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Blutrache

Karen Thomberg, 16 Jahre

Ein ohrenbetäubender Knall zerriss die Stille der Nacht. Die Kugel traf mich an der Schulter und schlug mich nieder. Blut spritzte über den grauen Asphalt.

Steh auf!“, schrie mein bester Freund Luc und zerrte mich kraftvoll auf die Beine. Meine Schulter pochte, als würde jemand mit einem Hammer dagegen schlagen. Ich keuchte und stöhnte.

Komm schon, Lysander!“, feuerte mich Luc erneut an.

Die Schritte hinter uns wurden schneller. Sie kamen näher. Sie, Blood und Crun, das Narbengesicht. Die Anführer der Shots. Brutal, gnadenlos und satanisch. Sind sie bekannt für ihre grausamen Verhörmethoden. Feuer, Wasser und Salzsäure sind ihre beliebtesten Waffen, um Geständnisse oder Geld zu erzwingen. Jetzt sind sie hinter uns her. Mit ihren Maschinenpistolen und Messern.

Ich kann nicht“, zischte ich zwischen den Zähnen hindurch. Ich hing hinter Luc, ich war eine Last für ihn. Ein Hindernis. Ein weiter Schuss fiel. Zischte an meinem Ohr vorbei und schlug an einer Wand ein.

Dann lauf selber“, donnerte Luc, schleuderte mich nach vorne und drehte sich um.

Was hast du verdammt nochmal vor, Luc?“, fragte ich den Größeren.

Dieser schnaufte nur wütend, seine Augen blitzten vor Entschlossenheit. Wie ein Stier kurz vor dem Angriff, senkte er seinen Kopf. „Lauf. Lauf bis du nicht mehr kannst!“

Aber…“

Ein lautes Brüllen ließ mich erzittern. Ein Kampfschrei. Ich rannte los, Luc in die entgegengesetzte Richtung. Ein helles Lachen erklang von Blood: „Du bist dumm, Luc!“

Cruns und Bloods Schritte wurden langsamer, die Pistolen knackten. Kurz drehte ich mich um, da sah ich bereits, dass Luc von den Anführern gepackt wurde. Blood drehte ihm die Arme auf den Rücken und presste ihn zu Boden. Sein Partner fixierte seine Beine.

Komm her, Junge!“, rief plötzlich jemand. Ein Rothaariger schielte um die Ecke. Vielleicht etwas jünger als ich „Na, komm endlich!“

Rasch stolperte ich zu ihm, sank auf den Boden und fasste mich an die blutende Schulter. Meine Kleidung triefte vor Blut. Der Jüngere beugte sich zu mir hinunter und schlang sein T-Shirt um die Wunde.

Warum hilfst du mir?“, fragte ich misstrauisch. Mein Blick flog aufgeregt zurück zu Blood. Er und Crun hatten meinen besten Freund auf die Beine gehievt und zerrten ihn weg. Er würde gefoltert werden. So viel war sicher. Menschenleben waren für die Brüder so wenig wert wie ein Staubkorn.

Das erkläre ich dir später. Jetzt aber schnell weg, bevor die beiden zurückkommen oder ihre Handlanger auf dich hetzen.“ Der Junge packte mich unter den Armen. Gemeinsam stolperten wir durch die Straße und mein Blick streifte die Häuser mit der abblätternden Farbe, den fehlenden Ziegel und den teils zersprungenen Fenstern. Verdorrte Blumen standen davor und der eisige Mond tauchte alles in ein tiefes, düsteres Grau. Grau, wie der Asphalt, wo gefühlt bereits mehr Leute von den Shots niedergeschossen wurden, als Menschen darauf gegangen waren.

Der Junge bog mit mir zusammen um eine Ecke. Jeder Schritt ließ den schwarzen Schleier vor meinen Augen weiter zuziehen. Ich musste zu Luc, ihn retten! Aber so verletzt wie ich war, würde ich wohl ebenfalls nur in ihre Fänge geraten. Und doch musste ich ihm irgendwie helfen.

Da sind wir“, rief der Rothaarige und wies mit dem Kinn auf ein neu angestrichenes Haus. Er trat die Gartenpforte auf und schleifte mich hinter sich her. Viermal klopfte er gegen eine Eingangstür.

