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Der Blobbel (Tabea Köttner, 15)

Tabea Köttner (15)

Der Blobbel
Ich sitze auf einem der viel zu harten Stühle des Holly Gibberts Gymnasiums, kurz HGG, im Rotbuchental. Der schlimmste Ort auf der ganzen, weiten Welt. Zumindest für ein sechzehnjähriges, unmodisches, nicht reiches und in allen Angelegenheiten höchstens nur durchschnittlich begabtes Mädchen wie mich. Ich bin immer die Erste im Klassenraum. So habe ich jeden Morgen etwas Zeit für mich und kann mich für den bevorstehenden Tag wappnen.
Ich seufze laut auf, dann schiele ich auf die große Uhr an der Wand. 8:45 Uhr. In fünf Minuten werden auch die anderen nach und nach eintrudeln. Ich schließe die Augen und fange an meine Schläfen zu massieren.
„Bitte, bitte Lieber Gott, was habe ich getan, dass du mich so hart bestrafst? Das ist doch nicht fair! Immerhin gehe ich jeden Sonntag in die Kirche!“, murmele ich vor mich hin.
Plötzlich wird die Klassenzimmertür mit einem lauten Krachen aufgetreten. Eine Horde grölender und tratschender Jugendlicher stürmt herein.
„Los geht’s! Auf in den Kampf!“, mache ich mir selber Mut. Ich löse die Finger von meinen Schläfen und öffne die Augen, doch kaum sind meine Lider oben, will ich sie am liebsten gleich wieder schließen. Ich blicke direkt in das fiese Gesicht von Tommy. Es zieht sich ein schmieriges Grinsen über seine kantige Visage.
„Na, Müllsack?“, fängt Tommy gleich an. „Was haste denn da schon wieder an?“, lacht er hämisch.
Von links bahnen sich schlecht wasserstoffblond gefärbte Haare und ein pinkfarbener Lolipop-Mund an. In meinem Kopf springen augenblicklich sämtliche Alarmanlagen an. Anna! Anna ist die gemeinste und zickigste Person, die ich kenne. Leider ist sie aber auch das Alpha-Tier in unserer Klasse, was bedeutet, dass alle nach ihrer Pfeife tanzen. Einfach schrecklich! Obendrein ist sie auch noch mit Tommy zusammen. Einzeln sind die beiden schon eine Plage, doch zusammen sind sie das personifizierte Grauen.
„Ist das etwa aus der neuen Kollektion von Oskar?“, begrüßt mich Anna.
Ich guckte sie fragend an. Ich habe wirklich null Ahnung, wenn es um Mode geht, aber ich bezweifle, dass ich irgendwelche Designerklamotten besitze… Ach Quatsch, was denke ich denn, das ist doch bestimmt nur wieder eine von Annas blöden Sticheleien.
„Na, du weißt schon… von der Sesamstraße… Oskar halt, der Typ, der in einer Mülltonne wohnt“, klärt mich Anna schnippisch auf.
War ja klar! Ich beiße mir auf die Lippen, um mir eine patzige Antwort zu verkneifen. Zwar würden Anna und Tommy zu blöd sein, um den Inhalt einer meiner Antworten zu verstehen, aber sie würden ohne jeden Zweifel bemerken, dass ich sie auf irgendeine Art beleidigt habe. Und ich kann wirklich kein blaues Auge von Tommy gebrauchen. Nicht schon wieder. Ach ja, ich glaube ich habe vergessen anzumerken, dass solche Leute wie Tommy und Anna der Hauptgrund sind, warum ich jeden Tag überpünktlich in der Schule erscheine. Es soll keiner wissen, dass ich das Mobbingopfer der ganzen Klasse bin. Für die anderen soll es so aussehen, als ob ich ein normales Mädchen bin, das super gern zur Schule geht. Die “anderen“ sind in diesem Fall die Lehrer und meine Eltern. Sie sollen sich keine Sorgen um mich machen.
Erneut wird die Tür schwungvoll geöffnet. Unser Englischlehrer betritt mit hastigen Schritten den Raum.
„Good morning, everybody!“, begrüßt er uns enthusiastisch in schlechtem Englisch. Wie auf Knopfdruck erwidert die ganze Klasse monoton: „Good morning, Mister Müller.“
Alle setzen sich auf ihre Stühle. Nur Anna und Tommy stehen noch immer planlos vor meinen Tisch rum.
„Anna, Tommy, die Stunde hat begonnen. Take your seats, please!”
Die beiden bewegen sich ohne jeden Kommentar zu ihren Plätzen.
„So, kommen wir nun zu den Hausaufgaben… Anna, Sie können mir doch bestimmt Ihre Zusammenfassung des Textes, den sie lesen sollten, vorstellen, richtig?“, fährt Mister Müller mit seinem Unterricht fort.
„Tut mir leid Mister Müller, aber die tolle Zusammenfassung, die ich geschrieben habe, hat mein Chihuahua gefressen“, sagt Anna, während sie wie verrückt mit ihren Wimpern klimpert.
„Schon wieder?“, fragt der Lehrer ungläubig. „Na, dann werde ich heute Nachmittag mal mit Ihren Eltern telefonieren und erzählen, dass Sie schon zum wiederholten Male keine Hausaufgaben vorzeigen können.“
„Aber, aber das ist nicht fair! Ich habe die Hausaufgaben doch gemacht!!“, beschwert sich Anna.
Doch Mister Müller hat sich schon von Anna weggedreht. „Tommy… haben Sie Hausaufgaben vorzuweisen?“
„Ähem…nein…“, stammelt Tommy.
„Lassen Sie mich raten… Ihre Hausaufgaben wurden von einem Dinosaurier gefressen?“, unterbricht Mister Müller Tommy mit einem ironischen Tonfall in der Stimme.
„Stimmt… aber woher wissen Sie das?“, fragt Tommy.
Die ganze Klasse fängt an zu lachen. Auch ich kann mir ein Grinsen nicht länger verkneifen. Doch Mister Müller findet das anscheinend gar nicht so lustig. Er verdreht kurz die Augen und wendet sich dann, ach du Schreck! mir zu!
