shadow

Flammenmeer

von Yannick Reimers, 19 Jahre

Das Etwas
Etwas war anders als sonst.
In einer lauen Vollmondnacht beschloss der junge Nereus, am Kanal fischen zu gehen.
Der Mond spiegelte sich im glatten, grün-schwarzem Wasser.
Es war, als zeigte sich ein zweiter Himmel im Kanal.
Die Sterne funkelten hell und es roch nach nassem Gras.
Nereus ging den Kanalweg entlang und setzte sich auf eine Bank nahe am Ufer.
Er lauschte dem Zirpen der Grillen.
„Einsamkeit ist kein schönes Gefühl“ dachte er und warf die Angel aus.
Nachdem sich das Wasser wieder geglättet hatte, tauchte plötzlich ein Oval auf.
Nereus sah verwundert zu, was sich in der Mitte des Mondabbilddes zeigte.
Was auch immer es sein mochte, es stieg langsam immer höher aus dem Wasser.
Nereus wurde kribbelig und er beugte sich vor, um mehr zu sehen.
Als er dann den Ansatz einer Stirn erkannte, wurden seine Augen groß und er atmete schneller.
Jetzt waren Augenbrauen zu sehen, dann geschlossene Augen mit langen Wimpern, eine gerade Nase und ein voller Mund.
Die feuerrot-gelockten Haare sahen wild aus und waren durchzogen von schimmernden Perlmuttstücken.
Die Fremde öffnete ihre weiß strahlenden Augen, blickte in den Himmel und rekelte sich.
Nackt stand sie bis zum Bauchnabel im Wasser, und der Mond leuchtete auf ihrer feuchten Haut.
Nereus stammelte “Das gibt´s doch nicht.“
Er wünschte sich, unsichtbar zu sein, um unbemerkt diese sonderbare Gestalt beobachten zu können.
Dann entdeckte sie ihn.
Sie schnellte bis zum Hals ins Wasser.
Fragend schaute sie ihn an und schwamm nach ein paar Sekunden des Betrachtens auf ihn zu.
Nereus zögerte, schritt dann aber wie hypnotisiert auf sie zu.
Die Nixe schmunzelte und fragte ihn, wie er heiße.
„Nereus“ stotterte er. „Wie heißt du?“
Die Nixe rückte ein Stück näher an ihn heran und flüsterte: „ Lillith.“
Von da an wartete Nereus täglich sehnsuchtsvoll auf ein erneutes Auftauchen Lilliths.
Am dritten Tag erschien sie wieder.
Sie kam lächelnd an das Ufer.
Ihre Münder näherten sich langsam.
Lilliths blütenweiße Haut färbte sich rosa.
Nereus Lippen berührten leicht Lillith`s halb geöffneten Mund.
Er küsste sie.
Tausend Glücksgefühle wurden in ihm wach, seine Hand glitt erst zu ihren Arm, dann hinauf zur Schulter und in die nassen Seidenhaare.
Er küsste sie, und Lilith zog ihren schuppigen Unterleib aus dem Kanal, um Nereus damit zu umschlingen.
Die Schuppen glänzten in allen Regenbogenfarben.
Pulsierend fingen die Schuppen an, sich nach und nach aufzulösen.
Elfenbeinweiße Beine zeigten sich und legten sich eng um Nereus Hüften.
Er beugte sich nach hinten und zog Lillth mit ins kühle Gras.
Sie liebten sich.
Als dann der Nachthimmel sich orange-rot färbte und der Mond verschwand, stöhnte die Nixe traurig auf.
Sie sagte Nereus, sie müsse gehen.
Er ergriff ihre Hand und band ihr ein Grashalm um den Finger.
Nereus sagte: „Ich will nicht, dass du gehst.
Bleibe doch bei mir.“
Sie erwiderte: „Es geht nicht.
Sei morgen zur gleichen Zeit wieder hier.“
Er küsste sie noch einmal.
Dann verschwand sie im Wasser.
Erst leuchtete ihr Körper noch, wurde immer dunkler und schien sich dann in der Tiefe aufzulösen.

Die Mutter
Lillith tauchte ins dunkle Wasser.
Die Sonne ging auf, und die Strahlen ließen die Schwärze grün werden.
Verschwommen zeigte sich ein Korallenriff, mit bunt-glänzenden Wänden.
Lillith verschwand in einem Loch im Riff.
Der Tunnel wurde von winzigen Strahlen erhellt, die durch die Poren der Korallenwand drangen.
Sie kam in einen großen Saal, gesäumt von weichen Unterwasserpflanzen.
Marea, Lilliths Mutter: „Lillith, mein Herz!
Ich habe alle Wassergärten nach dir abgesucht, auch die Nachbarn suchten mit.
Wir verbrachten so den halben Tag!“
Lillith: „Ist ja gut Mama!
Jetzt bin ich ja hier.“
Marea: „Jetzt bin ich ja hier?
Kannst du nicht einmal Bescheid geben, wenn du weggehst?!
Du bist doch das Einzige, was ich noch habe.
Wo warst du denn bloß?“
Lillith: „Ich habe einen hübschen Mann getroffen“
Marea: „Oh, du hast Bau getroffen?!“
Lillith: „Ähm, nei…“
Marea: „Ich wusste doch, dass ihr zwei noch zueinander findet!
Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, dachte ich: Der und meine süße Lill, das Traumpaar schlechthin!
Ein Meermann, so klug und gebildet.
Aus so gutem Hause!“
Lillith: “Er ist hässlich, Mutter!“
Marea: „Na gut, wenn das so ist, bewundere ich dich, dass du vernünftig bist und dich nicht von Äußerlichkeiten lenken lässt“
Lillith: „Nein Mutter, es war nicht Bau, mit den ich mich traf.“
Marea: „ Schön, dann war es Oceanos.“
Lillith: „Mutter!
Jetzt höre doch endlich mal zu!“
Marea: „Ist ja gut, ist ja gut, bin ganz Ohr.“
Lillith: „Schön.
Nun, dieser hübsche Mann, er ist anders, als alle, die ich davor kannte.
Marea: „So sprach ich auch, als ich deinen Vater kennen lernte.
Lillith: „Mutter, jetzt schweig doch endlich und lass mich berichten.
Marea: „Gut!“
Lillith: „Also, dieser wunderbare Mann, er ist so anders, das man sich als Außenstehender erst an ihn gewöhnen muss.
Marea: „Was soll denn das heißen?
Hat er eine Flosse zu wenig oder ist er behindert?“
Lillith: „Nein, was denkst du dir denn bloß?“
Marea: „Ja, was soll ich sonst denken, wenn du mich hier so im Unklarem lässt?!“
Lillith: „Er ist ein Mensch.“
Marea: „Was?!
Ein Mensch!
Lillith, ein Mensch mit dem kannst du nichts anfangen!
Das sind Sterbliche!
Willst du so enden wie Uhrgroßmutter und schon mit 240 Jahren sterben?!
Ich glaube nicht!“
Lillith: „Ich liebe ihn!“
Marea: „Wenn du unbedingt jemanden lieben willst, dann nehme Bau.
Wenn der dir zu hässlich ist, nehme von mir aus auch Oceanos.
Aber ein Mensch kommt nicht infrage!
Ich will nicht mein Kind verlieren.“
Lillith: „Wieso denn verlieren?
Ich kann die Nacht doch bei ihm sein und Tagsüber hier bleiben!“
Marea: „Menschen machen uns verletzlich.
Jede Berührung macht dich anfällig und öffnet deine Schuppen.
Wenn ich an deinen lieben Papa denke, Gott habe ihm selig.
Der ließ sich täglich von neugierigen Leuten betasten, verrückt waren die nach seinen Schuppen.
Und was ist passiert?!
Seine Haut wurde immer durchlässiger.
Zum Schluss ist er von ekligen, schwarzen Menschenzeug vergiftet worden.
Behalt dir bloß deine Schuppen zusammen!
Lillith: „Behalt du dir doch deine Schuppen zusammen!“
Marea: „Wie sprichst du eigentlich mit mir?!
Triff dich nie wieder mit ihm!
Du wirst auf das Werben von Bau eingehen und ihn morgen zum Manne nehmen.“
Lillith: „Lieber sterbe ich, als einen Mann zu nehmen, den ich nicht liebe!“
Marea: „Rede kein dummes Zeug.
Du kannst nicht sterben.“
Lillith: „Dann lass ich die Menschen eben an mich heran, um mir die Haut vom Hai zerfetzen zu lassen!“
Marea: „Sei ruhig!
Du nimmst Bau, oder Oceanos!
Komme mir bloß nicht noch mal mit den Menschen!
Jetzt schwimm auf dein Zimmer“
Lillith: „ Bitte Mama.
Stoß dein Kind doch nicht so von dir weg.
Es ist doch nur eine Schwanzflosse, die uns unterscheidet!
Bitte Mama, bitte.“
Marea: „Sprich nicht mit mir.“
Marea schwimmt weg.
Lillith: „Ohne Liebe will ich nicht leben.“ Die Entscheidung
Marea erzählte Bau, dass Lillith den Verbindungswünschen nun zustimme.
Während sie die Vorbereitungen für das Fest trafen, schlich sich Lillith davon.
Sie entkam unentdeckt.
Immer höher aus dem Wasser tauchend erkannte sie den Mond als hellen, großen Punkt, dem viele kleine Punkte verschwommen folgten.
Ölgeruch stieg ihr in die Nase.
Lillith hörte Lärm und Schreie aus der Ölfabrik nahe des Kanals.
Ein gelbliches Leuchten huschte über die Ufer und Lagerhallen.
Traurig sah Lillith Nereus an und fiel ihm in die Arme.

Lillith: „Ich bleibe bei dir!
Versprich mir, immer mit mir zusammen zu bleiben.
Denn sobald eine Nixe länger als einen Tag vom Wasser abgewandt verbringt, wird sie sterblich.“
Nereus: „Das Versprechen hast du schon.
Warum weinst du?
Lillith: „Ich erzählte meiner Mutter von dir.“
Nereus: „Und sie fand es schlimm?“
Lillith: „Sie will mich morgen mit einen Meermann verbinden.“
Nereus: „Heiraten sollst du?!“
Lillith: „Ein großes Fest, wo Nixe und Meermann sich verbinden.
Sie sind sich so auf ewig in Liebe und im Leben verpflichtet.
Nereus: „Willst du fliehen und mit mir leben?“
Lillith: „Wenn du es auch willst?“
Nereus: „Das wäre ein Traum“
Lillith: „Also ja?“
Nereus: “Ja!
Gebe mir nur die Nacht noch Zeit alles vorzubereiten.
Bei Tagesanbruch nehmen wir mein Boot und fahren Richtung Süden.
Dort lassen wir uns auf einer kleinen Insel nieder.
Ernähren uns von Fisch und Kokosnuss.
Kein Mensch und keine Nixe die uns stören würde.“
Lillith: „Gut.
Ich werde mich solange im Wasser verstecken und an der Oberfläche auf dich warten.“
Nereus: „Ich beeile mich!
Was sind das nur für Lichter bei der Ölfabrik?“

Lillith sprang ins Wasser.
Sie wurde von etwas schleimig-klebrigen überzogen.
Die eklige Flüssigkeit drang tief in ihre Schuppen ein.
Sie wurde schwerer und konnte sich nur noch sehr langsam bewegen.
Sie strampelte kräftig und versuchte, die Flüssigkeit aus ihren Körper zu bekommen.
Die schwarze Schmiere drang in ihre Augen.
Lillith verlor die Orientierung.
Vom weiten erleuchtete etwas die Nacht.
Das Licht schien auf sie zu zu rennen und wurde immer heller.
Eine Hitzewelle erfasste sie.
Sie entflammte, sie schrie.
Die klebrige Masse, die sich in ihre Schuppen festgesetzt hatte, brannte unter Wasser weiter.

Nereus hatte vom weitem das große Leuchten am Kanal beobachtet.
Es war ein Feuer, das in der Ölfabrik wütete.
Der gesamte Kanal stand in Brand.
Die Flammen schienen turmhoch und zündeten einige der umher stehenden Bäume an.
Er hörte Lillth kreischen.
Nereus sprang ins Flammenmeer.
Er schwamm zu Lillith und versuchte sie an Land zu bringen.
Seine Haut loderte.
Er schrie und schwamm so schnell er konnte.
Nereus erfasste Lillith`s Leib und versuchte sich durch die Flammen zum Ufer zurück zu kämpfen.
Seine Haut verschmolz mit Lillith`s.
Am Ufer wälzte Nereus Lillith und sich selbst durchs Gras.
Grashalme und kleine Steine blieben in der verkohlten Haut stecken.
Aus dem Wasser befreit lösten sich die Schuppen der halbtoten Lillith auf.
Bei jeder von Nereus Bewegungen, rissen die verkohlten Stellen.
Aus dem verbrannten Nixenkörper befreite sich die hübsche Frauengestalt.
Mit letzter Kraft nahm Nereus sie in die Arme.
Lillth hielt ihn, bis er nicht mehr atmete.
Sie küsste seine Lippen und ging.

