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Blind Trust

Mimi Theissen, 12 Jahre


»Was hast du an, Mia? « fragte Mom.

»Meinen Wollpulli, und eine lange Jeans«, antwortete ich.

Sie fragte es jeden Morgen, denn sie war blind, eine alleinerziehende Mutter von einer verlogenen 15-Jährigen. Die Tochter bin ich und verlogen, weil ich eigentlich viel zu kurze Shorts und ein tief ausgeschnittenes Top trug. Demonstrativ hielt ich ihr ein Stück Wolle hin. Sie ließ mich gehen, denn Leslie wartete schon vor der Tür. Leslie ist meine beste Freundin, seit sie vor vier Monaten in unsere Klasse kam. Davor war ich ein langweiliges, kleines, braves Mädchen. Meine Mutter konnte mir blind vertrauen, ich trug sogar kratzige Wollpullis, und das machte mich zur Außenseiterin. Leslie brachte etwas Schwung in mein Leben, sie kommt aus New York, hat aber eine deutsche Mutter. Mittlerweile war es zehn vor acht, ich sagte meiner Mutter, es wäre halb acht und ging.

Wir hatten nicht etwa vor, in die Schule zu gehen, wie normale 15-Jährige, nein, wir gingen shoppen. Seit einer Woche hat sie mir versprochen, mit mir shoppen zu gehen, aber immer keine Zeit gehabt. Wir schlenderten langsam durch die Fußgängerzone. Erwachsene starrten uns ungläubig hinterher, als würden alle Kinder in die Schule gehen. Bei dem warmen Sommer-Wetter wurde mir richtig heiß. Leslie trug einen stylischen leichten Pullover in Lachsfarbe und Hotpants im Fetzen-Style, dazu Ballerinas wie immer. Ihr schien auch heiß zu sein, denn ihre Beine glänzten. Sie schwitzte eindeutig.

Im Sportunterricht, den ich mittlerweile hasste, war sie das einzige Mädchen, das sich noch richtig anstrengte. Ihr war es egal, ob sie den ganzen Tag stinkend und verschwitzt rum sitzen würde. Leslie war schon etwas Besonderes. Ganz in meine Gedanken vertieft, hatte ich nicht gemerkt, dass sie schon ein ganzes Stück vor mir war. Doch weiter kamen wir gar nicht mehr, denn unsere Klassenlehrerin Frau Luma kam mit zwei voll gestopften Tüten aus H&M. Erschrocken versuchten wir in das nächste Geschäft zu flüchten, doch zu spät. »Leslie? Mia?«
Sie hatte uns gesehen. »Ach, Frau Luma! Gibt’s bei H&M schon XL Größen? « Leslie lachte leise hinter meinem Rücken, doch Frau Luma wurde noch saurer. Wir mussten uns alle gegenseitig ein bisschen tadeln, denn Frau Luma war seit gestern krank gemeldet. Wegen ihr hatten wir auch diesen merkwürdigen Vertretungslehrer gehabt, der sich alle zehn Sekunden an die Schläfe griff. Sie ging gar nicht auf meine Frage ein.

»Was macht ihr denn hier? «, fragte sie streng.

»Das gleiche könnten wir sie fragen«, gab Leslie mit einem verschmitzten Lächeln zurück.
» Ich, äh…. « Dazu fiel ihr jetzt auch keine Antwort ein.

Frau Luma mochte Leslie und mich nicht, obwohl Lehrer an unserer Schule eigentlich immer dazu neigen, die schlechten Schüler zu mögen. »Bitte verratet mich nicht, ich verliere sonst meinen Job!«, sagte sie.

»So schnell geht das?« fragte ich, denn ich dachte, wenn man von der Schule geht, geht man in Rente. »Sind sie nicht in Beamten-Schutz oder so?« Ich dachte darüber nach, theoretisch konnte sie dann ja allen möglichen Mist machen, und würde ihren Job trotzdem behalten.

»Hallo?« fragte Leslie, und wischte mir von oben nach unten einmal übers Gesicht, dabei verwischte sie meinen Lippenstift, und meine unechten Wimpern verrutschten. Sie gab mir ihr iPhone, damit ich die Frontkamera als Spiegel benutzen konnte.

