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Vom Glück überfallen

von Katharina von Plessen

Jegliche Freude über meinen Erfolg wird sofort von panischer Angst verdrängt. Die Schrift vor meinen Augen verschwimmt, während sich meine Nägel in die Seiten krallen. So bleibe ich sitzen, bis meine Hände brennen und ich das Zittern der Zeitung nicht mehr ertragen kann. Langsam lege ich die Zeitung auf den Tisch und streiche sie glatt. Dann gehe ich in die Küche, hole Brot, Käse und ein Glas Milch. Ich hasse Milch, dennoch trinke ich jeden Morgen ein Glas.

Ein Lichtstrahl fällt quer durch das karge Zimmer. Fünf Umzugskisten und ein grauer Koffer meiner Frau versperren den Ausgang. Ich starre verstört in die Luft und trinke langsam einen Schluck nach dem anderen. In dem Moment weiß ich, dass mein Leben fortan anders sein wird. Von jetzt an werden alle viel von mir erwarten, zu viel. Ich könnte bestimmt glücklich sein, aber das würde mich innerlich aushöhlen, bis nichts mehr, nie mehr etwas aus mir heraus kommt. Bis ich austrockne wie eine alte Frucht und der Ruhm sich von mir `abschuppt´ wie eine geliehene Haut.

Am Ende bleibt nur noch Staub.

Es klopft an der Tür. Ich bewege mich nicht. Kurz darauf steht meine Frau in der Küche, sie trägt wie immer ihre schwarzen Stiefel und ein mitleidloses Gesicht. Sie wartet nie meine Antwort ab, nicht, wenn sie vor der Tür steht, nicht einmal als sie vor zwei Jahren um meine Hand anhielt. Nun baut sie sich mit ihren energischen Locken und einer unverschämten Selbstsicherheit vor mir auf. Auf dem Weg herein hat sie natürlich die Zeitung auf dem Wohnzimmertisch bemerkt. Ich sage nichts, sondern starre weiter in die Luft und trinke meine Milch.

Sie wird schnell ungeduldig, verschränkt die Arme und tritt mit der Fußspitze gegen unsere Spülmaschine. Kaum etwas stört mich so sehr wie ihr nervöses Gehabe, wenn sie ungeduldig wird. Schließlich begegne ich ihrem Blick und sehe dort einen Ausdruck, der mir unbekannt ist. Sie versteht mich nicht. Nicht, dass sie mich jemals verstanden hätte, aber ich habe ihr selten Grund gegeben, dies zu bemerken.

Irgendwann kann sie meine Stille nicht mehr ertragen und fragt, warum ich mich nicht bei ihr bedanke, schließlich sei ich nun ein Bestseller-Autor, und dies hätte ich ihr zu verdanken. Beim Sprechen presst sie die Lippen zu einem streitlustigen Schlitz, und ihre vorwurfsvollen Augen fallen unvorteilhaft tiefer in den Schädel. Wie bei einer Toten, denke ich und lächle. Kurz. Ich antworte nicht. Stattdessen trinke ich den Rest meiner Milch und lasse meine Augen mit Seelenruhe über die Konturen ihres Busens gleiten.

Nun fängt sie an, mich zu beschimpfen, während ihr Blick versucht, meine Stirn zu durchbohren. Schlagartig fallen all meine Sorgen von mir ab und versinken in einer tiefen Entspannung. Neben dieser Frau werde ich niemals glücklich sein. Langsam stelle ich mich hin, und gehe auf sie zu. Ein Moment vergeht, in dem sie mich verwirrt anstarrt.

“Ich muss doch Vater werden,” flüstere ich ihr zu. Von weit her beobachte ich, wie sie ihren Kopf zurückwirft und ihre Augenlider zusammenpresst, um mein Gesicht in der nächsten Sekunde mit zitternden Händen zu liebkosen.

Sie kann ihr Glück kaum fassen.