Die entdeckten Farben

von Jana, 13 Jahre

Ich hörte gedämpfte Stimmen durch die kleine, unscheinbare Tür. Ich war wie so oft schon ins Schloss eingebrochen. Ich öffnete die Tür einen Spalt breit, so dass ich besser verstehen konnte was sie redeten.
„Bringt sie um“, sagte eine Stimme, die nur zu Josefina gehören konnte, sie war hoch und erinnerte ein bisschen an das Geräusch, das entsteht, wenn man mit den Nägeln über eine Tafel kratzt.
„Bringt Constanze um“, sie sagte das mit so einem Hass, dass ich mich fast erschrak. Eine Zeitlang war es still, dann hörte ich, wie eine Tür zuschlug. Die Männer, denen sie aufgetragen hatte, mich umzubringen, waren gegangen. Ich holte tief Luft und stieß die Tür auf. „Hallo Josefina.“ Sie drehte sich erschrocken um. „Constanze, was machst du denn hier?“
Sie: groß, schwarzhaarig, dunkle Augen.
Ich: klein, ganz helle, weiße Haare, insgesamt blass.
Der Raum wurde nur von mir und Josefina beleuchtet. Sie schaute mich böse und herausfordernd an. Ich guckte zurück. „Weiß auch nicht“, sagte ich „wollte nur mal hören, was du so redest. Es hatte auf jeden Fall etwas Gutes, jetzt weiß ich alles.“
Nun guckte sie erschrocken. „Ach ja? Und was hast du gehört?“
„Dass du mich umbringen lassen möchtest, wieso eigentlich?“
„Constanze, in 4 Wochen wirst du 18, und du weißt ja, was das bedeutet. Und da das Volk es nicht vergessen hat, dass du die eigentliche Thronfolgerin bist, möchten sie einen Volksentscheid.“
„Tja, meine Eltern waren halt ein faires und hilfsbereites Königspaar.“
„Ich kann ja nichts dafür, wie meine Eltern das Volk regierten, doch immerhin konnte ich sie dazu überreden, dich nicht umzubringen, du warst ja noch ein Kind, genau so wie ich.“
„Du hast recht, ich WAR ein Kind, doch jetzt bin ich keines mehr und weiß mir zu helfen.“
Nun schaute sie wieder herausfordernd. „Wachen“, schrie sie.
Ich bekam einen Schreck und lief durch die geheime Tür nach draußen. Ich lief voller Panik getrieben. Ich atmete tief ein und spürte, wie die Dunkelheit in meine Lungen kam. Ich lief und lief, mein Leuchten war nur noch schwach, das hatte einen Nachteil und zwar konnte ich nicht mehr so viel sehen, und einen Vorteil, meine Verfolger konnten mich auch nicht mehr sehen. Ich lief an den vielen runden Höhlentüren vorbei. Das Schwarz der Wände war ein starker Kontrast zu meiner eigenen weißen Haut. Ich leuchtete von innen nach außen, so wie wir alle hier, und alle hatten auch entweder schwarze oder weiße Haare. So etwas wie Farben kanten wir nicht, auch kein Licht, wir atmeten Dunkelheit. Wir können nur etwas sehen, weil wir von innen aus leuchten. Wenn wir uns körperlich anstrengen, also laufen oder irgend einen anderen Sport treiben, dann wird unser Licht schwächer. Meine Schritte und die meiner Verfolger waren deutlich zu hören, da alle anderen schliefen. Ich lief um die nächste Ecke, ich kannte mich hier nicht aus. Ich lief den Weg immer weiter entlang. Währenddessen erinnerte ich mich: Ich war zwar erst vier Jahre alt gewesen, aber die Eltern von Josfina hatten meine Eltern vergiftet. Und dann haben sie einfach behauptet, sie seien die richtige Königsfamilie. Jetzt waren sie aber auch gestorben, und Josefina wollte nun Königin werden. Und deshalb wollte sie mich jetzt auch umbringen lassen. Ich rannte immer schneller und dachte nicht darüber nach, wo ich eigentlich lang rannte. Ich sprang über einen etwas größeren Stein, blieb mit der Fußspitze hängen und fiel hin. Meine Verfolger kamen immer näher und ich wusste, wenn ich mich jetzt nicht anstrenge, dann hatten sie mich jetzt bald. Allerdings gab es da auch ein Problem, mein Leuchten wurde immer dunkler. Ich hörte meine Verfolger und konnte kaum noch etwas sehen. RUMS, ich war gegen eine Tür gerannt, ich tastete nach der Klinke und drückte sie runter und rannte in den Raum dahinter. Vor mir wieder eine Tür, ich ging zögernd auf die Tür zu und öffnete sie ganz vorsichtig und schlüpfte hindurch. Ich war in einen ungewöhnlich hellen Raum geraten, in dem nichts weiter als eine Leiter war. Ich wusste nicht, ob ich da hochklettern sollte oder nicht. Als ich meine Verfolger hinter mir hörte, war meine Entscheidung gefallen. Ich kletterte die Leiter hoch. Ich kam an einem großem Loch an und wurde eingesogen und plötzlich war ich nur noch von Wasser umgeben. Ich strampelte mit den Beinen und kam an der Oberfläche an. Hier war es noch heller als in dem Raum mit der Leiter. Ich blinzelte und schwamm auf das Ufer zu. Da saß eine junge Frau mit vor Schreck geweiteten Augen und sah mich an. Als ich mich vollends ans Land gehievt hatte, starrte sie mich weiter an und ich starrte zurück, denn sie sah so unglaublich komisch aus. Sie war nicht viel größer als ich, und ich konnte sie wirklich nicht beschreiben. Denn sie war nicht schwarz-weiß. Ich guckte schnell weg und ließ meinen Blick über den Teich schweifen, darauf schwamm ein rundes Etwas, das sechs eckige Flächen hatte, die in schwarz und weiß waren, aber das war’s auch schon.
„Wie bist du da raus gekommen? Oder wie lange warst du da schon drinnen?“, fragte die junge Frau.
Ich sah sie an. „Bin von da drunter gekommen“, sagte ich stockend. Ich war verblüfft: Sie konnte reden. Hier gab es tatsächlich Menschen und sie konnten sprechen.
Sie guckte mich entsetzt an. „Von da unten? Was ist denn da?“
„Na, meine Schwarz-Weiß-Welt!!“
„ Aha Schwarz-Weiß-Welt. Sag mal willst du mich irgendwie veralbern oder was?“
„Nein“
„Und was ist das?“
„Eine Welt voller Schwarz-Weiß halt, allerdings sehe ich hier Sachen, die ich vorher noch nie gesehen habe.
„Meinst du damit Farben?“
„Kann sein, dass das so heißt. Wenn es das ist, was in deinen Haaren ist, dann ja.“
Sie schaute mich eine Zeit lang an, dann nickte sie. „Ich habe ja immer schon geglaubt, dass es so etwas wie Außerirdische gibt, also ich möchte damit jetzt nicht sagen, dass du ein Alien bist.“
Ich war immer noch fasziniert von dieser Welt
„Erkläre mir, was Farben sind“, bat ich sie, „oder nein, sag mir erst, wer du bist.“
„Ich bin Elena und wohne hier in Wilhelmsburg, und wer bist du?“
„Ich bin Constanze und Prinzessin von der Unterwelt!!! Kannst du mir jetzt das mit denn Farben erklären?“
„Ja.“
Zum Glück war damals ein schöner sonniger Tag, daher war mir nicht kalt. Wir gingen einen Weg entlang und Elena zeigte mir ein großes Gebilde. „Das ist ein Baum und die Blätter des Baums sind grün. Grün ist eine Farbe und sie ist die Farbe der Natur und Geborgenheit, und wenn du mal hoch schaust dann siehst du den Himmel und der ist blau. Blau ist die Farbe der Kälte.“
„Und was für eine Farbe hat das Haus da?“
„Das Haus ist rot. Rot ist meine Lieblingsfarbe, denn sie ist die Farbe der Liebe.“
Ich dachte über das nach, was sie mir erzählt hatte. Es war so viel lebendiger hier oben als bei mir unten in meiner Welt. Wir kamen an drei blauen Hügeln vorbei, und da spielten überall kleine Kinder, die mich alle neugierig anguckten, wahrscheinlich weil ich nass war. Wir überquerten eine Kreuzung. Nach ein paar Metern kamen wir an einer Tür an, die aber nicht rund sondern eckig und hoch war. Wir stiegen eine Treppe hoch, die kannte ich schon aus meiner eigenen Welt, nur hatten unsere viel weniger Stufen. Elena holte einen Schlüssel aus ihrer Tasche, schloss die Tür auf und ging in ihre Wohnung.
„Du musst deine Schuhe nicht ausziehen“, sagte sie. Elena lief durch den Flur und rechts n den ersten Raum. Ich folgte ihr, sie setzte sich auf die Couch, wo schon ein junger Mann saß.
„Hallo Anton.“
„Hi“
„Hallo“, sagte ich zögernd. „Setz dich doch.“
Ich setzte mich neben Elena.
Sie nahm ein langes rechteckiges Teil mit Tasten in die Hand.“
„Was ist das?“
„Eine Fernbedienung.“ Sie drückte auf eine Taste und vor uns leuchtete es plötzlich, und ich sah viele Farben, die zusammen gesetzt ein Bild darstellten.
Die Bilder wechselten schnell, mich verwirrte das. Ich mochte das nicht, deshalb betrachtete ich Anton. Er hatte die gleiche Haarfarbe wie Elena. Elena hatte mir nicht gesagt, welche Farbe das ist.
„Elena, was ist das für eine Farbe?“
Ich zeigte auf die Haare von Anton.
„Das ist braun!!“
Anton hatte auch braune Augen, er sah wirklich gut aus. Vielleicht hatte er es bemerkt, denn er guckte zurück. Wir sahen uns eine Zeitlang in die Augen. „Warum weißt du nicht, was braun ist?“
Elena schaute mich fragend an. „Sollen wir es ihm erzählen?“
Ich überlegte und nickte.
„Was erzählen?“, fragte er.
„Also erst mal, Anton“, sagte Elena. „Das ist Constanze und sie kommt nicht von unserer Welt, sie kommt aus der Unterwelt“
„Ja ne ist klar. Ihr denkt doch nicht, dass ich euch das glaube, oder?“
Ich schaute ihn nachdenklich an, warum glaubte er uns nicht?
„Ich komme wirklich von einer anderen Welt und da werde ich bald Königin und ich bin nur hier, weil ich verfolgt wurde und ich flüchten musste!!“
Da klingelte es. Elena ging zur Tür, ich und Anton blieben im Zimmer. Plötzlich hörte ich etwas rumpeln und Elena schrie. Die Tür flog auf und darin standen meine Verfolger. Ich erschrak und schrie.
„Jetzt haben wir dich endlich“, sagten sie. Anton stellte sich in einer Art Kampfstellung vor mich. „Was wollt ihr von Constanze.“
„Da sie die rechtmäßige Prinzessin ist, sollen wir sie umbringen.“
Er schaute meine Verfolger an. „Ihr könnt sie nicht umbringen.“
„Doch das können wir.“ Er sah sich verzweifelt um und griff nach einem rundem Teil, das Zahlen hatte und Tick Tack machte und warf es. Als Elena das sah, holte sie ein kleines Ding mit auch so einem Bild darauf wie dieses große aufleuchtende Ding. Sie tippte ein paar Zahlen ein und Anton sprach weiterhin auf meine Verfolger ein. Nach einer Weile klingelte es und zwei Männer in blauen Uniformen betraten den Raum und betrachteten die zwei Männer mit der blassen Haut und den schwarzen Haaren.
„Sie sind festgenommen wegen Morddrohungen. Sie werden jetzt in U-Haft genommen.“
Sie legten ihnen Handschellen an und nahmen sie mit.
„Constanze in 3 Tagen werden sie wahrscheinlich wieder freigelassen!!!!“
„Du bist also wirklich eine Prinzessin?“, fragte Anton. Ich blickte in seine wunderschönen braunen Augen. Ich verlor mich in ihnen, doch dann riss ich mich wieder zusammen.
„Ja! Das habe ich ja nicht ohne Grund gesagt!!“
„Wir müssen in die Schwarz-Weiß-Welt.“
Er nickte: „Was willst du da?“
„Bald sind Volkswahlen, und ich muss unbedingt dabei sein.“
„Ich komme mit.“
„Wenn Anton mit kommt, dann ich auch.“
„Elena, Anton, das ist wirklich zu gefährlich.“
„Nein Constanze ist es nicht.“
„OK, wenn ihr unbedingt mitkommen wollt, dann müssen wir jetzt los. Denn als ich von meiner Welt in eure Welt gekommen bin, war es bei mir Nacht und bei euch Tag. Deshalb denke ich mal, wenn es hier Nacht ist, dann ist dort Tag.“
Ich schaute Anton und Elena an, sie guckten entschlossen zurück.
„OK“ sagte Anton „Das nehme ich auf mich eine schlaflose Nacht mit dir zu verbringen ist total in Ordnung für mich!!!!!“
Ich sah ihn verdutzt an. Sollte das ein Kompliment sein, und meinte er das auch so, wie er es gesagt hatte? Ich wollte das genauso wie er. Vielleicht war es Liebe, das wusste ich da noch nicht so genau, ich hatte so etwas wie Liebe noch nie erlebt. Aber wenn es welche ist, dachte ich, dann ist es ein wunderschönes Gefühl.
„OK dann mal los!“, sagte Elena und wir schlichen aus dem Haus den gleichen Weg zurück, den ich schon am Nachmittag gegangen war. Ich schaute mich die ganze Zeit um, bei Nacht hat selbst fast alles hier oben an Farbe verloren. Wir kamen beim Teich an.
„Ich weiß nicht mehr genau an welcher Stelle ich hochgekommen bin“, sagte ich. „Ich muss jetzt danach tauchen, und ihr kommt am besten mit, damit ihr auch da rein kommt und nicht noch ewig nach dem Eingang suchen müsst.“
Wir tauchten zwei drei mal nach dem Eingang, doch wir fanden ihn nicht, beim vierten mal fand Elena ihn, wir tauchten runter, tiefer als die anderen Male. Anton, Elena und ich ließen unsere Blicke im Wasser hin und her schweifen, da wurde Elena plötzlich eingesogen. Ich schwamm schnell zu ihr, um ihr zu helfen, doch ich wurde auch eingesogen. Dann knallte ich auf Holz, es war die Falltür, ich öffnete sie und kletterte die Leiter hinunter. Da wartete Elena schon auf mich, kurz darauf kam Anton dazu. Anton und Elena guckten sich um. „Das ist ja alles wirklich Schwarz-Weiß und auch in den verschiedensten Tönen. So heftig hätte ich mir das gar nicht vorgestellt !!“, flüsterte Anton. Wir gingen weiter in das Labyrinth der Stadt, die ich liebte.
„Diese Höhlenhäuser, das ist ja total anders als bei uns“, staunte Elena über meine Welt. Sie holte tief Luft.
„Was ist, alles in Ordnung mit dir?“
„Ja geht schon, mir war nur gerade ein ganz kleines bisschen schwindelig, aber geht schon“, erklärte Elena mir.
„War dir auch schwindelig, Anton“, fragte ich ihn.
„Ja, aber nur einmal ganz kurz!!“, versicherte er mir. Plötzlich hörten wir Stimmen. „Pscht seit mal leise“, wir gaben keinen Laut mehr von uns.
„In 10 min ist der Volksentscheid zu Ende.“
Mir stockte der Atem, der Volksentscheid war heute, und schon in 10min zu Ende, wie sollten wir es nur so schnell ins Schloss schaffen? Ich guckte zu Anton und Elena, wir waren schon seit einer halben Stunde hier unten. Manchmal schnappten sie leicht nach Luft, ich glaube, sie wollten nicht, dass ich etwas davon mitbekam. Ich stellte mich dicht an sie heran, ich flüsterte ihnen zu: „Wir müssen zum Schloss.“
„OK“, sagte Elena ziemlich kleinlaut.
„Ich muss Josefina aufhalten, sie darf nicht Königin werden, wir müssen rennen“, sagte ich.
Wir rannten, ich voraus, die beiden anderen hinter mir her. Als wir schon eine ganze Zeitlang gelaufen waren, sah ich das Schloß und blieb stehen. Mir ging es gut, aber Anton und Elena konnten nicht mehr. Jetzt schnappten sie noch mehr nach Luft. Das Schloss war die größte Höhle in der ganzen Unterwelt, die runde Tür war riesig, es gab viele große runde Fenster, und es gab mehrere große schwarze Flecken, aber sonst war es weiß. Ich zog Elena und Anton mit mir. Ich ging mit ihnen zu der Geheimtür.
„Wenn ich durch die Tür gehe, dann bin ich bei der Wahl.“
Elena schwitzte und Anton zitterte, aber er lächelte mich trotzdem an und beugte sich vor. Seine Lippen legten sich auf meine, und er küsste mich. Ich erwiderte den Kuss und schlang meine Arme um ihn. Dann guckte er mich an und sagte: „Jetzt geh da rein und werde Königin.“
Es wahr schön, dass er mir Mut machte. Wieder stieß ich die Tür auf.
„Hallo Betrügerin“, anscheinend hatte Josefina gerade versucht, dem Volk klar zu machen, dass ich nicht kommen würde, dass ich sie im Stich gelassen hatte. Sie drehte sich zu mir um: „Ich werde jetzt Königin“, fauchte sie mich an.
„Nein, wirst du nicht, immerhin bin ich die rechtmäßige Prinzessin.“
„Aber meine Eltern haben als letzte regiert.“
„Aber das war ja auch nur Lüge und Betrug.“
„Na und, mittlerweile wurde meine Familie aber schon als die richtige Königsfamilie anerkannt.“
Wie konnte sie sich bloß trauen, das vor dem ganzen Volk zu sagen, das hinter dem weit geöffneten Tor versammelt war und stumm unserem Streit zugehört hatte.
„Ich werde Königin“, sagte sie erneut.
„Nein“ hörte ich es irgendwo zwischen den Menschenmengen. Plötzlich riefen sie: „Prinzessin Constanze soll Königin werden, Constanze soll Königin werden.“
Josefina guckte sich entsetzt um, ich lächelte den Wachen aufmunternd zu. Sie nahmen Josefina fest.
Elena und Anton kamen rein gestürmt und umarmten mich, doch nachdem sie sich aus der Umarmung gelöst hatten, sah ich wie schweißgebadet sie waren, dann brach Elena zusammen und Anton konnte sich auch kaum auf den Beinen halten und ich wusste, dass sie nicht mehr genug atmen konnten. Ich rief die Wachen. „Wir müssen sie wieder zur Oberwelt bringen.“
„Oberwelt?“ fragte einer der Wachen, er sah sehr stark aus.
„Du trägst Elen,a sie kann nicht mehr selbst laufen!!!“ Ich stützte Anton, wir gingen so schnell wir konnten und kamen nach wenigen Minuten bei dem Raum mit der Leiter an.
„Wir müssen die Leiter hoch. Schnell sonst überleben sie es nicht.“
Der Wachmann mit Elena voraus, danach Anton und ich, klettern wir die Leiter hoch, durch die Falltür und dann wurden wir hoch gesogen und waren im Teich. Als wir an der Oberfläche angekommen waren, schnappten Elena und Anton nach Luft, der Wachmann sah sich um mit genau der Faszination, wie ich auch geguckt haben muss.
„Anton, ich kann hier nicht bleiben und du kannst nicht bei mir bleiben, weil du sonst erstickst“, sagte ich.
„Aber Constanze…“
„Tut mir leid.“ Ich tauchte runter und wurde in meine Welt gesogen. Der Wachmann kam hinterher und ich erklärte ihm alles, was Elena mir über die Farben erklärt hatte. Ich habe Anton, Elena und die Welt über mir nicht vergessen, und sie mich hoffentlich auch nicht.

