich um mich zu drehen. Ich hielt das Buch fest an mich gepresst, dann wurde mir schwarz vor Augen, ich verlor das Bewusstsein und stürzte zu Boden.

Als ich wieder zu mir kam, öffnete ich langsam meine Augen. Ich erkannte den Keller wieder, doch irgendetwas war anders. Viel zu sauber und die Wände wirkten irgendwie glatt und steril. Alles nur Einbildung dachte ich, sammelte das Buch und die ausgerissene Seite ein und  ging nach oben. Ich brauchte wohl dringend etwas Schlaf, ich würde morgen nochmal wiederkommen und versuchen das Rätsel zu lösen.  Als ich jedoch die Kellertür öffnete und in die Küche ging fiel mir auf, dass es schon wieder hell war. Wie konnte das sein, war ich etwa die ganze Nacht ohnmächtig, ich legte das Buch auf die Anrichte und wollte mir gerade etwas zu trinken einfüllen, als ich fassungslos war. Was waren das eigentlich hier für Möbel. Erstaunt blickte ich mich genauer um. Der Tisch sah anders aus und die Stühle auch. Beides hatte keine Beine und schien irgendwie zu schweben. Blödsinn, das geht ja gar nicht. Hatte ich die Erdanziehungskraft außer Kraft gesetzt? Unmöglich, denn schließlich stand ich wie angewurzelt in der Küche oder wo auch immer ich war und schwebte nicht an der Decke. Noch in Gedanke versunken, berührte mich plötzlich etwas an den Beinen, langsam und behutsam senkte ich den Blick nach unten, um zu sehen was es war. Es sah aus wie eine Katze aber auch wie ein Hund. Sowas hatte ich noch nie gesehen und existieren konnte so ein Wesen auch nicht. Das ist bestimmt alles nicht real. Ich schüttete mir Wasser ins Gesicht und merkte wie ich danach einfach nur nass war und ich wohl bei Verstand sein musste. Was ist das? Wo bin ich? Ich war auf jeden Fall nicht Zuhause, aber wie bin ich hier hingekommen.

Als ich aus der Tür trat staunte ich, denn was ich da zu Gesicht bekam, konnte ich kaum begreifen. Ich sah schwebende Autos und Ampeln und auf der Straße waren Menschen die nicht liefen, aber sich trotzdem bewegten. Die Schuhe bewegten sich von selbst. Sie standen einfach da und kamen trotzdem vorwärts. Jetzt war mir klar, dass ich komplett verrückt sein musste. War ich so stark auf den Kopf gefallen, dass ich jetzt Dinge sah die es nicht geben konnte? Ich entschloss mich, erstmal eine Dusche zu nehmen, damit ich wieder zu Verstand kam. Doch auch die Dusche war nicht dieselbe wie ich sie kannte, aber das würde sich bestimmt gleich ändern. Dieser Gedanke war jedoch falsch, da die Dusche immer noch dieselbe war, nachdem ich geduscht hatte und sah genauso aus wie als ich sie betreten hatte. Nichts hatte sich geändert und doch hatte die Dusche meinen Verstand nicht wieder in die richtigen Bahnen gelenkt.
Als ich zum Kleiderschrank ging, um mir neue Sachen auszusuchen, redete auf einmal jemand mit mir. Ich drehte mich erschrocken um, doch ich sah niemanden, aber irgendjemand sprach mit mir. Als ich die Schranktür wieder öffnete, welche ich vor Schreck wieder zugeschlagen hatte, redete schon wieder jemand mit mir, aber dieses Mal verstand ich die Stimme.
Sie sagte: „Was wollen sie heute tragen, Franziska Nobis? Dem Wetter entsprechend habe ich ihnen ein Outfit zusammengestellt. Falls Ihn das nicht gefällt, stelle ich Ihnen selbstverständlich ein neues zusammen.“

