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Cliff Mind

von Kelvin Grundy

Cliff Mind hatte sich oft die Frage gestellt, warum er in einem Waisenhaus aufgewachsen war. Heute saß er zum letzten Mal in dem kleinen Zimmer, das er mit drei Anderen teilte, auf seinem Bett. Das Zimmer war sehr karg eingerichtet und die einst weißen Wände hatten sich über die Jahre verfärbt. Der Raum wirkte kalt und einsam. Es gab in diesem Raum zwei Hochbetten. Das, in dem Cliff schlief, befand sich links auf der Seite der Eingangstür. Gegenüber der Tür war ein kleines vergittertes Fenster. Dekorationen waren nicht vorhanden und auch Cliff besaß nur das, was er anhatte. Es waren einsame Jahre, die Cliff in diesem Waisenhaus verbracht hatte. Es gab hier zwar noch viele andere Waisenkinder, doch sehnte sich Cliff nach der Liebe seiner Eltern. Mit zwölf Jahren wurde Cliff von einer dieser Gangs angesprochen, die es hier in Philadelphia zur Genüge gab. Die Mitglieder fragten ihn, ob er nicht etwas Geld verdienen wollte, um sich bestimmte Dinge leisten zu können. Von der Vorstellung gepackt, sich endlich die Dinge zu kaufen, die jeder Junge in seinem Alter hatte, nahm er das Angebot an. In Philadelphia war es nichts Ungewöhnliches, dass ein Junge schon mit zwölf Jahren Mitglied in einer Gang war. Wer hier allein war, hatte wenig Chancen sich zu behaupten. Das beste Einkommen war in dieser Stadt mit dem Verkauf von Drogen garantiert. Und genau das wurde auch bald Cliffs Aufgabe. Cliff fand diese Art von Arbeit zunächst sehr unangenehm, da er Angst hatte, von der Polizei erwischt zu werden. Doch das verdiente Geld verdrängte nach und nach diese Angst. Cliff verdiente allerdings nur einen Bruchteil dessen, was sein Boss durch seine Mitglieder einnahm. Kinder und Jugendliche waren einfach gut geeignet für den Verkauf von Drogen, da sie am leichtesten beeinflussbar waren und man sie sehr leicht ersetzen konnte.

Cliffs Äußeres und sein Charakter veränderten sich von Jahr zu Jahr, denn der eigene Konsum von Drogen und Alkohol machte ihn immer gefühlloser und härter. Schon mit fünfzehn Jahren besuchte er regelmäßig die von seiner Gang ausgerichteten Partys. Cliff fing an, sich die fehlende Liebe seiner Eltern durch ständig wechselnde Frauenbeziehungen zu ersetzen. Doch natürlich konnte die Liebe, die Cliff vermisste, nicht wie ein leeres Glas einfach aufgefüllt werden, denn dieses Glas hatte schon zu viele Risse, die dafür sorgten, dass Cliff immer wieder den Schmerz der Einsamkeit verspürte. Schon bald verwandelte sich dieser Schmerz in Hass, und Cliff fing an, seine Eltern zu verfluchen. Außerdem wuchs in ihm das Bedürfnis nach Rache, Rache an dem Staat, der schuld war, dass es überhaupt solche armen Gegenden gab. Für Cliff stand fest, er wollte so schnell wie möglich diese Stadt verlassen, an die er zu viele schlechte Erinnerungen hatte. Er hatte vor, sich seine ganz eigene Truppe von Rachsüchtigen zu bilden, die ebenfalls ihre von Hass gereizte Seele mit der Süße der Gerechtigkeit besänftigen wollten. Um diesen Schritt gehen zu können, hatte Cliff all das Geld gespart, das er entbehren konnte. Er hatte überlegt, wohin er eigentlich wollte. Es sollte eine Stadt sein, wo ihm alle Möglichkeiten offen stehen würden und wo er zunächst nicht groß auffallen würde. Die Stadt, die ihm am meisten zusagte, war New York, schließlich war es von hier aus nicht mehr weit bis zum Regierungssitz in Washington, und das war für einen Rachefeldzug gegen den Staat doch eine gute Ausgangsposition.

 

Cliff hatte in den letzten Jahren ungeduldig auf seinen achtzehnten Geburtstag gewartet, an dem er das Waisenheim endlich verlassen durfte. Der war nun eine Woche her und heute war es so weit: Cliff packte seine wenigen Dinge, die er für seinen großen Neuanfang in New York mitnehmen wollte. Er war längst nicht mehr der kleine Junge von damals. Der einst dünne, blasse Junge mit den türkisfarbenen Augen war groß geworden. Sein durchtrainierter, muskulöser und gebräunter Körper war mit lauter Piercings und Tattoos geschmückt. Cliff bekam durch sein neues Aussehen wesentlich mehr Respekt und auch er selbst fühlte sich damit wohler.

