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Das Erdbeben

Von Gülcan Demir, 17 Jahre

Die Nacht nähert sich. Sie sitzt immer noch da. Ihr blaues Kleid verliert die kräftige Farbe. Die Lichter verlieren ihre Helligkeit. Jetzt ist sie ganz allein. Sie steht auf und versucht ihr farbloses Kleid vom Dreck zu befreien. Es ist zu ruhig. Die Stille macht Aytan Angst. Ihre tränenüberfüllten Augen glänzen wie die Sterne am Himmel. Ihre dünnen Beine zittern wie die Blätter an den Bäumen, die einen Schatten auf sie werfen. Sie ist die einzige, die nicht ruht. Doch die Beschreibung ihres Vaters bestätigt sich. Vor toten Menschen braucht man keine Angst haben. Sie ruhen. Aytan legt ihre selbst gepflückten Blumen ab und verabschiedet sich. Der Gedanke, dass hier irgendwo ihre Mutter liegt, bringt sie zum Verzweifeln. Sie geht den langen Weg zurück. Allein. Ihre Erinnerung an ihre jüngere Schwester und ihrer Mutter wird stärker. Die Fragen, die sie sich stellt, können nicht beantwortet werden. Überall liegen Trümmerteile einzelner Häuser. Schöne Häuser, damals. Die Menschen um Aytan herum weinen, suchen ahnungslos und verzweifelt nach Familienangehörigen. Viele beklauen auch Tote, um später überleben zu können.
Die große Menschenmenge drängt Aytan weg. Es regnet. Ein Regen mit dem Geruch der toten Menschen. Die Hoffnung sinkt wie die Pfütze aus Regen. Verschollen. Hätte man es verhindern können?
Sie saßen alle doch so friedlich zusammen. Die herzliche Umarmung ihrer Mutter. Das sollte die letzte sein. Sie hält ihre kleine, zierliche Schwester in den Armen. Doch die Erde fängt an zu zittern. Plötzlich bewegt sich alles. In einem Moment erreicht die Dunkelheit ihr Limit. Viel zu dunkel für Aytan. Ein Kreischen erschreckt das verängstigte Mädchen. Sie schreit ganz laut. Erschrocken zuckt sie zusammen. Die Angst in ihrem Körper fängt an sich zu verbreiten. Alles stürzt ein. Das wunderschöne Haus liegt in Schutt und Asche. Auch ihre Welt stürzt mit. Sie schreit ganz laut. Die helle Wand in Raum verliert ihren Halt. Die Möbel im Zimmer werden durch die Kraft der Natur zerstört. Sie riecht Blut, frisches Blut, das an ihrem Arm hinunterfließt. Auf ihrem Kopf entsteht ein sehr unangenehmer Druck. Ein Druck, der nicht zu beschreiben ist. Alles wird eng. Viel zu eng.
Aytan schreit ganz laut. Ihre Stimme schallt wie ein Echo. Ihre Familie in die Arme zu schließen, genau das will sie jetzt. Keine Erinnerungsstücke. Gar nichts.

Vieles ändert sich. Aytan wacht auf. Verschwitzt. Ohne Mutter. Eine Woche schon. In ihrem kaputten Bett denkt sie zurück. Ein Tag, und ihr Leben verändert sich. Aytan steht auf, sieht ihre farblose und verdreckte Umgebung, die ihr früheres Aussehen verloren hat. Blumen mit grellen Farben. Nun, einfach nur noch im Staub verfallen. Das Lächeln ihrer Mutter oder die warmherzige Umarmung und Liebe ihrer Mutter, das fehlt ihr. Aus ihrem gestaltlosen Bett steht Aytan auf. Kein gewöhnlicher Alltag. Denn nun ist sie für alles zuständig. Vor dem zersplitterten Spiegel steht sie und betrachtet sich. Sie fasst sich im Gesicht an, merkt welche Schmerzen sie durch diese Tage ertragen muss. Ihre langen Haare verlieren ihren Glanz. Erschöpft durch die lange Suche. Müde von dem Gedanken, alles verloren zu haben. Aytan zögert nicht lange und geht aus dem Haus. Ihr neunter Geburtstag. Vergessen von allen. Mit den kaputten Schuhen läuft sie die lange und kaputte Gasse runter. Betrachtet von den Menschen richtet sich ihr Blick auf den Boden. Ein Tag ohne Mutter. Keine Schule. Aytan will Ärztin werden. Dazu wird es aber nicht mehr kommen. Die Geschehnisse rauben ihr die Zukunft, wovon sie träumt. Ein Stück Brot soll ihr die Kraft geben, nicht aufzugeben. Sie verlässt den Laden und sieht die Menschenmenge, die sich wegen der schlechten Lebensbedingungen streiten. Ein großer, starker Mann tritt Aytan auf die kaputten Schuhe. Seine tiefe Stimme bringt sie zum Verzweifeln.
