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Ben

von Pauline Elbel

Morgen passiert es. Morgen werde ich meinen Bruder kennen lernen.

Kaum zu glauben, dass meine Eltern ihn mir über so viele Jahre vorenthalten haben. Mein Halbbruder, sein Name ist Ben, hatte vor einigen Wochen von seiner Pflegefamilie erfahren, dass seine Eltern gar nicht seine leiblichen Eltern sind. Daraufhin hat er sich ziemlich schnell bei uns gemeldet und ein Treffen ausgemacht.

Eigentlich möchte ich sauer auf meine Eltern sein, aber ich brauche sie jetzt mehr denn je. Mein Kopf ist voll mit Gedanken und Gefühlen, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt. Und dazu bin ich auch noch so aufgeregt, da können mich nur meine Eltern beruhigen.

Ich weiß nicht, wie ich ihn begrüßen soll, was ich als erstes sagen oder ihn fragen soll, geschweige denn, wie ich den Tag mit ihm verbringe.

Und wenn wir uns dann genauer kennen gelernt haben, wie lange wird es dauern, bis wir ein familiäres Verhältnis haben? Ich habe Angst, dass genau das nie passieren wird. Die Vorstellung, einen älteren Bruder zu haben, der mich beschützt, mit dem ich reden kann und mit dem ich Spaß habe, ist wahrscheinlich die schönste Vorstellung von allen. Ich bin einfach so aufgeregt. Dieses Gefühl kann man mit nichts vergleichen. Nicht mal mit der Aufregung vor meinem ersten Date. Und ich bin sicher, dass ich heute Nacht kein Auge zu machen werde.

 

Heute ist es soweit. Ich bin den ganzen Vormittag damit beschäftigt, die Wohnung zu putzen. Zum Glück hilft mir meine Mutter, sonst würde ich nie fertig werden. Ich hätte aber auch nicht gewusst, was ich sonst hätte tun können, damit die Zeit vergeht. Unsere Wohnung ist ziemlich groß und neumodisch eingerichtet. Was wohl kein Wunder ist, da mein Dad Innenarchitekt ist. Am längsten dauert das Saugen des Sofas. Es ist ein weißes Ecksofa. Es ist nicht sonderlich einfach, mit dem Staubsauger in die Ecken und Rillen zu gelangen.

Die Küche übernimmt meine Mutter und ich bin noch für das Gästezimmer und für meine eigenen vier Wände zuständig. Was einigermaßen schnell geht, da ich insgesamt ein ordentlicher Mensch bin.                                                                                                                                                                            Auch wenn jetzt alles noch ordentlicher und sauberer ist als vorher, habe ich Bedenken, ob es Ben hier gefallen wird. Ich will, dass er sich hier wohl fühlt. Auch wenn eigentlich noch keiner weiß, ob und wie lange er bei uns bleibt. So langsam verwandelt sich die Aufregung in Angst. Ich hatte noch nie so ein Chaos in meinem Kopf! Und mein Herz schlägt so laut und vor allem heftig, als würde es mir gleich aus der Brust springen.

Ben kommt mit dem Taxi vorgefahren. Er steigt aus und geht auf uns zu. Ich halte die Hand meines Vaters, genauso wie früher als kleines Kind. Ich kann nicht anders, ich habe große Angst und brauche jetzt diesen Schutz. Ich bin mir sicher, dass Ben sich fragt, warum er nicht bei uns aufgewachsen ist, und was unsere Mutter dazu sagen wird oder wie sie sich vielleicht rausreden wird. Bestimmt ist er sauer auf sie. Was mir eigentlich ziemlich egal ist, da ich es auch bin. Sie hätte mir einfach viel früher von Ben erzählen müssen!

Die Hauptsache ist, er ist nicht sauer auf mich. Ich hoffe, er glaubt mir, dass ich wirklich mein ganzes Leben keine Ahnung hatte, dass ich einen Bruder habe.

„Hallo“, sagt Ben, guckt mir dabei direkt in die Augen und lächelt dann schüchtern in die Runde. Meine Mutter hat Tränen in den Augen, geht ein paar Schritte vor, will ihn umarmen, tut es dann aber doch nicht. Mein Dad geht auf ihn zu, gibt ihm die Hand und klopft Ben freundschaftlich auf die Schulter. Aus mir kommt nichts heraus. Meine Zunge und mein Körper sind wie gelähmt. Wir stehen immer noch vor der Haustür, als er freundlich fragt, ob wir reingehen können. Ihm sei kalt.