Er freute sich, dass er endlich den Ort verlassen konnte, der ihm so viel Schlechtes angetan hatte. Ab jetzt wollte sich Cliff von niemandem mehr abhängig machen. Er wollte stattdessen sein ganz eigenes Imperium aufbauen, das es so noch nie gegeben hatte. Nachdem Cliff seine Sachen gepackt hatte, machte er sich auf den Weg zur Wohnung seines Freundes Rick.

Cliff hatte sich mit Rick, der in derselben Gang wie er war, vor kurzem angefreundet. Eigentlich war Cliff nicht der Typ für Freundschaften, doch hatten er und Rick eines gemeinsam, sie wollten beide Philadelphia verlassen und dem Staat eine Lektion erteilen. Rick wirkte auf den ersten Blick recht dünn und schmächtig, doch war er ein athletischer Typ, der sehr geschickt mit seinen Händen war.

Rick hatte dafür gesorgt, dass er und Cliff einen fahrbaren Untersatz bekamen und kreuzte mit einem pechschwarzen Ford Mustang auf. Cliff schleuderte seinen Rucksack auf die Rückbank des Autos und stieg ohne Zögern ein, da er sich schon dachte, dass Rick das Auto nicht legal erworben hatte. Keiner der beiden hatte im Entferntesten daran gedacht, sich von den Gangmitgliedern zu verabschieden, denn sie gingen nicht davon aus, dass diese sie in ihrem Plan unterstützen würden. Also fuhren Cliff und Rick ohne große Bedenken die verdreckten Straßen Philadelphias entlang.

 

Alles schien zunächst gut zu laufen, bis Cliff etwas Blinkendes aus dem Augenwinkel wahrnahm. Er dachte zunächst, dass es reflektiertes Sonnenlicht sei, doch als Rick plötzlich „Ohhhhh Scheeeeiiiisssee“ rief, ahnte Cliff, dass es sich um Polizeiwagen handeln musste. Cliff fragte Rick, woher er den Wagen hatte.

„Von unserem Ex-Boss“, antwortete der ganz trocken.

Da Cliff seinen Ex-Boss genau so wenig mochte wie Rick, freute er sich trotz der verzwickten Situation, dass es den Richtigen getroffen hatte. Doch so gut die Schadenfreude auch tat, sie hatten jetzt Wichtigeres zu tun. Zuallererst mussten sie diese Cops loswerden.

Sie waren gerade mal eine halbe Stunde unterwegs und schon mitten in einer Verfolgungsjagd. Cliff konnte erkennen, dass es genau drei Polizeiwagen waren, die sie verfolgten. Rick, der sehr angespannt schien, nahm Kurs auf die Route 95, die sie in Richtung New York führen sollte. Da die Polizei immer dichter kam und sie noch eine viertel Stunde von ihrer Zielstraße entfernt waren, meinte Cliff, dass es reiner Selbstmord wäre, sich jetzt auf die Autobahn zu begeben. Dort hätten es die Verfolger noch leichter gehabt, sie einzuholen. Cliff schlug vor, dass Rick einen Umweg fahren solle, um Zeit zu gewinnen. Und schon bog Rick von der vierspurigen auf eine zweispurige Nebenstraße rechts ab. Es war eine schmale Straße, auf der sich links und rechts Häuser und vereinzelte kleine Läden befanden. Doch die Polizei ließ nicht lange auf sich warten. Kurze Zeit später tauchte sie in der Ferne am Ende der schmalen Straße auf. Als Cliff das durchdringende Geräusch der Sirenen hörte, wurde ihm langsam klar, dass ihm spätestens jetzt einfallen musste, wie sie entkommen könnten. Die ganze Sache wurde von Minute zu Minute brenzliger, vor allem, weil nun am anderen Ende der Straße weitere Fahrzeuge in Sicht kamen. Cliff dachte, dass es noch mehr Polizei wäre. Doch dann sah er, dass die Wagen alle schwarz waren. Das mussten die Fahrzeuge von ihren Ex-Gangmitgliedern sein. So verflixt die Lage auch war, er konnte ein Lachen nicht unterdrücken. Rick, der den Wagen erst mal zum Stehen gebracht hatte und nun schweißgebadet das Lenkrad umklammerte, fragte ihn, was so lustig daran sei, in den Knast zu wandern. Cliff erklärte ihm, dass die Polizei in Wirklichkeit gar nicht sie verfolgte, sondern nur den Wagen, in dem sie fuhren. Offensichtlich glaubten sie, dass ihr Ex-Boss darin säße.

„Oder warum sollte der meist gesuchteste Drogen-Boss Philadelphias die Polizei verständigen, wenn sein Wagen geklaut wird“, fügte Cliff hinzu. Rick gab Cliff einen Schlag auf die Schulter. „Mann klar, du hast Recht. Und was machen wir jetzt?“

Cliff checkte die Lage. Noch steckten sie in einer strategisch idealen Situation. An einem Straßenende die Polizei, am anderen die schwarzen Wagen der Gang. Es bot sich ein fantastischer Feldzug an, der zwei Probleme auf einmal lösen konnte. Da die Straße sehr schmal war, konnten die Gangmitglieder, wenn sie die Polizei erblickten, nicht einfach umdrehen und abhauen. Cliff kannte jede Ecke von Philadelphia und sagte zu Rick, dass er in die kleine Sackgasse fahren solle, die ziemlich in der Mitte der Straße links abging.