„Mädchen! Hau ab! Gib mir das Brot!“, befiehlt er.
Aytans Blick dreht sich. Sie hält das Brot ganz fest. Soll sie aus Vernunft dem Mann gegenüber nichts sagen?
Nein? Ja? Unverschämt schubst er das zierliche, dünne Mädchen auf den Boden. Die Kälte des Bodens spürt sie. Das kreidebleiche Gesicht von Aytan verfärbt sich in rot. Rot vor Wut. Es kocht in ihr. Sie steht auf. Ihr Kleid ist total nass vom Regenwasser. Sie stellte sich vor den Mann, der sie in die Pfütze schubste.
Doch dann hört sie etwas.
„Was zur Hölle soll das werden?“, schreit der Bäcker. „HAU AB! Lass das arme Mädchen in Ruhe. Sonst hast du ein Problem.“
Aytan ist erleichtert. Sie hat Kraft gespart.
„Alles gut mein Kind?“, fragt der Bäcker
„Ja“, sie zittert und holt ganz tief Luft, „Danke“.
Aytan rennt weg. Schon wieder füllen sich ihre makellosen Augen mit Tränen. Einfach nur weg. Barfuß und dreckig bringt sie das Brot nach Hause. Doch vor ihrer Haustür sieht sie das Mädchen wieder.
„Hallo“, sagt sie.
„Hallo“, antwortet Aytan.
„Ich wollte dich um Hilfe bitten. Ich finde meine Mutter nicht. Kannst du mir dabei behilflich sein?“, fragt sie Aytan.
„Also…“, sagt Aytan.
„Tut mir Leid, mein Name ist Azera. Ich habe niemanden gefunden, der mit mir gemeinsam suchen würde“, sagt Azera.
Aytan zögert nicht und bringt das Brot nach Hause.
Azera rennt Aytan hinterher.
„Das war mal das Haus von euch?“, fragt sie Aytan.
„Ja“, antwortet Aytan total traurig.
„Weißt du Aytan, ich habe eine Idee!“
„Eine Idee? Soll ich dir denn nicht helfen?“, fragt Aytan.
„Wir suchen gemeinsam nach meiner Mutter. Und ich helfe dir, das Haus wieder in Ordnung zu bringen“, sagt Azera.
„Sag mal, wie hast du mich gefunden“, fragt Aytan.
„Zufall“, sie sieht Aytan tief in die Augen, „nur Zufall.“
Ohne weitere Fragen gehen beide.
Azera gibt Aytan ein Bild.
Eine wunderschöne Frau ziert das Stück Papier.
„Deine Mutter?“, fragt Aytan.
Azera nickt. Beide suchen in verschiedenen Richtungen. Einen Tag lang suchen beide. Sie gehen gemeinsam erneut die kaputte Gasse hinunter. Aytan sieht die Bäckerei wieder. Sie stoppt vor dem Eingang der Bäckerei und geht allein rein.
„Hallo mein Kind, was darf es sein?“
„Haben Sie zufällig diese Frau hier auf dem Bild gesehen?
Azera beobachtet Aytan durch das Schaufenster.
„Sie kommt mir bekannt vor. Vielleicht ist es die verzweifelte Mutter, die ihr Kind sucht. Ich glaube, es ist ein Mädchen, wonach die Mutter sucht.“
Aytan winkt Azera. Sie fordert sie auf, den Laden zu betreten.
„Hat sie ein Bild gezeigt?“, fragt Aytan.
„Ja. Das ist sie“, sagt der Bäcker.
Azera guckt Aytan an. Total glücklich sehen beide den Bäcker an.
Aytans Erinnerung an die Mutter kommt zurück.
Sie befolgen den Rat des Bäckers und gehen den ganzen Weg zurück. Dort ist ein Stand mit Vermisstenanzeigen.
