shadow

After World’s End

Marvin Bock, 13 Jahre

Was wäre, wenn die Menschheit schon einmal von sich selbst vernichtet wurde, sie es aber nur vergessen hat?

Was, wenn es so anfing?

Die kalte Nachtluft weckte Maike aus ihrem Schlaf. Sie blickte von dem Hochhausdach noch einen Moment in den Himmel. Dann setzte sie sich auf. Plötzlich schien ihr ein helles Licht entgegen, und sie kniff die Augen zusammen. Im Licht sah sie eine Gestalt von der sie aber nur die Umrisse erkannte. Nach kurzer Zeit gewöhnte sie sich an das Licht, und sie konnte immer mehr Details an dieser Gestalt erkennen. Ein alter Mann mit langem weiß-grauem Bart, einer langen und schwungvoll verzierten Waffe im Schoß, einem Strohhut, der sein gesamtes Gesicht verdeckte außer den Bart und eine Öllampe, die er an seiner Hüfte trug. Maike schreckte auf. Wie konnten sie mich finden?, dachte sie. Als sie gerade aufstehen und davon laufen wollte, zerriss ein Aufschrei die Luft: „Stopp!“, schrie ein in roter Roben gekleideter Mann, der ein Gewehr im Anschlag hielt. Maike blieb stehen und hob die Hände. Langsam drehte sie sich um. Sie schloss ihre Augen und die Schreie der zwei Männer vom Dach wurden immer leiser. Maike sammelte all ihre Konzentration. Auf einen Schlag spürte sie eine riesige Energie und Wut in ihrem Körper, ihre Hände machten eine surrende Bewegung durch die Luft und das Dach, auf dem sie und die zwei Männer standen, brach entzwei. Ohne weiter nachzudenken sprang sie in den Spalt, den sie soeben geöffnet hatte. Da sie das Fallen schon geübt hatte, hatte Maike keine Angst mehr davor. Als sie auf dem Boden aufschlug, wich ihre Seele aus ihrem Körper, und sie sah wieder ein helles Licht, dass von oben auf sie herab schien.

Eine magische Wärme ging von dem Licht aus, und sie fühlte sich gut. Doch bevor sie nach dem Licht greifen konnte, wurde sie wieder in ihren Körper zurück katapultiert. Das Licht erlosch, und sie atmete schlagartig ein und riss die Augen auf. Sofort drückte Maike sich hoch und lief weiter. Die Schüsse der Kopfgeldjäger vom Dach störten sie nicht weiter und sie rannte in die nächstgelegene Hochhausruine die außerhalb der Schussweite der Männer lag. Plötzlich hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf sprechen.

Maike bist du da?“

Ja, bist du es Cell?“

Genau, warum hast du dich gerade eben nicht gemeldet?“

Ich wurde angegriffen“

Von wem?“

Terrins !“

Was ?! Wie kommen die so tief ins Ödland?“

Keine Ahnung, ich komme gleich zu dir!“

OK ! Viel Glück!“

Dir auch Cell!“

Maike lief die Treppen des anderen zerstörten Hochhauses hinauf, bis sie auf das Dach gelangte. Der Wind wehte ihr ins Gesicht. Sie genoss diesen schönen aber kurzen Augenblick. Dann spitzte sie ihre Lippen und pfiff eine schwungvolle kurze Melodie in den Wind. Kaum war sie fertig, hörte sie die Melodie wieder, ohne das sie feststellen konnte von wo diese Antwort kam. Maike schoss ihre Augen und dachte fest an ihre Heimat. Ein Moos bewachsener Tempel im Wald, viele tausend Kilometer weit weg von ihr. Das Heulen des Windes ließ nach und langsam setzte leises Vogelgezwitscher ein, und sie öffnete ihre Augen. Sie stand vor dem Tempel und direkt vor ihr stand Cell.

Hi, Maike wie geht’s dir?“

Eigentlich ganz gut, Cell !“ Maike setzte schwermütig ein Lächeln auf.