„Leonora bitte, bitte sagen Sie mir jetzt nicht auch noch, dass Ihre Hausaufgaben von einem Huhn aufgepickt wurden“, klagt er verzweifelt.
„Nein Sir, das wurden sie nicht, aber ich habe sie vergessen“, erwidere ich kleinlaut. „Ach Leute, ist das euer Ernst? Da ja anscheinend keiner von euch die Hausaufgaben gemacht hat, bekommt ihr alle einen Strich und fertigt die Hausaufgabe zu morgen an, plus die Hausaufgaben, die ihr heute noch aufbekommt“, sagt Mister Müller entschieden.
Ein lautes Stöhnen geht durch die Klasse. Drei oder vier Leute rufen: „Das ist doch nicht fair!“
Unser Englischlehrer lässt das für ungefähr drei Minuten zu, dann schreitet er ein: „Leute werdet mal wieder still! Ihr könnt euch gerne bei den Dreien hier vorne bedanken, aber erst in der Pause“, versucht Mister Müller die Klasse zum Schweigen zu bringen.
Ich spüre vierundzwanzig Augenpaare, die mit vollem Hass auf meinen Rücken starren. Ich rutsche noch etwas tiefer in meinen Stuhl. Na, toll! Das steigert meine Beliebtheit nicht gerade. Doch nach und nach wird es wieder ruhiger und Mister Müller gibt uns Aufgaben im Buch, die wir den Rest der Stunde bearbeiten sollen. Ich kauere mich so tief über meinen Block, wie es geht. Ich versuche mich, nur auf die Aufgabe zu konzentrieren und meine mich hassenden Klassenkameraden zu ignorieren. Aber irgendwie klappt das nicht richtig. Ich habe es langsam echt satt. Satt, gehasst zu werden. Satt, so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. Denn das ist es nicht. Endlich klingelt es zur Pause, und ich stopfe Buch, Block und Stifte, so schnell es geht, in meine Schultasche, dann renne ich aus dem Klassenraum.
Normalerweise würde ich zu den Mädchentoiletten rennen und mich in einer Kabine einschließen. Dort würde ich dann mein Schulbrot mutterseelenalleine essen und warten, bis ich wieder in den Unterricht muss. Aber heute geht das leider nicht. Ich habe vor zwei Wochen an einer schulinternen Lateinprüfung teilgenommen, und heute ist die Preisverleihung. Also stapfe ich die Schulstraße Richtung Aula entlang.
Die Aula im Gymnasium ist groß und sehr hell, was zum Teil an den großen Fenstern, zum anderen Teil an der weißen Wandfarbe liegt. Dafür hat unsere Aula keine Bühne. Der ganze Boden ist mit beigen Fliesen verlegt. Für Veranstaltungen werden gut zwei Drittel des Raumes mit Stühlen ausgestattet. Es sind genau die harten Stühle, die man auch in jedem Klassenraum vorfindet. Wahrscheinlich kann sich unsere Schule einfach keine besseren Stühle leisten. Die Teilnehmer der Prüfung müssen sich in die erste Reihe setzen. Das hat der Schuldirektor so angekündigt. Also belege ich zusammen mit zwanzig weiteren Teilnehmern die komplette erste Reihe. Ich kenne keine der weiteren Teilnehmer. Vielleicht gehen welche in meine Klasse, oder meine Parallelklasse. Aber selbst wenn, das würde mich auch nicht interessieren. Ich bin für meine Mitschüler doch nur eine Lachnummer. Ich bin mir sicher, dass alle hinter meinem Rücken über mich lästern. Genau deshalb will ich auch nichts mit anderen Jugendlichen zu tun haben. Lieber verstecke ich mich Tag für Tag auf meinem Zimmer, lese oder höre Musik. Jetzt sitze ich also hier zwischen einer Masse von Leuten, die mich hassen, und mit denen ich nichts zu tun haben will. Ich starre auf die Schuhspitzen meiner Turnschuhe und warte sehnsüchtig darauf, diese Preisverleihungen hinter mich zu bringen. Endlich betritt der Schuldirektor die Aula und stellt sich mit einem Mikrofon vor die erste Stuhlreihe. „Herzlich Willkommen bei dieser Pflichtveranstaltung für die Mittelstufe unserer Schule“, eröffnet er die Verleihung. „Wir haben uns heute hier versammelt, um die Schüler und Schülerinnen zu ehren, die die freiwillige Lateinprüfung erfolgreich bestanden haben!“ Bei diesen Worten bricht lauter Jubel in der Aula aus. Der Direktor wartet, bis es wieder stiller wird, dann redet er weiter. „So kommen wir nun ohne große Umschweife zu den Plätzen fünfzehn bis zwanzig. Dazu bitte ich nach vorne zu kommen: Cornelia Drexler, Felix Baumhof…“
Nach jedem genannten Namen erhebt sich ein Schüler oder eine Schülerin und nimmt eine Urkunde und einen kleinen Preis entgegen. Und so geht es dann die ganze Zeit weiter. Als nächstes kommen Platz zehn bis vierzehn, dann sieben bis neun und so weiter. Schließlich sind nur noch drei Schüler übrig. Ein Junge mit Nickelbrille, lockigen, schwarzen Haaren und gelbem Karohemd, ein Mädchen mit kurzen, roten Haaren und weißer Bluse und… ICH! Ich gucke mich verwirrt um. Ist da vielleicht irgendein Fehler unterlaufen? Oder habe ich wirklich so gut abgeschnitten? Ich höre kaum noch zu.
„Platz drei geht an Flora Huber, herzlichen Glückwunsch!“, verkündet der Direktor. Als das hübsche Mädchen aufsteht, bricht lauter Jubel aus. Nach einigen Minuten kann der Direktor weiter sprechen: „Nun kommen wir zu den zwei letzten Teilnehmern. Ich werde als erstes den Gewinner verkünden…“
Der Direktor wird durch einzelne Rufe der Schüler unterbrochen. „Joni, du packst das!“ oder auch: „ Jonas, du bist der Beste.“ Ich schiele etwas verunsichert zu Jonas rüber.
