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Das blaue Licht

von Newroz Öztürk

Die blauen Augen schauen tief in meine, und ich sehe die Vision von meiner Zukunft. Das erste Mal fühle ich mich geborgen und spüre Hoffnung. Die blauen Augen sind wie ein Licht in der Dunkelheit, in meiner schmerzenden Seele. Die Wimpern der Frau sind lang und dominieren jede zärtliche Kontur ihres Gesichts. Meine Zukunft ist verschwommen. Ich erkenne nur Umrisse und Schatten. Manchmal sehe ich Farben. Jedoch nur sehr kurz. Ich bin angekommen.

Ich wache auf und komme in die Realität zurück.
Mir ist warm, Schweiß lässt sich auf meiner Haut spüren. Jedoch ist mir eiskalt. Ich friere und will mich zudecken. Wenn ich aber die Decke auf meinen breiten, jedoch auch gleichzeitig schwachen Körper lege, muss ich sie wieder zur Seite legen, weil meine männliche Körperstatur in eine des Schwachen schmilzt.
Ich dachte, dass meine harte Hülle jede Niederlage und jeden Schmerz abprallen lassen würde, jedoch habe ich nie an meinen Emotionen gearbeitet. Es war eigentlich vorhersehbar, dass ich eines Tages innerlich brennend hier liege, alleine. Mir ist schwindelig und immer, wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Bilder, die mich innerlich zerstören.
Ich habe im Schlaf geweint. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich seit dem Verlust das letzte Mal Tränen vergossen habe. Es ist spät nachts und ich wünschte es wäre schon morgens und ich könnte aufstehen und zur Arbeit gehen. Der Schlaf quält mich seit mehreren Tagen. Es fühlt sich an wie Folter. Mein Herz schmerzt so sehr, dass meine Seele herausspringen will. Es sind offene Wunden. Keine Narben, denn mein Herz wird niemals verheilen.
Ich setze mich auf mein Bett, gehe ins Badezimmer, aber schalte das Licht nicht ein. Ich möchte meine Gestalt nicht sehen und die Räume nicht mit Helligkeit erleuchten lassen, weil ich mich in der Dunkelheit wohler fühle. Ich gehe zurück in mein Zimmer und trinke einen Schluck Wasser. Das leicht sprudelnde Wasser fließt durch meine Lippen und gleitet bis zu meinem Magen. Es fühlt sich so an, als würde ich Verbrennungen mit kaltem Wasser kühlen, die tief in mir drin sind. Ich muss an mein verlorenes Glück denken und auch wie ich es verloren habe. Wie ich das letzte Mal ihre Hand hielt und ihr Gesicht sah. Ich bekomme Gänsehaut und Schuldgefühle tauchen in mir auf. Ich lege mich ins Bett und alles wiederholt sich.