Er wollte den Wagen in der Gasse abstellen und über die Fußgängerwege flüchten. Die Polizei wusste ja noch nicht, wie Cliff und Rick aussahen und darin lag ihr Vorteil. Denn sobald die Polizei in die Straße hineinfuhr, wollten Cliff und Rick schon außer Sichtweite sein. Natürlich war dieser Plan riskant, da sie nicht wussten, wie sich die Verfolger verhalten würden, doch war es gleichzeitig auch ihre einzige Chance zu entkommen. Rick entgegnete, dass sie sich auch gleich die Kugel geben könnten, aber ihm diese Art zu sterben mehr Spaß machen würde. Beide fingen an zu lachen, doch sie verstummten, als ein Schuss aus der Entfernung zu hören war. Nun wurde es ernst. Rick legte den Gang ein und drückte das Gaspedal so tief, dass die Reifen anfingen zu quietschen. Sie hinterließen eine weiße Rauchwolke und näherten sich der Sackgasse. Teilweise musste Rick gefährliche Überholmanöver fahren, damit sie ihren Abstand zu den Verfolgern nicht verloren. Als Cliff auf ein verrostetes Schild, das in die Sackgasse wies, deutete, machte sich Rick für das bevorstehende Manöver bereit. Gefühlte fünf Sekunden später, trat Rick bei voller Fahrt auf die Bremse, kurbelte mit atemberaubender Geschwindigkeit das Lenkrad herum und schoss mit laut quietschenden Reifen in die Gasse hinein. Während Rick das Wendemanöver ausführte, musste sich durch die Wucht der Drehung die Handschuhfachklappe auf Cliffs Seite geöffnet haben. Cliff sah, dass sich in der Box eine Schusswaffe befand. Zwar hatte er nicht vor, jemanden zu töten, doch dachte er, dass sich diese Waffe irgendwann vielleicht als nützlich erweisen könnte. Da sie nicht allzu groß war, steckte er sie in seine Gesäßtasche. Sie hatten das Ende der Gasse erreicht und Rick stellte den Wagen links an einer Mauer ab, so dass sie beide an der Beifahrerseite raus mussten. Cliff stieg aus dem Wagen, nahm die Rucksäcke, die Rick ihm entgegen hielt, dann kletterte Rick über die Vordersitze, und ohne Zeit zu verlieren, machten sie sich mit schnellem Tempo davon. Sie liefen bis zu einer Feuertreppe, die sich an der Rückseite eines Hauses befand und kletterten diese hinauf. Als sie sich auf dem Gebäude befanden, sahen sie, dass die Gangmitglieder gerade in die Gasse einbogen. Kurze Zeit später schossen die Polizeiwagen mit lautem Sirenengejaule ebenfalls in die Gasse hinein. Die Gangmitglieder versuchten zu flüchten, sie stiegen aus ihren Wagen, doch bevor sie losrennen konnten, richtete die Polizei ihre Waffen auf sie und Cliff und Rick sahen, dass sie sich ergaben. Zu Cliffs Erleichterung befand sich auch ihr Ex- Boss unter den Verhafteten. Zum ersten Mal in seinem Leben verlief etwas wirklich gut, und er bemerkte, dass sich ein Gefühl der Ruhe in ihm ausbreitete, das er so noch nicht kannte.

 

Einer der Polizisten war gerade dabei, den Fluchtwagen zu durchsuchen und gab seinem Kollegen ein Zeichen. Der setzte sich in den Wagen und fuhr ihn weg.

Cliff und Rick liefen über die Dächer, mit dem Ziel die gegenüberliegende Straße zu erreichen. Nachdem sie eine Weile unterwegs gewesen waren, fragte Cliff Rick, ob er wisse, was sie am besten tun sollten.

Rick antwortete, dass er jemanden kannte, der ihnen vielleicht weiter helfen könnte. Dieser Bekannte besaß eine Autowerkstatt, wo er auch Autos zum Wiederverkauf reparierte. Da Cliff nichts Besseres einfiel, willigte er ein, und sie machten sich auf den Weg. Die Werkstatt befand sich fünf Meilen von ihnen entfernt. Nach ungefähr einer Dreiviertelstunde erreichten sie den Hinterhof von Ricks Bekanntem. Cliff fühlte sich wie bei einem Schlachter, nur dass hier diverse Autos statt Tiere geschlachtet wurden. Überall lagen Autoteile, von denen manche schon anfingen zu rosten. Die Werkstatt hatte zwei Rolltore, hinter denen sich jeweils eine Hebebühne befand. Jemand war gerade unter einem Auto zugange, da schrie Rick aus vollem Halse „ Miguel!“ Erst beim dritten Ruf regte sich der Mann und glitt mit einem Rollwagen unter dem Auto hervor. Mit einem überraschten Gesichtsausdruck fragte er: „Bist du es Rick?“

