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Das Fremde in meiner Mutter

von Sandra di Giorgi


Der Umzug
In meiner frühesten Erinnerung bin ich gerade sieben Jahre alt. Eigentlich kann man sagen, dass ich eine wunderbare Kindheit hatte. Ich hatte alles, was sich ein Kind nur wünschen kann, viele Puppen, Stofftiere, tolle Spiele, ein riesiges Barbiehaus und natürlich eine heile Familie – Mutter, Vater und eine große Schwester.
Wir waren nicht reich, doch konnten mit dem, was wir hatten, sehr gut leben.
Im Jahr 2000 sind wir umgezogen, in eine größere, schönere und hellere Wohnung mit vier Zimmern im Erdgeschoss.
Wenn man auf dem Balkon stand, konnte man von dort aus einen kleinen Spielplatz sehen, der zum Haus gehörte. Von dem Spielplatz jedoch war ich ein wenig enttäuscht. Es gab nicht mal eine Schaukel. Nur eine kleine Sandkiste, in der nur wenige Kinder spielen konnten und ein Schwein aus Holz. Wie auch immer, ich musste mich damit abfinden.
Ich war sehr aufgeregt und lief durch die leeren, noch nicht möblierten Zimmer. Die Wohnung kam mir riesig groß vor. Die beiden Kinderzimmer lagen nebeneinander. Eines für mich und eines für meine Schwester. Ich schnappte mir gleich das größere und fing an, meine Spielsachen dorthin zu transportieren.

Meine Schwester und ich waren eigentlich ein Herz und eine Seele, doch an manchen Tagen haben wir uns gehasst. Vor allem weil sie ganz andere Interessen als ich hatte. Ich spielte lieber mit meinen Puppen und guckte Filme wie „König der Löwen“ oder „Aladin“. Und obwohl ich genau wusste, dass meine Schwester nicht mehr mit Puppen spielte, habe ich trotzdem immer wieder versucht, sie ihr anzudrehen, damit sie mit mir spielte.
Doch das größte Problem war, dass sie später ins Bett ging als ich. Und damit war ich natürlich überhaupt nicht einverstanden. Ich wollte dieselben Rechte wie sie genießen, und fühlte mich jedes Mal ungerecht behandelt. Dabei behauptete sie, dass ich bevorzugt würde.
Nun stapelten sich also meine Bücher in meinem Zimmer. Meine Puppen setzte ich sorgfältig nebeneinander. Ich hatte zum ersten Mal ein eigenes Zimmer. Und gleich am ersten Tag baute mein Vater ein Hochbett hinein.

Währenddessen ging ich in die Küche. Vom Fenster aus konnte man den Spielplatz sehen. Meine Mutter hatte eine hübsche Gardine mit Schmetterlingen an das Küchenfenster befestigt. Sie liebte Schmetterlinge und Blumen. In unserem Garten, den wir besaßen, hat sie viele schöne Blumen gepflanzt – Rosen, Nelken, Sonnenblumen. Doch am meisten bevorzugte sie Stiefmütterchen, die sie sogar auf unserem Balkon in kleine Blumenkästen gepflanzt hatte. Durch sie wurde unsere Wohnung warm und bunt.
Ich schaute sie an, sie hatte mittellanges dunkelbraunes Haar, das sie immer zu einem kleinen Zopf gebunden hatte. In ihrem schmalen Gesicht erstrahlten ihre Augen jedes Mal, wenn sie aufschaute. Sie hatte schön geformte Augenbrauen und einen schmalen Mund. Wenn sie lachte, mussten alle lachen, weil ihr Lachen so herzlich war. Sie hatte immer einen Grund zur Fröhlichkeit, hatte ständig ein Lächeln im Gesicht. Ihr Körper war schlank und zierlich, und sie hatte weiche Haut und einen schönen Teint.

Merkwürdige Schmerzen

Einen Monat später war die Wohnung wunderschön eingerichtet. Viele Dekorationen und Pflanzen schmückte unser Wohnreich. Alles war toll, vor allem mein eigenes Zimmer.
Dann kam mein letzter Ferientag, ein Freitag. Am Morgen wurde ich durch einen lauten Knall wach. Sofort gingen meine Augen auf, und ich schaute erschrocken von meinem Hochbett hinunter auf meine Uhr, die über der Tür an der Wand hing. Viertel vor neun.
Ich gähnte, stieg aus meinem Bett und blinzelte durch den Türspalt in die Küche gegenüber. Meine Schwester half meiner Mutter vom Boden auf.
Ich ging in die Küche, um Genaueres zu erfahren.
„Mama, was ist los?“, fragte ich mit einem kleinen Kichern.
Ich war damals sehr schadenfroh und habe über alles und jeden gelacht.