Nachdem ich fertig war, guckten wir uns lange an, keiner wusste, was er sagen sollte. Zwei schwänzende Mädchen waren ja schon schlimm genug, aber eine schwänzende Lehrerin dazu, war doppelt schlimm! Immer noch starrten wir uns an, meine Blicke wechselten zwischen Leslie und Frau Luma. Leslie hatte ihren Blick abgewandt und sah aus, als würde sie überlegen. »Also Frau Luma…«, fing Leslie an, »Wenn sie uns nicht verpfeifen…«

»Also Leslie, ich muss euch melden, ihr habt geschwänzt!«

»Tja, dann müssten wir sie leider auch melden, tut uns leid, es gibt keine andere Lösung!«

»Leslie, das ist Erpressung! «

»Nö«, war mein einziger schlauer Beitrag.

»Wir machen‘s so: Wir halten die Klappe und Sie halten die Klappe. Deal? « fragte Leslie.

»Denk mal darüber nach, Leslie!«, zischte sie. »Der Direktor wird denken, ihr wollt nur eurer Lehrerin eins auswischen! Keiner wird euch glauben! Stellt euch auf einen Besuch bei ihm nächste Woche ein!«

Leise flüsterte ich Leslie etwas zu. Ich hatte einen Plan. »Viel Spaß noch beim shoppen, Frau Luma! « sagte ich fröhlich, dann rannten wir weiter.

»Was hast du mir eben zugeflüstert? « fragte mich Leslie, als wir weit genug weg von Frau Luma waren. »Ich hab kein Wort verstanden!«

»Also dann noch mal, wir müssen ihr beweisen, dass es für sie mehr zu verlieren gibt, wenn sie uns verpfeift! «

An Leslies Gesichtsausdruck konnte man erkennen, dass sie nichts verstanden hatte.

»Sie wird sagen, dass sie uns in der Fußgängerzone erwischt hat…«, erklärte ich.

»Hä?«, sagte Leslie sehr intelligent.

»Woher weiß sie, dass wir hier waren?«, fragte ich sie.

»Ahhhh! Wir haben Material gegen sie!«, dämmerte es ihr.

»Ja!« Jetzt, wo ich es ausgesprochen hatte, fühlte es sich noch besser an.

»Wir sind echt gut!«

»Ja! Wir sind so toll, dass im Lexikon unter „Dachschaden“ ein Bild von uns ist!«, sagte ich grinsend.
Am nächsten Tag hatten Leslie und ich uns vorgenommen, doch in die Schule zu gehen, um lieb und unschuldig zu wirken. Gleich, in der zweiten Stunde kam eine Lautsprecher-Durchsage: »Leslie und Mia aus der 9b werden gebeten, ins Direktorat zu kommen!«
Wir grinsten uns an. Der Lehrer, der aufmerksam zugehört hatte, guckte uns böse an, und zeigte dann mit dem Finger auf die Tür. Lachend liefen wir durch die verlassenen Flure, und überlegten, wie wir am besten argumentieren konnten. Kurz vor der Tür des Direktors hörten wir auf zu reden, und traten mit betretenem Gesichtsausdruck ein. Hinter dem großen Schreibtisch saß der junge, freundlich guckende Direktor und diskutierte mit Frau Luma, die komischer Weise heute schon wieder gesund war. Als sie die Tür hörten, blickten sie auf. Der Direktor mit einer enttäuschten, aber trotzdem freundlichen Miene. Frau Luma schaute eher befriedigt und so, als hätte sie grade einen Pokal gewonnen.

»Guten Morgen!«, grüßten Leslie und ich betont höflich.

»Setzt euch bitte«, sagte der Direktor und deutete auf zwei Stühle vor dem Schreibtisch. »Wie ich gehört habe, habt ihr gestern, während der Schulzeit einen kleinen Ausflug durch die Fußgängerzone gemacht?! «

Unschuldig sagte Leslie: »Warum glauben Sie das? «

»Leslie, du weißt genau, dass ich euch dort gesehen habe, Versuch mal nicht… «

Der Direktor unterbrach die aufgeregte Frau Luma. »Frau Kollegin, bitte beruhigen sie sich! Mia, vielleicht möchtest du uns ja erzählen, was gestern los war?!«

»Also, Leslie hat schlimmes Nasenbluten bekommen, und weil wir keine Taschentücher hatten, haben wir ihr Tampons in die Nase gestopft, und dann wollten wir Taschentücher kaufen gehen, in der Fußgängerzone. Am Ende ist eine Apotheke, und da schenken die einem immer die Taschentücher. Also sind wir dahin gerannt. Aber warum wissen Sie das Frau Luma?«, schloss ich meinen Bericht ab, der natürlich komplett gelogen war.