Gefangen in Freiheit

von Celine Nöldemann, 15 Jahre

Wasser drang in meine Lungen ein. Ich schnappte nach Luft und schluckte noch mehr Wasser. Meine Kehle brannte. Meine Arme und Beine, die vorher noch Widerstand geleistet hatten, hingen kraftlos neben mir. Es war vorbei. Ich wusste, ich würde sterben.
Vor meinen Augen wurde alles schwarz. Ob es wegen des Wassers oder meines schwindenden Bewusstseins war, vermochte ich nicht zu sagen.
Würden meine Eltern sehr trauern? Bestimmt. Mutter, Vater, ich hab euch lieb.
Etwas drang über mir ins Wasser ein und packte mich am Oberkörper. Ich wurde nach oben gezogen und erreichte die Wasseroberfläche. Luft strich über mein Gesicht. Ich spuckte Wasser, doch atmen konnte ich immer noch nicht. Meinen Retter konnte ich nicht erkennen, da sich die Dunkelheit in meinem Kopf ausbreitete. Ich sah nur noch einen goldenen Ohrring.
Wir wurden nach oben gehoben und ich spürte das kalte und glatte Holz von einem Schiffsdeck unter mir.
„Captain!“ Der Boden bebte, als mehrere Menschen in unsere Richtung rannten. „Alles in Ordnung“, sagte eine Stimme neben mir. „Pumpt ihm das Wasser aus den Lungen.“
„Ay!“ Ich spürte einen starken Druck auf meinem Brustkorb und ein Wasserschwall fand seinen Weg aus meinen Lungen. Ich hustete und würgte und spuckte noch mehr Wasser. Frische Luft füllte meine Lungen und ich sog sie gierig ein. Bevor ich wieder mein Bewusstsein verlor, sah ich eine Jolly Roger am Mast flattern.
Ich erwachte unter Deck. Meine Kleidung war trocken, mein Hals brannte. Ein brennender Schmerz ging von meiner Kehle aus. Vom Deck hörte ich Rufe und Befehle. Ich ging langsam die Treppe hinauf. Die Sonne schien mir ins Gesicht und es dauerte einige Momente, bis ich mich an das Licht gewöhnt hatte.
„Der kleine Prinz ist wach!“ Das Lachen von Männern. Ich war auf einem Schiff: ja. Aber das hier waren keine Händler. Die Mannschaft trug zerschlissene Kleidung und Schmuck verschiedener Herkunft und Werte. Die meisten hatten Narben im Gesicht. Ich sah zum Mast hinauf. Verdammt! Ich befand mich auf einem Piratenschiff.
Ein Junge in meinem Alter kam auf mich zu. Er hatte hellblonde Haare und, obwohl er viel Zeit in der Sonne verbringen musste, eine blasse Haut. Als ich in seine Augen sah, erkannte ich das dunkle Blau der See, auf der wir fuhren. Am linken Ohr trug er einen Ohrring, am rechten Fußgelenk einen Goldreif. Er war barfuß.
„Wer bist du?“, fragte der Junge im Befehlston. Ich gab mich trotzig. „Ich will mit eurem Captain reden.“ Der Junge zog eine Augenbraue hoch und seinen Augen wurden dunkler. „Du sprichst mit ihm.“ Der Junge war Captain? Das war wohl ein Witz. Doch niemand lachte. Sie meinten es ernst. „Ich bin Alex“, antwortete ich.
„Also, Alex, kannst du ein Deck schrubben?“
„Wie meinst du das? Ich werde nicht dein Sklave sein.“
Der Captain drehte sich um. „Gebt ihm ein Lappen.“
„Ay!“ Jemand drückte mir Eimer und Lappen in die Hand. „Ich werde nicht putzen!“
„Der Captain hat dein Leben gerettet“, sagte einer der Männer. „Du schuldest ihm was.“ Widerwillig machte ich mich an die Arbeit. Alles andere kam mir wie Selbstmord vor. Ich war ein fünfzehnjähriger Junge. Gegen dreißig ausgewachsene Piraten und einem Kind als deren Captain hatte ich keine Chance. Ich hatte keine Ahnung, wohin mich noch das ganze führen würde.
Jeden Tag beim Arbeiten saß der Junge in der Nähe und sah mir zu.
„Wie heißt du überhaupt?“, wollte ich wissen. Ich war jetzt schon drei Tage hier und jeder einzelne war eine Qual.
„Azul.“
„Warum bist du Captain?“
„Warum kannst du nicht schwimmen?“, erwiderte Azul.
„Ich kann schwimmen!“, fauchte ich. „Warum wechselst du das Thema?“
„Warum schrubbst du nicht das Deck?“ Missmutig putzte ich weiter. Er hatte mir nichts weiter als seinen Namen gesagt. Ich schaute auf die ruhige See und fragte mich, wohin wir wohl segelten.
Die Tage vergingen.
„Was hast du eigentlich auf See gemacht?“ Azul hing in der Takelage und sah auf mich herab.
„Arbeit“, antwortete ich. „Meine Eltern sind Händler. Wir transportieren Rohöl von Afrika nach Wilhelmsburg. Wir waren gerade auf den Weg zurück, als wir in einen Sturm gerieten.“ Ich sah ihn nicht an, während ich sprach. Azul ließ sich kopfüber hängen, sodass wir auf einer Augenhöhe waren. „Du bist also fahrender Händler, obwohl du nicht schwimmen kannst?“ „Ich kann schwimmen!“, zischte ich und warf mit dem Lappen nach ihm. Ich traf nicht. „Warum bist du so gemein?“, wollte Azul wissen. „Weil ich Piraten hasse.“ Ich holte den Lappen zurück und putzte weiter. „Hasst du mich auch?“
„Ja.“
„Warum?“ Wie konnte er das fragen?
„Weil Piraten böse sind. Sie stehlen, brandstiften und morden. Euch sind Menschenleben egal.“
„Aber ich hab dich gerettet.“ Ein weiteres Mal brachte er mich aus der Fassung. Er ließ sich fallen und landete vor mir. „Und wenn ich dir sage, dass ich nicht böse bin?“
„Ich würde dir nicht glauben“, antwortete ich ohne nachzudenken. Seine Augenfarbe wechselte zu einem enttäuschten Grau. „Willst du zurück zu deinen Eltern?“
Was sollte die Frage? „Klar will ich zu ihnen.“
Azul holte einen Kompass heraus. Er schaute einige Sekunden darauf und rief: „Hart Steuerbord! Kurs setzen nach Wilhelmsburg!“ Die Befehle wurden wiederholt und das Schiff wendete. Azul warf mir einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. „Es will jemand nach Hause.“
Ich traute Azul nicht. Warum sollte er mir helfen wollen? Es gab keinen Grund. Er war ein Pirat und behandelte mich wie seinen Sklaven „Was soll das?“ Azul grinste. „Wolltest du nicht zurück? Ich bring dich zurück.“
„Warum?“, wollte ich wissen.
Er drehte sich um und ging zum Bug. „Warum? Wahrscheinlich, weil ich dich mag.“ Ich war überrascht. In der knappen Woche, die ich nun auf diesem Schiff verbracht hatte, habe ich gelernt, dass Azul keine dummen Scherze machte. Aber warum mochte er mich? Ich, aus einer Händlerfamilie, war doch eigentlich sein Feind. Warum bezeichnete er sich als nicht böse? Leute ausrauben und hinterher töten, das war böse. Machten das nicht Piraten? Aber machte es auch Azul? Mir fiel auf, dass ich eigentlich gar nichts über ihn wusste. Wahrscheinlich, weil ich versucht hatte, auf Distanz zu bleiben. Zu meinem eigenen Erstaunen wurde mir klar, dass ich mehr über ihn herausfinden wollte. Ich wollte ihn verstehen.
Energisch schüttelte ich den Kopf. Worüber dachte ich denn da nach? Azul hatte mich ein weiteres Mal verwirrt. Ich sollte einfach abwarten, bis wir vor Anker gingen und dann diesem Piratenschiff ein für alle Mal den Rücken kehren. Piraten brachten nur Ärger. Man sollte sich nicht mit ihnen einlassen.
Meine Eltern würden jetzt bestimmt schon in Wilhelmsburg vor Anker liegen. Sie mussten an der Elbe anlegen und die Waren mit einem kleineren Schiff in den Veringkanal transportieren. Wir lieferten das Öl für die ganzen Fabriken, die gerade neu gebaut wurden. Es war ein sehr wichtiger Handel.
Meine Eltern würden dann noch zwei oder drei Tage bleiben, um das Proviant aufzufüllen, bis sie dann wieder zurück nach Afrika fuhren, um neues Öl zu holen. Wir mussten uns beeilen, wenn wir sie erreichen wollten. Ich wusste nicht genau, wo wir uns befanden und ob wir es rechtzeitig bis zum Kanal schafften, doch ich hoffte es. Das Piratenschiff war relativ klein, seine Segel hatten aber eine große Oberfläche. Wenn wir mit vollen Segeln fahren würden, könnten wir bestimmt eine weite Strecke in wenigen Tagen schaffen.
Am nächsten Tag erlöste Azul mich von meiner Arbeit. Ich hätte meine Schuld abgearbeitet. Er meinte, ich dürfte mich überall auf dem Schiff aufhalten, solange ich niemanden störte. Natürlich war ich neugierig, zu sehen, wie so das Piratenschiff aussah. Voll gefüllt mit Schätzen und wertvollen Gegenständen. Doch das würde meinen Entschluss, auf Distanz zu bleiben, widersprechen.
Ich stand an der Reling und strich über das glatte Holz. Unter mir schnitt das Schiff durch das ruhige Wasser. Die Sonne schien auf die Wasseroberfläche und ließ sie glitzern wie tausende kleine Diamanten. So etwas Schönes hatte ich schon oft gesehen, vom Schiff meiner Eltern aus, doch dieser Tag war der erste, an dem meine Reise nicht mit Arbeit verbunden war.
Azul stellte sich neben mich, stützte sich auf die Reling und sah in die Ferne. „Es ist schön, nicht war?“
„So was sehe ich jeden Tag“, sagte ich ausweichend.
„Kam mir eben nicht so vor. Du hast gelächelt.“
Ich lief rot an. „Ach ja? Ist mir nicht aufgefallen.“ Azul schaute mir in die Augen. „Das war das erste Mal, dass ich dich lächeln gesehen habe.“
„Na und?“ Warum war es mir so peinlich? Azuls Augen waren wieder dunkelblau. Mir fiel wieder auf, dass sie je nach Azuls Stimmung die Farbe änderten. Je dunkler sie waren, desto schlechter war er drauf. Und wenn er glücklich war? Ich vermutete etwas Helles, Schönes. Mist, ich dachte schon wieder über ihn nach. Was war nur los mit mir?
„Ich dachte nur über das Meer nach. Es ist weit.“ Azul nickte und wir schwiegen. Plötzlich packte Azul mich am Arm. „Willst du etwas Unglaubliches sehen?“
„Was?“
„Komm mit!“ Er zog mich mit sich zur Takelage. Er begann, wie ein Äffchen hinaufzuklettern. Irgendwo auf halben Weg ganz nach oben, machte er Halt, sah zu mir hinunter und rief: „Komm!“
Ich hatte Angst runter zu fallen, doch vor Azul wollte ich nicht, wie ein Feigling dastehen. Also fing ich Stück für Stück an die Takelage zu erklimmen. Die Luft in dieser Höhe war kalt und schneidend. Der Wind pfiff mir um die Ohren und zerzauste mein Haar. Azul kletterte weiter, bis er den Aussichtskorb erreicht hatte. Doch er machte keine Anstallten hinein zu steigen, sondern wartete darauf, dass ich ihn erreicht hatte. Atemlos kam ich oben an. Ich wagte es nicht, aus dieser Höhe hinunter zu gucken. „Was willst du hier oben?“, schrie ich gegen den Wind und das Kreischen der Möwen an.
„Schau es dir an!“ Azul sah nach vorne, in die Richtung, in die wir fuhren. Ich folgte seinem Blick und war sprachlos. Die Sonnenstrahlen, die reflektiert wurden, der Bug des Schiffes, wie er die Wasseroberfläche durchschnitt und kleine Wellen hinterließ. Das alles sah aus, wie von der Reling, nur hundert Mal schöner. Ich hing hier oben in der Takelage, der Wind verfing sich in meinen Kleidern und peitschte mir ins Gesicht. Und doch verlor ich meine Angst vorm Runterfallen. Ich löste meine linke Hand vom Seil und breitete meinen Arm aus, um noch mehr Wind einzufangen. Die Möwen schrieen und flogen direkt neben mir. Es war unglaublich. Ich begann zu lachen. Ich lachte so laut und so voller purer Freude, wie schon lange nicht mehr.
Azul lächelte zufrieden und seine Augen hatten die Farbe des Himmels.
Am Abend, lag ich deprimiert in meiner Händematte. Was war in mich gefahren? Ich hatte mich völlig im Moment verloren. Wie hatte ich vergessen können, wo ich mich befand? Langsam fing ich selbst an dem zu zweifeln, was meine Eltern mir seit meiner Geburt eingetrichtert hatten. >Piraten sind böse. Vermeide Kontakt mit ihnen!< Doch wenn ich an die letzten Tage zurückdachte, kamen sie mir alles andere als böse vor. Die Mannschaft war eine lustige und ausgelassene Truppe. Zusammen mit ihrem Captain trieben sie gerne ihre Späße. Sie hatten die Handelsschiffe vorbeifahren lassen und sich lieber auf dem Deck gesonnt, als sie zu entern. Ich verstand sie nicht? Sollten sie nicht darauf aus sein, so viele Schätze wie möglich zu erobern, anstatt einen Jungen zurück zu seinen Eltern zu bringen?
Ich lag die ganze Nacht wach, weil mir der letzte Tag mir im Kopf herumgeisterte. Es war so schön mit Azul gewesen, so als ob alle Sorgen verschwunden wären. Leise stand ich auf und ging aufs Deck und sah auf die Wellen. Es wehte ein kalter Wind, der mich zittern ließ.
„Kannst nicht schlafen?“ Warum musste dieser Kerl immer dann neben mir auftauchen, wenn ich ihn am wenigsten brauchte?
„Ich könnte dich das Gleiche fragen.“, erwiderte ich.
„Ich bin morgens gerne hier und warte auf den Sonnenaufgang. Ich liebe es, wie die Sonne sich dann auf dem Wasser spiegelt. Wollen wir es uns zusammen ansehen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Meinetwegen.“ Wir warteten schweigend darauf, dass die Sonne sich über den Horizont erhob.
„Warum magst du mich?“, brach ich die Stille.
Azul sah in die Ferne, als wäre er mit den Gedanken ganz wo anders. „Du hast etwas an dir, dass dich aus der Masse herausstechen lässt.“ „Als ich dich aus dem Wasser herausgezogen habe und du erkannt hast, dass du auf einem Piratenschiff bist, hattest du keine Angst. Und obwohl du Piraten hasst, hast du dich in meiner Schuld gesehen und diese Schuld abgearbeitet. Das finde ich bewundernswert.“
„Ich hab nur das getan, was ich in diesem Moment für richtig fand.“
„Du triffst die richtigen Entscheidungen instinktiv. Das können nicht viele.“ Und das, obwohl du nicht schwimmen kannst.“
Ging das schon wieder los. „Ich kann schwimmen.“ Azul zeigte nach vorn. „Es geht los.“ Das Meer sah aus, als würde es brennen, als die Sonne aufstieg. Die Wolken am Himmel färbten sich orange und das Licht vertrieb die Schwärze.
„Die Sonne wird neugeboren und erhebt sich aus ihrem Sarg“, flüsterte Azul neben mir. Dann löste er sich von dem Anblick. „Ich sehe das jeden Morgen schon seit acht Jahren und kann nie genug davon haben. Bis zu diesem Moment hatte ich nicht gewusst, dass es so etwas Schönes gab. Wenn ich mit meinen Eltern unterwegs war, hatte ich nie die Zeit, den Sonnenaufgang zu beobachten. Dort hieß es >Alex mach dies<, >Alex mach das<. Ich hatte keine Ahnung davon gehabt, was ich jeden Morgen verpasste.
Unter Deck hörte ich, wie die Mannschaft vom Koch geweckt wurde. „Los aufstehen, ihr fauler Haufen. Es gibt Frühstück!“
„Wollen wir gehen?“, fragte Azul. „Das wird unser letztes gemeinsames Frühstück. In wenigen Stunden erreichen wir das Festland.“ Schon so bald? Ich hätte erleichtert sein sollen, oder glücklich. Stattdessen war ich traurig.
Quatsch! Freu dich, sagte ich zu mir, du wirst deine Eltern wieder sehen. Doch irgendwie kam keine Freude in mir auf.
Wie Azul vorhergesagt hatte, konnte man am frühen Vormittag das Festland sehen, das wir am Mittag erreichten. Wir fuhren in die Elbe hinein. Die Jolly Roger hatten wir vom Mast genommen und stattdessen flatterte dort eine Flagge der deutschen Handelsflotte. Man ließ uns ohne Fragen passieren. Am Nachmittag erreichten wir den Veringkanal. Ich entdeckte das Schiff meiner Eltern. Sie hatten noch nicht wieder abgelegt. Ich verspürte Erleichterung. Wir gingen vor Anker und legten das Fallreep aus. Azul lief voran, ich folgte ihm. Als ich festen Boden unter den Füßen spürte, taumelte ich. Ich hatte mich so an den Seegang gewöhnt, dass ich nicht mehr wusste, wie es sich auf dem Festland anfühlte. Azul bestand darauf, mich zu begleiten, bis ich meine Eltern gefunden hatte. Wir liefen den Kanal entlang. Dort gab es mehrere Fabriken, von denen sich einige noch im Bau befanden. An den Ufern hatten Segelschiffe angelegt, auf denen Männer Kisten auf- und abluden. Die Schiffe hatten Seitenschwerter, um die Balance zu halten, falls das Schiff mal in Schräglage geriet.
Ich entdeckte meine Eltern in einer Werft. Scheinbar war ihr Schiff während des Sturms beschädigt worden.
„Mutter, Vater!“, rief ich. Überrascht sahen sie sich zu mir um. „Alex? Du lebst?“ Ich stürmte auf sie zu und meine Mutter umarmte mich. „Oh Alex, wir waren so besorgt. Wir wussten nicht, ob du noch lebst, nachdem du über Bord gegangen bist.“
„Mögen wir Gott danken, dass er unseren Sohn beschützt hat“, sagte mein Vater.
„Azul hat mich gerettet“, sagte ich und drehte mich zu ihm um. Er stand nicht mehr am Eingang. Ich lief hinaus und sah, dass er fort ging. „Azul!“ Ich lief ihm nach und packte ihn an der Schulter. Er riss sich los. Ich zuckte zurück. So wütend hatte ich ihn noch nie erlebt. Er drehte den Kopf und sah mich an. Ein eisiger Schauer durchlief meinen Körper. In seinen Augen tobte der schlimmste Sturm, den ich je gesehen hatte. Es kam mir so vor, als könnte ich meterhohe Wellen sehen, die sich auftürmten, um alles unter sich zu begraben.
„Azul?“, fragte ich vorsichtig.
„Jetzt solltest du wohl glücklich sein, nicht wahr?“, fragte er kalt.
„Was meinst du?“
„Du hast deine Eltern wieder und musst nicht mehr auf meinem Schiff sein. Reise mit deinen Eltern weiter und lerne das Schwimmen.“ Er ging weiter.
„Warte!“, rief ich. Er blieb wieder stehen, wandte sich aber nicht um.
„Du warst es doch, der mich zurück gebracht hatte. Warum benimmst du dich jetzt so komisch?“, fragte ich ratlos.
Azul ging nicht auf meine Frage ein. „Hasst du mich?“, wollte er wissen. Er klang niedergeschlagen
„Was?“
„Hasst du mich, Alex?“ Er fuhr zu mir herum. In seinen Augen lag Schmerz.
„Ich…“ Ich wusste es nicht.
Azul ließ mich stehen und verschwand in der Menschenmenge. Es schmerzte mich, ihn fortgehen zu sehen. Meine Eltern kamen. „Wer war denn das?“
„Niemand, den ihr kennen würdet“, gab ich niedergeschlagen zurück. „Ich komm später wieder.“ Ich wandte mich ab.
„Sei aber bitte zum Abendessen beim Schiff!“, rief mir meine Mutter hinterher. Ich hob meinen Arm als Zeichen, dass ich verstanden hatte.
Ich lief am Kanal entlang und setzte mich an eine freie Böschung. Betrübt starrte ich auf das Wasser. Es war spiegelglatt. Keine Welle verzerrte die Oberfläche. Eigentlich müsste ich erleichtert sein. Es war doch das, was ich mir die ganze Zeit auf Azuls Schiff gewünscht hatte. Ich wollte weg, Azul und seine Piraten nie wieder sehen. Mein Wunsch hatte sich erfüllt. Warum war ich also traurig? Weil Azul weg war? Ich sollte darüber glücklich sein. Ich hatte meine Eltern wiedergefunden und war vom Piratenschiff runter. Ich hatte eine Woche mit Azul verbracht und mich an ihn gewöhnt. Vielleicht hatte ich ihn sogar ein bisschen gern.
Ich vermisste die Wellen, die gegen sein Schiff plätscherten, das Kreischen der Möwen und den Geruch von Salzwasser. Die glatte Oberfläche des Kanals kam mir falsch vor. Sie war still, zu still. Ich schleuderte einen Stock in das Wasser. Es kräuselte sich und kreisförmige Wellen breiteten sich aus. Der Stock wurde von der Strömung erfasst und trieb langsam davon. Eine Ente kam dazu und umkreiste den Stock neugierig. Sie pickte ihn ein zwei Mal an, bis es ihr zu langweilig wurde und sie gegen die Strömung davon schwamm.
Ich war wie dieser Stock. Unfähig mich gegen die Strömung zu wehren und gezwungen mit ihr zu schwimmen. Die Ente war frei zu tun, was sie wollte, ob mit oder gegen die Strömung. Sie war frei, so frei wie Azul. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich auf seinem Schiff selbst frei gewesen bin. Das Gefühl, als ich oben in der Takelage hing, das war das Gefühl von Freiheit. Ich bin gefangen in Freiheit gewesen. Und ich bemerkte es erst jetzt. Nun hatte ich mich wieder in die Strömung gebracht. Meine Eltern würden mich nicht loslassen. Ich war gezwungen mit ihnen zurück nach Afrika zu fahren und wieder hier her. Immer der gleiche Weg, immer die gleiche Strömung. Die Sonne ging langsam unter, doch das Kanalwasser blieb schmutzig grau. Plötzlich fühlte ich mich einsam. Da war eine Leere in meiner Brust, die ich nicht füllen konnte. Das war der Moment, in dem es mir klar wurde: Ich war allein.
Am nächsten Morgen liefen wir früh aus. Die Werftarbeiter hatten das Schiff wieder seetauglich gemacht. Ich freute mich nicht auf die Fahrt. Es war mir egal. Mein Vater trat zu mir an die Reling. „Wie geht es dir, mein Sohn?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Wir wollten dich wirklich retten, doch als der Sturm vorbei war, haben wir dich nicht mehr gefunden. Wir wussten bis gestern nicht, ob du noch lebst. Wir hätten auch nicht länger den Kurs ändern können, die Waren…“ Ich hätte wütend werden sollen, enttäuscht, traurig, irgendwas, doch stattdessen zuckte ich nur wieder mit den Schultern und wandte mich ab. Es war mir egal. Mein Vater ließ mich in Ruhe. Ich starrte auf das Meer. Wir hatten die Elbe hinter uns gelassen und fuhren auf die Nordsee. Die Wellen platschten gegen die Planken, doch der Laut hallte hohl in meinen Ohren wieder. Das Kreischen der Möwen verursachte Kopfschmerzen. Alles war so anders ohne Ihn.
„Piraten aus Backbord!“ Mein Herz schlug schneller, doch nicht aus Angst.
Ich stürmte zur Backbord-Seite und lehnte mich weit über die Reling. Diese Flagge, dieses Schiff. Es war Er.
„Azuuuuuul!“, schrie ich so laut ich konnte. „Azul!“ Mein Vater packte mich an den Schultern und zog mich zurück.
„Das reicht!“ Ich riss mich los und lehnte mich wieder gegen die Reling. Eine Sehnsucht überkam mich, die ich so noch nie erlebt hatte. Ich wollte frei sein. So frei wie Azul, so frei wie ich war.
Ich sprang.
„Mann über Bord!“ Panische Rufe auf dem Deck des Schiffes meiner Eltern. Ich spuckte Salzwasser und begann mit kräftigen Zügen zu Azuls Schiff zu schwimmen. Ich hörte meine Eltern meinen Namen rufen, doch auch das interessierte mich nicht.
„Azul!“, rief ich. Ich schluckte Wasser und musste husten. „Ich hasse dich nicht. Du bist mein Freund! Lass uns gemeinsam die Meere besegeln. Azul!“
„Ich hab’s verstanden.“ Azul stand an der Reling und warf mir ein Seil hinunter. „Idiot. Einfach so ins Wasser zu springen, obwohl du nicht schwimmen kannst.“ Ich kletterte am Seil hinauf.
„Ich kann schwimmen“, erwiderte ich ruhig. Azul reichte mir seine Hand und zog mich an Bord.
„Ich weiß. Lass uns frei sein.“ Ich sah in seine türkisblauen Augen. So ruhig und schön, wie die karibische See.