Mach auf, mach auf!“, befahl der Junge. Schnelle Schritte und die Klinke wurde hinunter gedrückt. Eine schlanke Frau, etwas älter als ich, öffnete.

Fabian, was ist passiert? Wieder Blood?“, fragte sie und übernahm mich.

Ja!“, seufzte mein Retter und wischte sich an der Kleidung das Blut von den Händen.

Was für ein Bastard!“ Die Frau brachte mich in ihr Wohnzimmer. In der Ecke stand ein braunes, zerfetztes Sofa. Sie legte mich drauf, und ihre dürren Finger griffen nach einem Kissen.

Komm jetzt her Bruder, und steh nicht wie angewurzelt da“, keifte sie Fabian an. Der nickte und lief zu mir. Drückte fest das Kissen auf meine angeschossene Schulter.

Mach dir keine Sorgen. Susan, meine Schwester, wird sich gut um dich kümmern“

Was ist nun mit meinem besten Freund Luc, der, der von Blood und Crun gefangen genommen wurde?“, keuchte ich.

Das weiß ich leider nicht“, Fabian schüttelte den Kopf „Seth.. ähh.. Blood wird ihn wohl …“

Moment mal“, unterbrach ich und blitzte Fabian vernichtend an „Du hast Blood eben Seth genannt. Heißt das, Seth ist sein wirklicher Name und du kennst ihn?“

Ja, leider!“, Fabian seufzte laut auf und senkte seinen Kopf „Er ist mein Onkel.“

Er ist dein…“, gerade als ich mich vor Schock über Fabians Worte aufrichten wollte, durchzuckte ein betäubender Schmerz meine Schulter und ließ mich zurück sinken.

Beruhige dich erst einmal“, beschwichtigte er mich. „Wie ich Blood kenne, wird er deinen besten Freund nicht sofort umbringen.“

‚Nicht sofort‘?“, wiederholte ich seine Worte und hieb auf den Tisch neben mich, ignorierte die Schmerzen: „Ich muss ihn retten!“

Wenn du das vorhast, bist du dumm wie Stroh.“

Susan kam zu uns. In der Hand einen Verbandskasten. Sie kniete sich hin und holte Verband und Desinfektionsmittel heraus. Langsam hob sie das Kissen an und lächelte ruhig: „Gott sein Dank, ein Durchschuss!“

Was daran ist jetzt so toll?“, stöhnte ich.

Sonst müsstest du jetzt in ein Krankenhaus und dein Kumpel würde sterben“, sprach sie ernst.

Susan! Willst du ihn etwa ermutigen, es mit unserem Onkel aufzunehmen?“, fragte Fabian erbost.

Es geht immerhin um seinen besten Freund. Aber da er verletzt ist, würde ich vorschlagen, dass du ihm hilfst“, schlug seine Schwester ruhig vor und goss das Desinfektionsmittel auf einen Schwamm.

Ich werde mich doch nicht gegen Seth stellen“, konterte Fabian fest.

Aber du verstehst dich am besten mit Crun und Seth. Das ist ein Punkt für mich!“

Kann ich nicht alleine zu den beiden?“

NEIN!“, donnerten die Geschwister unisono. Fabian sprach weiter: „Gut, gut. Nur so lange wir nicht entdeckt werden, helfe ich dir…! Wie heißt du?“

Lysander“, antwortete ich.

Also wäre das geklärt. Mein Bruder hilft dir, Lysander.“ Susan drückte den Schwamm auf meine Wunde. Die weitere Behandlung verlief schmerzhaft. Selbst das Verbinden brachte mir kaum Ruhe.

Wie gesagt, Lysander, ich werde dir so lange helfen, wie wir unentdeckt bleiben“, festigte Fabian noch einmal seine Aussage, als seine große Schwester die Behandlung abgeschlossen hatte. Sie saß jetzt neben mir und rieb sich die Hände mit einer Salbe ein.

Ich bin mir sicher, dass Luc dir sehr dankbar sein wird“, sagte ich.