Rick nickte und beide tauschten eine kurze, aber ausdrucksstarke Umarmung aus. Cliff erfuhr, dass fünf Jahre vergangen waren, seit sich Rick und Miguel zum letzten Mal gesehen hatten. Miguels Vorfahren kamen aus Brasilien, was auch seine hellbraune Haut erklärte. Ähnlich wie Cliff war auch er mit Muskeln bepackt, die von seiner schweren Arbeit herrührten. Er war recht groß, und an seinem linken Arm trug er ein Tattoo, das einen mit Flammen umringten Cadillac Escalade darstellte. Miguel bot ihnen Kaffee an, und sie setzten sich auf eine der Tribünen. Rick erzählte, was er und Cliff vorhatten, doch ließ er den Part mit der Verfolgung aus. Er sagte, dass sie dringend ein Auto bräuchten, um ihren Weg nach New York fortsetzen zu können. Miguel bedauerte, dass er ihnen, auch wenn er es gern gewollt hätte, nicht helfen könne, da er kurz vor dem Ruin stünde und kein Auto besäße, das er ihnen geben könne. Rick fragte, wie es dazu gekommen war. „Das sind die verfluchten neuen Schnellwerkstätten. Die Leute kommen nicht mehr so, wie sie es früher taten. Es ist keine Qualität mehr gefragt. Alles muss nur noch schnell gehen!“, schimpfte Miguel und schleuderte einen Schraubenschlüssel durch die Werkstatt.

Cliff ergriff das Wort und fragte Miguel, ob er sich ihnen anschließen und mit ihnen gemeinsam einen Neuanfang wagen wolle. Miguel wirkte zunächst etwas verwirrt, und man merkte, dass er über das Angebot nachdachte. Dann breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus, und er sagte, dass es ihm eine Ehre wäre, mit ihnen mitzukommen.

„Und wie kommen wir jetzt nach New York?“, fragte Rick.

„Natürlich mit einem Auto“, entgegnete Miguel. „Ich hole nur kurz meinen Wagen aus der Seitengarage und dann laden wir alles ein, was wir brauchen.“ Miguel fuhr mit seinem schwarzen Cadillac Escalade vor die Rolltore und machte ihn zum Beladen bereit.

„Na, gefällt euch mein Baby?“, rief er und zusammen packten sie ihre Sachen in den attraktiv großen Kofferraum und verließen die von der Zeit verwitterte Werkstatt.

 

Miguel fuhr vom Hof und bog rechts in die Straße ab. Inzwischen war es Abend

geworden und der Himmel wurde von zahlreichen orange und rot schimmernden Wolken verziert. Cliff fühlte sich von der Verfolgung und der anschließenden Flucht ziemlich müde. Er sagte: „Hey Jungs, ich leg´ mich mal für ne´ Stunde hin“, und schon war er eingeschlafen.

Sie mussten sich auf einer unbefestigten Straße befunden haben, denn Cliff erwachte durch eine kräftige Erschütterung, als Miguel über ein Schlagloch fuhr. Da es schon dunkel war und Cliff nur die Straße sehen konnte, und das, was die vereinzelt auftauchenden Straßenlaternen hergaben, erkannte er die Gegend nicht, in der sie sich befanden. Er fragte Rick, wo sie wären, der antwortete nach einem langanhaltenden Gähnen schließlich, dass sie alle müde seien und beschlossen hätten irgendwo zu übernachten. Dieser Beschluss kam Cliff ganz recht, denn auch er konnte ein wenig mehr Schlaf gut gebrauchen. Miguel steuerte auf ein Motel zu, das dreihundert Meter von einer kleinen Kreuzung entfernt lag. Cliff hielt nach einem Ortsschild Ausschau, doch die Dunkelheit verschluckte solche Details. Entlang der Straße tauchten schemenhaft vereinzelt Läden und Wohn-häuser auf.

„Hier wären wir“, sagte Miguel, fuhr rechts auf den Hof des Motels und stellte das Auto in einer Parklücke ab. Es gab ein kleines Gebäude, wo sich die Rezeption befand und ein großes mit zwei Stockwerken, wo die Zimmer untergebracht waren. Miguel besorgte zwei Schlüssel und übergab Cliff einen davon.

„Warum bekomme ich mein eigenes Zimmer und ihr eins zusammen?“, fragte Cliff erstaunt.