Diese Situation ist so komisch. Ich kann es nicht in Worte fassen, was ich gerade fühle. Ich weiß nur, dass ich so was noch nie gefühlt habe.

Endlich sitzen wir am Tisch und keiner sieht meine Beine zittern. Ich halte meine Hände unter dem Tisch und pule nervös an meinen Fingernägeln rum.

Ich will, dass meine Mutter gleich zum Punkt kommt. Sie soll uns endlich alles erzählen. Ob Dad die ganze Geschichte kennt?

„Ich war damals sehr jung“, fängt sie an zu erzählen, guckt aber währenddessen niemanden an. Ihre Augen sind auf ihr Glas Wasser gerichtet. ,,Gerade mal 18. Dich mein Schatz habe ich erst 6 Jahre später bekommen.“ Sie sieht mich an und lächelt kurz.

„Ich hatte keine Beziehung mit deinem Vater, Ben. Wir kannten uns nur flüchtig über ein paar Freunde.“

Sie steht auf, geht in die Küche und gießt sich Wasser nach. Ben sagt gar nichts. Er sieht Mama nur mit seinen großen Augen an. Er will einfach wissen, was Sache ist. Ob es ihm weh tut, zu hören, dass seine leiblichen Eltern keine Beziehung hatten?

„Dein Vater, also Paul, war bei unserem Abiball auch da. Er kannte einige aus unserem Jahrgang. Wie das eben so ist bei jungen Abiturienten, sind wir nach der Zeugnisübergabe noch weiter auf den Kiez gezogen, um unser Abi so richtig zu feiern. “

Theoretisch kann sie schon aufhören zu erzählen, ich denke, wir alle können uns denken, was jetzt kommt. Mir kommt das alles wie ein schlechter Liebesroman oder ein Film vor. Es wirkt auf mich völlig unrealistisch, dass hier von meiner Mutter die Rede ist. Jetzt ist Ben derjenige, der an seinen Nägel pult. Er tut mir leid. Am liebsten würde ich seine Hand nehmen. Oder besser doch nicht..?! So ein Durcheinander der Gefühle bin ich echt nicht gewohnt.

„Wir hatten alle zu viel getrunken und tanzten bis zum Geht-nicht-mehr. Dann wollte ich ins Auto und meine Schuhe wechseln. Paul war wirklich ein Gentleman, also begleitete er mich.“

Als sie das sagt, lächelt sie sogar ein wenig und schaut Ben das erste Mal so richtig an. Er hingegen macht nichts, zeigt keine Reaktion. Er sieht eher so aus, als würde er sich am liebsten die Ohren zuhalten. Wundern tut mich das allerdings nicht!

„Es ist wirklich nicht einfach, euch diese Sache oder besser gesagt, diese Nacht wieder zu geben.“

Ich habe meine Mutter noch nie so gesehen. Sonst ist sie immer so sicher. Von Sicherheit ist in ihrem Blick allerdings nichts zu finden. ,,Sex im Auto. Tut mir leid, dass ich das so plump sage… aber, ähm, so war das nun mal. Dein Vater und ich waren uns danach beide sicher, dass das eine einmalige Sache war. Eigentlich hatten wir beide kein schlechtes Gewissen danach, schließlich waren wir ziemlich betrunken und außerdem war keiner von uns in einer festen Beziehung. Trotzdem wollten wir es bei diesem einen Mal belassen.“

Nun ist es mein Dad, der nervös aussieht. Er steht auf, geht im Esszimmer auf und ab und fährt sich immer wieder durch die Haare.

Ohne meinem Vater Beachtung zu schenken, redet meine Mutter weiter. „Ungefähr vier Wochen später habe ich die Schwangerschaft festgestellt und sie mir zur Sicherheit auch noch mal vom Frauenarzt bestätigen lassen.“ Sie macht eine Pause und trinkt ihr Wasser vollständig leer. „Also eine Abtreibung kam für mich nie in Frage. Aber trotzdem habe ich mich zu jung gefühlt. Unabhängig davon, dass ich gedacht habe, dass auch dein Vater nicht im Stande sei, mit 18 schon eine Familie zu ernähren. Also entschied ich, zusammen mit deinem Vater, dich gleich nach der Geburt zur Adoption frei zu geben.“

Ben stammelt kurz irgendwas vor sich hin, was in etwa so klingt wie: „Das ist alles zu viel für mich“, und springt auf, wobei sein Stuhl hinfällt und verlässt die Wohnung.

Meine Mutter legt sich die Hände vors Gesicht und fängt an zu weinen. Mein Dad setzt sich neben sie und nimmt sie in den Arm.