„Ich wollte das Fenster putzen und bin abgerutscht. Oh, es schmerzt so an meiner Schulter…“
„Sollen wir Papa anrufen und ihm Bescheid sagen?“, fragte meine Schwester. Mein Vater war seit dem Morgen um halb sieben auf der Arbeit.
„Nein, es geht schon. Ich werde das hier nur schnell wegräumen und dann meine Schulter kühlen“, sagte meine Mutter.
Wir nickten und verließen die Küche.
Ich folgte meiner Schwester in ihr Zimmer. Bevor sie die Tür zu machen konnte, war ich schon drinnen.
„Sandra, geh raus! Ich will in Ruhe fernsehen!“, griff sie mich gleich an.
„Na und? Ich will auch fernsehen!“, fauchte ich zurück.
„Du hast doch einen Fernseher in deinem Zimmer! Und auf deine Kinderfilme habe ich kein Bock! Mamaaaa..!?“ Gleich rief sie wieder nach unserer Mutter.
„Meiner ist aber winzig klein und…“
„Was ist wieder los bei euch beiden!?“, unterbrach mich meine Mutter. „Ihr könnt doch nicht am frühen Morgen so rumschreien!“
„Sandra soll aus meinem Zimmer, Mama, sie nervt nur!“
„Ich wollte doch nur mit meiner Lieblingsschwester fernsehen“, erwiderte ich.
„Du lügst, du willst nerven, das willst du!“, schrie meine Schwester mich an.
„Hey, es reicht mir! Hört auf euch anzukeifen! Sandra, du gehst in dein Zimmer und Claudia, du bist jetzt still!“
Ich verließ beleidigt das Zimmer und ging in meins.
Gegen vier Uhr hörte man einen Schlüssel im Türschloss. Mein Vater kam von der Arbeit nachhause.
„Ich bin zuhause“, rief er.
Meine Mutter begrüßte ihn. „Na mein Schatz, wie war dein Arbeitstag?“
Sie ging immer liebevoll und gefühlvoll mit meinem Vater um. Sie waren seit achtzehn Jahren verheiratet, und es wunderte mich immer wieder, dass sie immer noch glücklich waren. Von den Eltern meiner Freundinnen waren schon einige getrennt.

Am Samstagmorgen hatte meine Mutter so starke Schmerzen, dass sie es kaum noch aushielt. Sie lag im Bett, schaute fern und kühlte ihre Schulter.
Nachdem ich aufgestanden war, legte ich mich gleich wieder zu ihr ins Bett und ließ mich am Rücken kraulen. Ich genoss es und schlief beinahe wieder ein, bis plötzlich mein Vater ins Zimmer kam.
„So, mach dich fertig, zieh dich an, wir fahren ins Krankenhaus“, sagte er mit ernstem Gesicht. „Sandra, geh und sag Claudia Bescheid, ihr kommt auch mit.“
Ich schaute meinen Vater böse an. „Können wir nicht einfach zuhause bleiben?“

„Nein.“

„Mensch, wie konnte das denn passieren beim Fensterputzen?“, fragte mein Vater im Auto.
„Ich bin gefallen, mein Gott, was hätte ich denn machen sollen?“, entgegnete meine Mutter. Mein Vater nörgelte irgendwas vor sich hin und fuhr auf den Parkplatz vorm Krankenhaus.

„Die nehmen so viel Geld fürs Parken, das gibt’s ja gar nicht! Und dann ist auch noch alles voll am Samstag! Ich fahr gleich wieder nachhause, Mensch!“
Meine Mutter saß einfach ruhig neben ihm. „Ich steige aus und gehe alleine. Ich rufe dich an, wenn ich fertig bin“, sagte sie gelassen.
„Ach Quatsch, wir finden gleich einen Platz!“, mein Vater gab Gas.
„Dahinten ist einer“, sagte er und fuhr mit voller Geschwindigkeit zum Parkplatz.
Wir stiegen aus und gingen hinein.
Nach einer halben Stunde kam meine Mutter dran.
Zuerst nahmen sie ihr Blut ab und maßen ihren Puls.
„110 zu 55“, sagte der Doktor. „Das ist sehr niedrig.“
„Normalerweise sind wir wegen ihrer Schulter hier, aber meine Frau hat schon seit ein paar Wochen einen niedrigen Blutdruck“, äußerte sich mein Vater. „Woran kann das liegen, ist das normal?“
„Naja“, sagte der Arzt, „eigentlich ist ein niedriger Blutdruck nicht immer schlimm. Wenn man es ab und zu hat, ist das in Ordnung, aber sollte man öfter darunter leiden, dass einem schwindlig ist, muss man schon mal einen Arzt aufsuchen. Ein niedriger Blutdruck kann auf andere Krankheiten hindeuten. Wir werden das untersuchen, machen Sie sich keine Sorgen, Frau di Giorgi .“
„Ja, das möchte ich auf jeden Fall untersuchen lassen“, sagte meine Mutter. „Mir ist zurzeit sehr oft schwindlig, und ich habe überhaupt keinen Appetit. Ich habe auch ziemlich abgenommen, sagt mein Mann.“
Der Doktor lächelte. „Aber Sie sind ja nicht wegen Ihres Blutdrucks hier. Ziehen Sie doch mal ihren Pullover aus, damit ich mir Ihre Schulter anschauen kann.“
Er streckte und hob ihren Arm und fragte, ob es ihr wehtäte.
„Ja, genau hier“, sagte sie und zeigte mit ihrem Finger auf ihre
Schulter. „Es zieht bis zur Brust rüber“, stammelte sie.
„Nun ja, schauen wir mal, ich werde ihre Schulter zunächst mal röntgen. Ziehen Sie Ihren Pullover an und kommen Sie mit. Ihre Familie kann so lange im Wartezimmer platznehmen.“