 Vollkommen irritiert kam mir der Gedanke, dass es nur der Schrank sein konnte, welcher mit mir über sowas reden könnte, aber das wäre vollkommen verrückt, denn Schränke können nicht reden. Doch anscheint war es so, da aus dem Schrank ein Arm kam, welcher mir ein Outfit hinhielt. Aber woher wusste er meinen Namen, das ist doch nicht wirklich mein Haus, ich war noch nie hier. Auf einmal klingelte es an der Tür, ich lief die Treppe hinunter und als ich die Tür aufmachte, stand eine Frau vor mir. Sie teilte mir mit sie sei Ärztin. Sie sprach mich auch mit meinem Nachnamen an und erzählte etwas von Blutergebnissen, einer Bedrohung, einer Infektion und das irgendetwas noch unklar sei. Mehr bekam ich nicht mit. Sie hatte es wohl eilig, denn sie drückte mir schnell einen Brief in die Hand und ging wieder. Etwas verstört setzte ich mich, drehte den Brief in meinen Händen, öffnete ihn schließlich und begann zu lesen. Ich kann sehr wohl lesen, doch was ich las, konnte ich nicht begreifen. Mein Name stand fein säuberlich unterstrichen vor einer Menge Werten… Müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass sie auf das Virus H3C5 positiv getestet wurden… las ich weiter.

Erschrocken stellte ich fest, dass ich angeblich mit einem Virus infiziert sein sollte, welches durch fehlerhafte Forschung bei der Suche eines Gegenmittels eines Virus freigesetzt worden war. Im Labor wurde anscheint ein Fehler gemacht, wodurch dieses Virus entstand und sich jetzt ausgebreitet hatte und nun wohl im Umlauf war. Aber woher will diese Fr. Dr. das denn wissen? Ich war weder zu einer Untersuchung gegangen, noch kannte ich diese Frau. Es machte mir Angst, denn angeblich war das Virus wohl tödlich und es hatten ihn bereits 70% der Menschen, weshalb die Menschheit vom Aussterben bedroht sei. Konnte das wirklich sein? War ich in einem Krankenhaus gewesen und länger bewusstlos als angenommen und hatte man mir dort Blut abgenommen? Aber wieso bin ich dann im Keller aufgewacht?

Stopp, das darf nicht wahr sein, was geschieht gerade mit mir.

Eilig griff ich zum Handy und wählte mit zitternden Fingern, die bekannte Nummer meiner Mutter, doch es kam nur die Ansage, dass die Rufnummer nicht vergeben war. Wie nicht vergeben? Was sollte das denn bedeuten, meine Mutter hätte nie die Nummer gewechselt wegen ihrer vielen Kunden. Ich durchsuchte meine Kontakte, doch es war nur eine Nummer eingespeichert, jedoch ohne Namen.
Ohne zu zögern rief ich die Nummer an, da mir anscheinend nichts anderes übrig blieb und ich sowieso nichts mehr zu verlieren hatte. Eine weibliche Stimme meldete sich, doch ich verstand den Namen nicht ,weshalb ich nochmal nachfragte.
„Annabelle Lang“, sagte die Stimme.

Doch nicht etwa die Annabelle Lang vom Tagebuch? Vor Schreck hatte ich aufgelegt und starrte irritiert das Handy an. Nachdem ich den Schock verdaut hatte, wählte ich die Nummer erneut. Wieder erklang die mittlerweile vertraute Stimme.
„Hallo, hier spricht Franziska Nobis“, meldete ich mich.
„Ich habe schon sehr lange darauf gewartet, dass du endlich anrufst.“, sprudelte es aus ihr heraus. Anscheinend wusste sie sofort, wer ich war.
„Ihre Nummer ist die einzige die in diesem Handy gespeichert ist. Können Sie mir bitte sagen was hier eigentlich los ist?“,  erwiderte ich.