„Kommen wir nun zum Gewinner“, der Direktor macht eine Pause, um Spannung aufzubauen. „Der Gewinner oder die Gewinnerin, also der oder die mit der höchsten Punktzahl ist… Leonora Schmidt! Meinen allerherzlichsten Glückwunsch!“
Ich stehe langsam auf. Ich bin mal in etwas die Beste?! Ich kann es noch gar nicht richtig glauben. Als ich vorne ankomme und mich in die Richtung der Schüler drehe, merke ich, dass sie nicht applaudieren oder klatschen. Es bleibt einfach ganz still. Die ganze Aula ist in einer Riesenwolke des Schweigens eingehüllt. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Lächeln und so tun, als ob es mir egal ist, oder soll ich losheulen? Im Moment ist mir eher nach der zweiten Variante zumute. Aber ich muss stark bleiben. Vorsichtig drehe ich meinen Kopf zum Schuldirektor. Er hält meine Urkunde in der Hand, scheint aber ziemlich verwirrt von der Stille zu sein. Ist ja auch logisch, er hat keine Ahnung, was ich jeden Tag durchmachen muss. Er weiß nicht, wie sehr mich alle hassen. Ich straffe meine Schultern und mache einen entschlossenen Schritt Richtung Direktor. Ich strecke meine Hand aus, um die Urkunde entgegen zu nehmen. Gerade, als meine Fingerspitzen das raue Papier umschließen, durchschneidet eine schrille, weibliche Stimme die Stille: „ Streberin!“
Plötzlich ist die Aula von lautem Gelächter erfüllt. Ein kalter Schauer läuft meinen Rücken runter. Für den Bruchteil einer Sekunde bin ich unfähig, mich zu bewegen. Doch dann, ganz plötzlich, bin ich wie elektrisiert. Adrenalin jagt durch mein Blut und ich drehe mich blitzschnell um. Wer war das? Ich will wissen, wer das war. Ich spüre, wie langsam Tränen in mir hochkommen. Aber es sind keine Tränen der Trauer. Nein, es sind Wuttränen. Ich habe genug! Es reicht jetzt. Ich will mich rächen. Blitzschnell durchsuche ich den ganzen Raum nach der Übeltäterin. Und dann sehe ich sie. Ich kann sie an ihrem selbstgefälligen Lächeln erkennen. Sie sitzt in der fünften Reihe ganz rechts. Es ist Anna. Ich fokussiere sie mit zusammengekniffenen Augen.
Ich lasse den nun noch mehr verwirrten Schuldirektor alleine vorne stehen und mache mich mit großen, zielsicheren Schritten auf den Weg zu Anna. Ich habe genug davon, mich in meinem Zimmer zu verstecken. Sie verdient es! Es muss sie jemand in die Schranken weisen, und wenn sich das kein anderer traut, mach ich das jetzt selber. Ich weiß auch nicht, woher ich plötzlich den ganzen Mut nehme, mich mit ihr anzulegen und damit mit dem gesamten achten Jahrgang. Bei Annas Platz angekommen, baue ich mich direkt vor ihr auf. Sie lächelt mich belustigt von unten an. „Na, was willst du schon machen, hier vor allen möglichen Lehrern und Schülern?“, sagen ihre Augen. Doch das macht meine Wut auf sie nur noch größer. Ich greife in ihre langen, blonden Haare und ziehe sie hoch, so dass unsere Augen auf der gleichen Höhe sind. Ich wusste gar nicht, dass ich so viel Kraft habe. Mit der freien Hand hole ich weit aus und schlage ihr dann auf die Wange. Der Schlag wird von einem lauten Knall begleitet. Als ich sehe, wie der Schmerz ihr Tränen in die Augen treibt, lasse ich sie los, und sie gleitet langsam wieder auf ihren Stuhl. Ich habe es geschafft! Ich fühle mich stark und befreit.
Plötzlich greift jemand von hinten nach meinem Handgelenk. Hinter mir steht ein sehr enttäuscht dreinblickender Mister Müller, der meine Hand nimmt und mich wegzieht. Hä? Was ist denn jetzt los? Die sollten lieber Anna wegziehen!
Mister Müller führt mich durch eine Masse gaffender Schüler bis zum Büro des Schuldirektors. Er öffnet die Tür und schiebt mich vorsichtig hindurch. Nachdem er den Raum betreten hat, schließt er die Tür wieder.
„Was soll das?“, frage ich verwirrt und etwas genervt.
„Na ja, immerhin haben Sie gerade Ihre Klassenkameradin geschlagen“, versucht Mister Müller die Situation zu erklären.
„Schon, aber haben Sie nicht mitbekommen, wie sie mich bloß gestellt hat?!“, rechtfertige ich mich.
„Schon, aber dann muss man sein Temperament zügeln und nicht einfach so Gewalt anwenden“, mischt sich der Schuldirektor ein. „Stellen Sie sich mal vor, das würde hier jeder so machen! Ich will damit ja nicht sagen, dass Annas Verhalten nicht bestraft werden muss, aber überlassen Sie das bitte den Lehrern oder mir.“
„Sie ist doch hier diejenige, die ihr Temperament nicht zügeln kann!“, verteidige ich mich weiter.
„Bitte Leonora, im Moment sind Sie es, die sich nicht zurück hält“, sagt Mister Müller.
„Ich habe doch gar nichts gemacht!“ Langsam werde ich echt sauer.
„Sie haben gerade eine Mitschülerin geschlagen!“, sagt der Direktor streng.
Ich könnte jetzt alles erzählen. Sie würden mich vielleicht verstehen und mir helfen, aber sie würden meinen Eltern auch alles erzählen. Bei dem Gedanken, dass meine Eltern erfahren, wie ich gemobbt werde, wird mir heiß und kalt. Meine Mutter würde sich selber die Schuld geben und mein Vater, er soll weiterhin denken, dass ich sein starkes Mädchen bin. Also entscheide ich mich weiterhin, auf stur zu stellen. „Na und, mir doch egal!“, antworte ich patzig.
Mister Müller und der Direktor starren sich entsetzt an. „Es ist dir egal?“, wollen beide gleichzeitig wissen.
„Ja, denn in meinen Augen ist sie die Schuldige!“, sage ich eine Spur zu laut.