Wir verließen das Zimmer und gingen ins Wartezimmer.
Es dauerte nicht mal fünfzehn Minuten, da wurden wir schon reingerufen.
„So, schauen wir uns doch mal das Röntgenbild an“, sagte der Arzt. „Hier kann man einen Abschnitt der Rippen erkennen, das Schlüsselbein… Ich sehe nichts Auffälliges. Es mag wohl eine Verrenkung sein Frau di Giorgi.“

Der Arzt schaute uns zweifelnd an. Sein Blick wanderte komischerweise auf die Brüste meiner Mutter. „Jedoch Frau …, habe ich eben bei der Untersuchung etwas Merkwürdiges an Ihrer Brust entdeckt. Ich würde mir das gerne noch einmal genauer ansehen. Untersuchen Sie Ihre Brust denn regelmäßig?“
„Naja, hin und wieder, wenn ich daran denke“, antwortet meine Mutter mit einem leeren Gesichtsausdruck.
„Ich würde gerne eine Frauenärztin unseres Krankenhauses dazu holen. Dürfte ich um einen kleinen Moment bitten?“
Meine Mutter nickte und schaute ängstlich aus dem Fenster. Der Arzt verließ den Raum. Eine kurze Zeit war es still…
„Was meinst du, was es sein könnte?“, meine Mutter wandte sich meinem Vater zu.
„Ich habe keine Ahnung, ich hoffe nichts Bösartiges.“
„Claudia, geh doch bitte mit Sandra in den Warteraum. Es wird nicht lange dauern.“
Sie gab uns beiden einen Kuss auf die Stirn und wir verließen den Raum.
Auf dem Weg ins Wartezimmer bekamen wir noch mit, wie der Arzt mit einer Ärztin ins Zimmer zu unserer Mutter ging.
Eine knappe halbe Stunde warteten wir.
Dann kam mein Vater zu uns und sagte, dass Mama im Krankenhaus bleiben müsste. „Wir fahren kurz nachhause und holen ein paar Sachen.“
„Wieso muss Mama hier bleiben, Papa?“, fragte ich mit Tränen in den Augen.
„Mama muss untersucht werden“, antwortete er.

Schicksal oder Zufall?
Sonntagvormittag gegen 12 Uhr machten wir uns auf den Weg ins Krankenhaus.
Mein Vater sah erschöpft aus. So als hätte er eine lange Nacht hinter sich gehabt.
Keiner sprach während der ganzen Autofahrt. Nur ich sang leise ein Lied vor mich hin.
Im Krankenhaus angekommen, erfuhren wir, dass meine Mutter in den dritten Stock ins Zimmer 222 verlegt wurde. Schöne Zahl, dachte ich mir…
Wir klopften an die Tür und betraten das Zimmer. Es war leer.
Mein Vater fragte eine Pflegerin, die gerade an der Tür vorbeiging.
„Entschuldigen Sie bitte, meine Frau, ähm, di Giorgi, liegt sie nicht in diesem Zimmer?“
„Ja, das ist richtig“, antwortete sie. „Nur sie ist gerade los zur Mammographie. Nehmen Sie Platz, es wird nicht allzu lange dauern.“

Fast eine Stunde saßen wir in dem Zimmer. Es stank schrecklich nach Medikamenten und Desinfektionsmittel. Mein Vater fing langsam an, nervös zu werden.
„Das ist doch alles Scheiße, Mann!“, fluchte er. „Ich hoffe es ist nichts Ernstes mit Mama!“
Ein paar Minuten später ging die Tür auf. Meine Mutter und der Arzt von gestern kamen herein.
„Herr di Giorgi, ich denke, wir haben einiges zu besprechen. Vielleicht sollten Ihre Kinder solange rausgehen.“
Man sah eine Angst in dem Gesicht unserer Mutter. Sie starrte den Arzt an.
Mein Vater öffnete die Zimmertür und bat uns rauszugehen. „Na los, setzt euch draußen auf die Stühle, wir holen euch gleich wieder rein.“
Wir blieben vor der Tür stehen und versuchten herauszufinden, was dort drinnen besprochen wurde. Jedoch vergeblich.

Später, beim Abendessen saßen wir zu dritt am Tisch. Alles war still. Man hörte jede Kleinigkeit, jedes Brotstück, das gekaut wurde

„Was ist denn los, Papa? Warum wollen sie Mama im Krankenhaus behalten?“, fragte Claudia .