Ich glaub, ich muss mich hinlegen.“

Sie spürte eine große Müdigkeit, die sie überkam und das Letzte, was Maike dann noch spürte, war das Gefühl des Fallens. Als sie wieder zu sich kam, war Tag, und sie hörte die Schritte von Cell. Maike blieb noch einen Moment in dem hoch gelegenen Bett liegen, schloss die Augen und lauschte. Sie nickte fast wieder ein, als sie Aufschreie von Cell hörte und kurz darauf den krachenden Ton einer zerberstenden Vase.

Reflexartig sprang Maike auf und huschte die Treppe herunter, um nachzusehen, ob alles “OK“ ist. Unten angekommen sah Maike wie Cell voller Blut neben einer zerbrochenen Vase lag. Verteilt im Raum sah Maike auch halbtote Terrins die von stacheligen Rosensträuchern umhüllt waren und sich hin und her wandten.

Cell!“, stieß Maike aus, als ein Schuss die Luft durchfuhr und nur knapp an Maikes Gesicht vorbei flog. Maike sprang in Deckung und sah an dieser vorbei nach, von wo sie denn beschossen wurde. Niemand. Langsam kroch sie aus ihrer Deckung. Plötzlich, mit rauer und fester Stimme entfuhr es ihr „Hey!“

Drei Terrin-Soldaten, rannten aus ihren Verstecken und erhoben ihre Gewehre gegen sie.

Maike wurde von einer unbeschreiblichen Wut durchfahren. Ihre Miene verfinsterte sich, und sie hob langsam ihre leicht angewinkelten Arme. Die Erde bebte immer deutlicher und war immer mehr zu spüren. Der Schweiß lief Maike über das Gesicht und schließlich entfuhr ihr ein Schrei, der ihre Wut und Kraft kanalisierte. Steinerne Lanzen stießen aus dem Boden empor und durchstießen die Leiber der angsterfüllten Männer.

Nachdem die drei Männer aufgehört hatten zu atmen, folgte Stille. Nur der schwere Atem von Maike und das entfernte Vogelgezwitscher waren zu hören. Nachdem sich Maike wieder gefasst hatte, kniete sie sich herunter zu Cell.

Cell?! Hörst du mich?!“

Maike, was schreist du mich so an?“ Wortlos umarmte Maike Cell und drückte sie fest an sich. „Wa… Was ist passiert?“

Wir wurden angegriffen Cell!“

Hier im Wald?!“

Ja Cell, hier im Wald“

Cell und Maike sahen sich einen Moment an.

Komm Cell setz dich hin!“

O… Okay“

Cell, du wurdest gerade scheingetötet, ich weiß, dass es komisch klingt, aber es ist so. Wir können nicht sterben, wir stehen immer wieder auf. Selbst wenn wir eigentlich tot sein müssten“

Warum das?“

Ich weiß nicht, tut mir Leid“ „Wer waren die? Terrins?“

Ja Cell. Das waren Terrins. Sie wurden, wie du ja weißt, von den Aranir und den Salltariern angeheuert, um uns zu fangen“

Aber ich hab noch nicht verstanden warum?“

Denk mal nach Cell, wenn du wüsstest, es gäbe zwanzig Menschen auf der Welt, die unsterblich sind und Menschen und Städte durch ihre Gedankenkraft zerstören können, würdest du die nicht auch für dich haben wollen?“

Warum waren denn die Terrins im Ödland?“

Sie haben mich, Nina und Tess gejagt. Mich haben sie ja gefunden.“

Wie sieht‘s dort denn aus Maike?“

Es sind einfach nur die leblosen und toten Gegenden, wo einst Städte waren. Große Städte mit Macht und Reichtum. Alle sind jetzt nur noch Ruinen und zerstörte Landschaft!“

Verstehe.“

Cell stieß einen Seufzer aus. „HEEYYYY?!“

Ist jemand hier!?“ Ein Mann kam in den Tempel gerannt und wedelte mit einem Blatt Papier.