„Also wirklich, ich verbiete mir diesen Ton in meinem Büro!“, empört sich der Schuldirektor.
„Also wirklich, Leonora, was ist denn plötzlich in Sie gefahren?“, will Mister Müller wissen.
„Mir geht es bestens! Sie sollten mal lieber mit dieser verlogenen Schlange Anna reden!“ Jetzt schreie ich schon fast
„So Leonora, jetzt ist aber mal Schluss! Mister Müller wird Sie jetzt in Ihre Klasse bringen, und ich werde Ihre Eltern anrufen und ihnen erzählen, dass Sie heute ein Mädchen geschlagen haben und es nicht einmal bereuen!“, sagt der Direktor und zeigt mit seinem erhobenen Finger auf die Tür. Ich zucke zusammen. Habe ich den Bogen überspannt? Aber was bleibt mir anderes übrig? Ich verlasse, gefolgt von Mister Müller, das Büro, wende mich nach links und gehe Richtung Klassenraum. Den kurzen Weg legen wir schweigend hinter uns. Vor dem Klassenraum bleiben wir stehen. Mister Müller klopft gegen das schwere Holz der Tür. Nach einigen Sekunden öffnet Anna uns die Tür. Ihre linke Wange ist noch immer feuerrot. Ich muss unwillkürlich lächeln. Ich hebe meinen Kopf und stolziere an ihr vorbei, zu meinem Platz. Alle starren mich an. Das tun sie zwar fast immer, aber jetzt ist etwas anders. Mir macht es nichts aus. Sollen sie doch gucken. Es fühlt sich noch immer gut an, Anna eine verpasst zu haben. Doch kaum hat Mister Müller die Tür hinter sich zu gezogen, startet eine hitzige Debatte. „Was macht die denn hier?“ „Sie ist gefährlich!“ „Sie hat mein Babe verletzt!“, ruft Tommy.
„Lass sie doch, die will doch nur Aufmerksamkeit!“, meint ein anderer.
„Pah, mein Vater wird dich verklagen!“, zischt Anna.
Ich zucke zusammen. Meint sie das ernst?
„Kommt mal wieder runter! Anna, Sie können niemanden wegen einer Ohrfeige verklagen. Der Schuldirektor wird sich schon darum kümmern, also seien Sie leise und setzen Sie sich auf den Stuhl.“
Nach diesen Worten unseres Lehrers wird die Klasse wieder ruhig. Ich höre nur noch, dass Anna empört nach Luft schnappt und sich beleidigt auf ihren Platz setzt.
Auf einmal bin ich gar nicht mehr so stolz darauf, Anna geschlagen zu haben. Alle glauben jetzt, dass ich die Böse bin. Ich kauere mich in meinen Stuhl und versuche, so gut wie möglich, dem Unterricht zu folgen. Ich bin erleichtert, als endlich die Schulklingel das Ende dieses schrecklichen Schultages ankündigt. Auf dem Rückweg lasse ich mir viel Zeit. Ich möchte das Gespräch zwischen mir und meinen Eltern soweit wie möglich hinauszögern.
Doch irgendwann ist leider auch der längste Weg der Welt zu Ende. Etwa dreißig Minuten nach Schulschluss stehe ich vor meiner Haustür und stecke mit zittrigen Fingern den Schlüssel in das Schlüsselloch. Langsam stoße ich die Tür auf. Ich lasse meine Schultasche von der Schulter gleiten und ziehe Schuhe und Jacke aus. Meine Eltern erwarten mich schon in der Küche. Peinlich berührt starre ich die Fliesen an. Als ich mich endlich traue, meine Eltern anzugucken, heule ich fast los. Meine Mutter hat Tränen in den Augen und vermeidet es, mich anzusehen und mein Vater… In seinen Augen steht der blanke Zorn.
Er ist der erste, der das Wort ergreift. „Wir sind sehr enttäuscht von dir, Leonora!“
Ich schlucke hart. „Es… es… es tut… mir ja so leid. Ich wollte euch niemals enttäuschen. Ihr müsst mir glauben!“, stammele ich. Doch mein Vater schüttelt nur unmerklich seinen Kopf.
„Warum?“, wimmert meine Mutter. Es zerreißt mir fast das Herz. Kann sie nicht auch sauer sein? Es wäre einfacher für mich, wenn sie mich anschreien würde. Plötzlich weiß ich nicht mehr, warum ich mich heute nicht zurückhalten konnte, so wie sonst immer. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mit den Schultern zu zucken.
Meine Mutter senkt wieder den Kopf und noch mehr Tränen laufen über ihr Gesicht. „Es ist alles meine Schuld“, schluchzt sie.
Mein Vater nimmt sie in den Arm und redet ihr ruhig zu: „Nein, du kannst nichts dafür!“
„Bitte, ihr müsst mir glauben, ich bin unschuldig!“, rufe ich den Tränen nahe.
„Leonora, geh einfach auf dein Zimmer und lass uns alleine“, sagt mein Vater ruhig, aber mit einem scharfen Unterton. Ich senke meinen Kopf und trotte in mein Zimmer. Dort angekommen werfe ich mich auf mein Doppelbett und weine in mein Kissen. Ich bin sauer. Aber nicht auf Anna, Tommy, den Schuldirektor, Mister Müller oder meine Eltern. Nein, ich bin nur sauer auf mich selbst.
Zuerst weine ich, dann schluchze ich nur noch ab und zu. Plötzlich höre ich ein ganz leises Klingeln. Ich setze mich auf und durchsuche mein Zimmer nach der Ursache. Doch ich kann nichts Ungewöhnliches feststellen. Alles ist beim Alten. Ich lausche noch mal genauer. Das Geräusch scheint direkt unter mir zu sein. Ich lege mich auf den Bauch und schaue unter das Bett. Dort ist ein ekliger, rosafarbener, glibberiger Haufen.