„So Kinder, hört mal“, begann mein Vater. „Mama ist krank.“
„Oh, ach so, aber deswegen muss sie doch nicht im Krankenhaus bleiben, sie wird sicher wieder gesund. Ich habe doch auch oft Schnupfen und Fieber. Sie muss einfach viel Tee trinken und schlafen“, stammelte ich.
„Oh, du verstehst aber auch nichts!“, fuhr Claudia mich an.
„Claudia, lass sie! Sie ist gerade mal sieben! Aber nein Sandra, das ist es nicht“, der Blick meines Vaters wanderte auf sein Brotbrett. Er legte sein Brot hin und strich sich übers Haar. Er schaute uns beide an. Seine Augen waren rot. Es schien, als würde er gleich anfangen zu weinen. Mir wurde klar, dass die Situation ernst war.
„Mama hat etwas im Körper, das dort nicht hingehört. Mama hat Brustkrebs. Zunächst wird sie mit einer Chemotherapie behandelt.“
Meiner Schwester kamen die Tränen. „Das kann nicht sein, Papa!“, sie ließ ihr Brot auf das Brett fallen.
„Was ist eine Chemotherapie, Papa?“

Mein Vater schaute mich an. „Die Metastasen, die bei Mama in der Brust sind, sind böse und können Mama einen großen Schaden zufügen. Deswegen bekommt Mama eine Flüssigkeit in den Körper, der die Metastasen zerstört. Aber weil die Chemotherapie sehr stark ist, wird Mama ihre Haare verlieren.“
„Nein…“, mir kamen die Tränen, auch wenn ich nicht allzu viel verstand. „Warum, Papa? Wird Mama wieder gesund, kommt sie wieder nachhause?“
„Natürlich wird sie wiederkommen“, antwortete mein Vater unsicher, obwohl es keiner wusste.

Wie ausgetauscht
Inzwischen begann die fünfte Chemotherapie. Meine Mutter war sehr schwach, schlief fast den ganzen Tag und aß kaum noch etwas.
Ihre Haare wurden immer weniger.
„Schatz?“, rief sie aus dem Schlafzimmer. „Komm bitte her.“
Mein Vater eilte ins Zimmer. „Was ist los? Was brauchst du?“
„Mein ganzes Kopfkissen ist voller Haare. Rasier sie mir doch bitte ab.“
Ihr kamen die Tränen.
„Ich möchte hier nicht so viel Sauereien machen mit meinem Haarausfall.“
Ich folgte meiner Mutter ins Badezimmer. Sie beugte ihren Kopf über das Waschbecken und mein Vater rasierte ihr das Haar ab.
Sie schaute mich an und lächelte. „Bald sind meine Haare wieder da, mein Schatz. Das ist nur vorübergehend, bis Mama wieder gesund ist.“
Ich schaute in das Waschbecken. So viele Haare lagen schon dort.
Als alle Haare weg waren, sah sich meine Mutter einige Minuten im Spiegel an. Sie fasste sich über ihren nackten Kopf. „Sieht doch gar nicht so schlecht aus.“
Plötzlich kam sie auf mich zu.
„Möchtest du mal anfassen?“, fragte sie mich und beugte sich zu mir herunter. Ich strich ihr über den Kopf. Es fühlte sich komisch an. So weich und glatt. Vollkommen ungewohnt. Ob ich mich je daran gewöhnen würde, wie sie jetzt aussah? Ich mochte sie nicht ansehen. Alle Mütter meiner Freundinnen hatten Haare. Nur meine Mama nicht mehr. Ich ging wortlos in mein Zimmer und schloss die Tür.

Wie jeden Morgen wollte meine Mutter mich in die Schule bringen. Doch nun war es anders. Ich wollte lieber alleingehen. Ich wollte nicht, dass meine Freundinnen meine Mutter so sahen.
Sie band sich ein Tuch um den Kopf und schminkte sich etwas.
Wimperntusche, Lippenstift. Sie schminkte sich wie jeden Tag, sah aber nicht mehr wie immer aus.
Lisa, eine meiner Freundinnen, kam sofort zu mir gerannt. Ihre Mutter schlenderte hinterher.
„Guten Morgen, Sandra!“, rief Sarah vom weitem. Ich lächelte, sagte jedoch nichts.
Meine Mutter fing an, sich mit Sarahs Mutter zu unterhalten.
„Sag mal, Sabrina, hast du dir etwa deine Augenbrauen rasiert?“, fragte Sarahs Mutter. „Und warum hast du so wenige Wimpern? Was ist los mit dir? Geht es dir nicht gut?“
Meine Mutter zog ihr Tuch etwas zurück.
„Herrgott, was hat das zu bedeuten?“ Sarahs Mutter war geschockt. Genau deswegen wollte ich allein zur Schule. Jetzt lachen mich alle aus, weil meine Mama eine Glatze hat.
„Ich habe Brustkrebs, Petra.“
Schon wieder kamen meiner Mutter die Tränen. „Meine Frauenärztin hat mich vor einem Jahr untersucht, es aber übersehen. Es wurde nur bemerkt, weil ich zufällig einen Unfall an der Schulter hatte. Glück im Unglück kann man sagen.“
„Sag mal, hast du Lust, einen Kaffee trinken zu gehen und mit mir darüber zu sprechen?“, fragte Petra.
Meine Mutter nickte. Die Schulglocke läutete und meine Lehrerin rief unsere Klasse auf.
Um halb zwei war endlich Schulschluss! Es war ein anstrengender Schultag für mich, weil ich die ganze Zeit über meine Mutter nachdenken musste. Sie war mir schon sehr unheimlich ohne Haare. Ich kam aus der Tür raus und sah meinen Vater mit dem Auto vor meiner Schule stehen. Ich wunderte mich. Wieso holte mich heute mein Vater von der Schule ab? Eigentlich arbeitete er um diese Zeit noch. Ich ging auf ihn zu.
Verwirrt schaute ich ihn an und stieg hinten ins Auto ein, da ich meine Schwester vorne sitzen sah.
„Wir fahren ins Krankenhaus“, sagte mein Vater, nachdem ich mich angeschnallt hatte.
„Wo ist Mama?“, fragte ich. „Ist sie wieder im Krankenhaus?“
Mein Vater blieb zunächst still. Doch dann sah ich ihn von der Seite nicken.