Dein Gott ist nicht mein Gott

von Esther Pieper, 17 Jahre

„Ich wünsche dir später keine Tochter, die so ist, wie du!“

Die Worte drehten sich in meinem Kopf, immer wieder, immer schneller. Mir wurde schwindelig und die wohlbekannte Übelkeit stieg in mir auf. Ich musste mich festhalten. Die Worte meines Vaters standen vor meinem inneren Auge so bedrohlich, als würden sie mir alles was ich bin und habe entreißen wollen. Ich stand seit mindestens dreißig Minuten unter der Dusche, mein Körper zitterte, obwohl das Wasser eigentlich viel zu heiß war. Ich legte meinen Kopf in den Nacken und ließ das Wasser über mein Gesicht laufen, damit ich die Tränen nicht mehr spürte.

„So kann es nicht weitergehen“, dachte ich und war mir im selben Moment sicher, dass ich niemals die Kraft haben würde, irgendetwas zu ändern. Ich versuchte mir einzureden, dass mein Vater es nicht böse gemeint hatte, als er vorhin diese Worte ausgesprochen hatte nur, weil ich eine halbe Stunde zu spät aus der Schule zurückgekommen war. Ich hatte gerade Hausarrest und musste darauf achten, dass ich so pünktlich dann zu Hause eintraf, wie meine Eltern sich es ausgerechnet hatten.

„Keine Tochter, die so ist wie du! Keine Tochter, die so ist, so wie du; so wie du…!“

Die Worte in meinem Kopf wurden wieder lauter, dann leise, dann wieder laut.

Irgendwie schaffte ich es aus der Dusche und aus dem Badezimmer. In meinem Zimmer zog ich an, was ganz oben auf lag, schminkte mich halbherzig, trocknete meine langen Haare, nahm mein Handy und meine Handtasche und verließ einfach das Haus. Ich hatte noch etwa zwei Stunden, bis meine Mutter von der Arbeit wieder kommen würde. Mein Vater war inzwischen in sein Büro zurückgekehrt und würde wohl, wie immer, erst spät nach Hause kommen.

Ohne darüber nachzudenken ging ich an meinen Lieblingsplatz. Ich brauchte etwa dreißig Minuten bis ich am Veringkanal angekommen war. Hier ging ich sofort auf meinen Platz zu, der etwas versteckt, unter zwei Trauerweiden lag. Ich setzte mich auf die kleine Bank und starrte ins Wasser. Meine Gedanken begannen wieder zu kreisen. Ich richtete mich auf und öffnete meine Handtasche. Dort lagen die Zigaretten meiner besten Freundin Leila, die sie gestern vergessen hatte, wieder mitzunehmen. Ich hatte noch nie geraucht und hatte es eigentlich auch nie vor gehabt. Doch jetzt schaute ich die Zigaretten mit anderen Augen an. Leila sagte immer, sie halfen ihr dabei, nicht über ihre Probleme nachdenken zu müssen.

Warum sollte ich das nicht auch einmal ausprobieren, überlegte ich, nur weil meine Eltern sagen, dass man nicht rauchen darf?

Ich holte eine Zigarette aus der Packung und schaute sie mir eine Weile an. Ich pustete kurz an dem Teil, an dem man sie in den Mund nimmt, so wie Leila es immer macht und nahm sie dann zwischen meine Lippen.

Auf dem Wasser schwammen Enten und es war mir, als schauten sie mich mit großen Augen an. Sie schienen mir sagen zu wollen, dass ich einen Fehler machen würde. Seit wann redeten Enten mit mir? Verlor ich den Verstand? Ich suchte in meiner Handtasche nach dem Feuerzeug meiner Freundin.

„He, rauchen ist ungesund!“

Ich erschrak so sehr, dass mir die Zigarette aus der Hand fiel.

Hinter mir stand ein Junge und schaute mich an. Er hatte braune Augen, kurze braune Haare, glänzende, dunkle Haut – und ein Lächeln auf dem Gesicht. Und doch war er mir auf Anhieb etwas unheimlich. Er war kräftig gebaut, obwohl er klein war und sah aus wieder einer dieser „Gangster“, die in Ghettos wohnen und für ihre Gewalttätigkeit bekannt sind. Ich nahm die Zigarette wieder in die Hand und bemerkte, dass ich zitterte.

„Leg sie lieber weg!“, sagte der Junge. „Es ist nicht gut, in einem verzweifelten Moment, Dinge zu tun, die man später bereuen könnte.“

Ich war verwirrt, mir fiel nichts ein, das ich entgegnen konnte. Der Junge setzte sich neben mich, nahm mir die Zigarette aus der Hand und drückte sie im Gras aus. Ich sah ihm dabei mit offenem Mund zu. Er bemerkte es, lächelte und schloss meinen Mund.

„Du brauchst mich nicht so verängstigt angucken. Ich tu dir nichts.“

Merkwürdigerweise machte es mir plötzlich keine Angst mehr, dass der Junge mir so nah war. Ich kannte nicht einmal seinen Namen und doch war es fast ein magischer Moment, wie wir da nebeneinander an meinem Lieblingsplatz saßen. Ich hatte noch nie jemanden von diesem Platz erzählt. Nicht einmal meine beste Freundin wusste, dass ich mich hier aufhielt, wenn es mir nicht gut ging.

„Was muss ich tun, damit du mir deinen Namen verrätst“, fragte der Junge, ohne mich anzusehen. „Welchen Anmachspruch muss ich bringen, damit du endlich mal lächelst?“

Ich sah zu ihm – und musste lächeln. Er tat so, als hätte er es nicht bemerkt und redete weiter.

„Ich habe einen tollen Spruch. Pass auf! Die größten Schätze liegen unter der Erde; aber ich kann dich doch deshalb nicht einfach einbuddeln!“

Ich begann zu lachen.

„Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben nie einen schlechteren Anmachspruch gehört!“

„Kein Problem, ich kenne noch bessere“, sagte der Junge. „Nein, danke. Schon gut!“, wehrte ich lachend ab.

Der Junge sah mich an. „Das Lachen steht dir wesentlich besser, als das traurige Gesicht von vorhin“.

Wann hatte ich das letzte Mal so gelacht? Ich konnte mich nicht erinnern.

„Danke!“, sagte ich leise und spürte, dass ich rot wurde.