Ich springe mit einem spitzen Schrei auf. Wie eklig! Was ist das? Ich hasse Dreck und Unordnung und halte deswegen auch mein Zimmer immer sauber. Wie kommt also dieser Glibber-Haufen da hin? Ich gehe vorsichtig in die Hocke und wage noch einen Blick unter mein Bett. Ich schreie noch mal und mache einen großen Satz auf mein Bett. Der Haufen hat sich auf mich zu bewegt. Ich zittere am ganzen Körper. Langsam kriecht das Etwas unter dem Bett hervor. Erst jetzt sehe ich, dass es zwei Augen hat. Ich bin schon wieder kurz vorm Schreien.
Plötzlich höre ich eine melodische, mir unbekannte Stimme: „ Bitte hör auf zu schreien, ich will dir doch nichts tun.“
Ich starre entsetzt auf den Boden. Ich mache einen großen Schritt rückwärts und achte darauf, nicht vom Bett zu fallen. Am besten renne ich aus dem Zimmer und sperre dieses Dings da solange in mein Zimmer ein, bis es irgendjemand entfernt. Ich mache noch einen Schritt und gehe vom Bett runter.
„Bitte warte, geh nicht! Lass mich die ganze Situation erklären“, sagt das rosa Etwas und hüpft auf mich zu. Ich schiele unsicher nach unten. Es scheint ja keine Gefahr von dem Ding auszugehen, und meine Eltern wollen mich im Moment nicht sehen. „Ähem… na gut“, sage ich misstrauisch.
„Ich bin ein Blobbel“, fängt der Blobbel an.
„Ein was?“, frage ich verwirrt.
„Oh, ich sehe schon, ich muss weiter vorne anfangen. Ein Blobbel ist ein normales Lebewesen, so wie die Menschen auch. Aber wir wohnen eigentlich nicht auf der Erde, sondern auf einem Planeten namens Magnolia. Der Planet ist ein riesengroßer Urwald und alle leben in Frieden miteinander. Doch so ein Leben in Frieden ist nur durch sehr strenge Regeln möglich, und jeder, der gegen eine dieser Regeln verstößt, wird streng bestraft. Die Strafen können unterschiedlich hart ausfallen.“
Ich versuche, dem Blobbel so gut wie möglich zu folgen. „Und du bist hier, weil…?“, unterbreche ich ihn.
„Ich habe gegen eine der heiligsten Regeln verstoßen. Ich habe etwas gestohlen. Meine Schwester war sehr krank und brauchte dringend Medizin, aber wir konnten uns diese Medizin nicht leisten. Also habe ich kurzerhand diese Medizin gestohlen. Meine Schwester ist wieder gesund. Doch die Ältesten haben erfahren, dass ich etwas gestohlen habe, und zur Strafe haben sie mich auf die Erde geschickt. Ich darf erst wieder zurück, wenn ich diese Straftat durch gute Taten, hier auf der Erde, ausgeglichen habe“, sagt der Blobbel traurig.
„Das klingt ja schrecklich! Du wolltest doch nur deiner kranken Schwester helfen. Ist das denn keine gute Tat?“, frage ich empört.
„An sich schon, aber ich habe etwas gestohlen, und das ist ein sehr grober Verstoß gegen unsere Regeln“, erklärt der Blobbel. „Anstatt zu stehlen, hätte ich einen Antrag schreiben müssen, um das Medikament kostenlos zu bekommen, aber ich hatte Angst, dass das zu lange dauert.“
„Hmm, verstehe… Wie heißt du eigentlich?“, will ich wissen.
„Wir Blobbel haben normalerweise keine Namen, aber wenn du möchtest, kannst du mir gerne einen geben!“, sagt der Blobbel schon fröhlicher.
Ich muss gar nicht lange überlegen. „Rosebell! Das passt! Du bist rosa und das Erste, was ich von dir gehört habe, war ein leises Klingeln, wie von kleinen Glocken“, sage ich begeistert.
„Ich bin zwar eigentlich kein Mädchen, aber der Name ist wirklich toll!“, ruft Rosebell. „Also, wenn du mir schon einen Namen gibst… dann hilfst du mir doch auch sicherlich!“, fährt Rosebell aufgeregt fort.
„Ich? Dir helfen? Wie soll ich dir denn helfen?“, frage ich.
„Du sollst mir helfen, anderen zu helfen, damit ich wieder zu meiner Familie zurückkomme. Vielleicht löst sich ja dann auch dein Problem auf!“, sagt Rosebell ganz übermütig.
„Moment mal, ganz langsam… Woher weißt du, was ich für Probleme habe?“, frage ich erschrocken.
„Oh, habe ich vergessen, das zu erwähnen? Wir Blobbel sind Lebewesen, denen Frieden sehr wichtig ist, wir sind der Meinung, dass Probleme jeglicher Art den Frieden zerstören, und damit wir das verhindern können, haben wir die Fähigkeit, die Probleme von allen anderen Lebewesen zu sehen!“, klärt mich Rosebell auf. Ich nicke zögerlich.
„Damit hat sich dann auch die Frage geklärt, wie du vorhast, anderen Leuten zu helfen“, stelle ich fest.
„Heißt das, du bist dabei?“, fragt Rosebell. Ich schaue ihn kurz an. Er hat nur versucht, einem geliebten Menschen zu helfen. Es wäre das Richtige, ja zu sagen.
„Okay, ich bin dabei. Aber wo willst du anfangen? Und was genau ist dein Plan?“, frage ich noch etwas nervös.
„Keine Sorge, eigentlich ist es ganz einfach. Du nimmst mich mit zur Schule, und dann suche ich mir jemanden aus, dem wir helfen werden. Irgendwann werden wir genug Leuten geholfen haben, damit ich wieder nachhause darf!“, freut sich Rosebell.
Ich werde von Rosebells Übermut angesteckt und muss lächeln. „Okay, okay. Also morgen geht es los… Am besten du übernachtest schon in meiner Schultasche, dann nehme ich dich morgen mit. Aber jetzt muss ich zum Abendessen. Meine Eltern sind wahrscheinlich gerade im Wohnzimmer und gucken Nachrichten. Die Chance kann ich nutzen, um etwas zu essen und gleichzeitig ihren enttäuschten Blicken zu entgehen.“ Ich seufze tief auf.
„Wir werden auch dein Problem irgendwie lösen“, versichert Rosebell mir.
