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Ahnungslos … Couragiert … Mutig … Hoffnungslos …

von Agnes Nau, 72 Jahre (Zeitzeugin)

»Norddeich-Radio, hier spricht Norddeich-Radio. An der gesamten Nordwestküste ist mit Sturmböen zu rechnen. Es besteht die Gefahr einer schweren Sturmflut«. So oder ähnlich muss es am Freitag, den 16. Februar 1962 im Radio gesendet worden sein.
Am großen Esstisch saß die Familie zusammen mit einem befreundeten, jungen, holländischen Seemann, dessen Kapitän schon am Donnerstagabend mit seinem kleinen Frachter Schutz vor dem Sturm im Hamburger Hafen gesucht hatte. Der Vater, ein alter Fahrensmann, der bei diesem »Schietwetter« nicht an Bord gehen mochte, unterhielt an diesem Abend alle mit seinen abenteuerlichen Geschichten von seiner Seefahrt bis zum Ausbruch des Krieges September 1939.

Sein Schiff fuhr oft in die Karibik, nach Südamerika, und später mit der Hansa-Linie nach Indien, Pakistan.
Der junge Holländer erzählte auch von fremden Ländern. Immer wieder wurde ihr Seemannsgarn durch laute Schiffssirenen vom Hafen untermalt. Einer fragte, was bloß draußen im Hafen los sei. Doch eigentlich machten die Sirenen draußen die Runde im Wohnzimmer neben dem warmen Kachelofen nur noch gemütlicher. Die Mutter hatte schon für das Wochenende eingekauft, und nun wurde der überraschende Besuch gut bewirtet. Alle langten vergnügt zu und die Vorräte gingen bald zur Neige. Draußen sang der Sturm dazu.

Kurz vor Mitternacht musste der junge Seemann an Bord zurück, seine Wache begann. Der Sohn der Familie hatte nun gerade ein Jahr seinen Führerschein und durfte mit dem VW Käfer seines Vaters losfahren. Bereits an der Veddel bei der Durchfahrt zum Freihafen ging nichts mehr. Die Polizei hatte den Zugang zum Hafen gesperrt. »Da ist überall Wasser, da können Sie nicht durch!«. Mehr konnten die Beamten nicht sagen.
Im Hause hörten sie derweilen vom Plattenteller die 45er Scheiben mit Seemannsliedern, wie »Der alte Seemann kann nachts nicht schlafen« von Liselotte Malkowsky. Es klang so schön melancholisch. Um Mitternacht gingen sie ins Bett, der Sohn würde dann ja später, wenn er den holländischen Seemann am Hafen abgeliefert hatte, leise ins Haus kommen.
Der aber irrte inzwischen umher; nahm seinen Freund mit auf eine abenteuerliche Fahrt; zuerst noch über die bereits überflutete Wilhelmsburger Reichsstraße Richtung Harburg, dann weiter Richtung Süden, um in Geesthacht auf die andere Seite der Elbe zu gelangen. Ein Zurück nach Wilhelmsburg war nicht mehr möglich. Aber warum, das wusste keiner von beiden.

»Wer klopft denn da wie blöd an die Haustür?« Ärgerlich stand der Vater auf und schwang seine Füße aus dem Bett –sie landeten im Nassen. Als er die Tür öffnete, kam ein Schwall stinkendes Wasser in die Wohnung.
»Igitt! Was ist los, haben wir einen Rohrbruch?«
»Nein«, schrie der Nachbar, »das Wasser kommt!«
In der Erdgeschosswohnung am Groß Sand begann die Suche nach dem Sohn; erst als sie feststellten, dass sein Bett leer war, kam mit dem nassen, kalten, stinkenden Wasser auch die Angst. Alles war still und stumm, kein Radio, kein Licht, nur eine unheimliche Dunkelheit.
Der Vater aber, als alter Fahrensmann, stellte sich an das Fenster mit Blick auf die große Terrasse und meinte nur: »Dat geit mit de nächste Ebbe wieder wech«.
Er achtete wenig auf die Tochter, die ihrer Mutter half, wenigstens einige Dinge, wie die am Vortag frisch gekochte Hühnersuppe, zu retten und Dokumente zu suchen, wie man es in den Kriegsjahren immer zu allererst getan hatte.

Plötzlich wehte der Sturm gellende Hilfeschreie heran. Die mussten von den Behelfshäusern kommen, die Richtung Hafen seit dem Kriegsende vielen Ausgebombten ein Zuhause gaben. Erst dann begriff der Vater es: Die Deiche waren gebrochen, und die Elbe würde ins Haus kommen, in die Gärten, nach Kirchdorf, nach Moorwerder, nach Neuhof.
Der Deich an der Harburger Chaussee war an mehreren Stellen gebrochen, die Behelfshäuser wurden einfach weggerissen, und die Menschen trieben in den eisigen Fluten. Für sie gab es kein Entrinnen mehr. Wer nicht gleich ertrank, hoffte notdürftig gekleidet auf dem Hausdach auf Rettung.

