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Das falsche Lächeln der Fluten

von Susan Seddiq-Zai, 20 Jahre

Du sitzt in der Dunkelheit. Es ist kalt und du fühlst dich taub. Du weißt nicht, ob es der Wind ist, der dich durchdringt, oder das Toben des Sturms, aber du hörst nichts und du fühlst nichts.

Um dich herum sitzen andere, aber du weißt nicht mehr, mit wem du dieses Zimmer teilst. Du schaust dich um und siehst Fremde, Nachbarn, die Menschen, die du liebst. Du hast dein Leben mit ihnen geteilt, und doch kennst du keinen von ihnen. Du fragst dich, ob es schon immer so war oder ob du erst jetzt siehst, wie fremd sie wirklich sind. Ob du erst jetzt sehen willst.
Sie reden leise miteinander, manchmal lauter, wenn das Heulen des Sturmes stärker wird, und du wünschtest, sie würden endlich aufhören.
Die Kinder spielen, denn sie wissen nicht, was los ist. Du weißt es auch nicht und deswegen sitzt du da und wartest. Es spielt keine Rolle worauf du wartest, ob auf das Ende des Sturms, auf die Befreiung aus diesem Gefängnis, in dem du kauerst, zusammen mit all diesen Menschen, die du einfach nicht mehr sehen kannst, oder darauf, dass endlich alle aufhören so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Vielleicht ein bisschen von allem, vielleicht auch nichts von alldem.

Und trotzdem reden die Erwachsenen weiter und die Kinder spielen. Ein Abenteuerspiel. Du findest den Gedanken lachhaft, dass sie ein Abenteuerspiel spielen, ohne zu wissen, dass sie im größten Abenteuer ihres Lebens stecken, vielleicht im letzten Abenteuer ihres Lebens. Aber es ist nicht mal das, das dich so stört. Es ist etwas anderes, aber du weißt nicht was. Also sitzt du einfach da und starrst ins Nichts.
Dein Zeitgefühl hast du schon lange verloren. Offensichtlich kannst du nicht sagen, wann genau, aber irgendwann war es einfach weg, und du weißt nicht mehr, wie lange du hier sitzt. Es könnten Minuten oder Stunden sein, auf keinen Fall mehr, aber du fühlst dich, als säßest du schon tagelang starr da. Du bist hungrig und müde und dir ist kalt. Fast wütend starrst du auf das ganze Holz, das ihr alle hochgeschleppt habt, um es vor den Fluten zu retten. Hier könnt ihr es aber nicht benutzen, denn ihr habt in diesem Stockwerk keinen Ofen. Hättet ihr doch nur mehr Decken mitgebracht. Aber das habt ihr nicht, deswegen starrst du das Holz weiter an, stellst dir vor, es würde in Flammen aufgehen und dir wenigstens ein bisschen Wärme spenden.

Aber die Kälte ist nicht das Schlimmste, es ist der unerträgliche Durst. Du bist so furchtbar durstig, und du kannst nicht aufhören, daran zu denken, wie paradox es doch wäre, wenn du umgeben von all dem Wasser verdursten würdest.
Doch dafür sitzt du wohl noch nicht lange genug da. Es wäre ein qualvoller Tod, langsam zu verdursten, aber vielleicht wäre es auch eine Erleichterung, dann wärst du endlich frei. Doch das bist du nicht und du wirst es vermutlich auch niemals sein, deswegen sitzt du da, wartest und bist wütend. Auf den Sturm, auf das dumme Radio, das einfach nicht mehr angeht und euch vollkommen von der Welt abgeschnitten zurücklässt. Auf deine Familie, für ihr verlogenes Lächeln und ihre ganze Heuchelei. Aber am wütendsten bist du auf dich selbst, darauf, dass du in diese Situation gekommen bist, und darauf, dass du nie etwas gegen all das hier getan hast. Denn du warst schon immer so wütend, dein ganzes Leben lang, und du hast einfach nichts dagegen getan. Und jetzt steckst du hier fest und kannst nicht mehr weglaufen vor all der Wut, die dich von innen zerfrisst.
Und trotzdem sitzt du da und tust nichts. Schaust stumm dabei zu, wie deine Mutter eine Nachbarin im Arm hält und ihr verspricht, dass alles gut wird. Vor ein paar Tagen hat sie noch gesagt, wie schrecklich diese Frau doch sei. Hatte überall herumerzählt, ihr Ehemann würde sie betrügen, weil sie eine furchtbare Ehefrau sei, und auch ihr Sohn wäre nichts anderes als ein Herumtreiber. Und jetzt, nach alldem, hält deine Mutter diese Frau im Arm, als wäre alles in Ordnung. Du könntest kotzen. Tust du aber nicht, natürlich nicht. Du warst noch nie ein Mensch, der irgendwas tut. Nein, du bist die Person, die dasitzt und andere tun lässt, weil du zu schwach bist, weil du keinen Mumm hast. Und du hasst dich selbst für deine Tatenlosigkeit.