Sie faselte was von, ich habe so lange auf dich gewartet, du bist meine Rettung, sie hätte gehofft, dass irgendwann einmal jemand von dieser Nummer anruft, als die Leitung unerwartet unterbrochen wurde. Hatte sie etwa aufgelegt? Das war ja wohl nicht ihr Ernst. Ich hielt immer noch verdutzt das Telefon in der Hand, als es kurze Zeit später an der Haustür klingelte. Eine junge Dame Anfang 20, mit lange braunen Haaren stand dort und stellte sich als Annabelle Lang vor. Aber es war nicht irgendeine Frau, es war, als wäre sie mein Spiegelbild! Die gleichen geschwungenen Augenbrauen, das kleine Grübchen und die blauen Augen. Ihre Haare waren nur länger als meine, aber sonst war sie ein Abbild von mir. Sie schien das alles gar nicht wahrzunehmen, oder sie ließ es sich zumindest nicht anmerken.

Ohne dass ich etwas sagen konnte ging sie an mir vorbei ins Haus und setzte sich auf das schwebende Sofa. Immer noch verdutzt die Klinke in der Hand, schloss ich die Tür und blieb an Ort und Stelle stehen. Nachdem sie mich zu sich gerufen hatte, folgte ich ihr ins Zimmer und setzte mich mit einem Sicherheitsabstand zu ihr. Sie schaute mich freundlich an und sagte: „Hallo. Ich bin Annabelle Lang. Anscheinend hast du mein Tagebuch gefunden und gelesen.“

Röte schoss mir ins Gesicht, ich fühlte mich schlecht und schämte mich. Doch sie sprach weiter. „Keine Soge ich bin nicht sauer sondern eher erleichtert, dass du es gelesen hast. Mir ist nämlich dasselbe passiert wie dir. Wir beide sind nämlich in diesem Moment Zeitreisende, da wir uns jetzt im Jahr 2736 befinden. Ich weiß selber nicht wie wir beide das geschafft haben. Dadurch, dass ich seit 45 Jahren in diesem Jahr festsitze und nicht mehr zurück in die Gegenwart komme, hatte ich genügend Zeit darüber nachzudenken, wie es dazu kommen konnte, dass ich hier gelandet bin. Nach meiner Überzeugung hat es wohl etwas mit dem Symbol auf dem Zettel zu tun. Doch das habe ich erst später bemerkt und selbstverständlich habe ich es mir nicht gemerkt. Ich habe nur ein paar Fragen aufgeschrieben und dort versteckt in der Hoffnung, dass es jemand findet, doch ich wusste nicht, ob es überhaupt in der Zeit ankommen würde, da es ein Zeitreisender mitgenommen hat um es dort zu verstecken, aber ich hatte starke Zweifel, dass es wirklich einer war. Doch wie es scheint, hatte er die Wahrheit gesagt. Aber bevor wir wieder zurückgehen, müssen wir die Verbreitung des Virus aufhalten, damit die Menschheit in Zukunft nicht ausstirbt. Selbstverständlich ist das jetzt für dich alles sehr viel und du bist mit der Situation auch überfordert, das kenne ich von mir, aber du musst das jetzt schnell verarbeiten, da wir innerhalb von 48 Stunden nach deinem Ankommen wieder zurück sein müssen, sonst sitzen wir beide hier für immer fest.“  Sie redete ohne Punkt und Komma und die Worte strömten förmlich aus ihr heraus. Wie war das, Zeitreisende, nee schon klar, die hat doch eine Schraube locker. Die veräppelt mich doch bloß und gleich kommt jemand und sagt: „Verstehen sie Spaß“, doch nichts dergleichen passierte.