Will ich auch für ihn hoffen, Seth ist der Teufel“, kommentierte Fabian und rieb sich über die Stirn. „Wir sollten außerdem sofort losgehen, wenn es dir besser geht. So gut kenne ich meine Onkel auch wieder nicht.“

Okay!“, ich nickte.

Die Zeit, die verstrich, ohne dass ich eine Besserung verspürte. Ich versuchte mich aufzurichten, wurde aber in der nächsten Sekunde von den Schmerzen zurück auf das Sofa gedrückt. Eine Stunde, zwei Stunden, bis hin zu zehn Stunden. Die Schmerzen ließen nach. War Luc noch am Leben? Der Gedanke seines Todes brannte sich stetig tiefer in meinen Kopf. Verursachte Panik. Die Versuche häuften sich. Bis es mir endlich gelang. Schließlich schwang ich die Beine über die Sofakante und stand aufrecht da.

Aha, Lysander, dir geht es also besser?“, fragte Fabian.

Ja!“, sagte ich selbstbewusst und strafte meinen pochenden Rücken.

Gut!“, Fabian nickte und eilte zurück. Kurz darauf kam er mit zwei Jacken unter dem Arm, zwei Skimasken und einem Fernglas wieder.

Sicher ist sicher“, mit den Worten überreichte er mir eine Maske und eine Jacke. Rasch streifte ich mir die Skimaske über. Unaufhörlich schickte meine Wunde schmerzhaft Blitze durch meinen Körper. Ich ignorierte sie. Bei der Jacke wurde es schwieriger. Susan half mir.

Bist du dir wirklich sicher, Lysander?“, fragte sie und schaute mich besorgt an.

Es geht um meinen besten Freund“, seufzte ich und ging zur Tür.

*

Beweg dich gefälligst“, donnerte ich und klatschte in die Hände. Der Schall hallte durch den Park. Die Bäume bogen sich im Wind und der Geruch von frisch gemähten Rasen, lag in der Luft. Am dunklen Himmel zogen Wolken wie Schlangen hinüber.

Der Rothaarige wirbelte mit dem Kopf umher „Es tut mir Leid, war mit den Gedanken gerade bei meinem Onkel.“

Hör auf dir darüber einen Kopf zu machen. Es geht immerhin um Luc. Er ist jetzt wichtig und nicht dein satanischer Onkel.“

Aber, was wenn er uns entdeckt? Er wird uns beide umbringen.“ Fabian raufte sich besorgt die Haare.

Ist doch im Moment total egal, Fabian. Mann, Luc ist wie ein Bruder für mich. Ich will ihn nicht verlieren.“

Du kennst Seth und Crun nicht so gut wie ich. Sie sind Killer, kaltblütige Killer“, beharrte Fabian weiter. Sein Blick flog umher „Scheiße, er wird mich bei lebendigem Leib verbrennen!“

Jetzt male nicht den Teufel an die Wand.“

Er ist der Teufel! Ich sah bereits viele Opfer. Mir blieb es erspart ihre Tötung zu sehen, doch ich will nicht eines dieser Opfer sein. Ich wollte ihnen auch ständig helfen und warf einem Mädchen neulich sogar ihre buchstäbliche Freiheit in ihr Gefängnis. Nur hat sie ihre Chance nicht erkannt. Jetzt ist sie tot! Zu Tode gefoltert! Ich will nicht noch einmal so etwas miterleben“

ICH WILL ABER NICHT ALLEINE SEIN!“, schrie ich. „Vor sieben Jahren verließ mich meine Mutter. Sie war drogenabhängig. Luc fand mich in einem Park, in meiner persönlichen Hölle. Baute mir eine neue Welt auf, fern von Gewalt und Drogenmissbrauch. Weg von meinem Vater. Der Person, der ich weniger bedeutete, als die nächste Flasche Bier. Luc wurde wie ein Bruder. Ohne ihn wäre ich heute nicht mehr am Leben.“

Lysander, Seth wird uns in der Luft zerreißen oder auf seinem Foltertisch“, fügte Fabian zögernd hinzu. „Ich helfe dir bloß, weil du angeschossen wurdest. Es ist reine Fürsorge.“

Danke!“, sagte ich in einem sarkastischen Tonfall „Wo liegt überhaupt Bloods Verhörraum?“

In einem Bunker. Draußen stehen aber meistens Wachen. Wir sollten also von oben herab die Lage abschätzen“, meinte Fabian fachmännisch und mied meinen Blick. „Wir sind ungefähr in drei Minuten da.“

Gefühlte zwei Stunden später standen vor einem mit Graffiti bemalten Bunker.