„Meint ihr, er kommt wieder?“, frage ich besorgt.

„Ganz bestimmt Lilly, er hat seinen Rucksack hier gelassen“, antwortet mein Vater und zeigt mit dem Kopf in Richtung Türrahmen, wo Bens Rucksack tatsächlich noch liegt. Das beruhigt mich sogar etwas.

„Wie muss er sich jetzt fühlen? Das macht ihn bestimmt voll fertig.“

Unbeabsichtigt schaue ich zu meiner Mutter rüber. Ich will ihr nicht die Schuld geben für Bens Trauer, aber das ist gar nicht so einfach. Sie hat aufgehört zu weinen, sieht allerdings nicht so aus, als würde sie etwas sagen wollen.

„Er wird sicher bald wieder kommen, macht euch keine Sorgen. Er braucht jetzt nur ein bisschen Zeit für sich. Und die werden wir ihm auch geben.“

Mein Vater weiß immer zur richtigen Zeit, was zu sagen ist. Er ist die Ruhe in Person und in solchen ungewöhnlichen Situationen ist er immer eine große Hilfe für meine Mutter und mich.

„Was wollt ihr denn, wie es weiter geht?“, frage ich. „Ich meine, er hat ja theoretisch eine Familie und sein eigenes Leben?“ Ich weiß selber nicht einmal, was ich will oder im Moment für richtig halte.

Mein Dad antwortet ruhig „Also, ähm so hart es auch klingt, aber hier einziehen kann er nicht. Wir haben gar keinen Platz und außerdem wohnt er doch mit Freunden in einer WG oder bin ich da falsch informiert?! Allerdings kann er uns doch regelmäßig besuchen, wenn er möchte“.

Ich habe Angst, dass Ben das gar nicht will… uns kennen lernen. Und zwingen kann man ihn ja auch nicht.

„Ich denke, wir müssen abwarten, was Ben dazu zu sagen hat“, sagt meine Mutter. Und ich möchte mich noch unbedingt bei ihm entschuldigen, dass ich nie versucht habe, den Kontakt zu ihm her zustellen. Es ist wahnsinnig mutig, dass er diesen Schritt von sich aus gewagt hat.“

Da hat sie Recht. Ich verstehe wirklich nicht, wieso meine Mutter nie was gesagt hat, aber ich spreche sie jetzt nicht drauf an, weil ich keine Lust auf Streit habe. Ich weiß nur, dass ich meinen Halbbruder richtig kennenlernen möchte und ich hoffe sehr, dass er das genauso sieht. Ohne dass ich fragen muss, gibt sie mir nun die Antwort.

„Ich habe mich einfach nie getraut, mich bei ihm zu melden, weil ich die Befürchtung hatte, dass genau das passiert, was jetzt passiert ist. Dass mein Sohn sofort wieder gehen wird.“ Sie fängt wieder an zu weinen.

Ich hoffe für meine Mutter, dass Ben ihr die Chance gibt, ihm das alles zu erklären. Vielleicht beantwortet das ja wenigstens einige seiner Fragen.

Es klingelt. Mein Dad macht die Tür auf und ja wirklich… Ben steht schüchtern auf unserer Fußmatte und fragt allen Ernstes, ob er reinkommen darf. Mein Vater muss lachen und zieht ihn freundschaftlich ins Wohnzimmer.

Ohne Ben zu Wort kommen zu lassen, sagt meine Mutter genau das, was sie mir und meinem Dad kurz zuvor unter Tränen erklärt hat.

Ohne irgendwelche Emotionen im Gesicht hört Ben ihr zu und sagt dann, dass er uns sehr gerne besser kennenlernen möchte. Das geht aber nicht so schnell, sagt er. Er braucht noch etwas Zeit, wird sich aber bei uns melden.

Daraufhin gibt er unserer Mutter und meinem Vater die Hand und nimmt seinen Rucksack. Ich gehe schon mal vorsichtig in Richtung Flur. Ich will eine eigene Verabschiedung. Und tatsächlich, bevor Ben aus der Tür geht, dreht er sich noch einmal um, lächelt mich an und sagt: „Bis bald, kleine Schwester.“

Nun kenne ich meinen Halbbruder. Ich wusste nicht, dass man sich über ein paar Worte und ein kleines Lächeln so sehr freuen kann. Aber genau das tue ich. Und mein Gefühl sagt mir, dass ich Ben wieder sehen werde. Es gibt noch so viel, das wir nicht voneinander wissen. Aber ich bin mir sicher, dass dieses Treffen heute auch seine Neugier geweckt hat.