Du bist eben nicht so wie dein Vater, denn der ist stark und stolz und macht, was er will. Er hat den Krieg überstanden und sich mit seinen eigenen Händen ein neues Leben aufgebaut, und es gibt niemanden, der ihm irgendetwas anhaben kann.
Selbst die Fremden, eingewickelt in dicken Wolldecken, lauschen gespannt den Geschichten deines Vaters, halten ihn für stark und mutig. Du siehst ihm an, dass er dasselbe von sich denkt. Aber wie kann er so großartig sein, wenn er unzähligen Menschen von eurem Fenster aus beim Ertrinken zugesehen hat. Wenn er doch so tapfer ist, warum ist er nicht da draußen, um zu helfen?
Du hasst deinen Vater dafür, du hasst dich selbst dafür, dass auch du tatenlos bleibst, und du weißt, dein Vater hasst dich dafür, dass du nicht mehr wie er sein kannst. Der Gedanke, dass ihr im Grunde genau gleich seid, widert dich an.
Da du dich diesen Dingen, diesen Gedanken nicht stellen willst, drehst du dich zum Fenster. Lieber siehst du dir die Zerstörung draußen an als die kaputten Menschen hier drinnen. Du guckst also raus und siehst Wasser, überall nur Wasser. Es ist beängstigend und ungewohnt und vollkommen unbegreiflich für dich. Es sind dieselben Häuser, derselbe Ausblick wie immer, derselbe verdammte Himmel, und doch sieht alles anders aus. Wie eine andere Welt. Ihr seid umschlossen von Wasser. Es fließt durch jede Straße, durch jede Gasse und steht so hoch, dass mehrere Meter der Nachbarhäuser nicht mehr für dich sichtbar sind.

Du siehst Hausrat, Äste, Holzteile und Autos, die Dächer an der Oberfläche der Brühe treiben. Das Wasser selbst ist schlammig und dunkel, und du fühlst dich ein bisschen so, als ob der ganze Dreck dahingehört. Es ist, als ob das ganze Kaputte und der Schmutz, der bei jedem unter der Oberfläche liegt, endlich hervorgekommen sind. Du findest das stimmig. Doch dann steigen die Bilder vom Abend wieder in dir hoch, und du erinnerst dich an die Menschen, die von den Fluten mitgerissen wurden, und dir wird wieder schlecht. Du musst deinen Blick wenden.
Aber dadurch geht es dir auch nicht besser, der Anblick deiner Eltern, das Spielen der Kinder, die einfach nichts zu begreifen scheinen, und der ganze falsche Frieden bereiten dir Übelkeit. Und das Brennen in deiner Kehle ist stärker geworden, du musst unbedingt was trinken.
Alle anderen scheinen davon nichts mitzubekommen, sie versuchen weiter den Schein zu wahren und unterhalten sich. Dein Vater erzählt, wie er den Fernseher gerettet hat. Den neuen Fernseher, auf den er und deine Mutter ganz besonders stolz waren. Stolzer als sie auf dich jemals sein würden. Schließlich war er neu und teuer und ein wundervolles Statussymbol, mit dem man angeben konnte, mit dem auch ordentlich angegeben wurde. Du willst das alles gar nicht hören, denn der Fernseher ist dir gleichgültig. Alles ist gleichgültig, bei dem Gedanken, wie viele Leute wohl in der letzten Nacht ihr Leben lassen mussten und wie viele ihre ganze Existenz verloren haben. Aber deine Eltern scheint es nicht zu interessieren. Die sind durch den Krieg wohl Schlimmeres gewohnt, Hauptsache der Fernseher hat überlebt. Dabei hättest du lieber ganz andere Dinge gerettet, wenn du gekonnt hättest. Mehr zu essen, mehr Wasser, Decken, vielleicht sogar noch unbedeutendere Dinge wie deine Bücher, Fotos, Briefe, all deine Erinnerungen. Aber daran wurde nicht gedacht, das war nicht wichtig, schließlich geht es immer um materiellen Wert, nicht um das, was dir wichtig ist.

Du siehst dir die einzelnen Gesichter der Menschen an, und du fühlst dich nicht mit ihnen verbunden. Du bist nicht dankbar, dass du es mit ihnen zusammen geschafft hast. Du bist einfach nur müde und kannst diese Welt nicht verstehen. Vielleicht wirst du es auch nie. Vielleicht willst du das Ganze auch einfach nicht begreifen.
Du schaust zurück in die Fluten und wünschtest, du hättest wenigstens halb so viel Kraft gehabt wie sie. Dann triffst du eine Entscheidung. Du stehst auf und gehst. Keiner hält dich auf, keiner fragt dich, wo du hingehst. Es ist ihnen egal.
Du gehst die Treppen runter und siehst das Wasser. Es ist fast zwei Meter hoch, du schaust es kurz an und gehst weiter. Du kommst nicht mehr zurück.