„Zum Einen hatten sie keine Dreier, – bzw. Viererzimmer“, entgegnete Miguel, „und zum Anderen haben Rick und ich uns noch so Vieles zu erzählen und wollen dich nicht beim Schlafen stören.“

Die Sache gefiel Cliff nicht besonders, doch er war zu erschöpft, um sich Gedanken darüber zu machen. Von Müdigkeit gefesselt, gingen sie auf ihre Zimmer. Cliffs Zimmer befand sich genau über Ricks und Miguels Zimmer. Es war schlicht eingerichtet, doch mehr als ein Bett und ein Badezimmer brauchten sie für eine Nacht auch nicht. Nachdem Cliff seine Sachen abgelegt hatte, warf er sich auf das Bett und starrte nachdenklich die Decke an.

„Wieso ist es bloß so schwer, Philadelphia zu verlassen?“, dachte er. „Ich will doch nur einen Neuanfang machen und meine Vergangenheit hinter mir lassen. Vielleicht ist die ganze Idee mit der Gründung einer eigenen Gang einfach Quatsch. Was soll ich tun? Was kann ich glauben? Verdammt, ich weiß es nicht. Es ist, als stünde ich vor einer Abzweigung, die in zwei Richtungen führt. Der linke Weg ist hell erleuchtet und führt mich zu meiner Rache am Staat. Doch der zweite Weg ist dunkel und man weiß nicht, wohin er führt. Die Frage ist, ob der Weg der Rache mir endlich Gerechtigkeit verschaffen kann, oder ob der helle Schein dieses Weges mich nur zu täuschen versucht? Andererseits weiß ich auch nicht, wohin mich der zweite Weg führt. Vielleicht offenbart sich hinter der Dunkelheit eine Möglichkeit, meinen Wunsch nach Gerechtigkeit anders als gedacht zu erfüllen, doch es könnte sich ebenso gut eine Falle dort verbergen. Auf jeden Fall sollte ich mich schnell entscheiden, denn der Weg, aus dem ich kam, wird sich unter meinen Füßen auflösen. Ich würde für immer in meiner Vergangenheit gefangen bleiben und mich nie von ihr lösen können.“

Cliff drehte seinen Kopf nach links, schaute die Sterne an und versank wieder in seiner Gedankenwelt: „Eins sollte mir nur klar sein. Ich kann niemandem trauen. Der Mensch ist ein habgieriges Wesen, der stets aus allem und jedem seinen Nutzen zieht.“

Cliff wollte sich abkühlen und begab sich auf den Balkon vor seinem Zimmer. Er lehnte sich an das Geländer und starrte in die Ferne. Die Nacht war kühl und still. Man hörte nur das Zirpen der Heuschrecken und ab und zu das Summen von Autos in der Ferne. Doch schon kurz darauf lenkte ein leises Flüstern von unten Cliffs Aufmerksamkeit auf sich.

Cliff spitzte die Ohren und blendete all die anderen Geräusche um sich herum aus. Er wollte sich voll und ganz auf das Flüstern, das er von unten hörte, konzentrieren. Es waren die Stimmen von zwei Männern, und wenn sie aus dieser Richtung kamen, dann konnten es nur Rick und Miguel sein.

Für einen kurzen Augenblick zögerte er, ob er sie belauschen solle, denn so etwas gehörte sich ja eigentlich nicht, doch seine Neugier war größer.

„Was hast du jetzt eigentlich vor?“, fragte Rick.

„Zuerst einmal gar nichts“ erwiderte Miguel.

„Wie meinst du das? Wir können doch nicht nur hier rumgammeln und nichts tun.“

„Hab´ Geduld mein Freund, wir bekommen übermorgen Besuch.“

„Du meinst doch nicht von unserer Gang oder?“, fragte Rick erstaunt.

„Besuch von deiner Oma wird´s wohl kaum sein, NATÜRLICH von unserer Gang“, sagte Miguel mit rauer Stimme.

„Wie soll ich das jetzt verstehen, willst du uns etwa ausliefern?“, fragte Rick so laut, dass es über den ganzen Hof schallte.

„Wirst du wohl leise sein!“, zischte Miguel, dann flüsterte er wieder. „Dich will ich doch nicht ausliefern, es geht mir hier nur um Cliff. Und außerdem glaubst du doch nicht wirklich, dass ihr euern bescheuerten Plan durchsetzen könnt?“, fragte Miguel mit einem Grinsen im Gesicht.

„Dass es nicht einfach wird, ist uns schon klar, aber ich habe doch sowieso keine Wahl mehr. Wenn die Gang mich in die Finger bekommt, droht mir der Tod“, erwiderte Rick.

„Unser gemeinsames Manöver war doch von Anfang an geplant, oder etwa nicht“, sagte Miguel verschwörerisch. „Ich werde dich nicht verraten und keiner wird davon ausgehen, dass du auf der Flucht warst, wenn ich bestätige, dass es mit mir abgesprochen war.“

„Ja, aber, ich kann doch Cliff nicht einfach im Stich lassen“, erwiderte Rick verzweifelt.

„Tja, dir bleibt nichts anderes übrig, entweder du machst mit oder ich muss dich ebenfalls ausliefern. Also was denkst du?“

„Ja okay…..“

„Nichts, ja okay, das heißt: na klar“, fiel Miguel ihm ins Wort.