Empört blickte Frau Luma erst mich, dann Leslie an. Der Direktor kam ihr zuvor: »Frau Luma? Sie waren auch da? Ich dachte Sie waren krank? «

»Ähhm…war ich auch. Ich wollte zu…ähhm…zum Arzt! Und da habe ich die kleinen Gören getroffen! «

»Also, entschuldigen Sie mal, ich bin größer als Sie! «

So ging es ewig hin und her, am Ende, oh Wunder, sagte der Direktor: »Ich werde auf jeden Fall einen Brief an eure Eltern schicken!«

Insgeheim freute ich mich, denn meine Mutter konnte ja nicht lesen. Mit gutem Gewissen gingen ich und Leslie aus dem Büro. Leise flüsterte ich ihr zu: »Gehen wir raus und holen in der Pause unsere Taschen?«

Mit raus war natürlich außerhalb des Schulgeländes gemeint.

Als ich nach hause kam, stand meine Mutter griesgrämig in der Küche und stach mit einem Messer auf eine Paprika ein. So leise wie möglich schloss ich die Tür, doch sie hörte es trotzdem. »Gut, dass du kommst! Der Direktor hat mich angerufen. «

Ich erschrak, der Blödmann hatte gesagt, er würde einen Brief schreiben. »Wir haben uns länger unterhalten. Über dich!«

Diese Worte hatte ich immer gefürchtet. Sicherheitshalber schaute ich zu meiner Zimmertür, sie stand offen. Sonst war sie immer zu. Das hieß nichts Gutes. »Er fragte mich, ob ich mir darüber im Klaren sei, dass du die Schule schwänzt. Und darüber, dass du anscheinend unangemessene Klamotten trägst. Ich bin dann zu deinem Schrank gegangen, um die Klamotten zu befühlen.«

Panisch starrte ich sie an.

»Mia, ich will nur wissen, warum du mich belügst? Ich hab dir immer vertraut! Weißt du, was das ist, was du hier abziehst? Ist das alles nur eine blöde Show für deine dumme Mutter? «
»Nein«, brachte ich nur heraus.

»Das kannst du dir ja mal überlegen! Geh in dein Zimmer, ich will nichts mehr von dir hören!«
»Ich will doch nur leben, so wie ich es will!« brüllte ich, und knallte die Tür meines Zimmers zu.
Mir war nicht zum Weinen zumute, ich wollte einfach nur noch schreien! Meine Tarnung war aufgeflogen! Nur wegen diesem bescheuerten Direktor, der meint, dass er sich in mein Leben einmischen muss! Niemand muss das!

Als ich mich wieder halbwegs abgeregt hatte, fiel mir mein Kleiderschrank ein, ich sprang auf. Alle Klamotten waren zerwühlt und durcheinander, aber sie waren zum Glück noch da. Ich schmiss alles auf den Boden und fing an, es neu zu falten und zu sortieren. Nach einer guten Stunde war ich fertig, es war mir nicht bewusst gewesen, dass ich so viele Klamotten hatte. Niedergeschlagen legte ich mich in mein Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Ich dachte darüber nach, ob Mom mir verbieten würde meine Klamotten zu tragen. Ob ich auf eine andere Schule wechseln müsste, und was jetzt überhaupt passieren würde. Sie hatte mir vertraut, das hatte ich ausgenutzt.