Dort?“, fragte ich ungläubig.

Ja!“, murrte Fabian und wies mit dem Kinn auf eine Leiter, die an dem Klotz aus Beton hoch führte. „Auf der anderen Seite ist der Eingang.“

Ich nickte. Mit meinem unverletzten Arm packte ich die erste Sprosse und zog mich hoch.

Beeile dich“, knurrte Fabian von hinten. Die Herausforderung mit einer angeschossenen Schulter eine Leiter hochzuklettern, erwies sich als deutlich schwieriger, als es am Anfang aussah. Ich konnte kaum Zug auf meinen verletzten Arm ausüben, ohne in ein dauerhaftes Keuchen und Stöhnen zu verfallen. Weitere gefühlte zwei Stunden danach stemmte ich mich auf das Dach. Knurrend schob Fabian meine Beine zur Seite und legte sich neben mich. „Du bist umständlich.“

Du aber auch“, entgegnete ich leise. Mit dem Jungen an meiner Seite kroch ich nach vorne.

Ich frage mich, warum Seth unbedingt so einen Ort für seine Verhöre benutzt“, zischte Fabian und schüttelte seine wunde Hand.

Ein Bunker ist schalldicht“, schärfte ich ihm ein und lugte vorsichtig über die Regenrinne. Zwei Männer standen unter uns. Groß, mindestens 1,90 m, kurz rasierte Haare und Sturmgewehre in ihren Pranken.

Willst du deinen Kumpel immer noch retten?“, fragte Fabian. Jetzt mit wesentlich mehr Sorge in seiner Stimme.

Ja, klar!“, flüsterte ich. „Kannst du nicht mit den beiden sprechen und sie ablenken?“

Jetzt soll ich also den Sündenbock spielen?“, keifte Fabian.

Nicht ‚Sündenbock‘. Ablenkung! Die kennen dich doch“, erklärte ich zischend.

Gut, gut! Ich erledige das. Ich werde dafür sorgen, dass sie weggehen“, Fabian kroch rückwärts und stieg die Leiter hinunter. Kurz darauf sah ich, wie er auf die Seite der Männer trat. Er straffte sich und ging schnurgerade auf sie zu. Er hob die Hand. Die Männer erwiderten die Begrüßung. Fabian sagte etwas zu ihnen. Es klang so, als würde er sie bitten, ihm bei einem Problem zu helfen. Die Riesen nickten kurz und folgten. Ein Grinsen zog sich über mein Gesicht. Ich wartete eine Weile bis ihre Schritte verklungen waren und kroch zur Leiter. Der Abstieg gestaltete sich leichter. Ich musste mich alleine mit dem Ellenbogen abstützen. Auf dem Boden angekommen, huschte ich in die entgegengesetzte Richtung, wo Fabian mit den Männer hingegangen war. So unnütz war der Kerl anscheinend nicht. Ich schlich geduckt an der Wand entlang. Vorsichtig linste ich um die Ecke. Alles frei.

Mitkommen!“, zischte wie aus dem Nichts eine Stimme von hinten. Ich drehte mich um. Pechschwarze Augen. Kalt. Herzlos. Es war Crun. Wie hatte er mich bemerkt und woher wusste er, dass ich hier war? Ehe ich reagieren konnte, packte er mich und zerrte meine Skimaske vom Kopf.

Aha, Lysander!“, lachte Crun gehässig. Er wusste, er hatte mich. „Was für ein dummer Junge!“

Lass mich los!“, war das einzige, was mir dazu einfiel. Er drückte seine verdreckte und von fremdem Blut beschmutzte Hand auf meinen Mund und zerrte mich zum Eingang.