 „Hast du auch das Virus H3C5“ unterbrach ich ihre Rede und sie schüttelte den Kopf. „Ich habe aber viel darüber herausgefunden. Es wird sowohl über Tröpfcheninfektion, als auch teilweise über die Luft verbreitet, bis jetzt konnte ich noch nicht genau feststellen, was genau die Übertragung durch die Luft begünstigt. Mal ist es ansteckend mal nicht.“

„Vielleicht braucht es eine gewisse Temperatur um an der Luft überleben zu können.“, erwidert ich und sie blickte mich erstaunt an. „Du könntest Recht haben, daran hatte ich noch gar nicht gedacht.“

Sie kramte in ihrer Tasche und zog handgeschriebenen Notizen über das Virus heraus, welche sie in den letzten Jahren verfasst hatte. Dort standen viele Formeln, Ursachen, Erklärungen und Lösungsvorschläge. Alles war sehr unübersichtlich und ungeordnet, aber ich dachte mir, dass sie schon irgendeine Ordnung darin sehen würde. Sie nahm einen Zettel heraus und schrieb alles auf, was wir brauchen würden, um meine Theorie zu bestätigen. Sie notiert  sogar Personen, die uns dabei behilflich sein konnten. In all den Jahren hatte sie immer wieder verzweifelt versucht ein Gegenmittel herzustellen, doch bisher schlug alles fehl, erzählte sie mir entmutigt. Ich selbst war gerade im vierten Semester in meinem Medizinstudium deshalb dachte ich, dass mir das alles nicht ganz fremd war und ich eventuell helfen konnte, weshalb ich mir alles bis ins kleinste Detail erklären ließ. Mir wurde sofort klar, dass wir Labor und Proben von mehreren unterschiedlichen Infizierten brauchten, um die richtige Formel analysieren und aufschreiben zu können. Ihre Formel konnte unmöglich richtig sein, irgendetwas störte mich an der Gleichung, wusste aber nicht genau was es war. Sie rief einige Personen an und fragte nach einen geeigneten Labor, während ich bereits dabei war mir selbst Blut abzunehmen. Sie hatte alles Nötige dafür in ihrer Tasche, ich hatte den Eindruck in ihr befand sich eine Art Mini Labor in Handtaschenformat. Nach einiger Zeit teilte sie mir mit, dass sie einen freien Laborplatz gefunden hatte, aber dieser jedoch fünf Stunden entfernt war. Sie gab mir diese komischen Schuhe. Es war gar nicht so einfach mit denen zu schweben wie es bei ihr aussah. Ich kam mit denen erst gar nicht zurecht und fiel auch einige Male hin. Doch ich hatte es nicht weit bis zum Auto weshalb mich Annabelle schob.

Wir machten uns auf dem Weg und das Auto konnte nicht nur fliegen, sondern fuhr auch von selbst. Auf dem Weg bemerkte ich, dass sich die Menschheit technisch sehr stark entwickelt hatte. Dies hatten meine Eltern und ich auch immer wieder in unseren Gesprächen erwähnt, aber was ich hier sah übertraf alle meine Vorstellungen. Wenn ich meinen Eltern das erzählen würde, würden die mir garantiert nicht glauben.

Als wir ankamen hatten wir nur noch 40 Stunden Zeit bis wir zurück in die Gegenwart mussten, wie auch immer wir das auch anstellen sollten. Darüber hatte sie nämlich noch kein einziges Wort verloren. Priorität hatte die Erstellung des Gegenmittels. Sie hatte mich lediglich erwartungsvoll gefragt, ob ich das Tagebuch dabei hatte. Als ich dieses bejahte, leuchteten ihre Augen auf und sie gab ein erleichtertes Seufzen von sich.