Aus lauter Frust war ich eingeschlafen. Um vier Uhr Nachts wachte ich auf. Ich hatte schrecklichen Durst und musste auf die Toilette. Es blieb mir nichts anderes übrig, als in die Küche zu gehen. Leise öffnete ich die Tür und schlich heraus. Mom lag mit dem Kopf auf dem Küchentisch. Sie hatte geweint, ihre Augen waren rot und blutunterlaufen. Sie gab ein Stöhnen von sich. Langsam hob sie den Kopf. Schnell warf ich mich auf alle Viere und krabbelte unter die lange Tischdecke des Küchentischs. Da erst fiel mir die Sinnlosigkeit dieser Aktion auf, Mom konnte mich sowieso nicht sehen. Ich hörte Stühle rutschen. Mom stand auf, leise murmelte sie: »Ich habe komplett versagt. Wie kann man ein Kind so schlecht erziehen, dass es die eigene Mutter komplett verarscht?!«

Ich zuckte zusammen und stieß mit dem Kopf gegen den Tisch.

»Scheiße!«, fluchte ich leise.

»Hallo?« Mom hatte mich gehört.

Ich blieb in meinem Versteck. Sollte sie doch glauben, dass ein Einbrecher hier wäre. Langsam ging sie in Richtung Bad, ich hörte den Wasserhahn und das Schrubben der Zahnbürste. Langsam schlurfte Mom wieder aus dem Bad und in ihr Zimmer, kurz davor hielt sie noch einmal an. Vielleicht hatte sie an mich gedacht? Als ich die Tür einrasten hörte, schlich ich zum Wasserhahn und füllte ein Glas mit Wasser, dann ging ich ins Bad. Als ich wieder im Bett lag, konnte ich nicht mehr schlafen.

Ich entschied mich, eine Tasche zu packen und Mom einen Schrecken einzujagen. Ich holte mir meinen Rucksack und meine Schminke. Dann packte ich noch ein paar Leggins, Oberteile und jede Menge Unterwäsche ein. Fast hätte ich mein Ladekabel fürs Handy vergessen. Ich schaute mich in meinem Zimmer um, ob ich noch etwas brauchte, da fiel mein Blick auf einen großen Stapel leerer Zettel. Einen Abschiedsbrief konnte ich nicht schreiben. Daneben lag ein Diktiergerät. Ich sprach leise in das Mikrofon: »Liebe Mom, ich hätte dir natürlich lieber einen Brief geschrieben, aber naja. Ich weiß nicht, ob ich will, dass du die Aufnahme hier findest. Ich möchte für ein paar Tage bei Leslie wohnen, aber weiß noch nicht wie lange. Ich weiß, dass du sehr verletzt bist und so, aber wäre es dir lieber gewesen, wenn ich die ganze Zeit perfekt gewesen wäre? Denk mal drüber nach, meine Handy-Nummer hast du ja. Ich wünsche dir eine schöne Woche.«

Ich legte das Gerät auf meine Bettdecke, falls sie nach mir gucken würde. Noch einmal schaute ich mich in meinem Zimmer um, meinen Hausschlüssel könnte ich mitnehmen. Falls ich bald wieder kommen wollte.

Geräuschlos öffnete ich die Haustür und schloss sie wieder. Als ich durch die verlassenen Straßen schlich, fühlte ich mich wie ein FBI Agent. Ein paar Betrunkene kamen mir entgegen, taten mir aber nichts.

Vor Leslies Haustür war ich ein bisschen nervös, konnte ich da einfach klingeln? Eine andere Möglichkeit gab es für mich aber nicht, langsam stieg ich die Stufen hoch. Im Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr. Ich schaute mich um, ein großer Mann kam halb torkelnd auf mich zu. Sein Gesicht lag im Schatten, doch man sah ganz deutlich, dass er betrunken war. Panisch fing ich an zu klingeln, obwohl der Mann noch gute fünfzig Meter weg war. Ich hörte das Knarzen der Treppe, die direkt neben der Haustür lag. Leslie erschien in einem knappen, weißen und ziemlich durchsichtigen Morgenmantel.

»Hä?«, brachte sie heraus.

»Bitte Leslie, lass mich rein! Da hinten ist ein Betrunkener, und der kommt auf mich zu!«

»Was willst du…?«

»Lass mich rein!«

»Aber warum denn?«, fragte Leslie schlaftrunken.