Jetzt bist du dran, Lysander“, lachte Crun und warf dabei seinen Kopf in den Nacken. Sein Lachen zerriss die Nacht. In seinen Augen lag die pure Finsternis, sie waren wie ein Schwarzes Loch. Sogen alles in seiner Umgebung ein und zerstörten es. Mit der freien Hand zog er die Tür auf. Verwesungsgeruch schlug mir entgegen. Wild schlug ich um mich und stemmte meine Beine in den Boden. Die dicken Bunkerwände waren grün gefärbt, an einigen Stellen rot.

Komm!“, sagte Crun ruhig und bog mit mir um eine Ecke. Hinten befand sich eine eiserne Tür. Ein kleines Gitterfenster ließ ahnen, das der dahinter liegende Raum als Verlies diente. Ich wollte nicht wissen, wie viele Gefangene dort schon vegetiert hatten, bevor sie ihr dunkles Schicksal ereilte. Er zog ein Schlüssel aus seiner Hose und hielt vor der Eisentür. Crun schloss auf und stieß mich in den finsteren Raum. An der Seite ein Holzbrett. Aufgehängt an zwei Metallketten, die in der Wand verschwanden.

Viel Spaß, Kleiner! Ich hoffe, du hast einen starken Magen. Es wird hier bald sehr stinken“, er schlug die Tür zu. Langsam schaute ich mich um. Jemand lag in der Ecke. Star, bewegungslos. Den Rücken mir zu gewandt.

Hey! Wer bist du?“, zischte ich und kroch auf ihn zu. Zitternd streckte ich meine Hand nach ihm aus und packte seine Schulter. Pure Kälte. Ich drehte ihn. Seine steifen Glieder verharrten in ihrer Position, während ich ihn drehte. Grüne, weit aufgerissenen Augen.

Luc! Blitzartig stiegen mir Tränen in die Augen. Sein Körper kippte zu mir. Die Tränen liefen über mein Gesicht. Fasste mir an den Mund. Mir wurde schlecht. Alles schwankte. Nein, das durfte nicht wahr sein. Das war alles bloß ein düsterer Albtraum. Er durfte nicht tot sein, er durfte nicht vor mir liegen. In seiner Totenstarre, die von Kopf hinzu Armen und Brust reichte. Ich fasste mir an den Kopf und warf ihn hin und her.

Luc, bitte, lass mich nicht alleine!“

Mein Ruf blieb ungehört. Mein bester Freund und gleichzeitig jahrelanger Beschützer lag weiter da, die Hände zu Krallen gekrümmt, die Beine angewinkelt und in den sonst warmherzigen Augen lag die versteinerte Todesangst.

Ich will nicht wieder alleine sein“, wimmerte ich. Ich sah vor meinem Inneren Augen, wie er mit mir über den Tod meiner Mutter sprach, wie er meine Tränen trocknete und… wie er auf Blood und Crun zustürzte, um mich zu retten. Er rettete mir mit seiner lebensmüden Aktion das Leben. Jetzt hatte er den Preis bezahlt. Ich auch. Warum hatte ich ihn nicht aufgehalten?

Ein heftiges Zittern durchfuhr mich. Das Gefühl von Ekel stieg mir auf. Ich war tatsächlich in dem Raum, wo mein bester Freund gestorben war, während er seinem schlimmsten Albtraum in die Augen sah. Seinem Tod. Ich musste hier weg! Ich musste hier weg!

Ich sprang wieder auf.

Lass mich raus!“, brüllte ich und trat gegen die Tür. Doch niemand reagierte. Was sollte ich nur tun? Hoffnungslos sank ich zu Boden … als mir plötzlich wieder Fabians Worte in den Sinn kamen.

Ich wollte ihnen auch ständig helfen und warf einem Mädchen ihre buchstäbliche Freiheit in ihr Gefängnis.“

Die buchstäbliche Freiheit?

Was meinte er damit?

Ein Schlüssel! Natürlich, er warf dem Mädchen ein Schlüssel in ihre Zelle. War das diese hier?Hastig sah ich mich um. Geplagt von den Gedanken, dass in diesem Raum Luc lag und dem Willen, dass ich hier raus wollte. Ich fiel auf die Knie und tastete im Dreck herum. Lag ich überhaupt richtig? Hier war nichts. Moment … ich fuhr herum. Das sah ich etwas unter Luc aufblitzen. Der Schlüssel. Luc lag darauf. Eine ungewollte Starre legt sich über meinen Körper. Alle Muskeln weigerten sich, näher an die Leiche heranzukommen. Gleichzeitig wollten sie nur hier heraus.