Was willst du?!“ Maike stand auf und hob bedrohlich die Faust.

Ich bin nur ein Überbringer!“

Von was?!“

Einem Brief.“

Wer schickt euch?!“

Maike hatte bereits wieder eine gefühllose Miene aufgesetzt.

Von Steve, er schickt mich.“

Gebt mir den Brief!“

Der ungefähr 30 Jahre alte Mann gab Maike den zerknitterten Brief und stützte sich an der Wand ab und rang nach Luft. Maike setzte sich außer Hörweite des Mannes zu Cell und las laut: „Dies ist eine Nachricht an alle der zwanzig, die nicht sind wie die anderen. Ihr alle seid in größter Gefahr. Die Terrins haben alle ihre 20.000 Männer mobilisiert und greifen die Lager und Raststellen von unseresgleichen an. Ich habe nicht viel Zeit und muss auch fliehen. Ich entsende alle meine Schützlinge, um diese Nachricht zu überbringen. Rüstet euch, ihr werdet schon bald kämpfen müssen. Nicht um euer Leben, sondern um eure Freiheit.“ Maike ging wieder zu dem jungen Mann und gab ihm den Brief zurück

Danke!“

Keine Ursache!“

Stumm verließ der Mann das Gebäude, wobei man immer noch seinen schweren Atem hören konnte.

Wir können hier nicht bleiben, Cell. Ich werde mich stellen. Du musst in das Ödland. Versteck dich, such Nina und Tess! Bleib bei ihnen und versuche nicht, mit Tess zu reden. Du willst nicht so enden, wie viele die es taten“

Warum das Maike?! Tess ist 12 Jahre alt!“

Ja, aber sie ist von uns zwanzig der Inbegriff des Wahnsinns!“

Okay.. bis dann. Hoffentlich sehen wir uns wieder!“

Werden wir, Cell!“ Maike drehte sich außerhalb des Tempels um und lief in Richtung Waldrand.

Maike wanderte einige Tage, ohne dass etwas passierte. Das kam ihr sehr gelegen, da sie immer noch von den Kämpfen im Tempel angeschlagen war.

Vor zwei Jahren war sie hier mitten im Wald aufgewacht. Cell war auch dort gewesen und beide wussten nicht mehr, wer sie waren und woher sie kamen. Beide hatten Stimmen im Kopf von den anderen achtzehn – alle waren vernetzt. Maike erinnerte sich nicht mehr, wann genau der große Krieg ausgebrochen war, der den größten Teil der Menschheit vernichtet hatte. Aber an die Zahlen erinnerte sie sich. Zwei Millionen Menschen lebten noch. Die Terrins, ein Clan von Kopfgeldjägern arbeiteten für die Aranir und die Salltarier, die zwei anderen Völker die noch auf der Erde verblieben sind. Sie alle wollten ein paar von den zwanzig in ihren eigenen Reihen stehen haben. Wer würde das nicht wollen? Die Terrins hatten nur ein finanzielles Interesse an den zwanzig. Sie zu fangen und für höchst preise zu verkaufen.

Und dann noch die ausgewählten zwanzig. Sie waren Männer und Frauen, die über verschiedenes Herrscher waren. Man konnte sie fast Götter nennen. Götter über Wasser, den Tod oder ähnliches. Sie alle hatten verschiedene Fähigkeiten und all das hatte etwas von Göttern. Die Unsterblichkeit, das Reden über riesige Distanzen, und sie alle wurden begehrt.

Cell konnte Pflanzen beeinflussen und Maike die vier Elemente. Die anderen hatten auch verschiedene Kräfte. Nina hatte Macht über den Tod und die Folter. Tess konnte den Wahnsinn der Menschen beeinflussen und auslösen.

