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Dein Gott ist nicht mein Gott

von Esther Pieper, 17 Jahre

„Ich wünsche dir später keine Tochter, die so ist, wie du!“

Die Worte drehten sich in meinem Kopf, immer wieder, immer schneller. Mir wurde schwindelig und die wohlbekannte Übelkeit stieg in mir auf. Ich musste mich festhalten. Die Worte meines Vaters standen vor meinem inneren Auge so bedrohlich, als würden sie mir alles was ich bin und habe entreißen wollen. Ich stand seit mindestens dreißig Minuten unter der Dusche, mein Körper zitterte, obwohl das Wasser eigentlich viel zu heiß war. Ich legte meinen Kopf in den Nacken und ließ das Wasser über mein Gesicht laufen, damit ich die Tränen nicht mehr spürte.

„So kann es nicht weitergehen“, dachte ich und war mir im selben Moment sicher, dass ich niemals die Kraft haben würde, irgendetwas zu ändern. Ich versuchte mir einzureden, dass mein Vater es nicht böse gemeint hatte, als er vorhin diese Worte ausgesprochen hatte nur, weil ich eine halbe Stunde zu spät aus der Schule zurückgekommen war. Ich hatte gerade Hausarrest und musste darauf achten, dass ich so pünktlich dann zu Hause eintraf, wie meine Eltern sich es ausgerechnet hatten.

„Keine Tochter, die so ist wie du! Keine Tochter, die so ist, so wie du; so wie du…!“

Die Worte in meinem Kopf wurden wieder lauter, dann leise, dann wieder laut.

Irgendwie schaffte ich es aus der Dusche und aus dem Badezimmer. In meinem Zimmer zog ich an, was ganz oben auf lag, schminkte mich halbherzig, trocknete meine langen Haare, nahm mein Handy und meine Handtasche und verließ einfach das Haus. Ich hatte noch etwa zwei Stunden, bis meine Mutter von der Arbeit wieder kommen würde. Mein Vater war inzwischen in sein Büro zurückgekehrt und würde wohl, wie immer, erst spät nach Hause kommen.

Ohne darüber nachzudenken ging ich an meinen Lieblingsplatz. Ich brauchte etwa dreißig Minuten bis ich am Veringkanal angekommen war. Hier ging ich sofort auf meinen Platz zu, der etwas versteckt, unter zwei Trauerweiden lag. Ich setzte mich auf die kleine Bank und starrte ins Wasser. Meine Gedanken begannen wieder zu kreisen. Ich richtete mich auf und öffnete meine Handtasche. Dort lagen die Zigaretten meiner besten Freundin Leila, die sie gestern vergessen hatte, wieder mitzunehmen. Ich hatte noch nie geraucht und hatte es eigentlich auch nie vor gehabt. Doch jetzt schaute ich die Zigaretten mit anderen Augen an. Leila sagte immer, sie halfen ihr dabei, nicht über ihre Probleme nachdenken zu müssen.

Warum sollte ich das nicht auch einmal ausprobieren, überlegte ich, nur weil meine Eltern sagen, dass man nicht rauchen darf?

Ich holte eine Zigarette aus der Packung und schaute sie mir eine Weile an. Ich pustete kurz an dem Teil, an dem man sie in den Mund nimmt, so wie Leila es immer macht und nahm sie dann zwischen meine Lippen.

Auf dem Wasser schwammen Enten und es war mir, als schauten sie mich mit großen Augen an. Sie schienen mir sagen zu wollen, dass ich einen Fehler machen würde. Seit wann redeten Enten mit mir? Verlor ich den Verstand? Ich suchte in meiner Handtasche nach dem Feuerzeug meiner Freundin.

„He, rauchen ist ungesund!“

Ich erschrak so sehr, dass mir die Zigarette aus der Hand fiel.

Hinter mir stand ein Junge und schaute mich an. Er hatte braune Augen, kurze braune Haare, glänzende, dunkle Haut – und ein Lächeln auf dem Gesicht. Und doch war er mir auf Anhieb etwas unheimlich. Er war kräftig gebaut, obwohl er klein war und sah aus wieder einer dieser „Gangster“, die in Ghettos wohnen und für ihre Gewalttätigkeit bekannt sind. Ich nahm die Zigarette wieder in die Hand und bemerkte, dass ich zitterte.