Ein kurzes, kräftiges Schaudern und ich kroch wie ein Krebs auf ihn zu. Mied jeglichen Augenkontakt. Langsam schob ich meine Hand unter seine Brust. Wie bei einer Gans, wo man seine Hand zum Füllen hinein geschoben hat, begann sich Luc‘ Körper auf meine Hand zu legen. Die Leichenstare befand sich bis jetzt bloß im oberen Bereich. Schlagartig zog ich meine Hand samt Schlüssel hervor und sprintete zur Tür. Ein kurzer Blick zu Luc. Er lag jetzt da, erstarrt, wie in Eis gemeißelt.

Schnell schloss ich auf und hechtete um die Ecke. Rannte los. Schneller, noch schneller, bis meine Beine schmerzten. Sprintete herum. Meine Schritte hallten durch die Gänge. Auf einmal sah ich eine Treppe vor mir. Ich stürmte hoch. Ein weitere Tür. Ich riss sie auf. Kanister, überall standen Benzinkanister. Ein Plan kam stückweise in meinem Kopf auf.

Sie würden dafür bezahlen, dass Luc tot war. Alle. Die ganzen Shots!

Ich lief ich zum ersten Behälter. Trat dagegen. Zwei, drei, vier und fünf von ihnen fielen um. Bei Nummer sechs stank der gesamte Raum nach Benzin. Schnappatmung tat sich auf und meine Augen weiteten sich. Zorn entsprang ihnen. Jetzt werde ich sie nur noch hoch locken müssen. Ich rannte los. Strampelte die Treppen hinunter. Suchend flog mein Blick umher, lief schließlich nach links. Ich riss jede Tür auf, bis ich vor einer großen Metalltür stand. Stimmen kamen aus dem Raum dahinter. Ich zog sie langsam auf. Ein enormer Schock durch fuhr mich. Seth, sein Bruder und die beiden Wächter mit den Pistolen standen dort. Sie standen um einen Altar herum, von dem Blut heruntertropfte.

Macht das Blut weg, der Altar soll für den nächsten sauber sein“, grunzte Seth gleichgültig. Das Blut lief weiter hinunter und benetzte den Boden.

Warum haben wir das eigentlich getan?“, fragte Crun und trat neben seinen Bruder „Er war immerhin unser Cousin!“

Pah, Verwandtschaft hin oder her, er hat uns verraten.“

Sie sprachen über Fabian. Das Blut. Das viele Blut. Es war das von Fabian. Sie hatten ihn tatsächlich getötet. Warum?

Aber hat er uns nicht Lysander gebracht?“, fragte Crun und rieb sich die Hände „Er hat uns verraten, dass Lysander seinen besten Freund retten will. Bloß dumm, dass der sich so sehr gewehrt hat, dass ich ihn bereits vorher töten musste“

Eine roter Vorhang legte sich über mein Denken. Fabian hatte mich verraten und an Crun ausgeliefert? Andererseits, was hätte er tun sollen, um sein Leben zu retten? Er hatte mich schließlich gewarnt. Und er hatte mir indirekt verraten, dass er einen Schlüssel im Verlies zurückgelassen hatte. Nur war er jetzt auch tot. Meine Hand ballte sich fester. Ich merkte, dass ich Fabians Schlüssel weiterhin in der Hand hielt.

Meine Augen huschen umher. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, um meine Rache zu verüben. Bis jetzt war ich unbemerkt geblieben.

Dann brauchten wir ihn erst recht nicht mehr“, meinte Seth ruhig und zuckte mit den Schultern.

Lysander!“, rief plötzlich Seth. Seine grünen Augen funkelten mich an. Mist, sie hatten mich entdeckt.

Wie bist du herausgekommen?“, fragte Crun und wies auf mich: „Los fangt ihn ein!“

Die beiden anderen Männer nickten. Zu spät realisierte ich, dass die Männer vor mir standen. Einer packte meinen vor Schock erstarrten Körper am Arm und der andere am Hals.