„Ich habe dich schon öfters hier gesehen und beobachtet. Ich glaube, dass du nur hier her kommst, wenn es dir schlecht geht. In letzter Zeit wurden deine Besuche immer häufiger. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“

Ich spürte meinen Herzschlag bis in meinen Hals pulsieren.

„Aber weshalb? Wer bist du?“, fragte ich leise.

„Mein Name ist Mehmet. Ich wohne ganz in der Nähe dieses Kanals, ganz in der Nähe deines geheimen Platzes. Ich komme jeden Tag hierher, beobachte Menschen und denke nach. Ich würde mich freuen, wenn du wieder kommst, obwohl ich hier bin. Kommst du wieder?“ Er stand auf und verließ mich, ohne eine Antwort abzuwarten.

 

Am nächsten Tag konnte ich es kaum erwarten zum Kanal zu gehen. Würde der Junge dort sein?

Er lag ein paar Meter von meinem Lieblingsplatz entfernt auf einem großen Stein.

Als er mich bemerkte, stand er auf, begrüßte mich und fragte mich, ob ich neben ihm auf dem Stein Platz nehmen möchte.

Es war ein wunderschöner Tag. Die Sonne stand hoch am Himmel und erwärmte die Luft mit Frühlingsduft. Die Vögel sangen und auf dem Spielplatz neben uns spielten vergnügt ein paar kleine Kinder. Ihre Mütter saßen auf den Bänken neben den Schaukeln, unterhielten sich und tranken Kaffee.

Wir unterhielten uns, lachten viel und verbrachten einen unvergesslichen Nachmittag miteinander. Es gab in meinem Leben selten Momente, an denen ich so unbesorgt war, wie an diesem Tag und ich hoffte, dieses Gefühl würde lange anhalten.

Ich bemerkte, dass er dieselben Klamotten trug, wie am vorigen Tag. Ob er nicht genügend Geld hatte, sich Neue zu kaufen, oder ob es ihm gleichgültig war?

Er war unverhofft für mich da gewesen, als es mir nicht gut ging. Vielleicht konnte auch ich ihm helfen und fragte deshalb, ob er einen Job hätte. Er antwortete: „Nein, ich finde niemanden, der mich haben will. Ich sehe wohl nicht sehr vertrauenswürdig aus und ich bin eher schüchtern, wenn ich vor anderen Menschen stehe. Das kannst du dir vielleicht nicht bei mir vorstellen, aber es fällt mir sehr schwer, neue Menschen kennen zu lernen.“

Er erzählte mir, dass er immer noch in der 10. Klasse war und seinen Realschulabschluss nachholte. Ich bot ihm an, ihm zu helfen. Er dankte mir, aber ich wusste, dass er mich nie wieder darauf ansprechen würde. Vielleicht vertraute er mir eines Tages so, dass er sich helfen ließ, hoffte ich.

 

Einige Stunden später verließ ich ihn schweren Herzens und fuhr zurück nach Hause. Ich fühlte mich so wohl in meiner Haut, wie ich mich lange nicht mehr gefühlt hatte. War ich etwa verliebt in den Jungen, der Mehmet hieß?

Das kann nicht sein, dachte ich mir. „So schnell kann man sich doch gar nicht verlieben!“. Ich dachte an mein bisheriges Leben zurück. Alles war darauf ausgerichtet, immer das zu tun, was meine Eltern von mir verlangten. Wenn sie enttäuscht von mir waren, war dies das Schlimmste für mich gewesen, was passieren konnte. Denn dann sagten sie auch, dass Gott von mir enttäuscht wäre. Sie hatten mir so viel über Gott erzählt, dass ich richtig Angst hatte, etwas zu tun, was ihn verletzten könnte. Denn dann käme ich nicht in den Himmel, hatten meine Eltern mir beigebracht und von der Hölle hatten sie mir auch mehr als genug erzählt. Diesen Ort wollte ich niemals erleben, ich hatte seit ich Kind war Angst davor.

Darum hatte ich bisher auch nie einen Freund gehabt. Ich kenne die Liebe nicht wirklich. Ich war 17 Jahre alt. Auch auf Partys durfte ich nie gehen. Meine Eltern sagten, dass Gott mich dort sehen könnte und sich dann für mich schämen würde. Wie wohl Mehmet über diese Dinge – und über Gott dachte?

 

Ich träumte ab diesen Tag von ihm. Meine Gefühle spielten verrückt, wenn ich ihn sah und auch wenn wir nicht zusammen sein konnten, schaffte er es immer wieder mich zum Lachen zu bringen. Und ich genoss es, über Ernsthaftes mit ihm zu reden. Er machte mich glücklich. Wir sahen uns jeden Tag.

Er brachte mir das Pfeifen bei. Ohne, dass ich es bemerkte, änderte sich meine Sprache etwas und auch mein Verhalten. Wenn ich vorher sofort aufgestanden war, wenn eine „erwachsene“ Frau oder ein Mann in die Bahn stieg und es keinen Sitzplatz mehr gab, so blieb ich nun oft einfach sitzen. Hatte ich vorher Sorge, dass Müll Tiere und Umwelt schädigen würde, wenn man ihn auf den Boden schmiss, statt in einen Mülleimer, machte es mir nun richtig Spaß mein Kaugummi ins Gebüsch oder auch mitten auf die Straße zu spucken.

Ich sah anders auf Menschen, die in Gegenden wie Mehmet lebten. Ich fragte mich, ob es meine Vorurteile gewesen wären, die ich ihnen gegenüber gehabt hatte, oder die meiner Eltern. Ich erzählte Mehmet viel über meine Familie und meine Freunde, über mein Leben und über mich selbst. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, wie gut es sich anfühlen konnte, Dinge anzusprechen, die man verdrängt hatte, oder über die man nicht wagte, eine Frage zu stellen. Ich begann über Menschen, die mich verletzt hatten und Menschen, die mich glücklich gemacht hatten, nachzudenken. Über Freunde, die sich als Falsche herausgestellt hatten und Freunde, die in schweren Zeiten für mich da waren. Und ich sprach darüber, wie ich über Gott denke und stellte Fragen, die ich mich vorher nie getraut hatte zu stellen. All das  tat mir gut und machte mich frei. Und wenn wir gemeinsam lachten, war es, als würden die Narben meines Herzens heilen.

 

Der Stein, an dem wir ab dem zweiten Tag saßen, war inzwischen mein Lieblingsplatz. Man konnte hier den Himmel besser sehen und die Menschen, die an uns vorbei gingen.

Im Kanal lag ein kleines lilafarbenes Schiff vor Anker.

An einem dieser wunderschönen gemeinsamen Tage, erzählte ich ihm, wie ich über ihn dachte, was ich fühlte, wenn ich ihn sah, wie wohl und geborgen ich in seiner Nähe war. Mit rotem Gesicht flüsterte ich, dass ich ihn liebte.

Was wünschte ich, er könnte es nicht hören. Er nahm mein Gesicht in seine starken, zarten Hände und küsste mich auf meine Wange. Es fühlte sich warm und weich an, ich schloss meine Augen für eine Sekunde.

Er drehte sich etwas weg, seine Stimme klang gebrochen.

„Meine Kleine, du bist zu gut für mich. Wenn ich dir jetzt sagen würde, dass ich dich liebe, wäre ich dein erster Freund. Du denkst, dass Leben ist wie ein Märchen. Du denkst, du findest einen Prinzen, heiratest ihn und ihr lebt glücklich bis ans Ende eurer Tage. Ich wünschte, du würdest es so erleben. Doch ich lebe im Ghetto, ich hatte schon einige Freundinnen und ich habe viel Anderes in meinem Leben erlebt. Dinge, die du dir nicht vorstellen kannst. Mein Leben wird nicht wie ein Märchen verlaufen.

Ich komme aus Afghanistan, du bist Deutsche. Deine Eltern werden mich nicht akzeptieren. Ich glaube nicht an deinen Gott und du glaubst nicht an den Gott meiner Eltern. Du bist ein tolles Mädchen aus einem guten Elternhaus, ich wohne im Ghetto und hatte nie Geld. Ich lebe noch zu Hause und werde immer zu Hause leben bleiben, weil meine Familie mich dort braucht. Meine Eltern können kaum deutsch und meine Mutter hat keine Arbeit. Meine zukünftige Frau wird zu mir in unsere Wohnung ziehen, und wir beide werden meine Eltern ernähren, wenn sie alt oder krank sind und nicht mehr arbeiten können. Ich habe meinen Eltern noch nie ein Mädchen, mit dem ich zusammen war, als meine feste Freundin vorgestellt. Wenn ich das tue, werde ich es auch heiraten, weil ich Respekt vor meinen Eltern habe. Du bist ein tolles Mädchen, und wir haben häufig festgestellt, dass wir uns in vielen Dingen sehr ähnlich sind. Du wärst ein perfektes Mädchen für mich und meine Eltern würden dich auch lieben. Aber das ist nicht alles; das reicht nicht aus. Wir müssen vernünftig sein. Die Liebe ist leider nicht immer so märchenhaft wie in deinen Gedanken.

Ich darf dich nicht lieben!“

Es war mir, als hätte mein Herz aufgehört zu schlagen.

„Aber Liebe überwindet doch alles, oder nicht?“, versuchte ich es noch einmal.

„Lena“, er schaute mir in die Augen. „Ich liebe dich nicht!“

Ich drehte mich schnell weg, damit er nicht sah, dass ich weinte. Er legte seinen Arm um mich, küsste die Tränen von meinem Gesicht und gab mir einen Kuss auf den Mund.

Mein erster Kuss. Ich war in diesem Moment nicht auf dieser Welt.

„Wir könnten es dennoch trotzdem miteinander versuchen. Und wenn es nicht funktioniert, dann trennen wir uns. Wir müssen nichts unseren Eltern oder Freunden erzählen, niemand wird etwas davon erfahren.“

Mehmet umarmte mich. Wir küssten uns. In diesem Kuss lag alles, wonach ich mich sehnte: Geborgenheit, Wärme, Leidenschaft, Liebe. Sehnsucht.

In diesem Moment begann es zu regnen. Es störte uns nicht. Wir küssten uns. Der Regen fiel leicht.

Als wir uns voneinander trennten sagte Mehmet: „Bei uns in der Familie sagt man, wenn sich gerade zwei Menschen sehr nahe gekommen sind, und es dann beginnt zu regnen, dann ist das ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass diese Beziehung von Gott gesegnet wird. Von welchem Gott auch immer.“

Er drückte mich wieder fest an sich. Ich war glücklich. Und traurig.

Wir liefen durch den Regen, sprangen durch die Pfützen und blieben immer wieder mitten auf der Straße im Regen stehen und küssten uns. Es war die schönste und traurigste Stunde meines Lebens.

Die Tür

von Malin John, 18 Jahre

„Mona, Mona, hörst du mich, bitte sag was!“ Ich hörte ganz entfernt eine Stimme, fasst als wenn sich jemand Watte vor den Mund hielt. Ganz dumpf, zaghaft und unklar. „Mona, bitte wach auf!“ Ich setzte mich auf den Boden und schüttelte den Kopf. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte ich so alleine in einem Raum sein, den ich nicht kannte? Der Raum wirkte tot und kalt. Aber wie zum Teufel, war ich hier hergekommen? Was machte ich hier? Und wer rief mich da die ganze Zeit? Wenn jemand etwas von mir wollte, konnte er herkommen, und mit mir klar und deutlich reden. Da ich jetzt durch diese komische Stimme in eine wacklige Realität zurück geholt worden war, betrachtete ich den Raum genauer: Weiß, alles war weiß. Der Boden, die Decke und die Wände waren mit weißen Kacheln bedeckt. Keine Fenster aber zwei Türen. Eine hölzerne und schwerfällig, die andere nur mit einem leichten Tuch verhängt. Was verbarg sich wohl hinter diesen Türen? Ich verspürte ein beklemmendes Gefühl… aber, wieso wollte ich hier überhaupt weg? Eigentlich war es hier schön, es war leise und ich konnte in Ruhe nachdenken. Nur diese Stimme, aber die würde ich nach einiger Zeit auch ausblenden können. Doch die Stimme kam immer wieder.

„Mona, bitte wach auf, bitte halte durch, wir schaffen das zusammen, bitte bleib bei mir!“, rief Romie. Romie wachte seit zwei Tagen in dem Zimmer. Um sie herum surrte und piepte es unaufhörlich. Sie sah zu dem Wesen hinüber, das ihr Zwilling sein sollte. Ein Gewirr aus Schläuchen verlor sich in Mund und Nase des leblosen Körpers. Zusammen mit den Sensoren, die auf dem Körper klebten, versuchte man ihre Zwillingsschwester Ramona am Leben zu halten. Sie war vor zwei Tagen nach einem Unfall ins Krankenhaus eingeliefert worden. Sie war aus dem Fluss gezogen worden, an dem die beiden mit ihren Eltern lebten. Seit diesem Zeitpunkt war auch Romie im Krankenhaus, und hielt am Bett ihrer „kleinen“ Schwester wache. Romie betrachtete sie schweigend. „Wieso tust du mir das an? Wieso schaffe ich es noch nicht einmal, dich zu beschützen, und von solchen Dummheiten abzuhalten, es tut mir so leid. Maschinen lenken alles in dir und ich kann dir noch nicht einmal helfen“, dachte Romie. Mona hätte sich unter normalen Umständen mit Händen und Füßen gewehrt, wenn sie gewusst hätte, was mit ihr geschah. Mona war ein Mensch, der auf Bäume kletterte, und runter sprang, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob der Boden zu hart, für den Aufprall war. Sie handelte, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Da war sie ganz anders als Romie. Wahrscheinlich war genau diese Art schuld an ihrer Situation. Aber allein, aus eigener Kraft, konnte Mona im Moment nichts tun.

Romie wurde in die Realität zurückgeholt. Ihre Mutter betrat leise und schweigend das Zimmer. Sie blickte Romie mit traurigen aber hoffnungsspendenden Augen an. In diesem Blick verbarg sich so viel. Er spiegelte den Stolz wieder, dass Romie so selbstverständlich seit zwei Tagen an dem Bett ihrer Zwillingsschwester Wache hielt. Dennoch waren auch Trauer und Verzweiflung, in ihrem Blick, die sie unmöglich vor ihrer Tochter verbergen konnte. Der Grund dafür  war  Mona, wie sie so leblos da lag, aber auch die Rechnungen, für die Reparaturen am Hausboot. Ihre Eltern mussten arbeiten, damit ihnen die Schulden nicht über den Kopf wuchsen. Denn ohne das Geld, könnten sie ihren Traum vom Leben auf dem Wasser nicht verwirklichen. Sobald ihre Mutter das Zimmer betrat, konnte Romie es sich leisten, Schwäche und Betroffenheit zu zeigen. Sie sank niedergeschlagen auf dem Boden neben dem Bett ihrer Schwester zusammen. Sie wollte einmal in Ruhe Kraft tanken, damit sie danach wieder ganz für ihre Schwester, ihrer zweite Hälfte da sein könnte. Ihr wurde schlagartig bewusst, wie schnell sich das Leben verändern konnte, das morgen alles vorbei sein könnte. Ihre Schwester, ihre Zwillingsschwester war nicht mehr da. Sie war irgendwo zwischen Leben und Tod. Doch Romie saß einfach nur da, konnte ihr nicht helfen, eine Entscheidung zu treffen. Sie konnte sich nicht vorstellen wie es sein würde, wenn ihre Zwillingsschwester sich entschied, für immer zugehen. Dieser Gedanke ließ sich nicht aus ihrem Gehirn vertreiben, er kam immer wieder. Ohne Mona war ihr Leben sinnlos, grau und trostlos. Was sollte sie hier, wenn Mona nicht da war? Wieso tat sie ihr das an?

Ich ging in diesem weißen Raum auf und ab. Was mochte sich hinter diesen Türen verbergen? Ich drehte mich im Kreis. Ich kam einfach nicht von der Stelle. Sollte ich vielleicht mal nachschauen? Ich könnte  nur kurz einen Blick, hinter die Tür werfen. Ich konnte jeder Zeit wieder in meinen weißen, nun schon vertrauten Raum zurück. Ich wurde ganz kribbelig und ging immer schneller im Raum umher. „Sollte ich durch den Vorhang gehen?“ Das war die einfache Variante, aber diese Stimme, die mich nun schon die ganze Zeit begleitete, verbarg sich hinter der massiven, schweren, hölzernen Tür. Diese Stimme, je länger ich sie vernahm, desto vertrauter erschien sie mir.  Woher kannte ich sie?  Ich konnte mich auch nicht daran erinnern, jemals woanders als in diesem Raum gewesen zu sein.