Als es endlich sechs Uhr morgens ist, bin ich das erste Mal froh darüber, endlich aufzustehen, um diese frühe Uhrzeit. Endlich keine Träume und unkontrollierte Gedanken. Ich zittere und kann mich kaum auf den Beinen halten. Ich nehme meine ganze Kraft zusammen und gehe erneut ins Badezimmer. Ich schalte das Licht diesmal an, um wach zu werden. Ich kann meine Augen nur schwer aufhalten, denn das Licht beeinträchtigt das Sehen, mit meinen extrem angeschwollenen Augen. Ich wasche mein Gesicht und meine Augen mit kaltem Wasser. Die Schwellungen meiner Augen sind nicht wirklich zurückgegangen. Ich wasche meine Nase, um die Atemwege zu befreien und meine Ohren, damit ich mich reiner fühle. Der Kontrast meines dunklen Bartes und meiner dunklen Augen, die feuerrot erscheinen, ist mir fremd.
Ich stehe vor dem Spiegel und betrachte mein eigenes Gesicht genau und mustere meine Augen. Jede Schattierung meines Gesichts schaue ich an. Es fühlt sich so an, als würde ich Stunden vor dem Spiegel stehen, dabei sind es nur wenige Minuten. Ich schäme mich sehr, mir selbst in die Augen zu schauen. Tränen fließen über meine Wange und bis zu meinem Kinn, entlang meines kurzen Bartes. Jede einzelne Träne fühlt sich an, wie eine hochdosierte Salzlösung, die meine Haut verätzt und Narben hinterlässt. Es ist ein Kampf bei dem Zurechtmachen meiner Haare und beim Kürzen meines Bartes, denn es fällt mir schwer mich lange im Spiegel anzuschauen oder mich zu konzentrieren. Meine sonst leicht gebräunte Haut wirkt todesweiß.
Ich gehe in die Küche und mache mir einen Tee und ein leichtes Frühstück. Ich stelle mir meine Mahlzeit auf dem Esstisch und setzte mich hin. Ich trinke zuerst den Tee. Das Minzaroma entfaltet sich auf meiner Zunge. Ich nehme einen Bissen von meinem Brot. Ich kann es kaum kauen. Es schmeckt trocken und fade. Ich bin nicht in der Lage das Brot Stück herunterzuschlucken. Aus meiner Appetitlosigkeit wird Übelkeit. Ich renne ins Badezimmer, schaffe es gerade noch und übergebe mich, obwohl ich seit Tagen so gut wie nichts gegessen habe. Dafür kam das Blut meines abgestorbenen Herzens aus meinem Mund. Ich betrachte meine Hände, die mich beim Erbrechen gestützt haben. Die Innenseite meiner Hände sind nicht mehr von blauen Adern verziert. Die Adern des Lebens wurden tiefschwarz. Du hast mich innerlich sterben lassen. Ich wurde zum Mann ohne Herz durch deine Entscheidung. Es war kein Fehler, sondern deine Entscheidung. Du hast dich gegen mich entschieden. Du hast die Mühe, die Kraft und die Schmerzen der vergangenen Jahre eingetauscht für deine Freiheit.
Aber du warst frei! Ich wollte Dich nur beschützen, weil du alles für mich warst. Seitdem du weg bist, ist mein Leben so sinnlos, wie nie zuvor.
Wir hatten Ziele und Pläne, aber du hast auf alles gespuckt.
Ich laufe zur Arbeit, aber fühle mich so, als würde ich nie ankommen. Ich laufe nach Hause, aber fühle mich, als würde ich nicht ankommen. Ich lebe mein Leben ohne dich und merke, dass ich nicht ankomme. Alle meine Schritte und Bewegungen sind mühsam. Ich spreche nicht mehr mit Menschen, Freunden oder mit der Familie. Ich bin mit meinen Gedanken ganz woanders. Ich bilde mir ein, dich immer zu sehen. Wenn ich aber ein zweites Mal hinschaue, bemerke ich jedes Mal, dass Du es nicht bist. Ich schließe meine Augen und sehe dich. Im Schlaf, in meinen Träumen oder in meinem Alltag, wenn ich wieder einmal von dir halluziniere.
Deine haselnussbraunen Augen, tiefschwarzen langen Haare und deine selbstbewusste Art machten dich unfassbar attraktiv. Nur leider war ich nicht der einzige Mann, der das so empfand.
Das Leben ist wie ein Hocker aufgebaut, mit drei Beinen. Das erste Bein ist das, was man sich im Leben aufgebaut hat. Das zweite Bein ist die Gesundheit. Und das dritte Bein ist das Liebesleben. Ich legte immer einen starken Fokus darauf, den Hocker nicht zum Stürzen zu bringen. Meine Priorität war immer schon gewesen, den Hocker mit den drei Beinen stabil zu halten. Jedoch ist der Hocker jetzt zusammengefallen. Ich komme nicht mit der Veränderung zurecht.
Bei jedem Blick eines anderen Mannes auf dich, kochte ich vor Eifersucht. Vielleicht war das einer der Gründe, wieso du mir das antatest, was zu unserer Trennung geführt hat. Ich erdrückte dich mit meiner Zuneigung und Eifersucht. Du spürtest jedes Mal, wenn mich etwas störte.
Wieso hast du meine Eifersucht nicht als Beweis der echten Liebe gesehen? Ich gab dir meine Loyalität, meine Ehrlichkeit und selbst meine Augen waren immer treu zu dir. Nie habe ich eine andere Frau so sehr bewundert wie dich.