Es fühlt sich überraschend gut an, jemanden zu haben, der mein Problem kennt, und mit dem ich darüber reden kann. Ich lächele kurz zu Rosebell rüber, dann öffne ich die Tür und verschwinde in der Küche. Als ich wieder komme, ist Rosebell schon in meiner Schultasche verschwunden, und ich entscheide mich ins Bett zu gehen.
Schon nach ein paar Minuten bin ich eingeschlafen.

Pünktlich um sechs Uhr fünfzehn reißt mich mein blöder Wecker aus meinem traumlosen Schlaf. Ich richte mich schwerfällig auf und lasse mich dann wieder zurück in meine Kissen fallen. Ich will weiter schlafen! Doch dann werde ich mit einem Mal hellwach. Meine Eltern schlafen um diese Uhrzeit noch. Ich kann mich also ganz leicht aus dem Haus schleichen und meinen Eltern aus dem Weg gehen.
„Rosebell?“, flüstere ich leise. Doch es kommt keine Antwort. Ich hebe verwirrt den Kopf. „Rosebell?“, flüstere ich nochmal, aber diesmal etwas lauter. Noch immer nichts. Ich schwinge meine Beine über die Bettkante und stehe auf. Ich tapse in Richtung Schultasche und öffne sie vorsichtig. Dort liegt Rosebell und schläft. Ich muss leicht schmunzeln. Kurzer Hand ziehe ich mich an, schnappe mir die Tasche und mache mich auf den Weg zur Schule. Die ersten beiden Stunden sitze ich wie auf heißen Kohlen. Ich starre immer wieder auf die Uhr. Wenigstens sind mir heute Morgen, aus einem mir unbekannten Grund, die Kommentare von Anna und Tommy erspart geblieben. Endlich klingelt es zur Pause. Ich schnappe mir meine Schultasche und renne zur Mädchentoilette. Nachdem ich mich in einer Kabine eingeschlossen habe, lege ich meinen Kopf verzweifelt in meine Hände. Ich bilde mir doch nicht ernsthaft ein, hier die Heldin spielen zu können und allen Leuten zu helfen!
„Hey, Hey, gute Nachrichten, ich weiß, wem wir als erstes helfen können“, ruft Rosebell aus meiner Tasche.
„Ach, ich glaube, es ist doch keine so gute Idee. Wer will sich schon von einem Mobbingopfer helfen lassen?“, sage ich zweifelnd.
„Jeder, der Hilfe braucht, nimmt Hilfe an, egal von wem sie angeboten wird!“, versichert Rosebell mir.
Ich bin noch nicht wirklich überzeugt.
Rosebell scheint das zu bemerken. „Unser erster Fall ist echt leicht!“
„Okay, dann schieß mal los“, sage ich noch etwas zögerlich.
„Sie heißt Stefanie, und sie ist eine begabte Sängerin!“, fängt Rosebell an.
„Stimmt, die kenne ich, sie geht in meine Klasse, richtig? Und was hat sie für ein Problem?“, frage ich.
„ Ja, sie geht in deine Klasse. Ihre Eltern haben ihr damit gedroht, sie aus dem Chor zu nehmen, wenn sie in der nächsten Biologiearbeit nicht mindestens eine Zwei schreibt“, erklärt Rosebell. Ich schaue ihn fragend an. Das Problem habe ich noch nicht richtig verstanden: „Okay, und was soll ich da machen?“
„Du könntest ihr doch Nachhilfe geben, oder jemanden finden, der ihr Nachhilfe gibt!“, schlägt Rosebell vor.
„Ja schon, aber sie wird keine Hilfe von mir wollen!“, klage ich. Es wird sich keiner mit mir blicken lassen wollen, das würde doch nur den Ruf des Betroffenen ruinieren.
„Versuche es doch einfach! Bitte Leonora, tu es für mich!“, bettelt Rosebell. Leider kann ich nicht nein sagen, ich habe es Rosebell doch versprochen.
Seufzend nicke ich. Ich verlasse die Toilette und mache mich sofort auf die Suche nach Stefanie. Ich finde sie auf dem Pausenhof, wo sie mit ihren Freundinnen plaudert.
„Hey Stefanie, können wir mal kurz unter vier Augen reden?“, begrüße ich die ganze Gruppe. Sie schaut mich herablassend an. Doch nach kurzem Überlegen zuckt sie mit den Schultern und bewegt sich ein paar Meter mit mir von ihrer Gruppe weg.
„Was ist denn los?“, will sie gleich wissen. Ich atme einmal tief ein und fange dann an, ihr zu erzählen, dass ich von ihrem Problem gehört habe. Nach kurzem Hin und Her, nimmt Stefanie das Angebot an, und wir verabreden uns für die Freistunde zum Lernen in der Bücherei. Ich bin ganz schön überrascht, wie schnell ich sie überzeugen konnte.

Es klingelt. Ich beeile mich, um rechtzeitig in der Bücherei anzukommen. Stefanie sitzt schon in einer Ecke und wartet auf mich. Die nächsten neunzig Minuten lernen wir die verschiedensten Bioformeln. Es ist echt lustig. Als wir dann endlich fertig sind und zur nächsten Stunde aufbrechen, umarmt mich Stefanie sogar kurz.
„Leonora, du bist eigentlich ganz schön cool!“, sagt sie anerkennend. Ich starre sie verblüfft an.
„Danke, du bist auch cool“, erwidere ich.
Träume ich das gerade alles oder passiert das wirklich? Hat mich gerade wirklich eine Mitschülerin als “cool“ bezeichnet? Sie zwinkert mir kurz zu, und dann betreten wir gemeinsam den Klassenraum.
Und schon wieder kann ich mich nicht auf den Unterricht konzentrieren. Ich muss die ganze Zeit an Stefanie denken. Kann es sein, dass ich gerade sowas wie eine Freundin gefunden habe? Nein, ich darf mir keine falschen Hoffnungen machen. Es könnte zu sehr wehtun, aber trotzdem lässt mich der Gedanke an eine Freundin nicht los, jemand, mit dem ich alles teilen kann. In der Pause will ich wieder auf die Toilette rennen und mit Rosebell über ein neues Problem reden. Doch an der Tür werde ich aufgehalten. Es ist Stefanie! „Hey möchtest du nicht in der Pause mal zu mir und meinen Freundinnen kommen? Wir könnten ein bisschen zusammen abhängen“, schlägt sie vor.