Ihr Arschlöcher, lasst mich sofort los“, keifte ich und zappelte in dem eisernen Griff der Männer. In der Hand drehte ich den Schlüssel. Zielte. Der rechte Mann schrie auf, als ich ihm den Schlüssel ins Auge rammte. Blitzartig zog ich ihn heraus. Meine freie Hand schnellte zu seiner Waffe. Ich riss sie aus der Halterung und wich zurück. Der Partner versteifte sich.

Ein Schlüssel und eine Waffe, die du nicht bedienen kannst, wird dir nicht viel bringen gegen uns“, sagte Seth und hob sein Messer an. Ein hässliches Lachen kam aus seiner Kehle, dann rannte er auf mich zu. Ich entsicherte die Waffe, dann stieß der Große zu. Ich wich aus und musste weg. Fest umklammerte ich den blutigen Schlüssel und die Waffe und rannte los. Gehetzt warf ich meinen Kopf nach hinten und drückte ab. Ich musste den Sicherungshebel erwischt haben, denn irgendwann lösten sich doch Schüsse. Crun, Seth und der Partner des Verletzten wichen aus. Verdammt! Sie befanden sich noch immer hinter mir. Die Brüder mit ihren Klingen in der Hand und der Partner hatte seine Pistole auf mich gerichtet. Er zögerte. Ich sprang um Ecken, schlitterte über den Boden.

Die Treppe! Wieder schoss ich mehrmals auf meine Verfolger. Der Bewaffnete erwiderte meinen Beschuss. Wie beim letzten Mal zischten die Kugeln knapp an meinem Körper vorbei. Ein letztes Mal drückte ich ab, bevor ich die Treppe hoch sprintete.

Das ist eine Sackgasse, Lysander!“, rief Seth. Von hinten konnte ich sehen, dass er die Waffe übernommen hatte. Schlagartig trat ich die Tür auf und wirbelte auf dem rutschigen Benzin umher.

Siehst’e?“, meinte Seth und zielte mit der Pistole auf meinen Schädel. „Es gibt keinen Ausweg, Kleiner.“

Bringt nichts“, zischte Crun, als ich aus Reflex meine Waffe auf ihn richtete. „Dort drin waren zehn Schuss, neunmal hast du bis jetzt geschossen. Selbst wenn du meinen Bruder erschießt, hast du verloren. Wir sind mehr!“

Ich blickte aus dem Augenwinkel auf das Benzin. Wie ein Schlag traf mich eine brutale Erkenntnis: Feuer. Um meine Falle zuschnappen zu lassen, müsste ich Feuer haben oder jedenfalls einen Funken. Ein Knall, er hallte tausendmal an den Wänden wieder. Seth hatte geschossen und ich sah direkt in das Mündungsfeuer. Ich fiel zu Boden, als mich der Schlag an der Brust traf. Feuer. Die Brüder traten neben mich. Mein Blut vermischte sich mit dem Benzin.

Jetzt hast du verloren und wirst genauso enden wie unser Cousin“, Seth beugte sich zu mir hinunter.

Wirklich?“, fragte ich ironisch, legte den Finger an den Abzug und grinste: „Ihr und euer ganzer Clan werdet sterben und ihr werdet nie wieder jemanden so etwas antun. Susan, eure Nichte, wird nie wieder Angst vor euch haben müssen.“

Du sprichst wie ein Ritter“, Crun lachte krampfhaft „Wirst aber fallen wie ein Bauernknabe.“

Langsam schüttelte ich meinen Kopf: „Nein, werde ich nicht!“ Und drückte im Sterben ab. Die Kugel fuhr funkensprühend über den Boden, dann entzündete sich das Benzin. In kürzester Zeit stiegen die Flammen um mich auf. Seth, Crun und der Mann schrien und fluchten. Eins dieser Monster fiel neben mich auf den Boden. Der Mann starb. Dann legte sich ein ewiges Schwarz über meinen Augen. Ich war jetzt bei Luc, Fabian und meiner Mutter.

Ich hatte mich nicht retten können – aber ich hatte Rache genommen…