„Leg sie lieber weg!“, sagte der Junge. „Es ist nicht gut, in einem verzweifelten Moment, Dinge zu tun, die man später bereuen könnte.“

Ich war verwirrt, mir fiel nichts ein, das ich entgegnen konnte. Der Junge setzte sich neben mich, nahm mir die Zigarette aus der Hand und drückte sie im Gras aus. Ich sah ihm dabei mit offenem Mund zu. Er bemerkte es, lächelte und schloss meinen Mund.

„Du brauchst mich nicht so verängstigt angucken. Ich tu dir nichts.“

Merkwürdigerweise machte es mir plötzlich keine Angst mehr, dass der Junge mir so nah war. Ich kannte nicht einmal seinen Namen und doch war es fast ein magischer Moment, wie wir da nebeneinander an meinem Lieblingsplatz saßen. Ich hatte noch nie jemanden von diesem Platz erzählt. Nicht einmal meine beste Freundin wusste, dass ich mich hier aufhielt, wenn es mir nicht gut ging.

„Was muss ich tun, damit du mir deinen Namen verrätst“, fragte der Junge, ohne mich anzusehen. „Welchen Anmachspruch muss ich bringen, damit du endlich mal lächelst?“

Ich sah zu ihm – und musste lächeln. Er tat so, als hätte er es nicht bemerkt und redete weiter.

„Ich habe einen tollen Spruch. Pass auf! Die größten Schätze liegen unter der Erde; aber ich kann dich doch deshalb nicht einfach einbuddeln!“

Ich begann zu lachen.

„Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben nie einen schlechteren Anmachspruch gehört!“

„Kein Problem, ich kenne noch bessere“, sagte der Junge. „Nein, danke. Schon gut!“, wehrte ich lachend ab.

Der Junge sah mich an. „Das Lachen steht dir wesentlich besser, als das traurige Gesicht von vorhin“.

Wann hatte ich das letzte Mal so gelacht? Ich konnte mich nicht erinnern.

„Danke!“, sagte ich leise und spürte, dass ich rot wurde.

„Ich habe dich schon öfters hier gesehen und beobachtet. Ich glaube, dass du nur hier her kommst, wenn es dir schlecht geht. In letzter Zeit wurden deine Besuche immer häufiger. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“

Ich spürte meinen Herzschlag bis in meinen Hals pulsieren.

„Aber weshalb? Wer bist du?“, fragte ich leise.

„Mein Name ist Mehmet. Ich wohne ganz in der Nähe dieses Kanals, ganz in der Nähe deines geheimen Platzes. Ich komme jeden Tag hierher, beobachte Menschen und denke nach. Ich würde mich freuen, wenn du wieder kommst, obwohl ich hier bin. Kommst du wieder?“ Er stand auf und verließ mich, ohne eine Antwort abzuwarten.

 

Am nächsten Tag konnte ich es kaum erwarten zum Kanal zu gehen. Würde der Junge dort sein?

Er lag ein paar Meter von meinem Lieblingsplatz entfernt auf einem großen Stein.

Als er mich bemerkte, stand er auf, begrüßte mich und fragte mich, ob ich neben ihm auf dem Stein Platz nehmen möchte.

Es war ein wunderschöner Tag. Die Sonne stand hoch am Himmel und erwärmte die Luft mit Frühlingsduft. Die Vögel sangen und auf dem Spielplatz neben uns spielten vergnügt ein paar kleine Kinder. Ihre Mütter saßen auf den Bänken neben den Schaukeln, unterhielten sich und tranken Kaffee.

Wir unterhielten uns, lachten viel und verbrachten einen unvergesslichen Nachmittag miteinander. Es gab in meinem Leben selten Momente, an denen ich so unbesorgt war, wie an diesem Tag und ich hoffte, dieses Gefühl würde lange anhalten.

Ich bemerkte, dass er dieselben Klamotten trug, wie am vorigen Tag. Ob er nicht genügend Geld hatte, sich Neue zu kaufen, oder ob es ihm gleichgültig war?

