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Das Geheimnis der Schwester

Sofia Seddiq-Zai, 13 Jahre

»Ich war fünfzehn Jahre alt, als ich meiner Schwester beim Sterben zusah. Ich kann mich daran erinnern, als ob es gestern wäre. Ihre Schreie, ihre Hilferufe und der letzte Blick, den sie mir zuwarf.
Ich sah die Angst in ihren Augen, aber da war noch etwas anderes. Ihr Blick war ermutigend, und in diesem Moment wusste ich, dass ich es schaffen würde, auch, wenn sie es nicht geschafft hatte.

Es war die Nacht vom 16. auf den 17. Februar.
Ich weiß noch genau, wie wir auf dem Brett saßen, das kaputtzugehen drohte. Wir wussten beide, dass nur einer auf dem Brett sitzen konnte, ohne unterzugehen, es war nicht dick genug um uns beide zu halten. Sie konnte nicht schwimmen, aber ich wäre erfroren, wenn ich ins Wasser springen müsste.
Wir sahen uns an, und wir wussten, entweder wir beide würden sterben oder nur einer wird sterben, aber wer sollte derjenige sein?

Tränen liefen mir über die Wangen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich fühlte so viele Dinge gleichzeitig, dass ich nichts richtig zuordnen konnte. Fragen schossen mir durch den Kopf: Würde ich heute sterben? Würde ich meine Schwester verlieren? Würde ich jemals wieder einen Sonnenuntergang sehen? So viele Fragen, auf die ich keine Antwort hatte.
Das Brett knackte. Wir hatten nicht mehr viel Zeit. Wir mussten uns entscheiden. Ich konnte nicht denken. Ich hätte niemals gedacht, dass ich je in so eine Situation komme. Auch meine Schwester wusste nicht, was zu tun war.

Da saßen wir nun auf einem Brett, das schon Risse aufwies. In diesem Moment war ich mir sicher, dass wir beide sterben würden, weil wir so etwas nicht entscheiden konnten. Wir konnten nicht entscheiden, wer von uns beiden sterben sollte.
Meine Schwester nahm mich in den Arm und sagte, dass alles gut werden würde. Doch das würde es nicht. Wir würden beide sterben, dachte ich. Hätten wir die Wand gesehen, auf die das Brett zu schwamm, hätten wir wahrscheinlich versucht umzudrehen, und wir beide wären gestorben.
Wir knallten gegen die Wand, ich konnte mich gerade noch halten, doch meine Schwester fiel vom Brett.

Ich konnte nicht denken. Es war, als ob alles stillstand. Mein Gehirn setzte aus, doch dann wurde mir klar, dass meine einzige Chance zu überleben, die war, meine Schwester sterben zu lassen. Doch ich konnte sie nicht sterben lassen, dafür war sie mir zu wichtig.
Ich versuchte, ihre Hand zu greifen, doch sie rutschte immer wieder weg. Panisch schrie sie, strampelnd trieb sie ab, und ich paddelte mit dem Brett zu ihr. Unsere Hände griffen nach einander, und ich dachte, dass wir es geschafft haben. Sie sah mich an, kraftlos, panisch, aber gleichzeitig ermutigend, dann versank ihr Kopf, und ihre leblose Hand rutschte durch meine Hand, und ich schrie. Mein einziger Gedanke war, dass sie nicht tot sein konnte. Es war unmöglich. Hemmungslos schluchzte, weinte und schrie ich. Ich hatte meine Schwester verloren. Für immer. Es war so ungerecht. Sie war erst siebzehn gewesen. Ich weiß nicht, wie lange ich weinend auf dem Brett saß. Ich weiß nur, dass ich irgendwann ein Licht sah. Soldaten! Sie nahmen mich in ihr Schlauchboot, doch ich schrie, dass meine Schwester noch im Wasser ist. Wir kamen an der Mauer vorbei, an die das Brett getrieben worden war und wo … Ich sprang ins eiskalte Wasser, ehe sie mich aufhalten konnten, und hievte meine Schwester hinauf. Ein Soldat half mir dabei. Dieser Soldat war der Erste, der mir bestätigte, dass sie tot ist. Als er das aussprach, hörte ich auf zu schreien. Ich fühlte nichts außer Leere.
Aber ich konnte nicht aufhören zu weinen. Weinte ich ihretwegen oder wegen der Leere? Diese Frage stellte ich mir, während wir wegfuhren. Ich hatte sie die ganze Zeit über in den Armen. Ich schwieg. Ich fühlte immer noch nichts, aber es gab eine unterschwellige Angst. Angst vor dem, was jetzt kommen würde. Wie sollte ich es meinen Eltern sagen?