Der Mann kam jetzt ganz sicher auf mich zu, sein Gesicht wurde von einer Laterne erleuchtet. Ich konnte eine auffällige Boxernase, zwei kleine Augen und einen breiten Mund erkennen. Ich schubste Leslie zur Seite und knallte die Tür zu, grade als der Betrunkene den Fuß auf die erste Treppenstufe gesetzt hatte. Durch den Spion in der Tür sah ich, dass er inne gehalten hatte. Er starrte auf die Tür, plötzlich drehte er sich um und ging wieder, genauso torkelnd wie vorher. »Nächstes Mal lässt du mich bitte schneller rein, und zwar bevor ich fast vergewaltigt werde!«
Ich drehte mich zu Leslie, diese war auf das Sofa, das im Flur stand gesunken und schlief wieder.

»Aufwachen!«, schrie ich sie an.

Erschrocken richtete sie sich auf: »Ey, chill mal! Meine Mutter ist auch noch hier!«

Entschuldigend hielt ich ihr die Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Leslie nahm sie und zog daran, so dass ich neben sie fiel. Lachend lagen wir auf dem Sofa.

Am nächsten Tag gingen wir nicht in die Schule. Leslies Mutter war das egal, sie ging zur Arbeit und hoffte, dass Leslie keinen Unsinn machte. Das sah man ihr an. Wir setzten uns in ihr Zimmer und berieten uns über die Folgen, die der Vertrauensbruch haben könnte.

»Kannst du nicht was zu futtern holen?«, fragte ich Leslie flehend.

»Okay, ich komm gleich wieder, mach keinen Mist!«

In dem Moment, als Leslie aus dem Raum war, rief Mom an: »Hey Mia, bist du bei Leslie?«
Sie klang niedergeschlagen und verunsichert. Ich ging nicht auf ihre Frage ein. »Hast du meine Aufnahme gehört?«

Auch sie antwortete nicht auf meine Frage. »Kommst du wieder nach Hause?« Ich sagte nichts.
Leslie kam rein: »Ey, schau mal was ich gefunden…«

Als sie sah, dass ich telefonierte, formte sie mit dem Mund: »Deine Mutter?«

Ich nickte. »Hallo? Bist du noch dran?«

»Natürlich!«
»Hey, Mia. Willst du mir mal erzählen, was das für Klamotten waren, die du in deinem Schrank hattest? Wir können doch gemeinsam einen Weg finden!«

Ich starrte das Telefon an. Mom wollte mir vorschlagen, eine Lösung mit mir zu finden. »Soll ich nach Hause kommen?«, fragte ich zaghaft.

»Musst du nicht, wenn du willst, können wir auch alles übers Telefon klären.«

Wieder starrte ich aufs Telefon. »Okay, ich bin in zehn Minuten da. Tschüss!«

Ich legte auf. Leslie saß auf ihrem Bett und futterte Chips. »Ich muss los. Danke, dass ich hier schlafen durfte.«

»Okay, bye.«

Ich packte meine Klamotten wieder ein, holte meine Schminke aus dem Bad und stopfte alles in den Rucksack. Eine viertel Stunde später war ich zuhause. »Hey Mom.«

»Hallo.«
Sie hatte sich eine dicke Schicht Concealer unter die Augen geschmiert, wahrscheinlich hatte sie noch mehr geweint. »Geschminkt?« fragte ich.

»Jap«, sagte sie matt. »Und du?«

»Auch«, sagte ich knapp.

Wir setzten uns aufs Sofa.

»Was hast du an Mia?«, fragte Mom wie jeden Tag.

Nur heute war es keine geübte Lüge, die mir über die Lippen ging. »Shorts, ein Top, und Sandaletten.«

»Das klingt doch hübsch, warum meint der Direktor es wäre unangemessen?«

Ich konnte sie einfach nicht mehr anlügen. »Weil die Shorts sehr kurz, das Top sehr tief ausgeschnitten und die Sandaletten sehr hoch sind.«

Mom zog eine Augenbraue hoch. »Und was ist so schlimm daran? In meiner Jugend sind alle so herum gelaufen.«

Erstaunt schaute ich sie an.

»Und was trägst du sonst so?«, fragte sie.

»Hmm… «, machte ich. »Leggins und Pumps und so.«

Mom ließ die Augenbraue wieder sinken und dachte nach. »Hast du einen Freund?«

»Nein«, sagte ich.