Romie verspürte ein geborgenes Gefühl, ihre Mutter stand neben ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Schatz, es tut mir leid, ich muss wieder zur Arbeit, sonst bekomme ich ernsthafte Schwierigkeiten, bis morgen, halt durch. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie wichtig das für Ramona ist.“ Romie war wieder alleine, mit den Maschinen. Doch mit einmal war es still im Raum. Irgendetwas hatte sich verändert. Sie stellte sich neben ihre Schwester und berührte leicht ihre Hand. Sie wusste nicht, wie lange sie so dastand. Sie hatte überhaupt kein Gefühl mehr für die Zeit, es war als würde die Zeit stehen.

Ich entschied mich, der Stimme nachzugehen, die konnte weglaufen, auch wenn sie bis jetzt sehr hartnäckig an mir dran geblieben war. Der Raum hinter dem Vorhang war still, die Stimme drang durch die andere Tür. Ich stemmte mich mit aller Kraft gegen sie. Sie bewegte sich kein Stück. Ich hatte das Gefühl, als wenn sich meine Füße in den Boden eingruben. Mich überlief ein kalter Schauer, so zehrte diese Aktion an meinen Kräften. „Sollte ich doch erst durch die mit dem Vorhang bedeckte Tür gehen? „Mona, was ist los mit dir? Du darfst jetzt nicht aufgeben, bitte geb nicht auf!“ Drang die Stimme zu mir. Die Neugierde in mir war wieder entfacht und flackerte wie ein Feuer in mir auf. Ich musste herausfinden, zu wem diese Stimme gehörte, ich nahm Anlauf und rannte, als wäre der Teufel hinter mir her. Ich spürte wie sich jede Faser in meinem Körper anspannte und sich auf den harten Aufprall vorbereitete. Die Tür kam näher und näher. Ich kniff die Augen zu, lief weiter. Es fühlte sich an als wenn ich gegen eine Betonwand gesprungen wäre. Ich spürte einen stechenden, durchdringenden Schmerz durch meinen Körper fahren und prallte einige Meter in den Raum zurück. Was war passiert, hatte ich es geschafft, war die Tür offen? Ich öffnete die Augen und sah mich in dem gleichen schäbigen weißen Raum, in dem ich auch zu vor gewesen war. Aber die Tür, die Tür hatte sich einen Spalt bewegt. Es drang ein helles, warmes gelbes Licht zu mir hinein. Dieses Licht war das Schönste, was ich in meinen Leben gesehen hatte. So angenehm und weich. Ich schritt langsam und bedächtig auf den Spalt zu. Er war gerade eben groß genug für mich. Ich zwängte mich hindurch, spürte sofort, dass ich nicht alleine war. Diese Stimme war auch da. Nur, wie sah eine Stimme aus? Ich sah die Umrisse eines Menschen neben mir sitzen. Ich ergriff wie durch einen Reflex dessen Hand.

Romie verspürte plötzlich eine leichte Bewegung an ihrer Hand. Eine Stimme drang schwache Stimme an ihr Ohr. „Romie, ich wollte nicht sterben, ich könnte dir das nicht ein zweites Mal antun.“ Romie erstarrte. „Das war Mona, sie war wach!“ Doch als Romie zu ihrer Schwester sah, blickte sie in ein ausdrucksloses und schlafendes Gesicht. Romie hatte das Gefühl, als legten sich Ketten um ihre Brust und jemand zog mit aller Kraft an beiden Ende. Hatte sie sich das alles nur eingebildet? Sie setzt sich, dichter neben ihre Schwester. Aus dem Bett, zwischen den Schläuchen hindurch sahen sie zwei tiefbraune Augen an. „Mona“. Dann rollten ihr auch schon die ersten Tränen über die Wangen. Romie konnte nichts sagen. Sie wusste auch nicht, was sie hätte sagen sollen, denn alles was ihr durch den Kopf ging, erschien ihr so belanglos. Ihre Schwester war wieder bei ihr und sah ihr in die Augen.

Ich war diejenige, die das Schweigen brach. „Bitte hör mir zu. Ich weiß, das die anderen mir nicht glauben werden, aber du, du musst mir glauben, du bist die einzige der ich vertraue.“ Romie lächelte mich an und schwieg. Dann begann ich zu erzählen: „An dem Tag, an dem das hier passierte, war ich Zuhause. Ich fing an meinem Tagebuch anzuvertrauen, was alles passiert war. Als ich so da saß und unseren Kanal betrachtete, lag der Himmel grau und drückend über mir. Der Kanal wand sich trüb und schwarz zwischen den Häusern hindurch. Die Trauerweiden am anderen Ufer machten sich ihrem Namen alle Ehre und ließen ihre Zweige trostlos ins Wasser hängen. Auch die Enten dümpelten planlos umher und zogen ihre Kreise. Fast so als wurden sie meine Gedanken in Bewegung umsetzen. Ich ging los in die Stadt und du glaubst mir nie, wen ich da zu allen Überfluss in einem Cafe sitzen sah. Noah, meinen Ex-Freund und Friderike das Mädchen, das sich für meine beste Freundin ausgab. Sie unterhielten sich ganz vertraut und als ich gerade weiter gehen wollte, musste ich mit ansehen… sie küssten sich. Diese Situation zog mir endgültig den Boden unter den Füßen weg. Fast so wie damals, als man uns schon einmal unser geliebtes Hausboot wegnehmen wollte. In dieser Situation sah ich Marvin. Dieses Biogenie, von dem ich dir mal erzählt habe. Er geht in meine Klasse, und kann Bio und Physik echt gut, aber er weigert sich strickt uns dabei zu helfen. Er ist so unfair, er erklärt uns noch nicht mal die Hausaufgaben, oder sagt uns, was wir in Bio aufhaben. Er denkt nur an sich. Aber ich habe ihn an unserem Kanal getroffen und habe gesehen, wie er sich mit einem Gefäß über das Wasser beugte. Was er da mache, fragte ich. Er dürfe nichts in den Kanal kippen, der sei eh schon so verschmutzt und sonst erhole der sich überhaupt nicht mehr. Marvin drehte sich erstaunt um und fuhr mich an: „Wenn du richtig hin geguckt hättest, dann hättest du bemerkt, das ich nichts IN den Kanal gekippt, sondern etwas AUS dem Kanal genommen habe. Ich will den Kanal nicht verschmutzten ich will ihn säubern. Es gibt eine Schilfart, die das Wasser entgiftet.“ „Ach wirklich?“, fragte ich unsicher. „ Ja, aber wenn du schon mal hier bist und dir der Kanal so sehr am Herzen liegt, kannst du mir bestimmt helfen. Ich habe ein Problem. Ich habe noch keinen Schimmer, wie ich dieses Projekt publik machen kann, so dass ich möglichst viele Menschen damit erreiche. Alleine, kann ich ja nichts ausrichten, ich brauche die Genehmigung von der Stadt, um hier überhaupt etwas anpflanzen zu dürfen. Um die zu bekommen, habe ich Wasserproben genommen. Die schick ich einmal an die Stadt, und die andere untersuche ich selbst. Das habe ich eben gemacht, also reg dich ab.“

„Ich hätte nie gedacht, dass sich Marvin so für die Umwelt einsetzen würde. Er hat zwar immer gesagt, dass er  Trinkwasserverkäufer werden wollte, aber das hatte ich ihm nie geglaubt. Aber das war ja auch nicht realisierbar, man konnte unmöglich davon leben, Trinkwasser zu verkaufen. Ich musste feststellen, dass Marvin genau das tat, was er sich immer erträumt hatte. Gegen alle Wiederstände hatte er sich durchgesetzt.

Ich ließ meinen Blick über das Wasser gleiten und sah, wie die Wellen lustig auf der Wasseroberfläche tanzten. „Ich habe eine Idee, wie wir mehr Aufmerksamkeit bekommen können, also das heißt, wenn du das eben ernst meintest, das ich dir helfen könnte?“ Marvin strahlte. „Ja, das wäre super. Du könntest doch bestimmt einige Freunde auftreiben, und dann eine Tanzvorstellung geben, oder so?“ „Ja, an so etwas in der Art hatte ich auch schon gedacht.“

Damit verabschiedeten wir uns, und vereinbarten uns am nächsten Tag am Hausboot zu treffen um unser Vorhaben weiter zu planen. Als ich wieder am Boot ankam, war meine Stimmung wie ausgewechselt, ich war gut gelaunt und hatte die Geschichte mit meinem Ex-Freund schon fast verdrängt. Auf dem Weg aufs Deck muss es dann passiert sein. Ich muss auf der Treppe ausgerutscht und dann unglücklich über Bord gegangen sein. Dann war mit einem Mal alles dunkel. „Was ist denn das erste an das du dich wieder erinnern kannst“, fragte Romie. Da brauchte ich nicht lange zu überlegen. „Das bist du“, sagte ich grinsend, „wie du hier neben mir auf dem Bett sitzt. Also Romie, was war dann passiert? Wer hat mich gefunden? Wer hat mich aus dem Wasser gezogen? Was ist in der Zwischenzeit passiert?“ „ Ja, immer mit der Ruhe, du musst dich jetzt erst mal ausruhen, und ich erzähle dir dabei, was ich weiß, okay?“ Damit war ich einverstanden. Also begann Romie zu erzählen.

„Als ich nach Hause kam, sah ich etwas im Wasser treiben, ich erkannte nicht, dass du das bist, aber ich war mir sicher, dass es ein Mensch war. Ich rief Papa, und sprang selbst über Bord,  in Klamotten und Schuhen. Erst als ich dich im Arm hielt, um dich zum Boot zu ziehen, erkannte ich dich. Ich war geschockt. Mit aller Kraft schwamm ich dem Boot entgegen. Als ich in Hörweite war, rief ich: „Es ist Mona, ruft den Krankenwagen. Es ist Mona!“  Endlich hatte ich das Boot erreicht, Papa half er mir dich aufs Deck zu hieven. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer das ist. Wir zerrten und schoben dich, bist wir es geschafft hatten. Mama kam dazu. Sie hatte dein Tagebuch in der Hand, und blickte uns sehr bedrückt an. „Sie hatte es schon wieder versucht“, das war alles was sie sagte. Wir versuchten, dich wiederzubeleben, aber vergebens. Als dann endlich,  der Krankenwagen kam, schöpften wir Hoffnung.

Seit diesem Tag, sitze ich hier in deinem Zimmer und bewache dich. Jeden Tag habe ich mich gefragt, wieso du das getan hast, wieso du dein Leben schon wieder beenden wolltest. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich es hätte ahnen müssen, aber ich habe nichts bemerkt. Mit diesem und ähnlichen Gedanken, vertrieb ich mir die Zeit und teilweise habe ich dich zugetextet, dass die Schwestern gedacht haben müssen, ich sei verrückt. Aber ich wollte nicht, dass du aufgibst, ich wollte unter allen Umständen, dass du zurück kommst, und mir bestätigst, dass du dich nicht umbringen wolltest. Ich wollte es nicht wahr haben, ich wollte nicht, dass du dir und deinen Mitmenschen das noch einmal antust.

Mehr kann ich dir auch nicht erzählen. Mama und Papa waren natürlich auch hier und haben mich abgelöst, aber sie mussten arbeiten. Marvin war, glaube ich, auch hier, ich wusste natürlich nicht, wer er ist, und habe ihm gesagt, dass du nicht ansprechbar bist. Aber wenn ich so drüber nachdenke, könnte es Marvin gewesen sein“.

Mona, betrachtete Romie lange. „Danke, dass ich mich immer auf dich verlassen kann, und dass du zu mir hältst. Romie lächelte sie an und sagte: „Jetzt wo du wach bist, kann ich dich ja mal für eine Sekund alleine lassen, ich ruf nur kurz zu Hause an, die wissen ja noch gar nicht, dass du wieder am Leben bist. Ach und dann ruf ich Marvin am besten auch noch an, dann könnt ihr das Projekt, um unseren Kanal wieder sauber und lebensfähig zu bekommen, weiter planen. Falls ihr Hilfe braucht, du musst nur was sagen.“ „Was würde ich nur ohne dich machen“, sagte Mona schmunzelnd. „Du wärst wahrscheinlich ganz schön aufgeschmissen, ich plane und organisiere ja praktisch dein Leben. Zumindest dann, wenn du es nicht auf die Reihe bekommst“, sagte Romie lächelnd. Mit diesen Worten verließ Romie das Zimmer.

An dem was sie gesagt hatte, war wirklich etwas Wahres. Da musste ich ihr recht geben. Das wollte sich ab jetzt aber ändern, ich wollte mein Leben in den Griff bekommen. Ich wusste, dass ich die Hilfe meiner Schwester benötigen würde, aber ICH wollte der Antrieb sein. Es war das erste Mal seit einer langen Zeit, dass ich wieder etwas entschied, was mich und meine Zukunft betraf. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal eine solche Entscheidung getroffen hatte. Die Tür öffnete sich, und ich dachte schon, Romie würde wieder kommen, aber es war eine Krankenschwester, die mit Freude feststellte, dass ich aufgewacht war. Sie machte sich unverzüglich daran, einige Untersuchungen durchzuführen, um sicher zu gehen, dass mein Zustand stabil blieb. Sie verkündigte mir, dass ich noch einige Tage zur Kontrolle hier bleiben müsste und viel Ruhe brauche. Sie war froh, dass es mir gut ging und das ich mich dazu entschieden hatte zu Leben. Das war ich auch. Ich war stolz, dass ich durch die schwere, dunkle Tür gegangen war. Aber ich wollte gar nicht wissen, was hinter diesem Vorhang auf mich gewartet hätte. Wahrscheinlich wäre es die Tür in den Tot gewesen, von der ich nicht hätte entfliehen können. Ich hätte wahrscheinlich nicht wieder zurück in diesen weißen Raum gelangen können. Ich wäre für immer weggewesen. Ich war unendlich froh, mich einmal in meinem Leben in einer so wichtigen Situation richtig entschieden zu haben. Jetzt werde ich auch jedes andere Problem lösen können. Was aber noch viel besser war: Ich wusste, dass ich mich in den wirklich wichtigen Situationen auf mein Gefühl verlassen konnte. Mit dieser Erkenntnis  empfing ich meine Eltern. Ich sah in frohe und erleichterte Gesichter. Aber ich hatte noch ein ganzes Stück Arbeit vor mir. Ich musste meinen, Eltern klar machen, dass es kein wiederholter Selbstmordversuch gewesen war. Ich war mir sicher, dass mir Romie dabei zur Seite stehen würde. Genauso, wie sie mir ihre Hilfe bei dem Kanalprojekt schon angeboten hatte. Es gab zwar noch einiges, was ich klären und überwinden müsste, aber einen besseren Start in mein neues Leben hätte ich nicht bekommen können. Wie ich so dalag, stellte ich mir unseren Kanal vor, wie er da ruhig und friedlich vor mir lag. Er strahlte eine angenehme Ruhe aus, die sich langsam auf mich übertrug. Ich beobachte die Trauerweide am anderen Ufer, ihre Zweige, die sich vom Wind lenken ließen. Manchmal sah es so aus, als würden sie tanzen, so wild, verspielt und doch geradezu grazil bewegen sich die dünnen Zweige im Wind. Ich ließ meinen Blick in Gedanken über das Wasser schweifen und sah ein Entenpaar, das fröhlich schnatternd den Kanal auf und ab schwamm. Sie werden bald ein noch unbeschwerteres Leben haben, dachte ich. Ich stellte mir das ruhige glitzernde, klare Wasser vor, das sich leicht kräuselnd durch die Häuser schlängelte. Jetzt wusste ich ganz sicher, wofür es sich lohnt zu kämpfen.

Ellas Geheimnis

von Bianca, 19 Jahre

Ich saß an meinem Lieblingsort am Kanal und schaute auf das Wasser. Es war ein trüber kalter Morgen, der Himmel war voller Wolken. Ich dachte darüber nach, was ich machen sollte.