Die Operation
Wir waren fast jeden Tag im Krankenhaus. Ich fand es schrecklich,  jeden Tag kranke Menschen um mich zu haben. Und meine Mutter war mittendrin. Ich ekelte mich und bemühte mich, so wenig wie möglich anzufassen.
Meine Mutter lag in einem Einzelzimmer. Eines Tages kam eine Schwester herein, kaum dass wir drin waren.
„Na Frau di Giorgi, geht es Ihnen gut soweit?“, fragte sie meine Mutter. „Ich muss Sie auf Ihre OP morgen vorbereiten. Ziehen Sie bitte dieses hübsche Hemd an, und danach komme ich noch einmal rein und messe Ihren Blutdruck und Ihren Puls.“
Ohne, dass meine Mutter etwas sagen konnte, verließ sie den Raum und kam wenig später mit einem Stethoskop und einem Blutdruckmessgerät wieder herein.
„So, dann wollen wir mal, Frau di Giorgi“, sagte sie freundlich. „Sie scheinen sehr aufgeregt zu sein. Ihr Puls ist etwas schnell, aber Ihr Blutdruck ist zurzeit auf einen normalen Stand.“
„Wenigstens eine erfreuliche Sache“, sagte meine Mutter und lachte. „Ja, ich bin sehr aufgeregt und habe große Angst.“
„Das kann ich sehr gut verstehen, Frau di Giorgi. Aber sie werden nichts spüren, dafür werden wir sorgen“, sagte die Schwester mit einem vorgespielten Lächeln. Ich konnte Traurigkeit in ihrem Gesicht erkennen.
Sie drehte sich um und verließ den Raum.
Am nächsten Tag war Samstag und ich freute mich, wieder etwas länger aufbleiben und lange schlafen zu können. Doch wieder kam es anders als erwartet.
Ich war nicht mal richtig wach und mein Vater stand vor meinem Hochbett und weckte mich.
„Sandra, komm zieh dich an. Wir fahren zu Mama und gucken wie es ihr geht.“
„Nein!! Nein, nein, nein! Ich habe keine Lust mehr auf Krankenhaus! Es stinkt dort so fürchterlich, und ich ekele mich vor den ganzen kranken Menschen da! Was ist, wenn ich auch krank werde? Nein! Ich will nicht mit! Wir waren jeden Tag da bis jetzt!“ Mir kamen die Tränen. Ich wälzte mich in meinem Bett rum und trat gegen das Bettende.
„Sandra, ich weiß, es ist zurzeit sehr schwer für dich und Claudia, aber du willst doch auch, dass Mama wieder gesund wird, oder nicht?“ Mein Vater blieb trotz meines Sturkopfes ruhig.
Plötzlich weinte ich höllisch. „Aber wie lange müssen wir noch warten, dass Mama wieder gesund wird?“
Mein Vater nahm mich in den Arm. „Ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern. Nur wir müssen jetzt ganz fest hinter ihr stehen und ihr ganz viel Mut machen.“
Er hatte mich überzeugt. Ich nickte, stieg von meinem Bett herunter und zog mich an.
Meine Mutter lag im Krankenbett und döste vor sich hin. Nachdem sich die Tür schloss, öffnete sie die Augen.
„Na, wie war die OP? Hast du Schmerzen?“, fragte mein Vater verunsichert.
Meine Mutter zog ihr Nachthemd hoch. Sie hatte eine orangene Farbe auf dem Bauch und einen Verband um ihre Brust gewickelt.
„Es schmerzt sehr. Ich habe vor einer halben Stunde Schmerztabletten bekommen.“ Sie schaute auf ihren Verband. „Es ist ein seltsames Gefühl.“
Ich starrte auf ihren freien Oberkörper.
Was zum Teufel war unter dem Verband los? Wo war ihre rechte Brust?
Ich weinte. „Mama, was ist das?“, fragte ich und zitterte dabei.
Meine Mutter hob ihre Hand und bat, mich zu ihr zu setzen.
Ich zögerte zunächst, tat es jedoch. Ich war unsicher. Sollte ich sie anfassen? Umarmen? Tat es ihr weh? Mein Blick war nur auf den flachen Bereich des Verbandes gerichtet.
„Mama ist in Ordnung soweit.“ Sie schluckte. „Die Ärzte haben mir nur etwas von meinem Körper entfernt, was schlimme Sachen verursacht hat. Aber ich werde wieder gesund mein Schatz.“ Sie strich mir übers Haar.
Claudia setzte sich auf die andere Seite des Bettes.
Es war still und so saßen wir dort und starrten ins Leere.
Der lange Kampf

