shadow

Der Briefbeschwerer

von Stella Dana Lange

Ich sitze an unserem kleinen aber gemütlichen Küchentisch.

Das Sonnenlicht, das durch das Fenster hinter mir hereinscheint, wärmt meinen Rücken.

Ein paar Sonnenstrahlen, die es an meinem Rücken vorbei schaffen, spiegeln sich wie ein Sonnenuntergang auf der dunkelblauen Tischdecke. Untermalt wird das Ganze vom Ticken der Eieruhr.

Noch ca. 15 Minuten, wenn ich es richtig erkenne, bis ich den Braten, den ich nach einem bestimmten Rezept meines Vaters zubereitet habe, aus dem Ofen nehmen kann.

Dann bestreichst du ihn mit dem Konservenwasser, in dem die Ananasstücke immer schwimmen, weißt du? Dann wird er schön knusprig und bekommt diese fruchtige Note“, sagte er immer. Wie ich es mochte, wenn er das sagte.

Dieser Satz war wie Musik in meinen Ohren, auch wenn ich nie ein besonders gutes Verhältnis zu meinem Vater hatte. Es war ohnehin unmöglich, eine gute Beziehung zu ihm zu haben. Keiner schaffte das.

Ich werfe einen kurzen Blick auf die Uhr und realisiere, dass es bereits 12 Minuten vor Fünf ist.

Wie eine Welle bewegen sich meine Finger nacheinander und klopfen ungeduldig auf den Tisch.

Tik tak. Tik tak.

Da dreht sich auch schon der Schlüssel im Schloss.

Ich merke, wie schwer es dir schwaches Wesen fällt, deinen Schlüssel im Schloss zu drehen, wie du versuchst, ihn mit Gefühl aber Stärke nach rechts zu drehen. Erst nach dem gefühlt 50. Versuch gelingt es dir, die Tür aufzuschließen. Dabei schlägt dein nerviger, riesiger metallener Schlüsselanhänger gegen die Tür und das Treppenhaus gibt einen angestrengten Laut wieder.

Was kannst du eigentlich? Ich habe ein genaues Bild vor Augen, wie du ausgesehen haben musst, als dein schläfriger Blick deine Hand beobachtet hat, wie sie den Schlüssel versuchte ins Schloss zu stecken.

Wo warst du? Und wieso kommst du erst jetzt?'“ Meine Hand schließt sich fest um den Türknauf. Wie eine Würgeschlange um ihre Beute und mit meiner Wut drücke ich immer fester zu.

Mein Blick wird ernst und meine Augen groß und aufmerksam.

Ich schaue dir hinterher und beobachte deine langsamen, schleppenden Schritte, die du gen Arbeitszimmer durch den mintfarben gestrichenen Flur machst.

Der Flur wirkt steril und ordentlich. So wie ich es mag.

Du nuschelst ein: „Entschuldigung, ich stand im Stau…“ vor dich hin.

Aus dem Bauch heraus schlängelt sich langsam eine gewisse Wärme bis hin zum Kopf. Mein Kopf fühlt sich dick und warm an. Es fühlt sich an, als ob das Blut gegen die Schädeldecke drückt, um einen Ausweg zu finden. Ätzend. Und wieder ist es deine Schuld.

Kannst du nicht ordentlich mit mir reden? Rede ich auch so mit dir? Was ist das denn für eine Art???“

Deine Art macht mich wütend.

Mein Vater sagte immer: „Wer nicht spricht, ist allein!“, und da hatte er vollkommen Recht.

Allein gehst du also weiter in dein Arbeitszimmer, das glaubst du zumindest.

Aber ich bin dir auf der Schliche.

 

Der Flur fühlt sich plötzlich viel länger an, und ich kann es kaum erwarten, hinter dir zu stehen.

Das Adrenalin schießt in mir hoch und durchläuft jeden einzelnen Muskel in meinem Körper.

Ich fühle mich groß und stark.

Stell deine Tasche ordentlich hin! Die fällt fast um!“ Jede deiner Bewegungen bringt mich dazu, nur noch aggressiver mit dir zu reden. „Du bist doch dumm! Antworte mir gefälligst.“

Aber wieder keine Reaktion, du schlurfst nur weiter durch den Raum.

Es scheint so, als prallten die Worte an den Wänden ab und kämen zu mir zurück.

Machst du das eigentlich mit Absicht? Ich glaube, wir werden mal andere Seiten aufziehen müssen!“

Man könnte fast sagen, du kriechst zu deiner Tasche. Schweigsam und still.

Noch bevor du auch nur annähernd am anderen Ende des Raumes angelangt bist, dort, wo deine Tasche angelehnt an deinem „Schreibtisch“ steht, der im Übrigen auch schon einmal nach mehr Arbeit ausgesehen hat, bewegst du dich mit zu früh ausgestreckten Armen hin. Du wirkst wie ein Affe. Zusammengefallene Schultern und zu lange Arme. Und so was will mein Mann sein.

Geh ordentlich!“ fordere ich dich auf. Mit gesenktem Blick entgegnest du mir mit einem nervösen „…Nein.“

Ich glaube ich höre nicht richtig! Ich drücke den Lichtschalter und drehe mich wieder zu dir und schaue dich an. Mit der immer heller werdenden Energiesparlampe steigert sich auch meine Wut. Ich stehe fest wie ein Stein, meine Muskeln sind verkrampft und lassen es nicht zu, mich zu bewegen.

Du beugst dich herunter, um nach der Tasche zu greifen. Wie ein alter Mann, dessen Gelenke und Sehnen eingerostet sind. Ich fange an, mich zu fassen und wieder zu mir zu kommen. Mein Herzschlag hat mich geweckt. Mit jedem einzelnen Schlag pumpt mein Herz große Mengen Blut in meinen Kopf. Du beugst dich herunter, um nach der Tasche zu greifen. Wie ein alter Mann. Es bringt mich einfach zur Weißglut, wenn ich sehe, wie langsam du dich bewegst, wie viel Zeit du einzuplanen scheinst, um deinen dreckigen Rucksack hoch zu nehmen.

Also reagiere ich schnell, ich greife nach dem Briefbeschwerer, der auf deinem Schreibtisch zur Zierde steht und schlage ihn dir kontrolliert und blitzschnell gegen den Kopf. Du fällst mit den Händen über dem Kopf auf die Knie, mit dem Blick auf den Boden. Wie ein Sack Kartoffeln. Ich fühle mich stark.

Langsam hebt sich dein Kopf nach oben, und du schaust mich an. Ohne deine Brille sehen deine Augen noch kleiner und schläfriger aus als vorher.

Du bist doch krank…“, sind die vier Worte, die du mir zuwirfst. Sie treffen mich wie ein Dolch ins Herz.

Die Spannung in meinem Gesicht lockert sich und trotz meines schulterbreiten festen Standes habe ich das Gefühl zusammenzufallen.

Es waren diese vier Worte. Diese vier Worte, die mein Vater eines Tages zu mir sagte, als er mich mit seinem Gürtel schlug und mich in der Ecke liegen ließ, diese vier Worte, die ich jahrelang verdrängte und die für mich bis zum heutigen Tag nicht mehr existierten. Doch da waren sie wieder.

Du bist doch krank.“

Plötzlich fühle ich mich wieder wie ein kleines und unbeholfenes siebenjähriges Mädchen.

Der Briefbeschwerer fällt mir aus der Hand. Innerlich erschrecke ich bei dem Geräusch, den der Briefbeschwerer macht, als er zu Boden fällt. Mein Kopf ist leer, und ich fühle mich in dieser Wohnung nicht weiter erwünscht.