Dennoch verzeihe ich dir. Ich möchte, dass du glücklich bist. Und wenn du glücklicher ohne mich bist, dann lasse ich dich gehen. Ich halte dich nicht mehr auf. Ich hatte die schönste und wertvollste Zeit mit dir. Jetzt ist die Zeit gekommen, bei der du auch dein Leben genießen sollst. Ich vergebe dir, damit ich Seelenfrieden finde.
Mein ganzer Körper schmerzt so stark, dass ich tatsächlich alles tun würde um diesem Schmerz ein Ende zu bereiten…
Ich laufe auf einen Hügel. Ich laufe bis zur höchsten Stelle. Erneut fühle ich mich so, als würde ich nicht ans Ziel kommen. Dieser Spaziergang fühlte sich für mich an, als würde ich viele Steine hinter mir herziehen. Diese Steine sind mit einem Seil an meinem Rumpf gebunden. Ich komme den Tränen nahe. Alle Erinnerungen kommen in mir hoch. Ich sehe das letzte Mal deine haselnussbraunen Augen, die mich in Schuldgefühle und Kummer ertränken. Die schönen Zeiten mit dir. Die schlechten Zeiten mit dir. Ich habe viel daraus gelernt.
An der höchsten Stelle des Hügels angelangt, kommt mir ein starker Wind entgegen. Er riecht nach Erlösung. Dieser Wind stützt mich nach vorne. Ich sehe unter mir Blumen und Wasser, das nicht fließt.
Der Himmel ist dunkel. Ich höre nur den Wind.

Ich laufe zu einer Bank und setze mich dort hin. Dort sitzt eine Frau, mit dem Rücken zu mir. Ich schenke ihr keine Beachtung. Ich schaue in den Himmel und denke nur an dich. Aber keine Tränen laufen über mein Gesicht.
In meinen Gedanken verabschiede ich mich von dir.

Ich öffne die Augen und sehe ein blaues Licht. Voller Hoffnung. Eine neue Zukunft. Es sind die Augen der Frau, die ich in meinem Traum sah. Mein Herz macht sich bemerkbar. Es schlägt wieder. Ich merke, wie mein Blut wieder anfängt zu fließen. Die tiefschwarz gewordenen Adern, die auf meinen Händen zu sehen sind, färben sich wieder blau. Das Blau spiegelt sich in ihren Augen. Der Himmel entfaltet seinen blauen Schleier. Die Sonne scheint auf mein Gesicht. Ich spüre wieder Wärme. Auf meinen ganzen Körper und endlich wieder in mir drinnen. Das Wasser unter mir fängt an zu fließen und die Blumen fangen an aufzublühen in blauen Farben. Hellblau, Mittelblau, Dunkelblau.
Der Wind, der nach der Erlösung von Schmerzen riecht, taucht wieder auf. Ich fühle mich lebendig. Die Zukunft meint es endlich gut mit mir. Ich lasse die Vergangenheit hinter mir und ändere die Gegenwart. Ich sehe die Vision meiner Zukunft in dem blauen Licht ihrer Augen. Sie erleuchtet alles. Ich sehe nicht mehr nur Schatten und Umrisse, sondern ganze Bilder. Ich sehe viele Farben. Ich bin endlich angekommen und das nicht nur in meinen Träumen. Ich lebe ab jetzt meine Zukunft, die mir bestimmt ist. Das blaue Licht der Zukunft hat mich gerettet.