„Eins musst du mir aber noch erklären, bevor ich mein Einverständnis gebe“, sagte Rick. „Wieso sprichst du dauernd von unserer Gang, du hast dich doch schon ewig nicht mehr bei uns blicken lassen?“

„Tja, das liegt daran, dass unser Boss es für sinnvoll hielt, dass Jemand von außen den Überblick behält. Ich war nur seine Kontaktperson, quasi so was wie ein Spion“, gab Miguel zurück.

„Und warum kommt unsere Gang erst übermorgen?“, fragte Rick verwundert.

„Das liegt daran, dass unser Boss erst morgen Abend wegen mangelnder Beweise auf Kaution freigelassen wird.

„Echt, unser Boss kommt frei?“, fragte Rick und Cliff konnte seine Verblüffung hören.

„Ja, du hast richtig gehört, wenn man in einer Gang ist, hat man so seine Kontakte

und bis auf drei unserer Kollegen werden alle wieder freikommen“, gab Miguel zurück. „Genug gequatscht, lass uns rein gehen.“

Die Außentür des Motelzimmers rastete ein und das einzige, was man noch hörte, war das rasende Herz von Cliff.

Er war kreidebleich im Gesicht und stand mit weit offenen Augen, starr wie eine Statue am Geländer. „Was geht hier eigentlich ab?“, fragte er sich und rieb sich mit den Händen übers Gesicht.

Er ging in sein Zimmer, ließ sich aufs Bett fallen und dachte über die Situation nach. An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken. „Ich muss irgendwie hier wegkommen“, dachte er. „Verdammt, ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo ich hier bin, geschweige denn in welcher Richtung New York liegt!“

Eines schien aber ganz klar zu sein, er konnte nicht zu Fuß gehen, da man ihn sofort einholen würde. Für Cliff stand fest, dass es nur möglich wäre zu fliehen, wenn er irgendwie an die Autoschlüssel von Miguel rankäme. Jetzt noch zu den beiden an die Tür zu gehen wäre viel zu auffällig. Also überlegte er sich, am nächsten Tag in der Frühe, wenn Miguel und Rick das Zimmer verlassen würden, dort einzubrechen und nach dem Schlüssel zu suchen. Es waren noch genau fünf Stunden bis zum Sonnenaufgang. Zeit, die Cliff unter anderem dazu verwendete, seine wenigen Sachen zu packen. Er legte seinen Rucksack in die Ecke rechts neben der Eingangstür, damit er, wenn’s drauf ankäme, nur nach dem Rucksack greifen und verschwinden könnte. Als Nächstes nahm er die Schusswaffe, die ihm bei der Verfolgungsjagd buchstäblich in den Schoß gefallen war, aus seiner Gesäßtasche und betrachtete sie. Es war ein kleiner Revolver, der noch genau sechs Patronen im Lager hatte. Cliff hatte noch nie mit einer Waffe auf Menschen geschossen, doch traute er sich das durchaus zu. Er steckte die Waffe wieder zurück und verließ sein Zimmer, um zur Straße zu gehen. Durch die Dunkelheit war es schwer, etwas zu erkennen und die schwach erleuchteten Straßenlaternen bewirkten auch nicht viel. In der Ferne sah Cliff etwas, was zumindest von seinem Standpunkt aus nach einem Straßenschild aussah. Er ging die Straße, die rechts vom Motel abging, entlang. Durch die kalte feuchte Luft hatte sich im Laufe der Nacht Nebel gebildet, der sich schleichend um Cliff herum ausbreitete. Es war extrem still, selbst die Heuschrecken waren nicht mehr zu hören. Das Einzige, was Cliff wahrnahm, war das Auftreten seiner Schuhe. Er blieb stehen und betrachtete das Schild. Das flackernde Licht einer Straßenlaterne erlaubte ihm, es zu entziffern. Zu seinem Erstaunen stand dort: New York-21 Meilen. Verflixt, da brauche ich ja mindestens zwei Tage zu Fuß, dachte er.

Er begriff, dass er keine andere Wahl hatte, als den Autoschlüssel zu klauen und trat den Rücktritt an. Plötzlich erschrak er, etwas hatte ihm über den Kopf gestrichen. Er drehte sich um, erkannte jedoch nichts. Dann aber nahm er ein Flattern wahr. Es waren nur Fledermäuse, die am Nachthimmel hin- und her- flogen. Am Motel angekommen, stieg Cliff die Treppe hinauf. Er hielt sich an dem wackligen Geländer fest, nahm Stufe für Stufe, als ihn eine kalte Hand an der Schulter packte. Er drehte sich um und sah, dass es Miguel war.

„Na, kannst wohl nicht schlafen, oder?“

„Ja, ich bin einfach noch zu aufgewühlt und was machst du hier draußen?“, fragte Cliff.