Während wir zum Labor gingen, gewöhnte ich mich langsam an die Schuhe, welche mir dennoch manchmal große Schwierigkeiten bereiteten. Dort angekommen sah ich all diese neu entwickelten Geräte und war erstaunt. Ich liebte meinen Job und das was ich hier sah war für mich wie ein Paradies. Sofort fügte ich eine Probe in das Gerät, welches alle Eigenschaften, des Stoffes herausfinden sollte, aber auch dies dauerte eine Stunde. In der Zeit bat ich Annabelle uns etwas zu Essen und Getränke zu holen, denn mittlerweile hatte ich einen Mordshunger bekommen. Außerdem mussten wir uns stärken, damit wir die nächsten Stunden durcharbeiten konnten, sodass wir keine Zeit mit Schlaf verschwendeten. Währenddessen fügte ich ein Tropfen meines Blutes auf einen Objektträger und bereitete das Präparat soweit vor, dass ich es unter das Mikroskop legen und somit eigenständig untersuchen konnte. Sogar das Mikroskop wurde weiterentwickelt und verbessert, denn nun sah man wirklich jedes einzelne Molekül so scharf, wie beim Sehsinn eines Adlers. Mir fiel auf, dass mein Blut viele unbekannte Stoffe besaß und auch Fremdstoffe, welche dort eigentlich nicht vorhanden sein sollten. Plötzlich wurde ich durch ein lautes schrilles Geräusch, in meiner Arbeit, unterbrochen. Doch mir wurde sofort klar, dass es das Signal der Fertigstellung der Werte war, welches das Gerät vollendet hatte. Ich war fasziniert, dass es wirklich jeden einzelnen Wert erfasste. Doch ich war genauso geschockt, denn die Werte waren viel zu schlecht und nicht gerade gesund für einen Menschen meines Alters. Es war ein Wunder, dass ich noch lebte. Es war einfach erschreckend.

In dem Moment kam Annabelle mit den Einkäufen zurück. Sie kam gehetzt in den Raum und hinter ihr schwebte eine Art Einkaufstasche mit Augen. Nach allem was ich bis jetzt aus dieser Zeit gesehen hatte, wurde ich immer wieder überrascht. Die Tasche setzte am Tisch zur Landung an und packte sich eigenständig aus. Fasziniert beobachtete ich dieses Schauspiel und bekam nicht mit das Annabelle die ganze Zeit mit mir sprach. Sie schüttelte den Kopf und lachte nur. „Du müsstest mal dein Gesicht sehen“, brüllte sie vor Lachen. Dann erzählte sie mir, dass sie viele Kontakte besitzt, welche noch mehr Fakten über die Krankheit besaßen und sie mal rumtelefonieren würde. Es war eine sehr gute Idee, da wir so schneller eine Lösung und Gegenmittel finden könnten. Ich beschäftigte mich weiter mit den Werten und konnte so die Formel des Virus aufstellen.

Es war unglaublich, dass die Forscher so fahrlässig das Virus freigesetzt hatten. Sowas konnte nicht aus Versehen passiert sein. Die Vermutung, dass es absichtlich entwickelt und ausgelöst wurde, behielt ich dennoch erstmal für mich, damit sich Annabelle keine Sorgen darum machte und sich weiterhin ganz auf die Erforschung eines Gegenmittels fokussierte.

Annabelle fand heraus, dass jetzt bereits 75% der Menschheit davon betroffen waren und dass das Virus sehr wahrscheinlich aus den USA gekommen sein musste, da dort die ersten Erkrankten diagnostiziert wurden. Ich überlegte welchen Grund es geben könnte, so ein tödliches Virus auf die Menschheit loszulassen und damit die ganze Spezies aufs Spiel zu setzen. Zudem teilte sie mir mit, dass uns die Zeit davon lief und wir nur noch 35 Stunden hätten, um das heilende Mittel zu finden.  Die Zeit raste und ich war jetzt schon vollkommen außer Atem und mir nicht mehr so sicher, ob wir ein Gegenmittel in so kurzer Zeit erforschen konnten. Bereits eine Stunde nachdem ich diese Information erhalten hatte und dann weiterarbeitete, bekam ich starkes Fieber. Zudem kam es zu Schüttelfrost, starken Bauchkrämpfe und unangenehmes Ziehen im Rücken. Ich verborg es und wollte es mir somit nicht anmerken lassen, doch irgendwann sprach mich Annabelle besorgt an, ob alles gut sei. Nach  längerem Zögern und großer Überwindung, erzählte ich ihr von meinen Schmerzen. Ich bin eher ein zurückhaltender Mensch und mache alles mit mir selber aus. Sie war nicht gerade überrascht über meine Beschwerden, da es wohl die ersten Symptome der vom Virus ausgelösten Krankheit waren und sie wusste, dass ich infiziert war. Nach kurzem Überlegen schlug sie mir vor, Schmerztabletten für mich zu besorgen. Während dessen sollte ich eine Pause einlegen und mich bis zu ihrer Rückkehr ausruhen. Dankbar stimmte ihr zu, da die Schmerzen mittlerweile unerträglich waren und ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Es verging sehr viel Zeit bis sie wieder kam. Da die Schmerztabletten in den meisten Apotheken nicht mehr vorrätig waren, war Annabelle gezwungen mehrere Apotheken aufzusuchen. Dadurch verloren wir viel Zeit und uns verblieben nach der  Einnahme der Tabletten nur noch 30 Stunden. Wie zu erwarten, wirkten die Tabletten nicht sofort, wodurch wir wieder kostbare Zeit verloren. Währenddessen besprachen wir das weitere Vorgehen. Um zu sehen wie sich das Virus auf das gesunde Blut auswirkt, entschlossen wir uns eine Probe von Annabelle unter die Lupe  zu nehmen, da sie nicht vom Virus befallen war. Es wunderte mich sehr, da sie bereits 45 Jahre hier lebte und durchgehend mit kranken Menschen zu tun hatte. Während das Blut im Gerät automatisch untersucht wurde, holten wir uns zusätzlich aus einem Quarantänelager eine Probe des Blutes eines gesunden Kindes, da Kinder zum Schutz vor Infektionsgefahr dort unterbracht wurden.