»Warum das denn? Was habt ihr denn für komische Jungs in eurer Schule, die nicht mit so hübschen Mädchen, wie mit dir ausgehen wollen?!«

Mom erstaunte mich immer mehr.

»Darf ich dir was erzählen?«, fragte sie mich auf einmal.

Total überrumpelt von ihrer Offenheit stotterte ich: »Ähh.. Ja.«

»Ehrlich gesagt hab ich mir immer ein bisschen Sorgen um dich gemacht… Ich dachte, du wirst so eine ökige Frau, weil ich immer dachte, dass du so eine Spätstarterin bist.«

Sie lächelte verlegen. Jetzt, wo ich sie so beobachtete, fiel mir auf, dass sie echt hübsch war. Sie sah aus, wie eine ganz normale Frau mit geschlossenen Augen. Es war komisch, sich mit Mom zu unterhalten. Das hatten wir noch nie gemacht. Ich war ihr immer ausgewichen.

»Der Direktor ist doch bestimmt nur neidisch, dass er nicht so eine hübsche Frau wie dich hat!«, sagte sie.

Am Abend kam Mom in mein Zimmer, sie hatte ein langes, schickes Kleid an. »Mia?« fragte sie, um festzustellen, wo ich war.

»Ja?«
»Sieht das zu aufgebrezelt aus?«

»Kommt drauf an, wo gehst du denn hin?«

»In eine Bar.«

»Hmm.. Also ich würde eher was Kurzes anziehen, dort tanzt man ja, oder?«

»Du hast Recht…«

Fünf Minuten später kam sie wieder. In einem wunderschönen schwarzen, mit Pailletten besticktem Kleid.

»Wow!«, brach es aus mir heraus.

»Gut?«
»Das ist doch nicht
gut! Du siehst aus, wie…wie… ähh einfach wie eine wunderschöne, elegante Frau!«

Sie lächelte. „Soll ich dich Schminken? « fragte ich.

»Am besten klassische smokey eyes, was meinst du?«

»Perfekt, roter Lippenstift?«

»Wenn du hast?! «

»Jap!«, rief ich und sprang auf.

Schnell schob ich den Mist, der auf meinem Schreibtisch lag runter. Dann holte ich meinen Rucksack, in dem sich immer noch die Schminke befand, die ich mit zu Leslie genommen hatte. Schon nach zehn Minuten sah Mom so aus, als wäre sie Angelina Jolies Schwester. »Schade, dass du dich selbst nicht sehen kannst, du siehst so schön aus!«

Wieder lächelte Mom. »Kommst du?«, fragte sie.

»Was, wohin?«

Mom lachte: »Du dachtest wirklich, dass ich alleine gehe? Du bist doch alt genug, um in einen Nachtclub zu gehen!«

Ich grinste sie an. »Ja klar! Aber… Was soll ich anziehen?«

»Hast du die gleiche Größe wie ich?«

Ich schaute an ihr herunter. »Ja ungefähr.«

Sie war ein bisschen kleiner als ich, aber besser zu eng, als zu weit. Wir gingen zusammen zu Moms Schrank. Ich hatte mich noch nie getraut dieses riesige Ding zu öffnen, ich war immer davor zurück gewichen. Ich hatte ja schon viele Klamotten, aber Moms Schrank war gewaltig. Sie zog die Tür auf, ein vollgestopftes, unordentliches Fach kam zum Vorschein. Ich hätte am liebsten alles raus gerissen und neu sortiert. Doch trotzdem konnte man sehen, dass wunderschöne Sachen dabei waren. Sofort zog ich ein Kleid von der Stange. Es war schwarz, trägerlos und rund ums Dekolleté mit kleinen Perlen besetzt.

»Darf ich das anziehen?«, fragte ich leise.

»Welches?«

»Ein schwarzes, trägerloses mit Perlen.«

»Natürlich!«
Eine halbe Stunde später sahen wir aus wie für den roten Teppich. Wir stiegen in ein Taxi, das ich herbestellt hatte. Dieses Gefühl war berauschend. Ich fühlte mich wie ein echter Star.

»Wo fahren wir hin, Mom?«

Sie drehte den Kopf in meine Richtung und lächelte.