Er war unverhofft für mich da gewesen, als es mir nicht gut ging. Vielleicht konnte auch ich ihm helfen und fragte deshalb, ob er einen Job hätte. Er antwortete: „Nein, ich finde niemanden, der mich haben will. Ich sehe wohl nicht sehr vertrauenswürdig aus und ich bin eher schüchtern, wenn ich vor anderen Menschen stehe. Das kannst du dir vielleicht nicht bei mir vorstellen, aber es fällt mir sehr schwer, neue Menschen kennen zu lernen.“

Er erzählte mir, dass er immer noch in der 10. Klasse war und seinen Realschulabschluss nachholte. Ich bot ihm an, ihm zu helfen. Er dankte mir, aber ich wusste, dass er mich nie wieder darauf ansprechen würde. Vielleicht vertraute er mir eines Tages so, dass er sich helfen ließ, hoffte ich.

 

Einige Stunden später verließ ich ihn schweren Herzens und fuhr zurück nach Hause. Ich fühlte mich so wohl in meiner Haut, wie ich mich lange nicht mehr gefühlt hatte. War ich etwa verliebt in den Jungen, der Mehmet hieß?

Das kann nicht sein, dachte ich mir. „So schnell kann man sich doch gar nicht verlieben!“. Ich dachte an mein bisheriges Leben zurück. Alles war darauf ausgerichtet, immer das zu tun, was meine Eltern von mir verlangten. Wenn sie enttäuscht von mir waren, war dies das Schlimmste für mich gewesen, was passieren konnte. Denn dann sagten sie auch, dass Gott von mir enttäuscht wäre. Sie hatten mir so viel über Gott erzählt, dass ich richtig Angst hatte, etwas zu tun, was ihn verletzten könnte. Denn dann käme ich nicht in den Himmel, hatten meine Eltern mir beigebracht und von der Hölle hatten sie mir auch mehr als genug erzählt. Diesen Ort wollte ich niemals erleben, ich hatte seit ich Kind war Angst davor.

Darum hatte ich bisher auch nie einen Freund gehabt. Ich kenne die Liebe nicht wirklich. Ich war 17 Jahre alt. Auch auf Partys durfte ich nie gehen. Meine Eltern sagten, dass Gott mich dort sehen könnte und sich dann für mich schämen würde. Wie wohl Mehmet über diese Dinge – und über Gott dachte?

 

Ich träumte ab diesen Tag von ihm. Meine Gefühle spielten verrückt, wenn ich ihn sah und auch wenn wir nicht zusammen sein konnten, schaffte er es immer wieder mich zum Lachen zu bringen. Und ich genoss es, über Ernsthaftes mit ihm zu reden. Er machte mich glücklich. Wir sahen uns jeden Tag.

Er brachte mir das Pfeifen bei. Ohne, dass ich es bemerkte, änderte sich meine Sprache etwas und auch mein Verhalten. Wenn ich vorher sofort aufgestanden war, wenn eine „erwachsene“ Frau oder ein Mann in die Bahn stieg und es keinen Sitzplatz mehr gab, so blieb ich nun oft einfach sitzen. Hatte ich vorher Sorge, dass Müll Tiere und Umwelt schädigen würde, wenn man ihn auf den Boden schmiss, statt in einen Mülleimer, machte es mir nun richtig Spaß mein Kaugummi ins Gebüsch oder auch mitten auf die Straße zu spucken.

Ich sah anders auf Menschen, die in Gegenden wie Mehmet lebten. Ich fragte mich, ob es meine Vorurteile gewesen wären, die ich ihnen gegenüber gehabt hatte, oder die meiner Eltern. Ich erzählte Mehmet viel über meine Familie und meine Freunde, über mein Leben und über mich selbst. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, wie gut es sich anfühlen konnte, Dinge anzusprechen, die man verdrängt hatte, oder über die man nicht wagte, eine Frage zu stellen. Ich begann über Menschen, die mich verletzt hatten und Menschen, die mich glücklich gemacht hatten, nachzudenken. Über Freunde, die sich als Falsche herausgestellt hatten und Freunde, die in schweren Zeiten für mich da waren. Und ich sprach darüber, wie ich über Gott denke und stellte Fragen, die ich mich vorher nie getraut hatte zu stellen. All das  tat mir gut und machte mich frei. Und wenn wir gemeinsam lachten, war es, als würden die Narben meines Herzens heilen.

 

Der Stein, an dem wir ab dem zweiten Tag saßen, war inzwischen mein Lieblingsplatz. Man konnte hier den Himmel besser sehen und die Menschen, die an uns vorbei gingen.

Im Kanal lag ein kleines lilafarbenes Schiff vor Anker.