Miguel schlug im nächsten Moment in Cliffs Magen und sagte lächelnd: „Nichts, du Bastard.“

„Spinnst du, was ist in dich gefahren?“, fragte Cliff keuchend.

„Du willst mich wohl für dumm verkaufen!“ schrie Miguel ihn an. Er zerrte Cliff in sein und Ricks Zimmer und ließ ihn auf einem Stuhl Platz nehmen. Rick saß auf dem Bett und sah ihnen zu.

Cliff fragte, was das Ganze sollte. Worauf Miguel erwiderte, dass er genau wisse warum.

„Du hast uns belauscht“, fügte er hinzu.

„Wollt ihr mich jetzt töten oder was?“, fragte Cliff.

„Nein, wir passen nur auf, dass du nicht wegläufst“, gab Miguel zurück.

„Und was ist mit dir Rick, bist du jetzt auf Miguels Seite?“

„Sieht so aus“, gab Rick leise von sich.

„Hier nimm meine Waffe Rick, wenn er versucht abzuhauen, erschieß ihn. Ich muss mal kurz telefonieren gehen.“

Nachdem Miguel das Zimmer verlassen hatte, sah Cliff zu Rick hinüber.

„Wieso wendest du dich gegen mich?“, fragte er.

Als Rick nicht reagierte, sagte er: „Wir können zu zweit entkommen, wenn wir gegen Miguel zusammenhalten.“

„Selbst wenn wir das schaffen, würde uns die Gang wieder einholen.“

Cliff erkannte, dass er Rick nicht mehr für sich gewinnen konnte.

Noch war er allein mit ihm. Wenn Cliff fliehen wollte, dann musste er es jetzt tun, bevor Miguel zurückkam. Aber wie? Er wusste, dass Rick leichtgläubig war.

„Vielleicht sollte ich einen Anfall simulieren“, dachte er sich. Er fing an, am ganzen Körper zu zittern und sackte in sich zusammen.

„Was hast du Cliff?“ Rick ging auf ihn zu. Als er genau über ihm stand, schlug Cliff blitzschnell und mit gewaltiger Kraft die linke Faust gegen Ricks Schläfe und die rechte Faust gegen sein Knie. Rick fiel, ohne einen Ton von sich zu geben, zu Boden. „Mit diesem Knie wirst du mir nicht so schnell hinterherkommen“, murmelte Cliff. Er hob die Pistole, die Miguel Rick gegeben hatte auf und nahm sie an sich. Er sah sich nach den Autoschlüsseln um, konnte sie aber nirgends entdecken. Die musste wohl Miguel bei sich tragen. Cliff fand es zu riskant, nach draußen zu gehen, um Miguel aufzuspüren. Er beschloss, im Zimmer auszuharren und stellte sich links neben die Tür, so dass er Miguel von hinten überraschen konnte. Da man von dem kleinen Flur, der in das Schlafzimmer führte, nicht sehen konnte, ob Rick oder Cliff noch auf den Stühlen saßen, würde Miguel zunächst nichts ahnen. Eine Viertelstunde später vernahm Cliff, dass sich jemand der Tür näherte. Die Tür wurde aufgeschlossen und die Person trat ein. „Alles klar, Rick?“ hörte Cliff eine männliche Stimme fragen. Er schnellte um die Tür herum und schlug Miguel mit voller Wucht in die Magengegend. Er schloss die Tür und sagte: „Ich hätte dich auch gleich K.O. schlagen können, doch dann hätte ich dein überraschtes Gesicht nicht gesehen.“

Miguel trat gegen Cliffs Bein, so dass dieser zu Boden fiel. Sie führten einen Ringkampf. Miguel versuchte Cliff zu würgen, doch mit einem gezielten Fausthieb gegen Miguels Kehlkopf legte Cliff ihn lahm. Er durchsuchte die Hosentaschen von Miguel und fand, an einer Kette befestigt, den Autoschlüssel. Ohne lange zu zögern verließ Cliff das Zimmer, lief zu seiner Unterkunft, schloss die Tür auf, schnappte sich seinen Rucksack und rannte zum Wagen. Er stieg ein, schmiss seinen Rucksack auf den Beifahrersitz, verriegelte die Türen und machte den Motor an. Seine Hand zitterte, als er den Rückwärtsgang einlegte und der Schweiß lief ihm über die Stirn. Cliff fuhr ein Stück zurück, drehte um und bog mit jaulendem Motor, rechts ab. Er näherte sich dem Schild nach New York und hielt fest auf diese Richtung. Inzwischen kam die Sonne heraus und alles wurde von einem goldenen Licht bestrahlt.