Es fiel ihr zunächst schwer, nur mit einer Brust zu leben. Doch nach einer Weile hatte sie sich daran gewöhnt, und es war ihr relativ egal. Sie wollte leben! Und für ihre Gesundheit hatte sie ja mit einer Brust bezahlt.
So vergingen zwei Jahre. Wir lernten, wieder glücklich zu sein und zu lachen. Wir haben uns sogar wieder mit der Familie meines Vaters vertragen, mit der wir lange zerstritten waren. Ich wusste immer, dass etwas in meinem Leben gefehlt hatte, und das war meine Familie.  Ich war glücklich, wieder Kontakt zu ihnen haben zu dürfen.
Doch eines Tages klagte meine Mutter über starke Schmerzen im Oberschenkel, die bis zur Hüfte hochzogen. Sie wurden mit jedem Tag stärker.

Die Diagnose wurde uns zwei Monate nach meinem neunten Geburtstag mitgeteilt. Sie traf uns wie ein Schlag.
Meine Mutter hatte Metastasen in der Hüfte. Wieder begann die ganze Geschichte von vorn, die täglichen Krankenhausbesuche, die Chemotherapien, meine Mutter, der Mittelpunkt unserer Familie.
Ich war neun Jahre alt und verstand inzwischen mehr als ein normales neunjähriges Kind verstehen würde. Ich musste jeden Tag mit ansehen, wie Chemikalien in den Körper meiner Mutter eingeführt wurden. Sie wurde am Tropf befestigt, bekam Spritzen und Tausende von Tabletten.
Es nervte mich, dass sich alles nur noch um sie und um ihre bescheuerte Krankheit drehte.
Aber ich konnte nicht entkommen. Wir, vor allem Mama, mussten kämpfen.
Wieder fielen ihr die Haare aus, ihr ging es überwiegend schlecht. Sie veränderte sich und war wie ein anderer Mensch.
Die Krankheit breitete sich immer mehr in ihrem Körper aus und eines Tages schlugen ihr die Ärzte vor, ihr eine künstliche Hüfte zu implantieren. Doch sie sagten auch, dass große Komplikationen auftreten könnten, die meine Mutter für immer im Rollstuhl festhalten würden.
Wir lehnten die Operation sofort ab.
Die Ärzte versuchten alles, was sie konnten. Wieder gaben sie ihr eine Chemo nach der anderen. Und als die nicht mehr anschlug eine energiereiche Bestrahlung. Dabei ließ sich nicht verhindern, dass auch gesundes Gewebe angegriffen wurde. Meine Mutter musste vier bis fünf Mal die Woche zu solchen Sitzungen. Das Krankenhaus wurde Teil unseres Lebens.
Wieso meine Mutter, fragte ich mich. Was hatte sie im Leben falsch gemacht, dass sie so bestraft werden musste? Ich bekam Alpträume, in denen ich meine Mutter wie einen Engel in den Himmel fliegen sah… Ich hatte das Gefühl, verrückt zu werden. Ich wollte meine Mutter nicht mehr so sehen.
Unsere Wohnung wurde zu einer Behindertenwohnung. Der Toilettensitz wurde erhöht, die Matratze meiner Mutter war wie im Krankenhaus, überall lagen Medikamente herum.
Jeder verarbeitete seine Trauer über die Krankheit für sich selbst.
Mein Vater ließ es sich nicht anmerken und pflegte meine Mutter jede freie Sekunde. Ich verzog mich am liebsten in mein Zimmer und versuchte mich dort irgendwie abzulenken.
Meine Schwester verschwand ganz. Kaum achtzehn Jahre alt ließ sie alles stehen und liegen und zog zu ihrem Freund. Zwei Jahre ließ sie sich weder hören noch sehen. Ich hatte das Gefühl, dass meine Mutter aus Sorge noch kränker wurde.