Tess hatte das schlimmste Schicksal. Sie hatte sich selbst am Ende wahnsinnig gemacht. Es hatte sie fertig gemacht, dass alle um sie herum dem Wahnsinn verfielen. Nur Nina nicht. Nina ließ sie nie allein, aber sie kam zu spät. Erst als Tess schon wahnsinnig war, lernten sie sich kennen. Warum musste es gerade Tess sein? Warum kein anderer? Tess war erst zwölf, sie hätte ein normales Mädchen aus der Stadt sein können.

Maike seufzte vor sich hin und fiel plötzlich aus ihren Gedanken, als sie ein Rascheln in den Büschen wahrnahm. Maikes Sinne schärften sich, und sie beschleunigte ihr Tempo. Das Rascheln kam immer näher und Maike wurde langsam nervös.

Doch plötzlich hörte das Geraschel auf. `Nur ein Tier` dachte sich Maike. Mit einem erleichterten Seufzer ging sie weiter.

Sie lief noch Stunden durch den Wald, bis sie zu dem Haus kam, zu dem sie gehen sollte, falls die Zwanzig bedroht werden würden. Maike hätte das spärlich kleine Haus fast übersehen. Bin ich hier wirklich richtig, dachte sie. Das Dach des Hauses war eingestürzt und in das Haus würde nicht einmal ein kleiner Wandschrank hineinpassen. Was hatte Steve sich dabei gedacht? Wie sollten zwanzig Personen in dieses kleine Haus hinein passen?

Zögerlich betrat Maike den mickrigen Raum. An der tapezierten Innenwand hing ein Zettel, direkt neben einem nahezu monströsen Bild eines Gerichtssaals, dass die ganze hintere Wand einnahm. Maike nahm vorsichtig den Zettel von der Wand.

Liebe Freunde,

Wenn ihr diese Nachricht lest, ist das Schlimmste eingetreten, was uns passieren könnte. Unsere Existenz ist bedroht. Dieses Haus ist nicht der Saal, von dem ich euch erzählt habe. Der Saal befindet sich auf dem Bild. Ihr müsst dort hin. Ihr wisst ja, wie ihr euch teleportieren könnt.

Viel Glück euch allen.

Steve Desinter ‘

Maike war sprachlos. Steve hatte sich doch nicht geirrt. Er ist ein Genie!, dachte sie sich.

Maike schloss ihre Augen und stellte sich das vor ihr befindliche Bild vor. In ihrem Kopf, vor ihrem geistigen Auge erschien das Bild wieder. Das durch die Wände gedämpfte Gesäusel des Windes wurde immer leiser, bis es letztendlich verstummte. Stimmengewirr war das einzige, was Maike noch hörte. Langsam öffnete sie die Augen und fand sich tatsächlich mitten in dem Saal mit den verzierten Wänden, den flackernden Fackeln und dem langem hölzernen Tisch wieder.

Wie findest du es?“, erklang eine Stimme hinter Maike.

Was?“ Maike hörte auf, den Raum zu bewundern und drehte sich verwirrt um.

Steve saß auf einem Stuhl am Ende des Tisches. „Maike? Wie findest du den Raum?!“

Äh…“ Maike war immer noch etwas verwirrt. „Gut, wer hat ihn denn gebaut?“ Maike versuchte schleppend die Konversation aufrecht zu erhalten.

Ich natürlich, erinnerst du dich nicht mehr an das, was ich kann?“

Doch, doch.“ Maike dachte zwanghaft nach, was seine individuelle Kraft war und musste daraufhin die Augen zusammen kneifen.

Ich kann erschaffen und habe einen Hang zum Künstlerischen.“

Da… Das wollte ich gerade sagen!“

Steve rollte mit den Augen. „Natürlich wolltest du das“ antwortete er mit seiner charismatischen und dennoch rauen Stimme

Wo sind die anderen?“

Hinter dir.“

Maike drehte sich um und erblickte die plötzlich aufgetauchten anderen Männer und Frauen. „Die erwählten Zwanzig.“

Maike staunte, sie hatte noch nie alle gesehen. Steve schlug mit einem Teelöffel gegen sein Weinglas, das vor ihm auf dem Holztisch stand. Das Gemurmel im Raum legte sich langsam und Steve holte Luft um zu sprechen als er von dem Klirren von zerbrechendem Glas gestört wurde. Kugeln von Gewehren züngelten durch den Raum und streckten die dort befindlichen Menschen nieder. Maike machte einen Satz hinter einen hüfthohen Nachttisch. Schreie von Männern, Frauen und Schüssen waren das Einzige was Maike noch hören konnte. Sie wagte es nicht, aus ihrem Versteck heraus zu gehen.