Endlich half der Vater bei der notdürftigen Räumung einiger Einrichtungsgegenstände auf den Boden. Schon bald konnten sie nur noch durch die Zimmer waten; denn das Wasser stieg von Minute zu Minute, nicht lange, und es stand einen halben Meter hoch in der Wohnung.
Dann erfuhren die Familien aus dem Erdgeschoss die Solidarität der Mitbewohner. Zwei Familien mussten untergebracht werden; sie gingen zu dritt zur fünfköpfigen Familie, die Nachbarn zu viert zur dreiköpfigen Familie in den zweiten Stock. Aber niemandem war wirklich bewusst, wie sehr Wilhelmsburg von dieser verheerenden Sturmflut getroffen war. Es gab immer noch kein Licht,
kein Radio, keinen warmen Ofen. Irgendwann dämmerte der Morgen. Die Notstromaggregate des Krankenhauses brachten ein wenig Licht in die Fenster, aber das dunkle Wasser ließ Böses erahnen. Die Mutter schaute immer wieder verzweifelt durch die Fenster, die Sorge um den Sohn war überwältigend.

Während sie auf das dunkle Wasser blickten, tat der Innensenator Helmut Schmidt etwas, was sie sonst nicht von Politikern kannten: Er handelte beherzt und setzte sich über Dienstvorschriften hinweg. Er rief die Bundeswehr auf den Plan, setzte sich mit der Nato in Verbindung, und damit bei dem Hamburger Polizeipräsidenten in die Nesseln. Aber das war ihm egal, er schrie förmlich um Hilfe für die Betroffenen, und die Hamburger hörten seine Appelle. Es waren über fünftausend Evakuierte, die privat aufgenommen wurden, siebzehntausend Überlebende kamen in Auffanglagern in Schulen, beim Roten Kreuz, Sozialbehörden usw. unter. Aber es wurden auch mehr als dreihundertfünfzig Tote registriert. Helmut Schmidt saß nicht im grauen Anzug in seinem Haus in Lagenhorn; sondern er war vor Ort und leitete couragiert viele Einsätze.

Lange Zeit bestand die Bundeswehr noch nicht, und in der Bevölkerung war viel Kritik über den Aufbau einer neuen Wehrmacht zu hören. Das änderte sich mit dem mutigen Einsatz der vielen jungen Soldaten, die in den Tagen der Sturmflut bis zur Erschöpfung und auch bis in den Tod für die Menschen da waren. Die Soldaten kamen mit Booten zu den Eingeschlossenen, retteten viele vor dem Ertrinken, sorgten für die Versorgung der Unterbringung und brachten mit Hubschraubern und Pionierfahrzeugen Verpflegung, Wasser.

Wenn diese Soldaten nicht mutig oder Drückeberger gewesen wären, hätten sicher mehr Menschen ihr Leben lassen müssen. Ebenso mutig waren die Männer und Frauen vom THW, die in diesem großen Chaos mutig ihre Einsätze machten.
Vielen Menschen, die gerettet wurden, blieb oft nur ein bisschen Kleidung, eine Tasche, ein paar andere Habseligkeiten. Wie mochte ihre Zukunft aussehen, wo würden sie wieder eine Wohnung beziehen können?

Die größte Sorge aber hatten die Menschen, die nicht nur Materielles verloren hatten, sondern Familienmitglieder, darunter Kinder, Eltern, Großeltern, liebgewordene Menschen. Glaubten sie noch an ein Wunder oder blieben sie hoffnungslos?
Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Also mussten auch diese Menschen einen Neuanfang wagen.
Während die Familie im Ungewissen saß, hörten sie ein Rufen. Die Stimme kannten sie! Sie stürzten zum Fenster. Der Bruder winkte von der Anhöhe am Krankenhaus mit den Armen hinüber. Er durfte nach Wilhelmsburg einfahren, und sie hörten nun von ihm, wie es draußen aussah. Er hatte von Geesthacht den Weg nach Hamburg genommen und alles gut überstanden.

»Und das Auto?«, rief der Vater.
»Das Auto steht im Trockenen!«
Nur zu essen hatten sie nichts; die Hühnersuppe war sauer geworden, aber der Vater als alter Seemann aß sie trotzdem und sagte: »Schmeckt wie Labskaus!«

Nun sind fünfzig Jahre vergangen. Kurz vor dem Gedenken an die verheerende Sturmflut bemerkten einige Schülerinnen gegenüber Zeitzeugen, warum diese von diesem Drama so unberührt erzählen; von gemütlichen Abenden mit Kerzenlicht, endlich die Familien zusammen am Tag und Abend, Kartenspiel …
Vielleicht ist das so, weil die älteren Betroffenen das Leid und die Angst verdrängt haben, um nicht hoffnungslos zu werden?