Ich gucke sie einen Moment verblüfft an. „Ja klar gerne, ich muss nur nochmal kurz vorher auf die Toilette!“, sage ich fröhlich und so ruhig wie möglich.
„Okay, dann bis gleich, du weißt ja, wo du uns findest!“ Sie zwinkert mir nochmal zu und verschwindet dann. Viel verrückter kann der Tag gar nicht mehr werden. Ich gehe zu den Toiletten und kann nicht aufhören zu grinsen.
„Na? Es hat also was gebracht, mit Stefanie zu lernen“, sagt Rosebell, als wir auf der Toilette ankommen.
„Ja auf jeden Fall! Vielen Dank, dass du mich dazu überredet hast!“
„Dann wird es dich sicherlich freuen zu erfahren, dass ich schon gleich jemand Neues gefunden habe! Sie heißt Anna!“, ruft Rosebell begeistert.
Schlagartig verändert sich meine Stimmung. „Moment! Anna? Ich soll Anna helfen? Das kannst du vergessen! Sie ist doch die, die mich immer mobbt!“, schreie ich entgeistert.
Rosebell ist gerade dabei irgendetwas zu erwidern, doch davon will ich nichts wissen. Ich schließe meine Schultasche und mache mich auf den Weg zu Stefanie.
„Bitte Leonora!“, höre ich Rosebell.
„Sei jetzt still!“, zische ich in meine Tasche. Wie kann er nur von mir erwarten, meiner Feindin zu helfen? Verräter! Mir kommen die Tränen. Wenigstens habe ich noch Stefanie.
„Leonora, wenn du ihr helfen kannst, hilfst du gleichzeitig auch dir! Du willst doch, dass das Mobben aufhört, oder?“, versucht Rosebell es weiter und trifft damit meine Schwachstelle. Ich bleibe kurz stehen.
„Wie meinst du das?“, frage ich misstrauisch.
„Ihr Problem ist der Grund, warum sie so gemein ist! Sie würde bestimmt aufhören, dich zu ärgern, wenn sie kein Problem mehr hat“, sagt Rosebell.
„Bist du dir sicher, dass sie aufhören wird?“, frage ich jetzt zweifelnd.
„Sicher nicht, aber bei Stefanie hat es ja auch geklappt! Also versuch es doch noch mal“, redet Rosebell auf mich ein. Ich blicke sehnsüchtig auf den Schulhof. Stefanie wartet bestimmt schon auf mich.
„Lass mich noch mal die Pause lang nachdenken, okay?“, bitte ich Rosebell. Ich werte Rosebells Schweigen als Ja, verlasse die Schule und gehe zu Stefanie rüber.
„Hey Leute, ihr kennt doch bestimmt Leonora. Sie ist echt cool, und ich denke, sie sollte öfters mit uns abhängen!“, stellt mich Stefanie ihren Freundinnen vor. Sie mustern mich von oben bis unten, dann lächeln sie mich alle nacheinander an.
„Gut, wenn Stefanie sie okay findet, wird sie schon zu uns passen“, sagt eines der Mädchen, und die anderen stimmen ihr zu.
Wir plaudern und witzeln die ganze Pause. Ich hätte nie gedacht, dass eine Pause so schön sein kann und das erste Mal seit langem bin ich wirklich traurig, als die Pause endet und wir wieder in den Unterricht müssen.
Die ersten fünfzehn Minuten verbringe ich damit, über Anna nachzudenken, und plötzlich weiß ich, was ich machen werde.
Ich melde mich: „Entschuldigung, aber könnte ich bitte kurz auf Toilette gehen?“
Mit einem kurzen Nicken gibt mir der Lehrer die Erlaubnis, den Raum zu verlassen. Ich stelle meine Tasche auf den Rand des Waschbeckens.
„Also gut, bevor ich mich entscheide, möchte ich wenigstens wissen, was für ein Problem das ist!“, sage ich zu Rosebell.
Er fängt vor Freude an zu strahlen. „Also, es ist so: Anna versucht durch ihre fiesen Sprüche und Taten Aufmerksamkeit zu bekommen!“
„Hä? Die hat sie doch auch sonst schon! Ich meine, jeder will mit ihr befreundet sein!“, sage ich mit gerunzelter Stirn.
„Ja, die anderen Schüler geben ihr Aufmerksamkeit, aber die möchte sie viel lieber von ihren Eltern bekommen. Sie arbeiten viel und kümmern sich nicht wirklich um sie“, erzählt Rosebell.
Kann das stimmen? Ist es möglich, dass ein Mensch so gemein ist, nur weil er will, dass seine Eltern mehr Zeit mit ihm verbringen?
„Und was wirst du tun?“, fragt Rosebell aufgeregt. Ich schweige, um zu überlegen, dann sage ich: „Ich habe da schon so eine Idee, lass mich mal machen. Aber jetzt muss ich zurück zum Unterricht!“
Ich gehe wieder zurück und konzentriere mich diesmal wirklich bis zum Schluss auf den Unterricht. Als die Stunde vorbei ist, gehe ich jedoch nicht sofort nachhause.
Ich mache vor dem Büro des Schuldirektors halt und klopfe dreimal gegen die Tür.
Er öffnet. „ Oh Leonora, kommen Sie rein. Gibt es ein Problem?“ begrüßt er mich.
Mit einer einladenden Handbewegung bittet er mich in sein Büro einzutreten.