Nachdem wir wieder im Labor angekommen waren, stellten wir die neu erworbene Probe in das Gerät, welches schon die Ergebnisse von Annabells Probe lieferte. Beim Vergleichen fiel uns auf, dass alle Bestandteile Annabelles Blutes andere Formen besaßen als bei mir. Durch weiteres differenzieren und vergleichen der Werte konnten wir das bösartige Virus herausfiltern. Das schrille laute Geräusch ertönte wieder, wodurch wir sowohl wussten, dass die Werte der neuen Probe fertig waren als auch, dass eine weitere Stunde vergangen. Nun hatten wir nur noch 18 Stunden Zeit, wenn man davon nun noch die Rückfahrt und das Vorbereiten des Zeitreisens abzieht, hätten wir lediglich 13 Stunden über. Das hieß für uns Endspurt und Vollgas geben.

Wir machten Entdeckungen, die Werte des Kindes und von Annabelle glichen sich zumindest im Ansatz, doch meine Werte hatten nicht einen gemeinsamen oder ähnlichen Wert. Das ergab alles Sinn und wir haben auch mit nichts anderem gerechnet, doch die Untersuchung unter dem Mikroskop war ausschlaggebend. Die Formen der Blutkörperchen vom Kind und von mir waren identisch, es gab keinerlei Abweichungen, doch die von Annabelle waren komplett unterschiedlich. Hatte dies etwas was mit den Virus zu tun? War Annabelle immun? Was hatte das zu bedeuten? Wir schauten uns beide ratlos an. Ich wusste, dass Annabelle gerade dieselben Gedanken oder wenigstens ähnliche Schlussfolgerungen gezogen hatte, wie ich.  Ihr Gesichtsausdruck war jedoch eine Mischung aus Freude und Enttäuschung.  Bevor ich sie fragte was los sei, entschieden wir, dass wir das isolierte Virus zu den beiden gesunden Blutproben hinzuzufügen wollten, um zu schauen, ob die Probe wirklich immun war. Wenn das Ergebnis stimmte, wäre das unser Ansatzpunkt, wodurch wir das Gegenmittel leichter entwickelt könnten, da wir die Schwachstelle gefunden hätten. Nachdem wir die Untersuchung abgeschlossen hatten, blieb uns wieder nur ungeduldiges warten. Würde es diesmal klappen, hatten wir eine Chance das Gegenmittel rechtzeitig zu produzieren. Schweigend saßen wir auf den schwebenden Stühlen und warteten ab, jede in ihre eigenen Gedanken vertieft. Dadurch, dass wir nichts Weiteres machen konnten, und unsere Geduld auf die Probe gestellt wurde, fragte ich Annabelle wie es ihr geht. Sie erzählte mir von ihren tiefsten und verborgenen Emotionen und Gedanken. Ich merkte, wie schlecht es ihr die ganzen Jahre über gegangen war und wie sehr sie ihre Familie vermisste und sie mir traurig mitteilte, dass sie bereits die Stimmen ihrer Lieben, vergessen hatte. Sie hatte immer wieder vergeblich versucht, die Nummer ihrer Eltern anzurufen, welche jedoch auch nicht mehr vergeben war. Diese Ungewissheit, wie es den Eltern ergangen war, als sie weg war und ob sie noch leben, was sie stark bezweifelte, brachte sie immer wieder zum Weinen. Ihre Eltern hatten so viel für sie getan und sie hatte ihnen versprochen die Beerdigung so zu planen, wie sie es sich gewünscht hatten. Doch durch das Festsitzen in der Zukunft, konnte sie dieses