Eine Zeit lang schien es, als wären die Metastasen besiegt, doch dann tauchten welche in der Wirbelsäule auf. Diesmal handelten die Ärzte schnell, behandelten die Metastasen und stabilisierten die Wirbelsäule mit Stahlstangen. Doch nun war sie schließlich doch gezwungen, im Rollstuhl zu sitzen. An „guten Tagen“ reichte auch ein Rollator. Mir war es peinlich mit ihr rauszugehen. Ich vermied es, so gut ich konnte. Wir fingen an, uns zu streiten, weil sie irgendetwas von mir verlangte.
Ich sollte ihr Essen machen oder irgendwas ans Bett bringen, doch ich wollte nicht. Stattdessen schrie ich sie an und sagte ihr, sie solle mich nicht nerven. Manchmal beleidigte ich sie sogar. Ich hatte keinen Respekt mehr vor ihr.
Sie weinte oft wegen mir. Doch ich machte immer weiter, bis sie einmal zu mir sagte: „Am liebsten wäre ich tot, damit ihr alle eure Ruhe vor mir habt. Ich habe keine Lust mehr. Ich störe doch eh nur.“

Obwohl sie im Rollstuhl vor mir saß, fühlte ich mich auf einmal winzig klein. Ich hatte das Gefühl, dass ich in diesem Moment diejenige war, die zu ihr aufsah.
Es tat mir weh, was sie gesagt hatte. Und ich ging in mein Zimmer und weinte.
Sie ließ mich in Ruhe für die nächste Zeit, bat mich um nichts mehr.
Es tat mir so leid, dass ich eines Morgens zu ihr ging, ihr Frühstück machte und danach mit ihr spazieren ging. Doch trotzdem wollte ich mich auf irgendeine Weise von ihr distanzieren.

Die letzte Reise
Wir hatten herausgefunden wo meine Schwester wohnte und sind prompt dort hingefahren. Zuerst hatte sie uns nicht mal die Tür geöffnet, doch dann haben wir sie doch überreden können. Sie weinte, als sie unsere Mutter sah. Und ihr tat auf einmal alles leid. Danach telefonierten wir fast täglich, jedoch sahen wir sie nur selten. Zu meinem 13. Geburtstag wollte sie aber kommen.
Meine Familie von der Seite meines Vaters kam auch zu Besuch.
Alle waren schon da, nur meine Schwester fehlte. Wir feierten im Garten, weil es wunderschönes Wetter war. Meine Mutter fühlte sich wieder sehr schlecht. Durch ihre ganzen Medikamente und die Morphium-Spritze, die sie sich jeden Morgen geben musste, war sie aufgedunsen und hatte überall Wasser im Körper. An diesem Tag ging sie ständig zur Laube und wollte kaum bei uns sitzen.
Alles lief irgendwie schief. Meine Schwester kam nicht, und mein Vater bekam schlechte Laune. Unsere Gäste gingen viel früher, als sie ursprünglich wollten. Als alle weg waren, fingen wir an aufzuräumen und alles einzupacken und fuhren nach Hause. Ich war sauer und zickte die ganze Zeit herum.

Ein paar Tage später wollten wir nach Mallorca fliegen und mein Vater sagte, wenn ich so weiter machte, müsste ich hier bleiben. Erst dann gab ich schließlich Ruhe.

Die Reise nach Mallorca sollte etwas ganz Besonderes für uns werden. Doch es

langweilte mich, bei meinen Eltern zu sein. Ich war sehr viel draußen und traf mich mit Jungs, obwohl ich das nicht durfte. Klar hatte ich ständig Ärger mit meinem Vater, weil ich nur unterwegs war.

Doch ich lachte ihn nur aus und verschwand wieder. Ich nahm niemanden von meinen beiden Elternteilen mehr ernst und tat das, was ich für richtig hielt.
Und das schon seit längerer Zeit.
Durch die Krankheit meiner Mutter habe ich oft versucht mich abzulenken.
Ich machte das, was mir gerade in den Sinn kam und Spaß bereitete.
In der Schule wurde ich so schlecht, dass ich die 7. Klasse wiederholen musste. Als die Schule wieder begann, freute ich mich überhaupt nicht. Alle waren jünger als ich, das war mir peinlich. Doch ich bekam eine tolle Klassenlehrerin namens Frau Köhne. Sie war jederzeit für mich da und unterstützte mich, wo sie nur konnte. Nicht nur sie hat mir geholfen, sondern auch eine Freundin, die ich in dieser Klasse kennengelernt habe, Asma. Wir verstanden uns auf Anhieb. Heute liebe ich sie wie eine Schwester. Denn sie war immer für mich da. Sie half mir, mich zu verbessern. Und als meine Mitschüler mich eine Zeit lang mobbten, hielt sie immer zu mir.
Meine Mutter bekam von dem, was bei mir in der Schule ablief, nicht viel mit.
Sie lag nur noch im Bett, von morgens bis abends, ging nur gelegentlich zur Toilette. Doch auch dort fiel es ihr schwer, sich hinzusetzen oder aufzustehen.
Ich konnte es nicht mehr ertragen, meine Mutter so zu sehen. Manche sprachen schon mit mir darüber, was sei, wenn sie sterben würde. Aber ich glaubte nicht daran.  Sie war ein starker Mensch und hatte so lange gekämpft. Das konnte doch nicht umsonst gewesen sein? Am 16. August war sie erst fünfzig Jahre alt geworden, das war doch viel zu jung um zu sterben.
Eines Tages kam ich von der Schule. Wie immer schloss ich die Tür auf, legte meine Schlüssel auf die Kommode und sagte Bescheid, dass ich zuhause sei.
Doch diesmal kam keine Antwort.
Ich eilte ins Schlafzimmer. Alles war leer. Ich griff zum Telefon und wählte die Nummer von meinem Vater.
„Der Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar“, ertönte es am Ende der Leitung. Ich legte auf und versuchte es erneut. Wieder nichts. Meine Hände zitterten.
Erneut griff ich zum Telefon und rief meine Cousine an.
Ich weinte erleichtert, als sie dranging.
Sie teilte mir mit, dass meine Mutter ins Krankenhaus gebracht wurde, weil sie einen epileptischen Anfall bekommen hatte.