Das war die Geschichte wie meine Schwester starb, und jetzt ab ins Bett, Kinder, oder wollt ihr, dass ich Ärger mit eurem Vater bekomme?«, beende ich meine Erzählung.
Meine Enkel stöhnen und stehen auf. Ich wische mir schnell die Tränen aus dem Gesicht und sehe meine Enkel liebevoll an.
»Wieso weinst du, Oma?«, fragt die Jüngste, Kim.
»Ach, ich finde es so traurig, dass ich nichts für sie tun konnte«, sage ich.
»Sei nicht traurig, Oma! Du bist eine Heldin!«, ruft Anna.
»Eine Heldin? Warum?«, frage ich weinend.
»Du hast versucht, sie zu retten, und du hast ihre Leiche aus dem Wasser geholt, sodass sie nicht irgendwo vergammelt ist«, sagt Anna.
»Sie konnte so würdevoll begraben werden«, fügt Kim hinzu.
»Danke, aber jetzt geht ins Bett«, sage ich und lächle mühsam.
Die beiden gehen ins Bett und ich fange an, heftig zu weinen.
Ich bin keine Heldin, ganz im Gegenteil.
Ich muss sofort an die wahre Geschichte denken.
Ihr Blick, dieses Wieso?, ihre Hilferufe und ihre Schreie.
Es war der Moment, als sie mich im Arm hatte, in dem ich alles vergaß und es tat. Ich bereue es, ja, und wie ich es bereue. Sie tröstete mich, und mir wurde klar, dass ich nicht sterben wollte.
»Was sollen wir tun?«, fragte ich sie.
»Du musst ins Wasser! Du kannst schwimmen«, rief sie.
»Aber ich würde erfrieren!«, schrie ich ihr ins Gesicht.
»Du hast wenigstens eine kleine Chance zu überleben«, sagte sie und versuchte mich sanft wegzudrücken. Da wurde mir klar, dass sie alles tun würde, um zu überleben, und genau da sah ich schwarz. Mit aller Kraft schubste ich sie vom Brett. Sie sah mich an mit diesem Wieso?, doch anstatt ihr zu helfen, paddelte ich weg von ihr.
Sie wedelte mit den Armen und ließ sie dann kraftlos sinken. Ausdruckslos sah sie mich an und ihr Körper sank unter Wasser.

Erst dann wurde mir klar, was ich getan hatte. Ich hatte meine Schwester getötet, um selbst zu überleben. Ich konnte es nicht glauben und fing an zu schreien. Ich schwor mir, niemanden etwas davon zu erzählen. Und bis heute
weiß niemand, dass ich sie umgebracht habe.
Jeden Tag bereute ich das, was ich getan hatte.
War es das wert gewesen? Jeden Tag diese Reue. Es brachte mich manchmal fast um. Ich wünschte, dass ich es ungeschehen machen konnte.
Ich wische mir die Tränen vom Gesicht und sage zu meiner Schwester: »Es tut mir leid, was ich getan habe. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen.«
Ich werfe mich auf das Sofa und weine über mich selbst und über meine Schwester.
Mein Name ist Helena, und ich habe meine Schwester getötet.