Maike hielt sich die Ohren zu und das Kampfgetümmel klang langsam ab, sie hörte nur noch die Schritte der Männer und das Schleifen von Körpern auf dem Boden. Nach weiteren zwanzig Minuten verklang auch das.

Maike wusste nicht, wie viele Stunden sie hinter dem Wandschrank verbracht hatte, sie kroch langsam hervor. Der Raum war leer. Außer Terrin Leichen fand sie nichts mehr vor. ‚Die Terrins haben tatsächlich den Konferenzraum angegriffen!‘ Maike hielt sich die Stirn. Jetzt wurde die Situation wirklich ernst. Die Terrins haben ihre Chance gesehen, alle von uns zwanzig auf einmal zu fangen, um sie an die Aranir und die Salltarier zu verkaufen, fast alle.

Maike fasste sich gedanklich wieder und lief los. Sie überlegte noch eine Weile beim Laufen wohin es jetzt genau geht, und dann schoss es ihr durch den Kopf. Cell! Sie war im Ödland. Sie könnte sie finden. Maike drückte zwanghaft ihre Augen zusammen und vor ihrem inneren Auge tauchte das Dach auf, auf dem sie war, als sie vor den Terrins geflohen ist. Wieder wurden die Geräusche der Vögel und des Windes um sie herum still und ein aggressives Windgeheul setzte ein. Sie stand auf dem zerbrochenen Dach.

Maike wedelte mit ihren Armen hin und her, um nicht von der Dachschräge zu fallen, auf der sie jetzt stand. Als sie sich dann gefangen hatte, ging sie die teilweise zerbrochenen Treppen herunter. Maike stürmte durch die Tür der Hochhausruine heraus und rannte los.

Links, Rechts, Links, Rechts ihr Blick wandte sich ständig hin und her, damit sie Cell nicht verfehlte. Plötzlich wurde Maike von einem stechenden Schmerz durchfahren und fiel sofort hin. Sie wand sich auf dem Boden hin und her, und der Schmerz wurde immer größer. „Nina, stopp!“, ertönte in weniger Entfernung eine vertraute Stimme. Maike sah im Augenwinkel wie Cell neben Nina und Tess stand. Nina trug einen schwarzen Samthandschuh, wie sie ihn immer trug und schien etwas zusammenzudrücken. Der Schmerz ließ schlagartig nach und Nina kam zu Maike gelaufen

Oh Maike, tut mir leid, Tut mir Leid! Ich dachte du wärst jemand anders!“

Schon okay, Nina. Machs aber bitte nicht noch mal“

Ja natürlich!“ Nina lächelte Maike an. Am Rand ihres Blickfeldes sah Nina wie Tess die Hand eines Toten verwendete um sich die Harre zu kämmen. Nina stand schlagartig auf, wobei ihre langen schwarzen Harre sichtbar durch die Luft schwenkten.

Tess! Was habe ich dir gesagt?!“ Tess drehte sich um und guckte aufmüpfig. „Ich soll die Hände von Toten nicht benutzen, um meine Harre zu kämmen.“

Genau.“ Nina hatte eine mütterlich strenge Miene aufgesetzt.

Wo hast du diesen toten Menschen eigentlich her?“

Der lag hier.“

Tess lüg mich nicht an!“

Oh Mann. Ich hab Teddy einen holen lassen, der war schon tot!“

Sag deinem Teddy, er soll sie zurück bringen!“

Ja Nina!“ Tess murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und Cell und Maike sahen sich diese Szene gleichermaßen entsetzt an. Nina rollte mit den Augen „Wer ist Teddy?“ fragten Cell und Maike zeitgleich.