Zwei Wochen musste meine Mutter im Krankenhaus bleiben und dabei hat sie auch sämtliche Bestrahlungen bekommen. Wir waren glücklich, als sie endlich in einem stabilen Zustand das Krankenhaus verlassen und zur Reha nach Leezen eingewiesen werden konnte.

Ich hatte gerade Schulschluss, als mein Vater mich anrief und mir mitteilte, dass er von der Reha wiederkam. Er sagte, dass die Ärzte ihn gefragt haben, was meine Mutter dort solle. Sie sei todkrank, im Endstadium und ihr bliebe nicht mehr allzu viel Zeit. Es könnte ein paar Monate dauern, ein paar Wochen oder auch nur ein paar Tage.
Mein Herz blieb stehen, als ich das hörte. Gerade war noch alles gut, ich hatte mit meinen Freunden gelacht und Scherze gemacht. Mein Handy fiel mir runter, ich zerfloss in Tränen. Auf dem Display sah ich, dass mein Vater noch am Telefon war. Ich legte einfach auf.

Nach einer langen schlaflosen Nacht fuhren wir endlich gegen elf Uhr los.
Ich hatte große Angst, meine Mutter zu sehen.
Der ganzen Familie teilten wir die schlechte Nachricht mit.
Die Seite meines Vaters konnte leider nicht nach Schwerin fahren, da sie kein Auto besaßen und Kinder hatten. Die Familie meiner Mutter kümmerte sich zum ersten Mal um sie und sie machten sich alle auf den Weg. Meine Schwester fuhr mit uns.
Nach einer ewig langen Fahrt kamen wir endlich an.
Meine Mutter konnte nicht einmal wahrnehmen, wer da ist.
Sie schlief. Und wenn sie wach war, hatte man das Gefühl, dass sie uns nicht erkannte. Sie lag auf der Intensivstation.
Es dauerte nicht lange, dann passierte es.
Sie hörte auf zu atmen.
Ich brach zusammen, schlug gegen die Wände. Wollte nicht, dass es ist, wie es ist. Die Ärztin gab mir Beruhigungstabletten. Doch sie halfen nicht. Dieser Mensch, der dort vor mir im Bett lag, sollte meine Mutter sein?
Es war, als hätte mir jemand mein ganzes Inneres herausgezogen, so sehr schmerzte es.
Ich setzte mich vor die Tür und weinte bitterlich. Ich hätte töten können, so wütend war ich. Ich hatte mich kaum noch unter Kontrolle.

Wieso haben die Ärzte sie in Hamburg im stabilen Zustand entlassen? Ich werde es nie verstehen.
Ich ging zurück ins Zimmer, fing an hin und her zu laufen. Ich wollte meine Mutter am liebstem nehmen und sie wach rütteln. Das Geweine und Geschnäuze der anderen machte mich aggressiv. Ich musste raus. Weg von diesem Ort.
Ich lief aus dem Zimmer, sah nur einen Ausweg, den Weg nach draußen.
Ich lief, doch merkte ich, wie schwach ich war. Ich bekam keine Luft. Ich schrie und wollte am liebsten vor das Auto laufen, das soeben an mir vorbei raste. Ich brach zusammen und ließ mich auf einem kleinen Felsen nieder. Plötzlich kam ein Junge auf mich zu. Er sagte irgendwas, doch ich reagierte nicht. Ich sah immer noch dieses schreckliche Bild vor mir: Meine tote Mutter.

Wir blieben noch einige Stunden dort. Verzweifelt hoffte ich, sie würde wieder erwachen, doch es blieb still und ihre Augen blieben geschlossen.
Langsam bemerkte man, dass sie ihre Farbe verlor, und sie eisig kalt wurde.
Ich nahm ihre Hand und betete… Doch als mir bewusst wurde, dass ich die Hand einer Leiche hielt, ließ ich sie vor Schreck fallen. In mir kamen unbeschreibliche Gefühle hoch. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass es mich mein Leben lang begleiten wird, dass ich mich nie richtig von ihr verabschiedet habe.
Als mein Vater sie auf die Stirn küsste, haben wir alle ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht gesehen.
Vielleicht haben wir es uns nur eingebildet, aber wir wussten, sie ist nun befreit.
Sieben Jahre gekämpft, gehofft und doch verloren.