Ich hatte eine Entscheidung zu treffen, die von gewichtiger Bedeutung für  mein Leben war. Ich war immer noch unentschlossen, sollte ich oder sollte ich nicht? Gerade in dem Moment brach die Wolkenbank auf und die Sonne kam raus. Das Wasser fing an zu glitzern und schimmerte in allen Regenbogenfarben. Ich lächelte. Sollte dies etwa ein Wink des Schicksals sein, und wenn ja, was für ein Wink war das?

Natürlich könnte ich das Kind behalten. Ich dachte, dass es ein Stück von mir wäre, ich würde es immer ohne Ende lieben und ich hätte immer jemanden an meiner Seite, der mich liebt und den ich vorbehaltlos lieben könnte. Also ja oder nein war die Frage. Genau in dem Moment schoben sich die Wolken wieder vor die Sonne, und ich fragte mich, was ich machen sollte, wenn das Kind da wäre. Ich könnte ihm oder ihr keine allzu schöne Zukunft in Aussicht stellen. Ich habe keine abgeschlossene Berufsausbildung und gehe noch zur Schule. Ich bin gerade mal siebzehn Jahre alt. Ich fragte mich, würde ich es in meinem Alter überhaupt schaffen ein Kind zu umsorgen, zu hegen und zu pflegen? Ich war verwirrt! Ich schaute auf die Uhr und schrak auf. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie spät es geworden war. Jetzt musste ich mich aber beeilen um noch rechtzeitig zuhause zu sein. Ich hatte noch viel zu erledigen bis mein Vater heim kam. Zuhause angekommen machte ich mich schnell daran, alle Räume im Haus aufzuräumen und zu putzen. Ich wusste, wäre das nicht gut und gründlich erledigt, bis mein Vater kam, wäre er sehr enttäuscht von mir, wusste ich doch, wie sehr er sich auf mich verlässt. Nachdem ich dann alles aufgeräumt und sauber gemacht hatte ging ich in die Küche und begann, das Essen vorzubereiten. Ich fing gerade mit den Vorbereitungen an, als es an der Tür klingelte. Das musste meine Schwester sein, die von ihrer Freundin, bei der sie geschlafen hatte, nachhause kam. Ich hatte recht, kaum hatte ich die Tür aufgemacht, stürmte sie rein und fing gleich zu erzählen an, was sie alles gemacht hatten. Ich schaltete auf Durchzug.  Ich ging wieder in die Küche und machte weiter mit meinem Essen. Meine Schwester kam mir hinterher und plapperte weiter munter drauf los. Ich hörte ihr immer noch nicht wirklich zu, streute nur hier und da ein hmm.. und ein super ein, um Interesse vorzugaukeln. Sie merkte nicht, dass ich ihr nicht zuhörte. Ich dachte immer noch daran, was ich mit dem Kind in meinem Bauch machen sollte. Als ich meine Schwester so anschaute, erinnerte ich mich an die Zeit, als sie gerade geboren war. Ich war neun und sie war total süß. Man merkte auch meinen Eltern an, wie sehr sie es genossen hatten, noch ein Kind zu haben. Sie schienen so glücklich und lachten auch wieder miteinander. Ich hatte das Gefühl damals, dass meine Eltern sich ziemlich oft gestritten hatten. Aber kurz nach der Geburt war alles perfekt. Leider hielt das Glück nicht lange an. Meine Mutter lernte wohl ziemlich schnell einen neuen, jüngeren Mann kennen, soweit ich weiß. Ich vermute, dass er sich nicht viel aus uns Kindern gemacht hat, sonst hätte meine Mutter uns wohl mitgenommen. Meine Schwester war damals gerade ein Jahr alt und ich zehn, da war meine Mutter einfach nicht mehr da und ich konnte nichts mehr machen. Es ist schon traurig, ich meine wie kann eine Mutter ihre eigenen Kinder im stich lassen? Sie dachte in diesem Moment beim Essen-Kochen drüber nach.

Ich bekomme das Kind, war mein Gedanke. Ich wollte mein Kind nicht schon im Mutterleib im Stich lassen. Ich wollte alles anders machen als meine Mutter. Nur darf es keiner erfahren. Besonders mein Vater nicht. Ich wollte ihn nicht enttäuschen. Ich beauftragte meine Schwester damit, den Tisch zu decken, denn das Essen war fast fertig und mein Vater würde auch gleich nachhause kommen. Kurz darauf, das Essen war gerade fertig, hörte ich auch schon den Schlüssel in der Haustür. Das Zeichen dafür, dass mein Vater daheim war. Ich durfte mir nichts von meiner Schwangerschaft anmerken lassen, es war in den vergangen Tagen seit dem ich es wusste, schon schwierig geworden. Da meine Entscheidung für das Kind jetzt aber endgültig gefallen war, war es für mich noch schwieriger dies vor ihm geheim zu halten.

Ein Lächeln auf die Lippen gezaubert und schon ging die Show los. Wie immer kam mein Vater an den Esstisch, setzte sich, presste ein mürrisches Hallo heraus und fing auch gleich an zu essen. So kannte ich meinen Vater, seit meine Mutter weggegangen war.

Schnell setzten meine Schwester und ich uns zu meinem Vater an den Tisch, er hasste nichts mehr, als wenn er sitzt und isst und wir daneben stehen. Ich hatte keinen wirklichen Hunger und stocherte nur in meinem Essen herum. Mein Vater schien das, oh Wunder, zu bemerken und fragte mich: ,,Ist irgendwas nicht in Ordnung oder warum isst du nicht ordentlich?‘‘

,,Nein, nein alles in Ordnung‘‘, erwiderte ich hastig und nahm eine Gabel voll in den Mund. Ich fragte mich, ob er irgendwas sonst noch bemerkt hatte außer meiner Appetitlosigkeit. Ich hoffte nicht. Ich bemühte mich so normal zu essen wie sonst auch. Mein Magen krampfte sich bei dem Gedanken an die Reaktion meines Vaters bei der Enthüllung meines Geheimnisses zusammen, so war an essen kaum zu denken.

Ich hatte regelrecht Angst. ,,Bloß nichts anmerken lassen, bloß nichts anmerken lassen‘‘, war mein einziger Gedanke. Ich glaube, ich hatte es ganz gut hinbekommen, denn mein Vater sagte nichts mehr zu mir. Nachdem wir alle aufgegessen hatten, räumte ich alles weg und ging hinauf in mein Zimmer. Ich legte mich auf mein Bett und dachte an John, den Vater des Kindes. Wir hatten eine schöne Zeit miteinander. Wir gingen auf die gleiche Schule und irgendwann sprach er mich an. Er meinte zu mir, ich erinnere mich noch genau: ,,Ich hab dich bei dem Auftritt vom Chor gesehen, du kannst echt gut singen. Wollen wir mal zusammen was unternehmen?‘‘ Ich war ein wenig geschockt, es war das erste Mal, dass mich ein Junge fragte, ob ich etwas mit ihm unternehmen wolle. Ich hätte nicht damit gerechnet. Ich war mir unsicher und antwortete nicht, sondern ging schnell weg. Das war unsere erste richtige Begegnung. Es folgten noch einige solcher Begegnungen, und irgendwann taute ich auf. Wir waren erst nur Freunde, mehr wollte ich nicht. Ich verdrängte die Gedanken an John schnell wieder, tat es doch noch zu sehr weh, an ihn zu denken. Lieber nahm ich mein Liederbuch und lernte ein wenig unseren neuen Song auswendig, bis ich schlafen ging. Das Singen, war das einzige, was mich zu der Zeit glücklich machte. So konnte ich alle meine Emotionen herauslassen. Nach einiger Zeit legte ich mich in mein Bett und wollte schlafen, nur war daran leider nicht zu denken. Die Gedanken an das letzte richtige Treffen und deren Folgen überkamen mich. John und ich trafen uns wie fast immer im Park, der in der Nähe vom Kanal lag. Es war außerdem das erste Mal, wo ich ihn mit zu mir nachhause bat, da ich wusste, dass mein Vater an dem Tag später kommen würde und meine Schwester bei einer Freundin war. Wir gingen in mein Zimmer, schauten fern und schmusten dabei miteinander. Ich merkte, dass John anfing mich ein wenig zu streicheln. Mir gefiel das eigentlich schon, ich fragte mich nur, wie ich darauf reagieren sollte. Ich wollte nicht als zu leicht zu haben rüberkommen, aber auch nicht als zu kalt. Ich machte erst mal nichts, tat so, als würde ich es nicht bemerken. Mir liefen heißkalte Schauer über den Rücken. Irgendwann fing auch ich an, ihn zu streicheln, erst nur über seine Hand, dann auch mal seinen Rücken oder seinen Bauch. Ich glaube, er hat damit nicht gerechnet. Es wurde irgendwie immer intimer zwischen uns, ich war noch immer sehr schüchtern, aber mir gefiel es. Es kamen immer mehr intimere Berührungen hinzu und irgendwann waren wir dann an dem Punkt angekommen, wo wir die Entscheidung treffen mussten, ob wir miteinander schlafen wollten oder nicht. Er fragte mich, ob es für mich okay sei, er würde gerne mit mir schlafen. Ich war geschmeichelt, aber es war auch ein wenig peinlich für mich. Ich hatte noch mit keinem Jungen geschlafen, aber mit John wollte ich eigentlich schon gerne. Er war so einfühlsam und ich wusste, würde ich jetzt nein sagen, würde er das akzeptieren, und wir würden weiterhin nur miteinander kuscheln. Ich vertraute ihm und wollte es auch, ich sagte es ihm. Er fing an zu strahlen. Es war wunderschön zwischen uns. Ich war erst ein wenig ängstlich, aber er nahm mir diese Angst schnell, denn er war sehr zärtlich und einfühlsam. Es tat auch gar nicht so weh, wie ich befürchtet hatte. Danach wollte ich mich noch näher an ihn ran kuscheln, ich war total glücklich und entspannt. Ich war froh, dass ich ihm so vertraut hatte, es war als läuteten in meinem Inneren Glocken und mir fiel das Lied you are my sunshine ein, was ich singen musste, aber nur innerlich, ich wollte die Zweisamkeit zwischen uns nicht unterbrechen. Da stand er plötzlich auf, zog sich an und meinte nur kurz zu mir: ,,Sorry, aber ich muss gehen. Hat nichts mit dir zu tun.‘‘

Welches Mädchen glaubt einem Jungen das schon. Ich glaubte damals, dass er mich nur ausgenutzt hatte. Ich war verletzt. Ich war erst ziemlich perplex und lag starr da. Erst nach einer Weile kamen die Tränen. Sie wollten gar nicht mehr aufhören. Es war das erste Mal, dass ich mich in den Schlaf geweint hatte. Was ich damals noch nicht wusste, war, dass wir ein Kind gezeugt hatten.

 

Der Morgen, nachdem ich meine Entscheidung getroffen hatte

war wie immer hektisch, ich musste darauf achten, dass meine Schwester alles dabei hatte und rechtzeitig den Bus bekam, nebenbei musste ich meine eigenen Sachen packen, mich fertig machen und auch meinen Bus rechtzeitig bekommen. Heute lief alles einigermaßen glatt, und ich war so früh in der Schule, dass ich Zeit hatte um mich in eine ruhige Ecke zu setzen und ein wenig zu entspannen. Kaum saß ich und wollte meinen mp3player anmachen, da sah ich John in den Raum kommen. Wie immer, wenn ich ihn sah, schmerze es in meinem Inneren. Ich steckte mir die Stöpsel schnell in meine Ohren. Ich konzentrierte mich auf die Musik, die meinen Kopf erfüllte. Als eine Hand mich an der Schulter berührte, schaute ich auf.  Es war John. Als ich ihn so anschaute, schnürte sich meine Brust zusammen. Hatte er herausgefunden, dass ich schwanger war? Es war das erste Mal, seit wir miteinander geschlafen hatten, dass er auf mich zukam, um mit mir zu reden.

,,Hey Ella, wie geht’s so?‘‘,  fragte John. Ich war skeptisch und vorsichtig und fragte mich, was er von mir wollte. Ich antwortete langsam: ,,Gut und dir?‘‘

,,Auch gut, weißt du, ich wollte mich bei dir entschuldigen‘‘, tastete John sich vor. Ich stellte mich dumm und fragte: ,,Entschuldigen? Wofür?‘‘ Es war ihm sichtlich peinlich, das auszusprechen, aber er traute sich und sagte: ,,Naja, dafür, dass ich damals einfach abgehauen bin.‘‘

,,Weißt du eigentlich, wie sehr du mir damit weh getan hast? Du warst die einzige Person, der ich vertrauen konnte. Kannst du das überhaupt nachvollziehen?‘‘ Bei diesen Worten traten mir Tränen in die Augen. Ich dachte an das Kind, das in meinem Bauch wuchs, und daran das John davon bisher nichts wusste. Er wollte mich in den Arm nehmen, aber ich lehnte das ab. John erwiderte:  ,,Ich weiß, das war nicht gut von mir. Ich würde aber trotzdem immer noch gerne mit dir zusammen sein ‘‘ Sollte ich ihm das glauben oder nicht. Ich wollte gerne, aber ich glaubte nicht, dass ich jemals würde vergessen können, wie er mich verlassen hat und die Angst wäre immer da wieder von ihm verlassen zu werden.

Ich hatte echt große Zweifel. Sollte ich es versuchen und ihm diese Chance geben? Zusätzlich kam jetzt auch noch die Entscheidung hinzu, ob ich ihm von dem Kind erzählte. Ich schaute ihn an. Ich wollte John auf die Probe stellen und ihm von dem Kind erzählen. Ich wollte wissen, wie er darauf reagieren würde, und ob er zu dem Kind stehen würde. ,,Bevor ich wieder mit dir zusammen komme, muss ich dir er etwas sagen‘‘, tastete ich mich vor.

Er unterbrach mich: ,,Egal, was es ist, auch wenn du einen anderen Kerl hast, ich regle das für dich, und dann bist du ihn los. Dann sind da nur noch wir beide, dann hab ich dich für mich ganz allein,  das ist es was ich will.‘‘

Ich stand auf, schaute ihn an und sagte ganz ruhig zu ihm: ,,Nein, ich will nicht wieder mit dir zusammen kommen.‘‘

Ich drehte mich um und war gerade ein paar Schritte gegangen, da fragte er mich noch, was ich ihm denn sagen wollte. Ich schaute nochmal zurück und sagte ihm ganz cool: ,,Hat sich erledigt.‘‘

In mir krampfte sich alles zusammen. Da hatte ich nun den Mut aufgebracht und wollte ihm sagen, dass ich schwanger bin, da kam er damit, dass ich schon einen anderen Kerl haben könnte. Und dass er mich für sich ganz allein haben wolle. Tja, das ging dann wohl nicht. Mich gab es nur noch im Doppelpack.

 

Im Laufe der Zeit wurde es immer schwieriger für mich meine Schwangerschaft zu verbergen. Nicht nur, dass ich meinen Kleidungsstil total verändern musste, um meinen stetig wachsenden Bauch zu verbergen, sondern auch, weil ich es langsam mal meinem Vater erzählen musste. Schließlich wäre das Kind ja auch irgendwann da. Ich schob es aber immer wieder hinaus. Mit jedem Tag, der verging, wuchs meine Angst entdeckt zu werden. Nicht nur von meinem Vater, sondern auch von John und allen anderen.  Immer, wenn ich es mir vornahm, konnte ich es meinem Vater aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen nicht erzählen.