Teddy ist ein Auswuchs ihrer Fantasie. Ich habe ihn noch nie gesehen, aber er tut ständig Sachen. Ich dachte, Tess würde sie selbst machen und alles nur auf Teddy schieben, aber sie ist manchmal bei mir und Teddy zerstört zum Beispiel eine Wand. Ich sehe aber nie, wer oder was das tut.“

Okay…“ Das Entsetzen blieb Cell und Maike dennoch ins Gesicht geschrieben.

Die Leiche wurde von einer scheinbar unsichtbaren Kraft hinter eines der Gebäude gezogen und war ab da nicht mehr zu sehen.

Nina wandte sich wieder zu Cell und Maike um.

Also Maike, was möchtest du bei uns?“

Äh…“ Maike war immer noch sprachlos von dem, was sie gerade gehört und gesehen hatte.

Die Konferenz wurde überfallen. Ich war die einzige, die da raus gekommen ist!“ „Und?“ Nina sah Maike fragend an. Maike warf Cell einen verständnislosen Blick zu, worauf Cell nur mit den Achseln zuckte.

Ihr müsst uns helfen sie zu befreien“, sagte Maike mit ernster Stimme.

Warum sollten wir? Ich hab schon genug Probleme.“

Nina sah Maike mit einer normalerweise für Mütter typischen Gesichtsausdruck an, als ob Maike ein kleines Mädchen wäre

Nina! Ich bin nicht Tess, und du hast selbst einmal gesagt, dass du mir einen Gefallen schuldest.“

Aber nicht so etwas!“ Nina blickte immer noch mit einer ähnlichen Miene drein.

Doch so was!“ Die Entrüstung in Maikes Stimme war deutlich zu hören.

Na gut! Aber ohne Tess!“

Das ist ihre Entscheidung Nina, du bist nun mal nicht ihre Mutter.“

Nina brachte nur einen kurzen Laut des Protestes heraus, sagte aber trotzdem nichts mehr.

Maike drehte sich zu Tess um: „Tess möchtest du mit auf einen Ausflug?“

Ja!“ Tess strahlte Maike an „Nina darf ich?!“ Ein riesiges Grinsen hatte sich über das Gesicht von Tess ausgebreitet.

Ja, na gut.“ Nina war besorgt und ließ den Kopf leicht hängen. Alle gingen los.

Als Nina, Tess, Cell und Maike das Ödland passiert hatten und am Rand der Wüste ankamen, die sie zum Lager der Terrins führen würde, blieben sie alle noch einmal stehen.

Tess drehte sich zu Nina um und sagte: „Nina, glaubst du, Teddy bekommt einen Sonnenbrand?“

Nein, Tess!“ Nina setzte wieder ein mütterliches Lächeln auf.

Sie gingen weiter. Stunden über Stunden wanderten sie in ihrer Kleidung durch die brandheiße Wüste. Ständig mussten sie stehen bleiben und verschnaufen. Als die Sonne unterging, sahen sie plötzlich Lichter in der Ferne. Die Lichter der Terrin-Patrouillen. Immer weiter gingen sie auf diese Lichter zu, bis sie vor dem Komplex aus Schutt und Hausruinen standen. Überall liefen die dunkelhäutigen Männer in roten Roben herum.

Die vier suchten sich ein Versteck und fingen an, sich zu koordinieren. Maike fing mit ernster Mine an „Ich mach die Öllampen aus, Cell bleibt hier…“

Was, warum?“ Cell verschränkte die Arme.