Trauernde Mütter, Väter und Kinder stehen da. Aytan guckt sich in Ruhe um.
„Aytan!!!!!!!!!“, schreit Azera.
Aytan zuckt zusammen.
„Was ist?“, fragt sie erschrocken.
„Da. Da ist sie“, sagt Aazera.
„Wer? Wer ist da Azera?“, fragt Aytan.
„Meine Mutter!“, antwortet Azera.
Azera rennt zu ihrer Mutter.
Die Frau, die auf dem Bild wunderschön ist, sieht übermüdet und verheult aus.
Mutter und Kind umarmen sich.
Aytan freut sich, merkt aber, wie sehr sie ihre eigene Mutter vermisst.
„Mama, das ist Aytan“.
Aytan versucht zu lächeln.
„Hallo Aytan“, die Mutter fängt an zu weinen, „Danke für die Hilfe.“
Aytan versucht nicht zu weinen.
Ohne ein Wort zu sagen verabschiedet sie sich. Azera hält Aytan fest.
„Danke“, betont Azera erneut.
Nun geht sie allein den ganzen Weg zurück.
Das Versprechen ihrer Freundin wird nicht eingehalten. Aytan ist erschöpft und müde. Enttäuscht.
Es fängt an zu regnen. „Auch noch das!“
Zuhause angekommen kommt ihr Vater ihr entgegen. Sie setzen sich auf den Boden. Ihr Vater hat gekocht. Total nass und müde sitzt sie da. Denkt an alte Zeiten zurück.
Es riecht nach Tomatensuppe.
„Hast du keinen Hunger?“
„Nein Papa, keinen Hunger“.
„Ich verstehe dich mein Kind“, sagt er.
„Ich weiß, dass du traurig bist, weil deine Mutter nicht mehr bei uns ist. Aber es ist kein Grund, den Kopf hängen zu lassen. So kommt man nicht weiter.“
Aytan sieht ihren Vater an. Sie bekommt wieder Tränen in den Augen. Sie holt tief Luft, um etwas zu sagen. Jedoch kommt ihr Vater ihr zu vor.
„Du sollst trotzdem etwas essen“.
Sie versucht den Löffel zu greifen, schafft es aber nicht. Viel zu schwer. Dafür hat sie die Kraft nicht.
„Aytan“, sagt ihr Vater. „Tu das für mich“.
Aytan nimmt erneut den Löffel aus Metall, versucht es erneut.
Sie riecht die Tomaten aus der Suppe. Ihre Lieblingssuppe.
„Papa. Es schmeckt…“ sagt sie höflich.
„Ich kann besser kochen als Mama.“, sagt er und zieht Grimassen.
Sie will sich das Lächeln verkneifen, aber das gelingt ihr nicht.
„Siehst du Aytan. Wir können noch lachen“, sagt ihr Vater.
Aytan begreift, dass sie nicht alles verloren hat. Sie hat ihren liebevollen Vater neben sich. Ihr Vater zögert nicht lange und nimmt Aytan in die Arme.
Er flüstert ihr ins Ohr: „Ich habe zwar vieles verloren, aber dich habe ich noch. Dich möchte ich auch nicht verlieren.“
Aytans Träne fließt ihr die Wange runter. Beide umarmen sich.

Mein Name ist Gülcan, und dies ist die Geschichte von meiner Mutter und meinem Opa. Sehr emotional erzählte mir meine Mutter von den Erlebnissen im Jahre 1972 in Bingöl, wo sie ihre Mutter und ihre kleine neugeborene Schwester bei einem Erdbeben verlor. Meine Mutter hat keine Vorstellungen mehr, wie ihre Mutter aussah. Der Schmerz, der ihr hinzugefügt wurde, wird für immer bleiben. Das Mädchen von damals, das durch den Verlust ihrer Mutter in eine schlimme Depression verfallen war, ist heute eine starke wunderschöne Frau.
Eine Frau, die mit jungen Jahren schon eine große Verantwortung übernehmen musste, nenne ich Mutter.
Sie hat mir und hoffentlich auch euch gezeigt, dass man trotz schlimmen Erfahrungen stark bleiben sollte. Sie zeigt uns, dass es immer einen Sinn im Leben gibt, und das Schicksal mit dazu gehört.
Die Liebe die sie als Kund benötigte, schenkt sie uns.
Meine wundervolle Mutter.