Das war aber nicht meine schlimmste Situation die ich in der Zeit erlebt habe. Die schlimmste Situation war, als zwei Freundinnen auf mich zu kamen und mich fragten, ob ich mit auf Piste kommen wolle. Ich wollte eigentlich schon gerne, nur wenn ich mitgekommen wäre; wäre es noch tausendmal schwerer für mich gewesen die Schwangerschaft zu verbergen. Ich könnte nichts trinken und mit niemandem eng tanzen, keine sexy Klamotten anziehen. Ich lehnte also ab und schob einen Familienabend  mit meinem Vater vor. Meine beiden Freundinnen schauten mich erst total perplex an, und als sie dann registrierten, dass ich es tatsächlich ernst meinte, fingen sie lauthals an zu lachen. Das lockte natürlich die Anderen aus meiner Klasse zu uns. Ich fühlte mich immer mehr in die Enge getrieben. Nachdem die beiden ihren Lachanfall überwunden hatten, fragten sie, ob ich den Familienabend nicht sausen lassen könne. Als ich dies verneinte, meinten sie zu mir, dass ich zu einer echten Spießerin und Langweilerin geworden wäre, seitdem ich nicht mehr mit John zusammen wäre. Und wie ich aussehen würde, total die Hippiebraut wäre ich geworden mit meinen bunten, weiten, flatternden Klamotten.

Es war verletzend, aber ich konnte ihnen den wahren Grund, weshalb ich nicht mitkommen konnte, nicht verraten. Als ich abends nachhause kam, ging ich schnell in mein Zimmer und fing an zu weinen, es war zu viel für mich. Nach diesem Ereignis, merkte ich wie meine Freunde sich immer mehr von mir distanzierten, sie fragten mich immer seltener etwas ob ich etwas mit ihnen unternehmen wollte, bis sie es schließlich ganz aufgaben.

 

Im Laufe der Monate versuchte ich jede Begegnung mit John zu vermeiden. Jedes Mal, wenn ich John sah, ging ich, wenn möglich, schnell in eine andere Richtung, und wenn das nicht ging, senkte ich meinen Blick und ging schnell an ihm vorbei. Einmal versuchte John, wieder auf mich zuzukommen und mit mir zu sprechen, aber ich blockte ab.

 

Selbst das Singen im Chor musste ich aufgeben. Was ich schade fand.

 

 

Es war Sommer geworden und das Sommerfest stand an. Jedes Jahr fand in der Nähe meines Lieblingsortes am Kanal das Sommerfest statt.

Sogar mein Vater hatte zugesagt zu diesem Fest zu kommen, nachdem meine Schwester ihn zigmal gefragt und gebettelt hatte. So konnte ich mich leider nicht drücken und musste mit hin.

 

Es wurde nicht leicht für mich.

Als ich dort sein war, war ich die meiste Zeit alleine. Denn meine Schwester und mein Vater schauten sich alles an, meine Schwester kannte das noch nicht alles auswendig so wie ich.

Meine Klassenkameraden saßen alle zusammen in einer Ecke. Sie fragten mich mittlerweile noch nicht einmal mehr, ob ich bei ihnen sein wolle, da ich in den letzten Monaten alles abgeblockt hatte, was sie mir vorschlugen zu unternehmen. Ich wusste, dass sie sogar hinter meinem Rücken über mich redeten. Ich fühlte mich einsam. Da saß ich nun allein auf meiner Decke, hörte Musik und schaute dem allgemeinen Treiben zu. Als ich so meinen Blick schweifen ließ, bemerkte ich, dass John zu mir herüberschaute. Zu mir kam er aber nicht, ich glaubte, die anderen Jungs hatten es bemerkt und lachten ihn aus, weshalb er nicht mehr zu mir schaute.

Ich war angespannt, ob nicht doch jemand in dieser großen Menschenmenge meinen Bauch bemerken würde, aber es sprach mich keiner darauf an. Ich hatte mich, soweit es ging, entspannt und lag in der Sonne und hörte Musik, da spürte ich wie ein Schatten auf mein Gesicht fiel. Schon wurde ich an Armen und Beinen gepackt. Ich strampelte und zerrte mit meinen Armen und Beinen, doch ich konnte mich nicht befreien

Sie schwangen mich hin und her und schmissen mich in einem hohen Bogen in das Wasser. Im Wasser, stieß ich mich vom Boden ab und schwamm mit kräftigen Zügen an die Oberfläche. Ich war total wütend. Am Ufer standen viele Menschen  die mitbekommen hatten, dass ich ins Wasser geworfen wurde und lachten mich aus. Ich schwamm an die Nähe des Ufers wo ich stehen konnte, ging weiter aus dem Wasser heraus und wollte die Übeltäter gerade richtig fertig machen, da wurde es plötzlich mucks Mäuschen still um mich herum. In dem Moment registrierte ich, dass meine klatschnasse Kleidung an meinem Körper klebte und dass man jetzt meinen Bauch sehen musste der mittlerweile schon so groß wie eine Wassermelone war. Es war mir echt peinlich. Ich schlug meine Arme um meinen Körper und sah zu, dass ich aus dem Wasser kam und weit weg von allen. Ich wollte nur noch für mich sein.  Weit kam ich allerdings nicht, denn mein Vater stand schon am Ufer. Als ich ihn sah, krampfte sich alles in meinem Inneren zusammen. Ich hatte Angst vor seiner Reaktion. Mein Vater wollte wissen warum ich ihm nichts erzählt habe. Ich fing an zu weinen und sagte ihm, von Schluchzern unterbrochen,  dass ich ihn nicht enttäuschen wollte. Ich wisse doch, dass es ihm schlecht ginge, seit meine Mutter nicht mehr da wäre. Er nahm mich in seine Arme und sagte zu mir, dass das schon stimme, aber ich wäre immer noch da, sein ein und alles und somit auch tausend Mal wichtiger, er hätte mir doch helfen können. Er sei doch kein schlechter Mensch. ,,Wer ist denn der Vater?‘‘, fragte er mich. Ich wurde rot und beichtete ihm, dass ich es ich ihm nicht sagen könne, da der Vater es selbst noch nicht wisse. In dem Moment kam John auf mich zugestürmt. Es hatte sich wohl mittlerweile auch zu ihm durchgesprochen. Mein Vater schaute mich wissend an und sagte zu mir: ,, Ich glaube der Vater weiß es jetzt auch.‘‘

Als John mich erreicht hatte, schnauzte er mich zuerst an, warum ich es ihm nicht gesagt hätte, er wollte doch die ganze Zeit wieder mit mir zusammen sein, und das Kind wäre doch kein Hindernis gewesen, dann nahm er mich in den Arm und küsste mich. Die ganze Menge jubelte, aber John und ich bekamen davon nicht mehr allzu viel mit.

Vom Glück überfallen

von Katharina von Plessen

Jegliche Freude über meinen Erfolg wird sofort von panischer Angst verdrängt. Die Schrift vor meinen Augen verschwimmt, während sich meine Nägel in die Seiten krallen. So bleibe ich sitzen, bis meine Hände brennen und ich das Zittern der Zeitung nicht mehr ertragen kann. Langsam lege ich die Zeitung auf den Tisch und streiche sie glatt. Dann gehe ich in die Küche, hole Brot, Käse und ein Glas Milch. Ich hasse Milch, dennoch trinke ich jeden Morgen ein Glas.

Ein Lichtstrahl fällt quer durch das karge Zimmer. Fünf Umzugskisten und ein grauer Koffer meiner Frau versperren den Ausgang. Ich starre verstört in die Luft und trinke langsam einen Schluck nach dem anderen. In dem Moment weiß ich, dass mein Leben fortan anders sein wird. Von jetzt an werden alle viel von mir erwarten, zu viel. Ich könnte bestimmt glücklich sein, aber das würde mich innerlich aushöhlen, bis nichts mehr, nie mehr etwas aus mir heraus kommt. Bis ich austrockne wie eine alte Frucht und der Ruhm sich von mir `abschuppt´ wie eine geliehene Haut.

Am Ende bleibt nur noch Staub.

Es klopft an der Tür. Ich bewege mich nicht. Kurz darauf steht meine Frau in der Küche, sie trägt wie immer ihre schwarzen Stiefel und ein mitleidloses Gesicht. Sie wartet nie meine Antwort ab, nicht, wenn sie vor der Tür steht, nicht einmal als sie vor zwei Jahren um meine Hand anhielt. Nun baut sie sich mit ihren energischen Locken und einer unverschämten Selbstsicherheit vor mir auf. Auf dem Weg herein hat sie natürlich die Zeitung auf dem Wohnzimmertisch bemerkt. Ich sage nichts, sondern starre weiter in die Luft und trinke meine Milch.

Sie wird schnell ungeduldig, verschränkt die Arme und tritt mit der Fußspitze gegen unsere Spülmaschine. Kaum etwas stört mich so sehr wie ihr nervöses Gehabe, wenn sie ungeduldig wird. Schließlich begegne ich ihrem Blick und sehe dort einen Ausdruck, der mir unbekannt ist. Sie versteht mich nicht. Nicht, dass sie mich jemals verstanden hätte, aber ich habe ihr selten Grund gegeben, dies zu bemerken.

Irgendwann kann sie meine Stille nicht mehr ertragen und fragt, warum ich mich nicht bei ihr bedanke, schließlich sei ich nun ein Bestseller-Autor, und dies hätte ich ihr zu verdanken. Beim Sprechen presst sie die Lippen zu einem streitlustigen Schlitz, und ihre vorwurfsvollen Augen fallen unvorteilhaft tiefer in den Schädel. Wie bei einer Toten, denke ich und lächle. Kurz. Ich antworte nicht. Stattdessen trinke ich den Rest meiner Milch und lasse meine Augen mit Seelenruhe über die Konturen ihres Busens gleiten.

Nun fängt sie an, mich zu beschimpfen, während ihr Blick versucht, meine Stirn zu durchbohren. Schlagartig fallen all meine Sorgen von mir ab und versinken in einer tiefen Entspannung. Neben dieser Frau werde ich niemals glücklich sein. Langsam stelle ich mich hin, und gehe auf sie zu. Ein Moment vergeht, in dem sie mich verwirrt anstarrt.

“Ich muss doch Vater werden,” flüstere ich ihr zu. Von weit her beobachte ich, wie sie ihren Kopf zurückwirft und ihre Augenlider zusammenpresst, um mein Gesicht in der nächsten Sekunde mit zitternden Händen zu liebkosen.

Sie kann ihr Glück kaum fassen.

Autoren und Jurymitglieder

Autoren und Jurymitglieder

Katrin McClean

Katrin McClean wurde 1963 als Katrin Dorn geboren. Sie hat mal Psychologie studiert, ein Jugendtheater geleitet, eine Literaturzeitschrift verlegt und Romane und Erzählbände geschrieben.

Sie ist außerdem Autorin der Hörspielserie “Fünf Freunde”.

2001 zog sie nach Hamburg, und etwa zur selben Zeit begann sie, als Schreibtrainerin mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu arbeiten. Bei den Fantastischen Teens war sie von Anfang an dabei und begleitete die Sommerworkshops und die Workshops in Stellingen.

Veröffentlichungen u.a.:
Der Hunger der Kellnerin und Tangogeschichten (als Katrin Dorn), Das Kind in der Speicherstadt und Tango in den Tod (Hamburg-Krimis von Katrin McClean)

Weitere Informationen unter: www.katrinmcclean.de

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Andreas Kollender

Andreas Kollender ist 1964 in Duisburg geboren und lebt jetzt seit fast zwanzig Jahren in Hamburg. Er gibt Kurse für literarisches Schreiben an der VHS-Hamburg und Schreib-AGs für Schüler/innen am Matthias Claudius – sowie dem Charlotte Paulsen Gymnasium. Viele seiner jungen Kursteilnehmer haben schon an kleineren Literaturwettbewerben teilgenommen, zwei von ihnen Preise gewonnen, einige ihren ersten Roman beendet.

Bei den FantastischenTeens hat Andreas Kollender zum ersten Mal 2011 gearbeitet.

Veröffentlichungen:
„Teori“, Roman. „Der Todfeind“, Roman. „Vor der Wüste“, Roman.
Besondere Auszeichnungen: Literaturpreis Ruhrgebiet 2004.

Weitere Informationen unter: www.andreaskollender.de

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Marc Wortmann

Marc Wortmann, geboren 1966, lebt als freier Autor in Hamburg. Er arbeitete als Übersetzer, Lektor, Redakteur und Englisch-Dozent. Sein Roman „Der Witwentröster“ erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Die Taschenbuchausgabe erschien im Piper-Verlag.

 

 


Tanja Schwarz

Tanja Schwarz, geboren 1970 in Hechingen, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Bisher erschienen ein Erzählungsband und ein Roman. Für ihre literarische Arbeit erhielt sie mehrere Stipendien und einen Preis. Die Autorin lebt mit Familie in Hamburg.

„In meinen Schreibworkshops ist mir wichtig, eine vertrauensvolle, produktive Werkstatt-Atmosphäre herzustellen.“

 


Michel Abdollahi

Veröffentlichungen:

  • Poetry Slam 2001 (Hörbuch, Hrsg. Hoffmann und Campe Verlag Hamburg)
  • 100 poets against the war/Gedichte gegen den Krieg‘ (Online Publikation)
  • Poetry Slam 2002/2003 (Anthologie, Hrsg. Uebel/Pospiech, Rotbuch Verlag)
  • Poetry Slam 2003/2004 (Anthologie, Hrsg. Uebel/Pospiech, Rotbuch Verlag)
  • Poetry Slam 2004/2005 (Anthologie, Hrsg. Uebel/Pospiech, Rotbuch Verlag)
  • Sex ist eigentlich nicht so mein Ding (Anthologie, Hrsg. Moldenhauer/Uebel, Eichborn Verlag)
  • Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, Ausgewählte Werke, Band XI und Band XIII (Anthologie, Hrsg. Realis Verlags-GmbH)

Weitere Informationen unter: Wikipedia


Dirk C. Fleck

ist Journalist und Romanautor. Die „taz“ nannte ihn den „Vater des deutschen Ökothrillers“. Zu seinen bekanntesten Büchern gehört: Maeva

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Anke Gebert

studierte Kunsterziehung und arbeitete mehrere Jahre als Pädagogin. In Hamburg studierte sie an der Master School Film – mit dem Schwerpunkt Drehbuch.
Seit einigen Jahren ist sie freie Autorin von Romanen (u.a. Krimis) und erzählenden Sachbüchern (u.a. Biografien) – und gibt Seminare für Kreatives Schreiben. Zu ihren bekanntesten Büchern zählen der Roman „Die Summe der Stunden“ (S. Fischer Verlage) und die Biografie „Gute Nacht, bis morgen“ (Blumenbar Verlag). Anke Gebert lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Weitere Informationen unter: www.ankegebert.de

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Nina George

Seit 1993 ist George nach der journalistischen Ausbildung bei dem politisch inkorrekten Magazin Penthouse als freie Journalistin für Zeitschriften wie Joy, TV Movie, Der Hamburger und Publikationen aus dem Burda-Verlag tätig, und war von 2005-2010 Kolumnistin des Hamburger Abendblatts. Sie arbeitet als Restauranttesterin, Krimimoderatorin, Zeitschriftenentwicklerin und Textdozentin für Jugendliche. George veröffentlichte bisher 22 Bücher, darunter Sciencethriller, Medienkrimis, Romane, Sachbücher und satirische Nachschlagewerke, sowie knapp 70 Kurzgeschichten.

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Gerrit Jöns-Anders

studierte Kommunikationswissenschaft an der WWU-Münster und promovierte 2002 mit einer Arbeit über die „(Un-)Konventionalität ästhetischer Kommunikation“. Er lebt und arbeitet als Redakteur und freier Schriftsteller in Hamburg.

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Ulla Mothes

Kulturjournalistin, Lektorin, Regisseurin von Hörbüchern und Rezensentin beim literarischen Feature. Autorin der Bücher „Der rote Flitzer“ (2005 Cecilie Dressler Verlag) in der Bestenliste der Internationalen Jugendbibliothek, München. Weiterhin schreib sie Krimis: die Falle der Zeichnerin, oder die heimliche Rache.

Weitere Informationen unter: www.ullamothes.de

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Jurymitglieder 2011

  • Christine Neuhaus, ZeitStiftung
  • Karla Groth, Mitglied der Reading Teens
  • Corinna Koch, MAKNETE

Jurymitglieder 2010

  • Corinna Koch, MAKNETE
  • Gerrit Jöns-Anders, Schriftsteller und Redakteur Spiegel-Online
  • Mücke Quinckhardt, freie Journalistin

Jurymitglieder 2009

  • Gino Leineweber, Hamburger Autorenvereinigung
  • lse Paesler, Honigfabrik
  • Dirk Fleck, Autor