Cell, du bist da drin nicht sicher! Du hast noch nie in einem Kampf gekämpft, noch nie hast du einen Menschen töten müssen!“

Und Tess? Sie ist erst zwölf und verhält sich wie ein sechs Jahre altes Mädchen.“

Aber Tess hat schon einmal jemanden getötet, Leichen gesehen und Blut geschmeckt.“

Na, gut.“

Cell drehte sich abweisend von Maike weg, doch Maike störte das nicht weiter. „Also, ich mach die Lampen aus, Cell bleibt, Nina du schaltest die Wachen aus…“

Ok Maike.“

Und Tess?“

Ja, Maike?“

Tess lächelte immer noch.

Du wirst einfach rein laufen und die Lage checken“

Ja Sir äh… Mam!“ Tess salutierte vor Maike und kicherte vor sich hin.

Dann los!“ Alle außer Cell standen auf und liefen vorsichtig zu weiteren Deckungen im Schutt. Maike pustete in ihre sich schließende Hand, und die Öllampen aller Wachen in Sichtweite erloschen. Maike nickte Nina zu. Diese hob beide in Samthandschuhe gehüllte Hände und drückte zu, schwarzes Licht entglitt den Zwischenräumen von Ninas Hand und verlieh der Szenerie einen dunklen Schein. Alle Wachen griffen sich krampfhaft an die Brust und stöhnten, während sie unter Schmerzen zu Boden gingen. Tess lief los, an den Wachen vorbei und mit einer Strohpuppe, die ihr „Teddy“ war, über die Körper der wimmernden Männer. Maike und Nina folgten Tess in kurzem Abstand.

Tess machte eine Art Hopserlauf durch den Gang. Doch an einer Tür blieb sie stehen und kicherte. Tess stieß die Tür auf und rief blind links in den Raum: „Hallo Freunde! Wollt ihr spielen?“ Alle vier Männer in dem Raum zogen eine Pistole und zielten auf die kleine Tess, die immer noch im Eingang des Raumes stand. Tess störte es nicht, dass sie bedroht wurde und schrie: „JAAA SPIELEN!“ Tess hob spielerisch glücklich die Arme. Die Muskeln der vier Männer verhärteten sich, und ihre Hände fingen an zu zittern.

Langsam richteten die Männer die Waffe gegen sich selbst, unter Schweiß versuchten sie sich dem entgegen zu setzten, aber es war zu spät. Nachdem alle bereits auf sich selbst zielten, schossen sie auch und Tess kam mit leicht rötlich gefleckter Kleidung aus dem Raum und strahlte. „Tolles Spiel!“

Was hat sie getan?“ Maike blickte Nina an, die ihr sofort antwortete. „ Tess hat die vier Männer zum Selbstmord getrieben. Das ist ihr Talent!“ Nina lächelte Tess an.

Wir müssen weiter!“ Maike fuchtelte mit den Armen herum und machte eine auffordernde Handbewegung. Nina packte Tess am Arm und zog sie mit. An einer Wegkreuzung blieben sie stehen.

Wir müssen uns aufteilen“, sagte Maike und sah Nina etwas besorgt an.

Wir schaffen das schon.“ Nina nahm Tess wieder bei der Hand und sie gingen weiter.

Maike drehte sich noch einmal um und sah den beiden hinterher, bis sie hinter einer Ecke verschwunden waren. Maike ging weiter. Viele Meter durch einen Gang. Keine Türen und keine Fenster. Doch nach einer gewissen Zeit kam Maike an eine Biegung, die in einen großen Saal führte und plötzlich meldete sich eine Stimme in Maikes Kopf.

Maike? Bist du da?“

Ja, bist du es Nina?“

Genau, Tess und ich haben gerade ein Gespräch belauscht. Sie meinten, dass sie eine große Kühlkammer in einem großen Saal versteckt halten würden, wo sie alle anderen von uns in Todesstarre halten.“

Ok Nina, danke. Kommt schnell zu mir!“

Klar!“

Maike fing an den Saal nach Schaltern oder Türen zu untersuchen. Ihre Suche wurde von einer rauen Stimme unterbrochen.