„Es geht um die Sache von neulich…“, fange ich an. „Ich habe Anna nicht geschlagen, weil sie mich einmal Streberin genannt hat. Sie hat mich schon öfters provoziert, aber da konnte ich mich noch zurückhalten, auch wenn es oft schlimme Beleidigungen waren. Ich weiß nicht, warum ich mich da neulich nicht mehr zurück halten konnte. Und bevor Sie irgendetwas dazu sagen oder fragen, lassen Sie mich bitte erst zu Ende reden. Ich bin nämlich nicht hier, um mich zu rechtfertigen, und ich will auch nicht, dass Sie Anna bestrafen. Das mag jetzt komisch klingen. Noch vor ein paar Tagen habe ich es ihr gewünscht, für alles bestraft zu werden. Aber jetzt kenne ich den Grund. Sie hat es zuhause nicht einfach. Ihre Eltern haben kaum Zeit für sie. Könnten Sie vielleicht nicht mal ein Gespräch zwischen Anna, ihren Eltern und Ihnen anordnen? Dann würde die Möglichkeit bestehen, dass Annas Eltern sehen, wie sehr sich Anna ihre Aufmerksamkeit wünscht.“
Ich atme ganz tief ein. Der Direktor guckt mich verwirrt an. Er schweigt einen Moment. Ich kann die Spannung im Raum schon fast hören.
„Das ist ja ziemlich viel auf einmal“, sagt er. „Warum haben Sie nicht schon früher etwas gesagt? Also, Sie wollen mir jetzt sagen, dass Sie schon länger gemobbt werden, aber die Täterin nicht bestrafen, sondern ihnen lieber helfen wollen?… Das ist wirklich sehr löblich von Ihnen!“ sagt der Direktor. „Ich werde sehen, was ich hinsichtlich Ihrer Bitte machen kann. Und natürlich werde ich Ihre Eltern anrufen und ihnen erklären, was in Wahrheit passiert ist“, verspricht er mir.
Ich wollte nie, dass meine Eltern erfahren, dass ich gemobbt werde, aber jetzt fühlt es sich richtig an, es ihnen zu sagen. „Vielen Dank“, verabschiede ich mich vom Schuldirektor und mache mich auf den Weg nach Hause.
Als ich durch die Tür komme, warten meine Eltern auf dem Flur auf mich und nehmen mich in den Arm. „ Oh Leonora Spätzchen, bitte verzeihe uns, wir hätten dir glauben müssen!“, weint meine Mutter.
„Dein Direktor hat angerufen und uns alles erzählt! Wenn du möchtest, musst du nicht mehr auf diese Schule!“, sagt mein Vater.
„Nein Dad, das ist ein nettes Angebot, aber ich habe heute endlich neue Freunde gefunden, und auch das Mobben wird hoffentlich bald ein Ende haben!“, versichere ich meinem Vater.
„Wie du möchtest, Liebes. Es wird alles gut. Wir schaffen das, gemeinsam!“, antwortet meine Mutter und drückt mich noch fester an sich.
„Es ist wunderbar, so tolle Eltern wie euch zu haben“, flüstere ich beiden ins Ohr.
Wir sitzen den Rest des Tages zusammen auf dem Sofa und spielen alle möglichen Gesellschaftsspiele. Es wird der schönste Tage meines gesamten bisherigen Lebens. Am nächsten Morgen frühstücke ich gemütlich mit meinen Eltern und gehe dann mit super Laune zur Schule. Gerade, als ich durch das Schultor hindurch trete, kommt Anna auf mich zu. Ich gucke sie verwirrt an, als sie direkt vor mir stehen bleibt. Doch heute ist irgendetwas anders an ihr. Ist sie fröhlicher, oder bilde ich mir das nur ein?
„Hey, ähem… ich glaube, ich muss dir was sagen… also äh… Danke“, sagt sie leise.
„Äh… Bitte… Aber wofür dankst du mir?“, frage ich sie.
„Ich hatte gestern ein Gespräch mit dem Direktor… Und mit meinen Eltern. Er hat ihnen erzählt, dass ich andere Schüler mobben würde… und hat dann meinen Eltern erklärt, woran es liegt… Später hat er dann gesagt, dass du ihn gebeten hast, er soll sich um meine Eltern kümmern, anstatt mich zu bestrafen. Ich weiß zwar nicht, wie du darauf gekommen bist, aber das ist ja auch egal. Jedenfalls nehmen sich meine Eltern ab sofort mehr Zeit für mich, also danke“, klärt mich Anna auf.
„Kein Problem!“, sage ich und will an ihr vorbei zu Stefanie gehen, die vor der Schule steht und mir zuwinkt. Doch Anna macht einen Schritt zur Seite und versperrt mir den Weg.
„Ich weiß, das ist viel von dir verlangt… aber können wir nicht einfach alles vergessen und nochmal von vorne anfangen?“, fragt sie mich.
Ich nicke abwesend. „Ja klar, aber hey, ich muss jetzt los, wir sehen uns!“
Ich lächle sie kurz an und gehe an ihr vorbei. Mein Leben ist im Moment einfach perfekt. Plötzlich meldet sich Rosebell aus meiner Tasche.
„Leonora, bleib mal kurz stehen, ich muss dir was erzählen.“
Ich bleibe stehen und gehe dann ein paar Meter zur Seite, in eine Ecke, in der sich momentan keine Schüler befinden, und nehme Rosebell auf meine Hand.
„Was ist denn los?“, frage ich.
„Ich habe gerade erfahren, dass ich wieder auf meinen Planeten zurück kehren darf!“, erzählt Rosebell. Ich erstarre. Rosebell will mich verlassen? Aber er ist doch erst den zweiten Tag bei mir! Rosebell scheint zu bemerken, dass ich darüber nicht so glücklich bin wie er.
„Hey Leonora, was ist denn Los? Freust du dich gar nicht für mich?“, fragt er traurig.
Meine Augen sind mit Tränen gefüllt. „ Natürlich freue ich mich für dich! Es ist nur… Du hast mein ganzes Leben in nur zwei Tagen völlig verändert, und jetzt soll ich ohne dich zu Recht kommen?“
„Ach, Quatsch! Du hast dein Leben doch selbst verändert, ich habe dir nur einen Anstoß gegeben!“, tröstet Rosebell mich, „ Jetzt sei doch nicht traurig, Leonora. Ich komme wieder, dass verspreche ich dir!“
Ich blicke auf. Vor mir sehe ich den Eingang unserer Schule. Es sind nur noch wenige Schüler draußen. Stefanie lehnt an der Wand neben der Tür. Sie wartet auf mich. Und mir wird klar, dass ich jetzt auch ohne Rosebell zurecht kommen werde.