An einem dieser wunderschönen gemeinsamen Tage, erzählte ich ihm, wie ich über ihn dachte, was ich fühlte, wenn ich ihn sah, wie wohl und geborgen ich in seiner Nähe war. Mit rotem Gesicht flüsterte ich, dass ich ihn liebte.

Was wünschte ich, er könnte es nicht hören. Er nahm mein Gesicht in seine starken, zarten Hände und küsste mich auf meine Wange. Es fühlte sich warm und weich an, ich schloss meine Augen für eine Sekunde.

Er drehte sich etwas weg, seine Stimme klang gebrochen.

„Meine Kleine, du bist zu gut für mich. Wenn ich dir jetzt sagen würde, dass ich dich liebe, wäre ich dein erster Freund. Du denkst, dass Leben ist wie ein Märchen. Du denkst, du findest einen Prinzen, heiratest ihn und ihr lebt glücklich bis ans Ende eurer Tage. Ich wünschte, du würdest es so erleben. Doch ich lebe im Ghetto, ich hatte schon einige Freundinnen und ich habe viel Anderes in meinem Leben erlebt. Dinge, die du dir nicht vorstellen kannst. Mein Leben wird nicht wie ein Märchen verlaufen.

Ich komme aus Afghanistan, du bist Deutsche. Deine Eltern werden mich nicht akzeptieren. Ich glaube nicht an deinen Gott und du glaubst nicht an den Gott meiner Eltern. Du bist ein tolles Mädchen aus einem guten Elternhaus, ich wohne im Ghetto und hatte nie Geld. Ich lebe noch zu Hause und werde immer zu Hause leben bleiben, weil meine Familie mich dort braucht. Meine Eltern können kaum deutsch und meine Mutter hat keine Arbeit. Meine zukünftige Frau wird zu mir in unsere Wohnung ziehen, und wir beide werden meine Eltern ernähren, wenn sie alt oder krank sind und nicht mehr arbeiten können. Ich habe meinen Eltern noch nie ein Mädchen, mit dem ich zusammen war, als meine feste Freundin vorgestellt. Wenn ich das tue, werde ich es auch heiraten, weil ich Respekt vor meinen Eltern habe. Du bist ein tolles Mädchen, und wir haben häufig festgestellt, dass wir uns in vielen Dingen sehr ähnlich sind. Du wärst ein perfektes Mädchen für mich und meine Eltern würden dich auch lieben. Aber das ist nicht alles; das reicht nicht aus. Wir müssen vernünftig sein. Die Liebe ist leider nicht immer so märchenhaft wie in deinen Gedanken.

Ich darf dich nicht lieben!“

Es war mir, als hätte mein Herz aufgehört zu schlagen.

„Aber Liebe überwindet doch alles, oder nicht?“, versuchte ich es noch einmal.

„Lena“, er schaute mir in die Augen. „Ich liebe dich nicht!“

Ich drehte mich schnell weg, damit er nicht sah, dass ich weinte. Er legte seinen Arm um mich, küsste die Tränen von meinem Gesicht und gab mir einen Kuss auf den Mund.

Mein erster Kuss. Ich war in diesem Moment nicht auf dieser Welt.

„Wir könnten es dennoch trotzdem miteinander versuchen. Und wenn es nicht funktioniert, dann trennen wir uns. Wir müssen nichts unseren Eltern oder Freunden erzählen, niemand wird etwas davon erfahren.“

Mehmet umarmte mich. Wir küssten uns. In diesem Kuss lag alles, wonach ich mich sehnte: Geborgenheit, Wärme, Leidenschaft, Liebe. Sehnsucht.

In diesem Moment begann es zu regnen. Es störte uns nicht. Wir küssten uns. Der Regen fiel leicht.

Als wir uns voneinander trennten sagte Mehmet: „Bei uns in der Familie sagt man, wenn sich gerade zwei Menschen sehr nahe gekommen sind, und es dann beginnt zu regnen, dann ist das ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass diese Beziehung von Gott gesegnet wird. Von welchem Gott auch immer.“

Er drückte mich wieder fest an sich. Ich war glücklich. Und traurig.

Wir liefen durch den Regen, sprangen durch die Pfützen und blieben immer wieder mitten auf der Straße im Regen stehen und küssten uns. Es war die schönste und traurigste Stunde meines Lebens.