Was suchst du hier?“ Maike drehte sich verschreckt um und sah einen Mann mit dunkler Haut, einer glänzenden Glatze und roter Robe, der sein Gewehr hob und gerade schießen wollte, als Nina und Tess in den Saal kamen.

Maike schrie noch: „Nina los!“

Nina hob ihre Hand und richtete sie gegen den glatzköpfigen Mann. Eine Welle von Trauer, Angst und Bildern von ängstlichen Menschen überschüttete Nina. Sie riss die Augen auf, die sich schwarz verfärbten. Ein Impuls von schwarz leuchtender Energie durchzischte den Saal und traf den irritierten Mann, der immer noch mitten im Raum stand. Als dieser Impuls ihn traf, griff er sich voller Schmerz an die Brust, seine Augen färbten sich weiß und weinten Tränen aus Blut. Er sank langsam zu Boden und regte sich nicht mehr. Maike setzte sich zu ihm und fing an, den Leichnam zu durchsuchen. Sie wurde fündig und zog einen Schlüssel aus einer Tasche in der Robe. Maike untersuchte eine andere Wand, wo sie ein kleines eigenartig verziertes Schlüsselloch fand. Der Schlüssel passte und Maike drehte ihn dreimal im Türschloss um bis eine versteckte Tür in der Wand aufschwang. Hinter der befand sich die Kühlkammer.

Maike zählte ‘Eins, zwei, drei, vier…‘ Siebzehn zählte sie insgesamt. Maike stockte und sah sich den siebzehnten Körper an. Es war Cell. Sie hatten sie also gefunden. Maike schreckte auf und hörte einen Schuss und einen Aufschrei von Tess.

Nina!“, schrie Tess immer lauter. Maike drehte sich schlagartig um und sah einen jungen Mann, der mit einer rauchenden Pistole vor dem erschossenen Körper von Nina lag und jetzt auf Maike zielte. Maike rannte los, in der Hoffnung, der Mann könnte sie verfehlen.

Komm Tess!“ schrie sie. Doch Tess blieb stehen und starrte den Mann mit einer überaus finsteren Mine an. „Warum hast du Nina erschossen?“

Der Mann antwortete nicht. Maike blieb stehen und beobachtete die beiden, sie konnte Tess hier nicht zurücklassen. Der Mann hatte eine kalte gefühlslose Mimik. Je länger Tess ihn anstarrte umso mehr verwandelte sie sich in einen paranoiden und ängstlichen Gesichtsausdruck. Der Mann ließ plötzlich seine Pistole fallen und griff nach einem Messer an seinem Gürtel, das er langsam zu seinem Hals führte. Er setzte das Messer behutsam an und zog es mit einer schnellen Bewegung zur Seite. Der Mann fiel zu Boden und schlug in einer Pfütze seines eigenen Blutes auf dem Boden auf.

Eine Schar Terrin Soldaten kam in den Raum gestürmt. „Tess komm!“ Mit einem verstörten Ausdruck im Gesicht drehte sich Tess zu Maike um.

Hilfe!“ Tess schrie laut und lief aus dem Raum heraus, ohne dass die Terrin Soldaten sie bemerkten.

Alle richteten ihre Waffen auf Maike und das letzte was Maike wahrnahm war die kleine aus dem Raum laufende Tess, die unsagbare Angst davor nicht mehr aufzuwachen, die Gewissheit es ist Vorbei, ein lauter Schuss. Dann Schwärze.

Maike wusste, dass sie wieder aufwachen würde. Früher oder später und dann, was dann? Maike dachte nach ‚Was will ich tun‘ und verlor sich langsam in ihren noch lange währenden Schlaf.

Weit entfernt. Viele Jahrhunderte nach alle dem: Die auserwählten Zwanzig waren vergessen, vergessen dort, wo sie begraben lagen. Ein junger Mann setzte sich an einen kleinen Tisch, wo vor ihm ein Block mit Papier lag. Er kratzte sich an der Wange und dachte sich:

‚Was wäre wenn…?‘