nicht einhalten. Die schönen und schrecklichen Geschichten schossen förmlich aus ihr heraus. Es war außerordentlich spannend ihr zuzuhören, doch ab und zu musste ich sie unterbrechen, um nach den Fortschritten unseres Experimentes zu gucken. Keine Fortschritte, nicht mal winzige,  waren in den darauffolgenden 10 Stunden zu erkennen. Aber dann plötzlich, als wir die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten, sahen wir etwas. Annabelles Blut wurde nicht befallen, obwohl das des Kindes befallen wurde. Nun wussten wir, dass wir ein Mittel entwickeln mussten, welches die Form der Bestandteile des Blutes so verändert, dass das Virus diese nicht mehr angreifen kann. Dadurch würde sich das Virus nicht mehr im Körper verbreiten können und die Sterberate und Ansteckungsrate wird durch den Impfstoff, den wir jetzt entwickelten, zurückgehen.

Drei Stunden verblieben uns bis wir spätestens los mussten. Schweißgebadet erstellte ich wieder verschiedene Formeln, welche die Grundlage des Impfstoffes sein könnten. Ich nahm irgendein Handy das gerade in meiner Nähe war, welches jedoch nicht gesperrt war und tippte alle Chemikalien und ähnliches ein, die wir benötigten. Annabelle schaute sich die Liste an und nach längerem überlegen wusste sie, dass wir die Zutaten in nur drei Geschäften, bekommen könnten. Durch ihre sämtlichen Kontakte ging das Besorgen der Dinge dieses Mal  ansatzweise schnell, wodurch wir nach der Besorgung noch gut eine Stunde Zeit hatten. Ich rannte durch das ganze Labor, durchwühlte sämtliche Schubladen bis ich jedes Material zusammen hatte, welches ich für die Herstellung benötigte.  Aus Schock und Irritationen ging Annabelle an die Seite um nicht im Weg zu stehen und schrieb irgendetwas auf ihrem Handy. Ich ließ mich nicht weiter davon ablenken und vermischte die „Zutaten“ in den richtigen Mengen. Es war Millimeterarbeit und meine Hände hatten nicht besseres zu tun als zu Zittern und mir die Arbeit zu erschweren. Es ist ja nicht so, dass es sowieso stressig genug war. Endlich war ich fertig und ich fügte einem gesunden Bluttropfen erst den Impfstoff zu und injizierte dann den Virus. Beim letzten Versuch hatte ich zu viel Blut benutzt, weshalb es so lange dauerte bis es etwas zu sehen gab. Wir waren schon sehr spät dran, deshalb faltete ich meine Notizen, mit den genauen Angaben zum Herstellen des Gegenmittels, zusammen und nahm zusätzlich noch ein Mikroskop mit, um immer wieder zu kontrollieren, ob etwas passierte. Nach meinen Berechnungen sollte es in einer Stunde vom Virus befallen sein. Ich schnappte mir hektisch Annabelles Arm und sie stolperte hinter mir her.  Wir rannten zum Auto um keinerlei Zeit zu verlieren. Während der Fahrt erklärte sie mir den Vorgang der Zeitreise,  um wieder zurück in die Gegenwart zu gelangen und teilte mir Aufgaben zu, welche ich umgehend nach Ankommen erledigen sollte. Mittlerweile war ich Schweiß gebadet, meine Kleidung klebte mir am Körper, ich brauchte dringend eine Dusche, doch daran wollte ich jetzt nicht denken.