 

Cliff fuhr von morgens bis spät abends durch. Inzwischen war er New York ganz nahe und befand sich in einem Waldabschnitt. Er vermutete, dass dies einer der New Yorker Naturparks war. Cliff entspannte sich und wurde wieder einigermaßen locker. Es konnte nicht mehr weit sein. In der Ferne nahm er ein entgegenkommendes Auto wahr. Er fuhr ohne Bedenken weiter, doch als der Wagen auf halber Strecke stehen blieb, bekam er ein mulmiges Gefühl. Da es keine anderen Möglichkeiten gab, als geradeaus zu fahren oder umzudrehen, entschied sich Cliff für das Weiterfahren. Er näherte sich dem Wagen, der links anhielt, jedoch das Licht anließ. Mit konstanter Geschwindigkeit fuhr Cliff an dem Wagen vorbei. Er konnte keine Person erkennen, die erdrückende Dunkelheit gewährte ihm keinen Blick. Der Wagen kam ihm irgendwie bekannt vor, wo hatte er so einen dunkelgrünen Van schon mal gesehen? Als der Wagen mit lauten Motorgeräuschen umdrehte und Cliff hinterher fuhr, ahnte er, dass es jemand von der Gang war. Der Van wurde schneller und auch Cliff legte einen Gang zu. Er entdeckte eine Seitenstraße, die rechts abging und bog in sie ein. Etwas fing plötzlich an zu piepsen und Cliff vernahm ein blinkendes Licht. Als der Wagen zu stottern anfing, begriff er, dass das Benzin alle war.

„Verdammt, das auch noch“, fluchte er. Er ließ den Wagen am Straßenrand ausrollen. Ohne zu Zögern nahm er seinen Rucksack und verließ das Fahrzeug. Um ihn herum war Wald. Er wusste zwar nicht, in welcher Richtung New York genau lag, doch da er von rechts kam, entschied er sich für die linke Seite des Waldes. Er wollte gerade loslaufen, als jemand rief: „Bleib stehen oder ich schieße!“

Cliff blieb stehen, drehte sich um und sah, dass es Sam Craig war. Sam war neu in der Gang und daher vermutlich noch gar nicht bei der Verfolgungs-jagd dabei gewesen. Deshalb war er jetzt auch nicht im Gefängnis.

„Was willst du von mir?“, fragte Cliff.

„Tja, dich zurückbringen, was sonst“, antwortete Sam.

„Und was ist mit den Anderen?“

„Du wirst sie schon früh genug sehen, und was Miguel und Rick angeht, die sollten jeden Augenblick hier sein!“

Ein paar Sekunden später bog ein vom Rost zerfressener Hecklader in die Straße und stellte sich direkt neben den Van. Cliff stand zehn Meter von seinen Feinden entfernt auf einer Straße, die umgeben von Bäumen war. Rick schien nicht in der Lage zu sein, herauszukommen. Als Miguel die Tür öffnete und sich Sam Craig für einen kurzen Augenblick umdrehte, ergriff Cliff seine vermutlich einzige Chance. Er nahm den Revolver aus seiner rechten Gesäßtasche und schoss mit einem gezielten Schuss auf die Pistole, die Sam rechts von sich weghielt. Durch die Wucht, mit der die Kugel die Pistole aus Sams Hand fetzte, sollten schon ein paar Finger gebrochen sein, was Sams Schmerzensschreie bestätigten. Als nächstes schoss Cliff auf die Vorderreifen der beiden Autos und lief los. Es schien ihm keiner dicht auf den Fersen zu sein. Während er um sein Leben lief, hörte er nur Miguel fluchen: „Bin ich denn hier nur von Versagern umgeben!“

Cliff war sich sicher, dass man ihn verfolgen würde und weitere Gangmitglieder früher oder später dazu stoßen würden. Er beschloss, wenn er erst mal in der Stadt war, einen kompletten Wandel vorzunehmen. Cliff wollte nicht nur sein Äußeres verändern, sondern auch einen neuen Namen annehmen. Somit wäre seine Anonymität auf jeden Fall sicher gestellt. Er sah ein, dass der Staat nicht derjenige war, der ihm Schlechtes angetan hatte, sondern dass es die Gang war. Die Gangs saugten den Leuten das Geld aus den Fingern und machten sie drogenabhängig. Cliff hatte seine Pläne geändert und sein Entschluss stand fest. Er wollte Kindern und Jugendlichen helfen, von solchen Unterdrückern freizukommen, damit sie nicht das gleiche durchmachen mussten wie er.

Cliff kam der Weg durch den Wald unendlich lang vor. Der weiche Boden, die vielen Stöcker und Steine machten das Laufen schwer. Er überquerte einen kleinen Bach und vernahm neben dem Plätschern des Wassers Motorengeräusche. Er sammelte alle Kräfte zusammen und lief seinem Gehör nach. Die Geräusche wurden immer lauter und flackerndes Licht durchflutete den Wald. Cliff legte einen Sprint bis zum Waldrand hin. Auf dem letzten Meter stolperte er und fiel zu Boden. Der war nicht weich, sondern hart wie Asphalt. Cliff hob seinen Kopf und schaute nach vorn. Was er sah, waren die Wolkenkratzer von New York bei Nacht. „Nichts und niemand hält mich jetzt noch auf“, stieß er erleichtert hervor und führte seinen Weg in ein neues Leben fort.