Am Haus angekommen, sprintete ich in den ersten Stock, wo sich sowohl das Tagebuch als auch der Zettel mit dem Symbol befanden, um diese zu holen. Währenddessen suchte Annabelle aufgewühlt nach Buntstiften, welches sich als schwer entpuppte, da die Menschheit sich so weit entwickelt hatte, dass sie nur noch mit digitalen elektronischen Geräten zu tun hatten und Stifte fast vollständig abgeschafft waren.

Als ich den Zettel gefunden hatte, rannte ich hinunter in den Keller, stellte das Licht an und suchte verzweifelt nach dem Knopf, damit alles vorbereitet war für die Zeitreise. Ich war vollkommen orientierungslos und wusste nicht, wo ich anfangen sollte zu suchen. Durch tiefes ein- und ausatmen entspannte ich mich etwas und erinnerte mich daran, wo ich aufgewacht war. Ich vergaß, dass Annabelle mir im Auto mitteilte, dass sie den Knopf hinter einem Kartonstapel versteckte, damit niemand auf die Idee kommt diesen zu betätigen. Auf einmal schrie sie laut auf, voller Panik rannte ich wieder nach oben, zwei Stufen auf einmal nehmend, doch ich schaffte es nicht ganz, da sie mir schon entgegen gerannt kam. Es gab keine Zeit für Erklärungen, triumphierend hielt sie die Stifte hoch, weshalb ich davon ausging, dass sie aus Freude, über den Fund alle benötigten Stiftfarben, in Jubel ausgebrochen war und deshalb schrie. Schweißgebadet und konzentriert schlug sie das Tagebuch auf, betrachtete das komplizierte und verschmierte Symbol und fing an es an die weiße Wand zu zeichnen. Immer wieder guckte ich auf die Uhr, die Zeit wurde knapp, ob wir es wirklich noch rechtzeitig schaffen konnten. Fertig, rief Annabelle, ließ die Stifte fallen und trat einen Schritt zurück um ihr Werk genauestens zu betrachten. Hoffentlich war die Zeichnung richtig, wir  hatten  nur noch drei Minuten übrig, bis wir hier für immer gefangen wären. Sie knipste das Licht aus, nahm mich an die Hand, drehte mich mit dem Rücken zur Wand und drückte mich gegen das Symbol und zitierte die zwei Fragen laut. Wieder begann sich alles zu drehen, doch dieses Mal wurde ich nicht ohnmächtig. Starkes schmerzhaftes Stechen durchfloss meinen Körper. Wahrscheinlich wurde ich deshalb beim ersten Mal ohnmächtig, dieses Mal war ich vorbereitet. Aus Angst schloss ich fest die Augen und klammerte mich an Annabelle. Das Drehen wurde langsamer und hörte ruckartig auf. Ich öffnete zaghaft meine Augen, doch was ich da sah versetzte mich in Schockstarre. Annabelle hatte sich äußerlich stark verändert, sie war schlagartig gealtert, die letzten 45 Jahre des Alterungsprozesses hatte sie in nur wenigen Minuten eingeholt. Nun sah ich nicht mehr in mein Spiegelbild,  sondern erblickte eine ältere zierliche Frau, welche eine etwas dunklere Stimme besaß. Die Ähnlichkeit zu meiner Oma war erstaunlich. Es war als würde ich ihr nochmal begegnen, als war ihr Geist oder sie selbst nochmal zu mir gekommen. Tränen schossen mir in die Augen.